glaubwürdig: Können wir den Evangelien vertrauen?

Rezension von John Stoller
2. November 2020 — 7 Min Lesedauer

Seit Beginn der historisch-kritischen Bibelforschung wurden zahlreiche Untersuchungen an den vier Evangelien des Neuen Testaments durchgeführt. Das hat zum Teil zu wichtigen neuen Erkenntnissen geführt, so etwa im Blick auf ihre kulturelle und sozialgeschichtliche Einordnung. Gerade in den letzten Jahrzehnten haben sich Forscher zunehmend der historischen Einordnung der Evangelienberichte in ihre Umwelt gewidmet, was sehr zu begrüßen ist. Jedoch bleibt die Kritik auch in neuerer bibelkritischer Literatur bestehen, die Evangelienberichte enthielten spätere Eingriffe durch Ergänzungen. Das stellt dann in Folge auch die Darstellung Jesu in den Evangelien zwangsläufig in Frage.

Deshalb ist es sehr zu begrüßen, wenn sich Forscher weiterhin kritisch mit solchen Thesen auseinandersetzen, die keinesfalls als erschöpfende Forschungsarbeit betrachtet und akzeptiert werden dürfen. Schon F.F. Bruce, der sich eingehend mit der Frage der Glaubwürdigkeit der neutestamentlichen Schriften auseinandergesetzt hat, beklagte, dass es eine seltsame Tatsache ist, dass Historiker den neutestamentlichen Schriften oft mehr Vertrauen geschenkt haben als viele Theologen. Was spricht aber dafür, den Inhalten der Evangelien Vertrauen zu schenken? Dass es zahlreiche gute Argumente für die Glaubwürdigkeit der uns vorliegenden vier Evangelien gibt, wird in einem neuen Buch deutlich.

Im Jahr 2018 erschien das Buch Can We Trust the Gospels? von Dr. Peter J. Williams in Englisch. Nun ist es auch in deutscher Sprache unter dem Titel glaubwürdig. Können wir den Evangelien vertrauen? erschienen.

Hinweise zum Autor

Der Autor des Buches, Peter J. Williams, ist Direktor des Tyndale House in Cambridge, das einen eigenständigen griechischen Text des Neuen Testaments herausgegeben hat, woran Williams als Mitherausgeber beteiligt war. Williams ist als Dozent an der Universität in Aberdeen tätig und arbeitet als Mitglied des Übersetzungskomitees an der English Standard Version mit.

Zielsetzung des Buches

Peter J. Williams widmet sich in seinem Buch der Frage nach der Glaubwürdigkeit der vier Evangelien. Neben anderen bereits veröffentlichen Werken zu diesem Thema möchte er im Besonderen eine breite Leserschaft erreichen. Die Frage, ob man den Berichten der Evangelien vertrauen kann, ist bedeutend, da nicht nur die Glaubwürdigkeit der Evangelien als historische Quellen auf dem Prüfstand steht, sondern weil diese Fragestellung zugleich auch die Frage nach der Echtheit der Jesuserzählungen und Jesusworte berührt. Williams verweist zudem darauf, dass es relevant ist, zu welchem Ergebnis man dabei kommt, da es erhebliche Konsequenzen für den Einzelnen hat, wenn die Evangelien glaubwürdige Inhalte vermitteln. Denn dann erheben sie einen rechtmäßigen Anspruch auf unser Leben als Jesu rechtmäßiges Eigentum.

Aufbau und Inhalte des Buches

Peter J. Williams befasst sich zunächst mit der Frage, was uns säkulare Quellen über das frühe Christentum mitteilen. Während man christlichen Schreibern aufgrund eines eigenen Interesses Voreingenommenheit vorwerfen könne, so sei dieses Argument bei nichtchristlichen Schreibern nicht zutreffend. Williams nennt Cornelius Tacitus, Plinius den Jüngeren und Flavius Josephus, die alle nicht für das Christentum warben. Dennoch decken sich ihre Schriften mit den Aussagen des Neuen Testaments. So erfahren wir etwa durch sie, dass Jesus unter Pontius Pilatus gestorben ist, dass er schon früh angebetet wurde, dass seine Nachfolger oft verfolgt wurden und dass sich das Christentum schnell und weit verbreitet hatte.

„Williams nennt Cornelius Tacitus, Plinius den Jüngeren und Flavius Josephus, die alle nicht für das Christentum warben. Dennoch decken sich ihre Schriften mit den Aussagen des Neuen Testaments.“
 

Es folgt eine Einführung in die Evangelien, welche als die frühesten und ausführlichsten Darstellungen über Jesus gelten. Zudem bestätigen sich die Evangelien inhaltlich, wobei Abweichungen voneinander lediglich einer unterschiedlichen Perspektive auf die Geschichte Jesu geschuldet sind. Williams kommt dabei zu dem Schluss, dass ihre frühe Akzeptanz und weite Verbreitung Hinweise darauf sind, dass man nachträgliche Verfälschungen ausschließen kann. Denn in solch einem Fall wären verfälschte Berichte entlarvt und abgelehnt worden.

Des Weiteren geht Williams der Frage nach, ob sich die Evangelisten hinsichtlich ihrer beschriebenen Umwelt und Zeit auskannten. An zahlreichen Beispielen veranschaulicht er, dass sie auch sehr spezielles Wissen hatten, was z.B. die geografischen Gegebenheiten in Palästina betraf. Dieses Wissen verweist darauf, dass die Verfasser der Evangelien zuverlässig berichten.

Es folgen Beispiele zu unbeabsichtigten Übereinstimmungen zwischen den Berichten der unterschiedlichen Evangelien. Diese Übereinstimmungen sind oft so unscheinbar und indirekt, dass sie sich kaum als bewusst herbeigeführt erklären lassen, um mit einem der jeweils anderen Evangelien übereinzustimmen. Die Evangelisten berichten teils von den gleichen Ereignissen, unterscheiden sich dann aber in Detaildarstellungen, die sich miteinander gut harmonisieren lassen.

„Ein Vergleich von Evangelienabschriften zeigt, dass es nur geringfügige Abweichungen gibt.“
 

Einen weiteren Fokus legt Williams auf die berichteten Jesusworte und nennt einige Argumente, die auf die unverfälschte Überlieferung der Worte Jesu verweisen.

Anschließend widmet er sich der Frage nach einer zuverlässigen Textüberlieferung der Evangelien. Neben anderen Gründen zeigt ein Vergleich von Evangelienabschriften, die viele Jahrhunderte auseinanderliegen, dass es nur geringfügige Abweichungen gibt, die zudem nicht auf verfälschte Angaben hindeuten.

Zuletzt widmet sich Williams in seinem Buch jenen Inhalten in der Bibel, die von Kritikern vor allem als Erfindungen betrachtet werden, so etwa die Wundererzählungen und die Auferstehungsberichte Jesu. Er legt dar, dass es schwierig ist, diese Berichte als Fälschungen zu erklären, zumal die historischen Details der Evangelien sich als nachvollziehbar und zutreffend erweisen. Es ist hingegen leichter, zu erklären, dass sie sich in die Gesamterzählung der Evangelien als überzeugende und vertrauenswürdige Berichte gut einordnen lassen.

Würdigung und Ausblick

Das Buch von Peter J. Williams ist sprachlich einfach formuliert und kommt ohne Fachbegriffe aus. So erreicht er sein Ziel, das Thema einer breiten Leserschaft verständlich zu vermitteln. Ebenso ist es sehr zu begrüßen, dass wichtige Daten in Form von Tabellen dargestellt werden. Wesentliche referierte Quellentexte werden wörtlich zitiert, so dass man als Leser die Möglichkeit hat, sich selbst eine Meinung über Williams’ Ausführungen zu bilden.

Peter J. Williams gelingt es, in einer relativen Kürze viele Argumente für die historische Zuverlässigkeit der Evangelien zu erörtern. Dies tut er überzeugend und auch sachlich, ohne dabei zu voreiligen Schlüssen für die Glaubwürdigkeit der Evangelien zu kommen. Das zeigt sich schon daran, dass er nicht mit einer Untersuchung der Evangelien selbst beginnt, sondern mit Überlieferungen von drei säkularen bedeutenden Schriftstellern der Antike und ihren Aussagen über das frühe Christentum (S. 15ff). Positiv finde ich persönlich, dass Williams nicht nur klassische Argumente für die Glaubwürdigkeit der Evangelien anführt, wie etwa ihre zuverlässige Überlieferung. So vergleicht er auch parallele Evangelienberichte, und zeigt an mehreren Beispielen auf, dass die Autoren der Evangelien häufig ungeplant übereinstimmen, was ihre Beschreibungen als echt erscheinen lässt (S. 87 ff).

Das Buch ist für Christen geeignet, die möglicherweise in Zweifel über die Vertrauenswürdigkeit der Bibel geraten sind. Hier finden sie gute und nachvollziehbare Gründe für die Echtheit der Evangelien, wodurch sie zugleich auch in eine Begegnung mit ihrer zentralen Person, Jesus Christus, gebracht werden. Ebenso ist die Lektüre Christen eine Hilfe, die im Austausch mit Kirchendistanzierten nach Argumenten suchen, um ihren Glauben überzeugend darzustellen. Dieses Buch kann auch Nichtchristen empfohlen und weitergegeben werden, die sich kritisch mit dem christlichen Glauben und der Glaubwürdigkeit der Bibel auseinandersetzen. Zuletzt sollten auch Theologen sich mit den Argumenten des Buches auseinandersetzen und sie als guten Einstieg in das Thema „Glaubwürdigkeit der Evangelien“ betrachten.

Es ist sehr zu wünschen, dass dieses Buch in Deutschland eine große Verbreitung findet und dass Christen, Zweifler als auch Kritiker den Evangelien ihr Vertrauen schenken, und in Folge dessen auch Jesus Christus als ihrer zentralen Person.

Buch

Peter J. Williams, glaubwürdig: Können wir den Evangelien vertrauen? CV, Dillenburg 2020, 160 Seiten, 11,90 Euro.