Allein die Schrift ... warum eigentlich?

Rezension von Tanja Bittner
27. Oktober 2020 — 7 Min Lesedauer

Genau: Warum eigentlich dieses Sola Scriptura? Das ist eine Frage, die es heute – 500 Jahre nach Martin Luther – durchaus wert ist, gestellt und neu durchdacht zu werden. Schließlich ist es ein Charakteristikum der Evangelischen, nicht nur deswegen an überlieferten Glaubenssätzen festzuhalten, weil sie nun mal irgendwann im Lauf der Kirchengeschichte formuliert wurden und jetzt Teil unserer Tradition sind. Und siehe da: Mit dieser Feststellung befindet man sich zugleich bereits mitten im Thema des vorliegenden Buches.

Für Allein die Schrift ... warum eigentlich? wurden sieben Beiträge unterschiedlicher Autoren zusammengestellt, die die Thematik aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Es handelt sich dabei um ein Buch, das bereits 1995 in englischer Sprache erschienen ist (Sola Scriptura: The Protestant Position on the Bible), und nun auch auf Deutsch vorliegt. Der englische Titel lässt etwas mehr als der deutsche erahnen, dass die Bedeutung des Sola Scriptura hier insbesondere in Abgrenzung zur katholischen Sicht erarbeitet wird – doch wird zu Recht auch darauf verwiesen, dass Sola Scriptura ebenso durch die evangelikale bzw. charismatische Praxis außer Kraft gesetzt werden kann, wenn man die eigene Glaubenserfahrung, Gefühle oder auch aktuelle „Offenbarungen“ zu Maßstäben macht, anhand derer man die Schrift bewertet (vgl. S. 172, ähnlich S. 82–83).

W. Robert Godfrey legt mit seinem Beitrag Was bedeutet „Sola Scriptura“? die Grundlage und definiert, „dass alle Dinge, die notwendig für die Erlösung, den Glauben und das Leben als Christ sind, mit einer solchen Klarheit in der Bibel gelehrt werden, dass sie jeder noch so gewöhnliche Gläubige dort finden und verstehen kann“ (S. 27, Hervorhebung auch im Original). Wie groß der Gegensatz zwischen protestantischer und katholischer Sicht wirklich ist, wird klar, wenn man einerseits bedenkt, dass die Bibel über sich selbst verschiedentlich ihre Allgenugsamkeit und Klarheit aussagt (z. B. Mi 6,8; 2Tim 3,12–4,5) und sehr ernst davor warnt, ihren Worten etwas hinzuzufügen (vgl. Offb 22,18–19) – daher gibt es aus evangelischer Sicht keine Autorität neben oder gar über der Schrift. Im Gegensatz dazu beruft sich die katholische Kirche neben der Heiligen Schrift ausdrücklich auf die „Heilige Überlieferung“, die innerhalb der Kirche von den Aposteln her bis heute weitergegeben worden sei. Diese mündliche Überlieferung stehe auf gleicher Ebene wie das schriftlich gegebene Wort Gottes – was aus evangelischer Sicht nichts anderes als eine sehr umfangreiche Hinzufügung (und oft auch Modifizierung der Lehre) ist.

Als Nächstes unternimmt James White mit Die Bedeutung von „Sola Scriptura“ in der frühen Kirche einen Ausflug in die Kirchengeschichte. Von katholischen Apologeten wird gerne darauf verwiesen, dass bereits bei den Kirchenvätern Stichworte wie „Tradition“ oder „Überlieferung“ zu finden sind. Die nähere Betrachtung zeigt aber, dass der jeweilige Kirchenvater sich oft schon im unmittelbaren Kontext zur übergeordneten Autorität der Heiligen Schrift bekennt.

R. C. Sproul erörtert Die Festlegung des Umfangs der Schrift – eine relevante Frage, wenn man sich auf die Schrift berufen will, zumal von katholischer Seite auch das zum (atl.) Kanon zählt, was aus evangelischer Perspektive als Apokryphen betrachtet wird. In diesem Beitrag findet man u. a. die wichtige Überlegung, wer denn eigentlich durch wen entstand – der Kanon durch die Kirche (katholische Sicht) oder die Kirche durch den Kanon (protestantische Sicht). Dabei geht es um die Autoritätsfrage: Wer legitimiert wen, d. h. wo liegt die übergeordnete Autorität? „Für Calvin gab es keine Bibel, die erst dann Wort Gottes wird, wenn die Kirche sie dazu erklärt ...“ (S. 76). Sehr treffend verweist Sproul in diesem Zusammenhang außerdem auf das moderne Problem der „Kanonreduktion“: die sich auch unter Evangelikalen immer mehr festsetzende Bibelkritik, ob nun in relativ offener Form, vielleicht verschleiert durch fromm klingende Formulierungen, oder auch einfach durch die „Abwertung des Alten Testaments im Allgemeinen und in der Entwertung des Gesetzes Gottes im Besonderen“ (S. 81; vgl. S. 77–82).

Das Bekenntnis zur Autorität der Schrift muss von sachgemäßer Hermeneutik begleitet werden, so Derek W. H. Thomas in Die Autorität der Schrift. Denn diese Autorität bedeutet noch lange nicht, dass jeder Vers 1:1 auf mich heute anzuwenden ist – zu fragen ist beispielsweise, wo ein Text innerhalb der Heilsgeschichte verortet ist, oder ob er nur beschreibt, statt vorzuschreiben.

John MacArthur stellt sich in Die Allgenugsamkeit des geschriebenen Wortes einem herausfordernden Thema, nämlich der modernen katholischen Apologetik gegen Sola Scriptura. Wenn es jenen Apologeten gelänge, nachzuweisen, dass die Schrift nur im Licht der „Tradition“ (also im Sinne des katholischen Lehramts) zutreffend ausgelegt werden kann, dann wäre die Autorität der Bibel untergraben und die der katholischen Kirche etabliert. Weil man weiß, dass die Protestanten nur mit Bibelversen zu überzeugen sind, wird anhand der Bibel argumentiert, dass der Anspruch des Sola Scriptura dort so nicht erhoben werde, sondern dass man bereits im NT Verweise auf eine „Überlieferung“ finde. Wer von diesem cleveren Ansatz nicht überrollt werden möchte, findet hier erste Antworten, die zum Weiterdenken anregen.

Doch auch in der katholischen Kirche gibt es Entwicklungen. Sinclair B. Ferguson skizziert in Schrift und Tradition den spannenden Weg, den die katholische Exegese seit dem Ersten Vatikanischen Konzil (1869–1870) gegangen ist. Die zunehmende Öffnung gegenüber der historisch-kritischen Methode und gegenüber der Erforschung der Bibel in den Ursprachen brachte der Exegese größere Freiheit – und konfrontierte die eigenen Theologen mit der Diskrepanz, die zwischen der Schrift und der „Heiligen Überlieferung“ besteht. Das Bemühen um Harmonisierung führte zu Formulierungen, die für evangelische (und evangelikale) Ohren wie eine Annäherung klingen können. Aber das ist im Grunde nicht möglich. Denn der Preis, den es kosten würde, die Tradition als ebenbürtigen Überlieferungsstrang von Gottes Wort aufzugeben, wäre, der Reformation zuzustimmen und die traditionsbasierten Sonderlehren aufzugeben – und damit wohl zu hoch.

„Der überzeugendste Erweis von Sola Scriptura ist immer noch ein Leben, in dem die einzigartige, verwandelnde Kraft des Wortes Gottes sichtbar wird.“
 

Einen sehr gelungenen Schlussakzent setzen Joel R. Beeke und Ray B. Lanning mit Die verwandelnde Kraft der Schrift. Bekennen wir Sola Scriptura lediglich aus apologetischen Gründen als eine Doktrin, die wir als wichtigen Indikator für die Rechtgläubigkeit betrachten, oder strecken wir uns danach aus, dass diese Schrift – Gottes Wort – unser persönliches Leben verändert? Der Rückgriff auf Texte von Christen aus vergangenen Jahrhunderten kann uns in unserer oberflächlichen Zeit den Zugang zu einer ungewohnten Tiefe des Glaubenslebens eröffnen. So auch hier. Unter Rückgriff auf Schriften der Puritaner und Bekenntnistexte werden ganz praktische Fragen untersucht: Wie lese ich angemessen Gottes Wort – auf eine Weise, dass es tatsächlich mein Leben verändert? Wie predigt man Gottes Wort auf eine solche Weise? Wie hört man eine Predigt (wer von uns hat über diese Frage überhaupt schon nachgedacht?)? Weshalb ist es so bedeutsam, Gottes Wort – natürlich in erster Linie die Psalmen – zu singen? Der überzeugendste Erweis von Sola Scriptura ist immer noch ein Leben, in dem die einzigartige, verwandelnde Kraft des Wortes Gottes sichtbar wird.

„Die Entscheidung für oder gegen Sola Scriptura bedeutet eine Weichenstellung von enormer Tragweite.“
 

Das Buch würde sich allein um dieses letzten Kapitels willen lohnen, das nicht schnell überflogen, sondern gekaut werden will. Doch auch die anderen Kapitel transportieren eine wichtige Botschaft: Die Entscheidung für oder gegen Sola Scriptura bedeutet eine Weichenstellung von enormer Tragweite. Vor 500 Jahren haben das sowohl die Reformatoren als auch die katholische Kirche in aller Deutlichkeit verstanden. Allein die Schrift ... warum eigentlich? verschafft einen ersten Überblick, der auch uns (in solcher Hinsicht wohl manchmal etwas naiven) Heutigen deutlich machen sollte: Es geht hier ans Eingemachte. Wenn wir Sola Scriptura aufgeben, werden andere Autoritäten den Platz von Gottes Wort einnehmen – sei es die vorgeschaltete Deutungshoheit einer katholischen Kirche oder die schwankende Willkür menschlicher Vernünfteleien und Befindlichkeiten. Daher: „Danken wir Gott für das gnädige Geschenk seines allgenugsamen und lebensschaffenden Wortes, der Heiligen Schrift“ (S. 63).

Buch

Don Kistler (Hrsg.). Allein die Schrift ... warum eigentlich? Dillenburg: Christliche Verlagsgesellschaft, 2019. 174 S., 9,90 Euro.