Einsamkeit, mein treuer Begleiter

Artikel von Steve DeWitt
6. November 2020 — 8 Min Lesedauer

Während den meisten dieses Jahr aufgrund des Virus in Erinnerung bleiben wird, werden sich viele auch an die emotionale Pandemie der Isolation und der sozialen Distanz erinnern. Die Auswirkung im menschlichen Herzen ist ein Gefühl, das wir Einsamkeit nennen. In einer aktuellen Studie geben 44 Prozent der Befragten an, sie seien nun einsamer als je zuvor. Bei all den Stilllegungen, Streichungen und Ausgangsbeschränkungen ist dies kein Wunder.

Vor neun Jahren war ich Anfang vierzig und noch alleinstehend. Als Hauptpastor einer großen Gemeinde war ich immer umgeben von vielen Menschen. Und dennoch bin ich jeden Abend in ein ruhiges Haus zurückgekehrt. Ich war nicht nur einsam, wenn ich von Menschen umgeben war, sondern sogar während ich diesen Menschen als Pastor gedient habe. Zu diesem Zeitpunkt habe ich einen Artikel darüber verfasst, was mich Jahre ungewollter Einsamkeit über Gott gelehrt haben. Ich hörte von vielen Lesern, dass meine Erfahrung etwas in ihnen auslöste. Eine Leserin war eine alleinstehende Frau aus Kansas City. Wir hatten gemeinsame Freunde, die ihr den Artikel zugeschickt hatten. Ein Jahr später heirateten wir. Das letzte Jahrzehnt hat es mir ermöglicht, Einsamkeit vor allem in meiner langjährigen Ehelosigkeit zu betrachten, doch nun kann ich sie auch während meiner Ehejahre und Erziehung überdenken. Bin ich immer noch einsam? Ja – und ich bin froh, dass ich es bin.

Froh darüber, einsam zu sein?

Du bist froh, dich immer noch einsam zu fühlen? Ja. Welche Erleichterung, festzustellen, dass ich für viel mehr als für Frau und Kinder gemacht bin. Das mag nach verkehrtem Denken aussehen, andererseits stellt Jesus in seinen Lehren unsere normalen menschlichen Perspektiven auch oft auf den Kopf. In unserem Glauben zu wachsen, ist im Wesentlichen die Kunst, das Leben, Werte und Erfahrungen so wiederherzustellen und umzugestalten, wie Gott sie beabsichtigt hat.

„Sünde hat Einsamkeit hervorgerufen, aber wir müssen erkennen, dass Einsamkeit an sich keine Sünde ist.“
 

Dies führt uns zur Pandemie der menschlichen Einsamkeit. Einsamkeit ist zweifellos eine Folge von Sünde. Adam und Eva waren dazu gemacht, in perfektem Einklang mit Gott und miteinander zu sein. Sünde brachte Entfremdung von beiden mit sich. Als Gott Adam fragte „Wo bist du?“ (Gen 3,9), fühlte Adam innerlich eine tiefe Kluft, die ihnen fragen ließ: „Gott, wo bist du?“. Wie er wissen auch wir oft nicht, wie viel wir hatten, bis wir es verloren. Adam fühlte ein schmerzliches Ausmaß von vertikaler, emotionaler Leere; die Harmonie mit Gott war dahin. Die eheliche Schuldzuweisung zwischen Adam und Eva hat ebenso zügig offengelegt, dass die horizontale Harmonie ebenfalls nicht mehr da war (1Mo 3,12–13). Sünde hat Einsamkeit hervorgerufen, aber wir müssen erkennen, dass Einsamkeit an sich keine Sünde ist. Genau genommen kann Einsamkeit eine göttliche Gnade sein. Richtig verstanden kann sie uns Freund und Wegweiser sein.

Das Tal der Einsamkeit

Wir müssen Einsamkeit spiegelverkehrt betrachten und richtig auf sie reagieren, wenn wir weise werden wollen. In den paar Jahrzehnten, in denen ich alleine lebte, war mir meine Einsamkeit nicht wie ein Freund, sondern wie ein Feind. Sie diente dazu, mich an meine früheren Beziehungsversagen zu erinnern – Beziehungen, von denen ich mir erhofft hatte, dass sie mir dieses schmerzliche Gefühl wegnehmen würden. Hierin liegt die lauernde Gefahr von Einsamkeit: wenn sie nicht dein Freund ist, ist sie aller Wahrscheinlichkeit nach ein vernichtender Gegner in deinem Leben. Wir alle kennen Menschen, deren Bewältigungsmechanismus Selbstisolation ist, welche entweder auf ein Fehlen von Beziehungen oder auf Kummer bezüglich Beziehungen zurückzuführen ist (Spr 18,1). Für diese Menschen wird Einsamkeit eher zu einer Schlucht, in der sie leben, anstatt zu einem Tal, das sie durchqueren.

Während Einsamkeit deutlich bei denen in der Gesellschaft wahrzunehmen ist, die zurückgezogen leben, kennen doch die meisten von uns ein allgemeines, zwischenmenschliches Unwohlsein und hoffen, dass jemand kommt und unsere Einsamkeit wegnimmt. Um es frei nach Henry David Thoreau zu sagen: Die meisten Menschen führen ihr Leben in ruhiger Verzweiflung. Mit dieser Pandemie ist die ruhige Verzweiflung in den meisten Wohnungen sogar eine noch einsamere Verzweiflung.

Wie man Einsamkeit erträgt

Einsamkeit ist Teil unserer inneren Architektur als Ebenbilder Gottes. Sie verhält sich wie die Signalgeber unseres Autos, die uns anzeigen, wenn etwas fehlt – Öl im Motor oder Luft in den Reifen. Wir wurden für Gott und für Gemeinschaft untereinander geschaffen.

„Einsamkeit ist Teil unserer inneren Architektur als Ebenbilder.“
 

In dieser gefallenen Natur wird keine menschliche Beziehung diese Sehnsucht vollständig stillen. Unsere Fähigkeit, ganz in Gott erfüllt zu sein, ist ebenso unmöglich. Wegen der innewohnenden Sünde ist unsere Erlösung unvollkommen, solange wir auf verherrlichte Körper und die Vollkommenheit der Freude in Gottes Gegenwart warten (Ps 16,11; 21,2). Bis dahin werden wir immer gewissermaßen einsam sein, egal wie unser Familienstatus, unser Freundeskreis, unsere Nähe zu Kindern und Enkelkindern aussieht. Als jemand, der über lange Zeit sowohl alleinstehend als auch verheiratet, ohne Kinder und mit Kindern, mit einer gesunden Kirchengemeinde und lieben Freunden gelebt hat, möchte ich dazu anregen, Einsamkeit in diesem Leben als eine Art Geschenk Gottes zu sehen.

So wie Hunger uns zum Essen und Durst uns zum Trinken drängt, treibt uns Einsamkeit in eine tiefere und authentischere Beziehung mit Gott und Anderen. Sie drängt uns weg von der Anziehungskraft des „Für-sich-selbst-leben-wollens“ hin zu zwischenmenschlichem „Sich-selbst-geben-wollen“. Anstatt die Einsamkeit spüren werden wir gesegnet werden, wenn wir sie als einen von Gott gegebenen Anreiz für menschliches Gedeihen ansehen (Apg 20,35).

Könnte ich zu meinem alten alleinstehenden Selbst reden, das einen weiteren Urlaub allein zu Hause verbringt, würde ich sagen: „Du setzt zu viel Hoffnung in das, was eine Frau und eine Familie bieten können“. Ich bin glücklich verheiratet. Ich liebe es, Papa zu sein. Doch wenn wir meinen, unsere Sehnsüchte würden gestillt, wenn wir diese Person oder jene Beziehung hätten, werden wir mit zerstörerischer Abschottung und Enttäuschung auf Einsamkeit reagieren.

Lass dich vom Schmerz antreiben

Einsamkeit tut weh. Gott erinnert uns manchmal auf schmerzliche Weise, wie wunderbar Harmonie mit Gott und Anderen ist. Der Schmerz ist Maßstab für den Verlust. Nicht jeder Schmerz ist schlecht. Wenn ich Sport treibe, sagt mir der Schmerz, dass ich mir etwas Gutes tue. Es ist guter Schmerz. Einsamkeit kann ein guter Schmerz sein, wenn ich ihn richtig deute. Wie sieht das aus?

Einsamkeit schafft eine innerliche Energie. Diese Energie kann ich nutzen, um zu grübeln oder über die Einsamkeit zu zürnen. Oder aber ich gebrauche diese Energie und mache etwas daraus. Dies erfordert Disziplin und Selbstbeherrschung, da mein Leib zu selbstzerstörerischen Antworten drängt. Christen sind gesegnet, da sie durch die Gemeinschaft mit Christus und die Kraft des innewohnenden Heiligen Geistes den Verlangen des Leibes, Einsamkeit als Waffe zu benutzen, widerstehen können (Röm 6,4; Gal 5,16–17). Wir können aus Einsamkeit tatsächlich eine Waffe für positive Veränderungen in unseren Leben machen.

Einsamkeit in Erwartung verwandeln

Im Verlauf der vielen Jahre meiner Ehelosigkeit habe ich insgeheim angenommen, dass ich diesen innerlichen Schmerz verspürte, weil ich allein war. Nach und nach habe ich begriffen, dass oft ein großer Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit besteht.

Alleinsein ist die mathematische Realität von eins ohne Plus. Wenn du allein und einsam bist, ist es naheliegend anzunehmen, dass ein Ehepartner oder eine Familie oder eine Gemeinde-Familie die Einsamkeit verdrängen werden. Meine Erfahrung bestätigt jedoch, was die Schrift lehrt, nämlich 1 + 1 ≠ die Abwesenheit von Einsamkeit. Die allgemeine Gnade von Ehe, Familie, Sex und Kindern hilft sehr im täglichen Ringen. Nichtsdestotrotz lassen selbst die besten Momente in Ehe, Erziehung und Freundschaft immer etwas vermissen; die Momente der Harmonie gehen zu schnell vorüber. Die warmen Gefühle der Zuwendung schwinden. Zwischenmenschliche Beziehungen gehen zurück und strömen wie Ebbe und Flut. Sogar im besten Fall spüren wir, dass etwas fehlt.

Darüber sollten wir uns freuen. Wir sollten froh sein, festzustellen, dass selbst das Beste dieses Lebens uns mit dem Wunsch, etwas Zusätzliches, Längeres und Besseres zu wollen, zurück lässt. So wunderbar diese irdischen Geschenke auch sein mögen, die Tatsache, dass sie nicht befriedigen, macht Gottes Verheißungen, uns vollkommen und für immer zu erfüllen, sogar noch staunenswerter. Das bedeutet, dass unsere Freude in ihm und Anderen besser, tiefer und glückseliger werden wird (Phil 1,23). Jede Einsamkeit auf dieser Erde ist eine innere Bestätigung, dass unsere größten Beziehungsfreuden noch vor uns liegen. Das Ausbleiben sollte unsere Herzen dem entgegen fiebern lassen.

Das nimmt den Schmerz von Einsamkeit nicht weg, aber es versichert uns, dass diese Leiden ein Teil dieser vergänglichen und vorübergehenden Welt sind (1Petr 1,24–45). Unsere Zukunft ist durch und durch frei von Einsamkeit und stattdessen geprägt von einer perfekten Qualität an Beziehungen, die unsere Vorstellungen bei weitem übertreffen. Das nächste Mal, wenn sich Einsamkeit ankündigt, danke Gott dafür, dass dich deine Einsamkeit eindringlich an die Herrlichkeit erinnert, die dir mit ihm bevorsteht.

Steve DeWitt ist Hauptpastor der Bethel-Gemeinde im Nordosten Indianas, Moderator des Medien- und Radiodienstes The Journey und Ratsmitglied von The Gospel Coalition. Er ist Autor von „Eyes Wide Open: Enjoying God in Everything”. Mit seiner Frau Jennifer hat er zwei Töchter.