Friede, der allen Verstand übersteigt

Artikel von Daniel Knoll
22. Oktober 2020 — 10 Min Lesedauer

Dale Carnegie war einer der bekanntesten Berater und Trainer für Kommunikation und Motivation des 20. Jahrhunderts. Zu seinen berühmtesten Büchern gehören Wie man Freunde gewinnt, Sorge dich nicht – lebe! und Freu dich des Lebens! Die Kunst, beliebt, erfolgreich und glücklich zu werden. Seine Ratschläge sind häufig einleuchtend und hilfreich: Um fröhlich zu sein: „Entspannen“ und „positiv denken“; um Freunde zu gewinnen: „Einfühlungsvermögen lernen, Anerkennung und Lob spenden“. Carnegies Prinzipien beeinflussen bis heute Millionen Menschen. Seine Bücher werden immer wieder neu aufgelegt und seine Prinzipien von vielen Autoren neu verpackt – denn sein Anliegen trifft den Nerv von vielen, auch unserer Zeit: Endlich mit innerem Frieden leben zu können, in meinen Beziehungen, Gefühlen und im Umgang mit meinen Umständen. Doch Carnegie’s Ratschläge haben ihre Grenzen. Vor allem die Grenzen menschlicher Vernunft und Vorstellungskraft. Manche Beziehungen lassen sich auch durch „Anerkennung und Lob spenden“ nicht retten. Und wenn eine Umweltkatastrophe die eigene Heimat ausradiert, hilft „positiv denken“ auch nicht weit. Dale Carnegie hat diese Grenzen seiner Ratschläge offenbar selbst kennen gelernt. Seine erste Ehe endete mit der Scheidung. Über seinen Tod 1955 wird sogar angenommen, er habe womöglich Selbstmord begangen. Ist ein Leben mit innerem Frieden also nur eine Illusion?

Die Bibel erhebt den Anspruch, dass Menschen tatsächlich mit einem Frieden leben können, der so übernatürlich und unerklärlich ist, dass er den menschlichen Verstand übersteigt. In Philipper 4,2–7 zeigt Paulus, was dazu nötig ist.

1. Frieden durch geklärte Beziehungen

„Ich ermahne Euodia und ich ermahne Syntyche, eines Sinnes zu sein im Herrn. Und ich bitte auch dich, mein treuer Mitknecht, nimm dich ihrer an, die mit mir gekämpft haben für das Evangelium, samt Clemens und meinen übrigen Mitarbeitern, deren Namen im Buch des Lebens sind.“ (Vers 2–3).

Paulus spricht hier zwei Personen in der Gemeinde in Philippi namentlich an, die in einer zerrütteten Beziehung zueinander leben – und das in einem Brief, den Christen in aller Welt lesen würden! Er nennt keine Details. Es ist offensichtlich unwichtig, worum es ging oder wer schuld war. Allein die Tatsache, dass diese zwei Geschwister nicht miteinander auskommen, ist anscheinend schlimm genug, dass es einer persönlichen Ermahnung vonseiten eines Apostels bedarf.

Aber warum sind ungeklärte Beziehungen unter Christen so problematisch? Weil es bedeutet, dass Christen sich zum Frieden mit Christus bekennen, während sie im Unfrieden mit anderen Christen leben. Das heißt, wir reden über das Evangelium und leben praktisch ohne das Evangelium. Wir sprechen darüber, dass Jesus starb, um Menschen mit Gott zu versöhnen, aber sind selbst nicht bereit, uns mit anderen zu versöhnen. Wir behaupten, dass Jesus durch seinen Tod sündige Menschen für Gott annehmbar macht und sind selbst nicht bereit, sündige Menschen anzunehmen. Das muss gar nicht immer ein offener Streit sein. Das können auch Vorbehalte, Abneigungen, schlechte Meinungen oder nachgetragene Fehler sein, die uns davon abhalten, mit bestimmten Geschwistern herzliche Beziehungen zu führen oder sie zu respektieren.

Paulus macht deutlich: Dieses Verhalten zerstört die Wirksamkeit und Einheit der Gemeinde. Wenn uns also etwas daran hindert, mit einem anderen Christen „eines Sinnes“ zu sein, wie Paulus es hier ausdrückt, müssen wir alles daransetzten, diese Sache zu klären. Wo nötig, mit Hilfe der Gemeinde. Wir können keinen wirklichen Frieden im Herzen haben, solange es Geschwister gibt, mit denen wir im Unfrieden leben – und sei es aus nachvollziehbaren Gründen. Ein Leben mit innerem Frieden ist möglich – wenn du bereinigte Beziehungen hast.

2. Frieden durch Freude in allen Umständen

„Freut euch im Herrn allezeit; abermals sage ich: Freut euch!“.

Vers 4 klingt zunächst sonderbar. Eigentlich muss ja keinem Menschen befohlen werden, sich zu freuen! Alle Menschen tun doch von selbst alles Mögliche, um sich irgendwie zu freuen. Allerdings scheitern sie durch die Art und Weise, wie sie sich freuen und vor allem durch das, worüber sie sich freuen. Das Problem mit der menschlichen Freude darin liegt, dass sie nur oberflächlich ist. Menschen freuen sich an der Natur, an tollen technischen Erfindungen, an Kunst, an Musik, an Sex, an allem, was Gott geschaffen hat: Sie staunen darüber, wie wunderbar, herrlich und faszinierend diese Dinge sind. Aber sie stoßen nie bis zu dem vor, der alles erschaffen hat und kennen nicht die Freude darüber, wie wunderbar, herrlich und faszinierend Gott ist! Sie bleiben immer an der Oberfläche – am Geschaffenen (vgl. Röm 1,25). Und weil ihre Freude so oberflächlich ist, geht ihre Freude verloren, sobald etwas an der Oberfläche „kratzt“!

Paulus spricht davon, dass Christen sich „allezeit“ freuen sollen. Und dann, als würde er Einspruch erwarten, fügt er hinzu: „Wiederum sage ich euch: Freut euch!“ Du denkst vielleicht: „Das sagt sich so leicht. Wenn er wüsste, wie es in meinem Leben aussieht!“ Aber Paulus schrieb diese Worte, als er selbst in Gefangenschaft saß, unter Dauerbewachung und mit der Aussicht, dass womöglich seine Hinrichtung auf ihn wartet. Die Oberfläche seines Lebens war in diesem Moment nicht nur angekratzt, sondern ein einziger Scherbenhaufen. Aber seine Freude bestand unabhängig von dieser Oberfläche, weil der Grund für seine Freude sehr viel tiefer lag: In Gott selbst. Gott ist unveränderlich. Gott ist, wie er ist, über jede Lebenskrise hinaus! Darum kann Paulus fordern: „Freut euch [im Herrn!] allezeit!“

Ein Leben mit innerem Frieden ist möglich – wenn Du dich in allen Umständen freuen kannst, weil der Grund für deine Freude außerhalb der Umstände liegt!

3. Frieden durch Güte zu allen Menschen

„Eure Sanftmut lasst alle Menschen erfahren! Der Herr ist nahe!“

Diese Aufforderung in Vers 5 ist oft besonders schwierig. Denn der Anspruch dahinter ist hoch: „Reagiere auch in stressigen und

„Wenn Jesus wiederkommt, wird er für Recht sorgen. Darum müssen wir jetzt nicht auf unser Recht beharren sondern können nachsichtig sein.“
 

nervenden Situationen angemessen und liebevoll und beharre nicht auf dein Recht – ganz so, wie es dem Charakter und Verhalten Jesu entspricht.“ Warum sollen wir das tun? Paulus’ Begründung lautet: „Der Herr ist nahe!“ Wenn Jesus wiederkommt, wird er für Recht sorgen. Darum müssen wir jetzt nicht auf unser Recht beharren sondern können nachsichtig sein – am Essenstisch in der Familie, in der Geschäftssitzung, im Straßenverkehr. Wir haben immer die Wahl: Rasten wir aus, weil wir im Recht sind und darauf bestehen – oder sind wir milde, weil wir wissen, dass Jesus sich darum kümmern wird? Sich dessen bewusst zu sein, bewahrt uns vor Unfrieden und gibt uns einen Frieden, der unseren Verstand übersteigt.

4. Frieden durch das Abladen von Sorgen

„Sorgt euch um nichts; sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden.“ (Vers 6)

Ein schwerwiegender Grund für Unfrieden in unserem Herzen sind Sorgen. Manche kann man vermeiden. Andere nicht. Wenn ein weltweiter Virus plötzlich dafür sorgt, dass du nicht mehr arbeiten und kaum noch das Haus verlassen kannst, helfen die üblichen Stress-Vermeidungs-Techniken auch nicht mehr. Sich nicht zu sorgen, wenn es keinen wirklichen Grund zur Sorge gibt, ist nicht schwer. Aber was tun, wenn dir von heute auf morgen fast deine ganze Lebensgrundlage entzogen wird? An diesem Punkt gibt es nur einen Weg. Einen, der unseren menschlichen Verstand übersteigt: Rufe zu dem, der alles gemacht hat und in seiner Hand hält – auch kleine, bedrohliche Viren. Flehe den an, der dich so geschaffen hat, dass Krankheiten eine Bedrohung für deinen Körper sind. Bete zu dem, der weiß, wie sehr du deine Arbeitsstelle brauchst und wie dringend dein Kind zur Einsicht und Umkehr kommen muss.

Paulus erinnert uns daran: Es gibt nur einen Weg, um zu verhindern, dass diese Sorgen dich innerlich zerreißen: Wandle jede Sorge in Gebet um. Und wenn Du das tust, erinnere dich „mit Danksagung“ daran, was Gott bereits alles für dich getan hat und vertraue Ihm, dass auch dieses Anliegen gut bei ihm aufgehoben ist. Der Psalmist sagt: „Bei den vielen Sorgen in meinem Herzen erquickten deine Tröstungen meine Seele“ (Ps 94,19).

Dieser innere Friede, der sich nicht vernünftig erklären lässt, hat auch eine Voraussetzung. Paulus schreibt: „dieser Friede wird eure Herzen und eure Gedanken bewahren in Jesus Christus!“ (Vers 7) Wenn wir zurückschauen auf die drei anderen Aufforderungen in diesem Abschnitt finden wir dieselbe Voraussetzung:

„Evodia und Syntyche sollen dieselbe Gesinnung haben im Herrn!“
(Vers 2)
„Freuet euch im Herrn!“ (Vers 4)
„Eure Güte soll allen Menschen bekannt werden, der Herr ist nahe!“ (Vers 5)

Diese Beobachtung führt uns zu einem letzten und entscheidenden Punkt:

5. Frieden, wenn Jesus dein Leben bestimmt

„Und der Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken bewahren in Christus Jesus!“ (Vers 7).

Es ist normal, dass wir uns nach innerem Frieden sehnen. Nach einem Leben ohne Stress, Streit und Sorgen. Gott hat uns so geschaffen – als Menschen, die in absolutem Frieden leben sollten. Aber weil wir mehr wollten als das, weil wir uns nicht an Gottes Ordnungen für diesen Frieden halten wollten, wurde dieser Friede zerstört und ersetzt durch alles, was uns heute zur Unruhe bringt. Darum kam Jesus und bezahlte durch seinen Tod den Preis dafür, dass Menschen ihre Beziehungen, Emotionen, Reaktionen und Erwartungen wieder von Gottes Frieden, statt von sich selbst bestimmen lassen können. So kann er sagen: „Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht wie die Welt gibt, gebe ich euch“ (Joh 14,27). Jesus nahm jede Ursache für inneren und äußeren Unfrieden und trug sie selbst nach Golgatha – um Frieden zu stiften (vgl. Eph 2,14–17). Das ist der Grund, warum es nicht ohne Jesus geht! Wir brauchen Ihn unbedingt!

Wenn du ohne Jesus lebst, wirst Du immer wieder an schmerzhafte Grenzen stoßen bei dem Versuch, gute Beziehungen am Leben zu erhalten, fröhlich zu sein, nicht auszurasten und dir keine Sorgen zu machen. Wenn du mit Jesus lebst, wirst du auch an diese Grenzen stoßen. Jedes Mal, wenn du versuchst, es ohne ihn zu schaffen.

„Wir müssen uns täglich bewusst auf den Frieden dessen stützen, der die Ursache für allen Unfrieden am Kreuz besiegt hat.“
 

Wir müssen uns täglich bewusst auf den Frieden dessen stützen, der die Ursache für allen Unfrieden am Kreuz besiegt hat. Wir brauchen in jeder Situation die Botschaft von dem, der dafür starb, dass von den Folgen ihrer Sünde gestresste Menschen, Frieden mit, und dadurch auch immer wieder Frieden von Gott erfahren.

Dale Carnegie’s Ratschläge beeinflussen Menschen bis heute. Weil Menschen sich immer nach Ruhe und Frieden sehnen - in ihren Beziehungen, in ihren Gefühlen und im Umgang mit ihren Umständen. Doch auch die weisesten menschlichen Ratschläge stoßen irgendwann an ihre Grenzen – so wie bei Carnegie selbst. Als Christen leben wir unter denselben Bedingungen. Wir erleben Schicksalsschläge, werden von anderen enttäuscht und versagen. Oft haben wir keinen vernünftigen Grund, ruhig und fröhlich zu sein. Aber wir haben einen Gott, der uns dazu beruft und befähigt, mit einem Frieden zu leben, der jeden Verstand übersteigt, sodass Menschen an uns erkennen, dass sie mehr brauchen, als gute Ratschläge – nämlich Jesus selbst.

Daniel Knoll ist Pastor der Immanuel-Gemeinde in Wetzlar. Er hat mehrere Jahre als Projektmanager in der freien Wirtschaft gearbeitet, bevor er Theologie in Gießen, Wheaton und Leuven studierte. Er er ist verheiratet mit Andrea und hat vier Kinder.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift Herold, 5/2020, Nr. 5 (761), S. 2-4. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.