Praktische Überlegungen eines Ältesten zum Thema Jüngerschaft

Artikel von Greg Spraul
21. Oktober 2020 — 6 Min Lesedauer

Anmerkung zum Ausgangspunkt: Ein neuer Ältester fragt einen erfahreneren Ältesten in seiner Gemeinde, wie dieser die Zeit für Jüngerschaft und Evangelisation findet. Der neue Älteste hat einen fordernden Job in Washington DC, eine quirlige Familie mit mehreren Kindern, einen langen Arbeitsweg und alle sonstigen Verpflichtungen eines Laienältesten. Er fragt sich, wie da noch Raum für Jüngerschaft und Evangelisation sein soll. Es folgt die Antwort des erfahreneren Ältesten, der seinerseits von anderen Ältesten gelernt hat, indem er nachgefragt und beobachtet hat.


Ich versuche mich jeden Tag aus einem der folgenden Gründe mit einer Person zu verabreden: 1.) um die Person jüngerschaftlich zu begleiten, was die Mehrzahl meiner Treffen ausmacht, 2.) um selbst jüngerschaftliche Begleitung zu erfahren, oder 3.) um zu evangelisieren. Das geschieht entweder vor der Arbeit oder in meiner Mittagspause. Mein Ziel ist eine Verabredung am Tag. Wenn ein Termin frei wird, versuche ich, mich mit einer neuen Person zu verabreden, am liebsten mit einer Person, die ich lange nicht gesehen habe. Wenn ich jemanden zum ersten Mal treffe, muss das nicht heißen, dass wir uns danach regelmäßig treffen – es ist sogar wahrscheinlicher, dass es bei einem Treffen bleibt. Wenn es sich bei der Verabredung um ein Gemeindemitglied handelt, versuche ich herauszufinden, ob die Person in der Gemeinde gut eingebunden ist – wenn das nicht der Fall ist, gebe ich einige Ratschläge und Tipps, wie sich das ändern könnte.

Es sind in der Regel lose Verabredungen und ich muss häufig absagen oder verschieben, weil eine konkrete Situation in der Familie oder auf Arbeit Vorrang hat.

Ich habe den Segen eines flexiblen Jobs und der Rückendeckung von Seiten meines Chefs. Mein Chef weiß, dass ich mich häufig vor der Arbeit und in der Mittagspause mit Leuten treffe, und das ist für ihn in Ordnung, solange ich meine Arbeit gut mache und erreichbar bin. Vergewissere dich, ob es für deinen Chef in Ordnung ist.

Ich benutze den Google Kalender auf meinem iPhone und versuche am Ende eines Treffens immer schon, die Zeit für unser nächstes Treffen auszumachen.

Zurzeit treffe ich jede Person ungefähr einmal im Monat, manche auch häufiger. Mit einigen verabrede ich mich eher spontan und auf ihre Initiative hin.

Ich wähle in der Regel Treffpunkte aus, wo ich nichts kaufen muss oder nur etwas Kleines, z. B. öffentliche Sitzbereiche oder Cafés mit Selbstbedienung, sonst gibt man schnell unnötig Geld für Essen aus. Oft bringe ich auch meinen eigenen Kaffee oder mein eigenes Mittagessen mit. Ich fände es schön, wenn ich andere zum Essen einladen könnte, aber das muss ich anderen Geschwistern überlassen, die es sich leisten können.

„Ich gebe mittlerweile Treffen mit reiferen Männern die Priorität, weil ich mir erhoffe, dass so letztlich mehr Männer erreicht werden können, wenn diese Männer selbst anfangen, andere jüngerschaftlich zu begleiten.“
 

Meine Jüngerschaftsbeziehungen gestalten sich unterschiedlich und ich begleite Männer, die an unterschiedlichen Punkten im christlichen Glauben stehen. Konkrete Themen erstrecken sich von Pornografie und Masturbation über Mannsein und schwierige Situationen in der Familie bis hin zum Umgang mit der Bibel. Einige sind noch jung im Glauben und andere schon relativ reif. Manchmal lesen wir gemeinsam ein Buch, andere Male bringt jemand eine ganze Liste an Fragen mit, die wir zusammen durchgehen. Manchmal besprechen wir die Predigt vom Sonntag nach, oder lesen im Voraus den kommenden Text. Ich gebe mittlerweile Treffen mit reiferen Männern die Priorität, weil ich mir erhoffe, dass so letztlich mehr Männer erreicht werden können, wenn diese Männer selbst anfangen, andere jüngerschaftlich zu begleiten.

Ich versuche, die Vorbereitung auf ein Minimum zu reduzieren. Darum lese ich mit den Männern Bücher, die ich selbst schon gelesen habe, oder verwende Bibelstellen, mit denen ich mich selbst schon in der Tiefe auseinandergesetzt habe. Hier ist eine Liste an Büchern, die ich häufig verwende: Gott erkennenBefreit leben: Von Menschenfurcht zu GottesfurchtLernen, zu beten. Geistliche Erneuerung durch GebetGottes Plan – kein Zufall!: Die Bibel im Zusammenhang erklärt. Wenn es neues Buch gibt, das ich selbst gerne lesen würde, nutze ich die Chance und versuche, es mit jemandem zusammen zu lesen.

Ich halte in Google Docs fest, mit wem ich mich, wann, wie oft und warum getroffen habe. Ich nutze es außerdem als Übersicht, mit wem ich mich in größeren Abständen (meist wegen eines konkreten Anliegens) treffe. Ich mache das aus zwei Gründen: 1.) nutze ich meine Notizen als Gebetsliste, wenn ich morgens stille Zeit mache; 2.) behalte ich so die Übersicht, um Leute nicht zu vergessen und um sicherzustellen, dass ich meine Zeit strategisch nutze. Wenn ich z. B. meine Liste anschaue und bemerke, dass ich mich zurzeit mit vielen Männern treffe, die mir selbst ähnlich sind, dann versuche ich bewusst gegenzusteuern und mich auch mit anderen zu verabreden.

Manchmal bin ich sofort auf einer Wellenlänge mit einer Person und manchmal nicht. Mit manchen Männern komme ich richtig gut klar, mit anderen ist der Prozess eher mühsam. Manchmal treffen wir uns trotzdem weiter, weil wir merken, dass unsere Gespräche trotzdem gewinnbringend sind, auch wenn unsere Kommunikation manchmal stockt. In anderen Fällen hören wir auf, uns zu treffen, weil es nicht funktioniert.

Manche Männer wachsen und bei anderen tut sich nichts. Wenn sich bei einer Person überhaupt nichts tut, höre ich in der Regel auf, mich mit ihr zu treffen, oder schlage eine andere Person vor. Es lohnt sich einfach nicht, in eine Person zu investieren, die kein Interesse daran hat, zu wachsen oder Gottes Wort in ihr Leben sprechen zu lassen.

Ich versuche, alle meine Beziehungen lose zu halten. Manchmal darf ich das Werkzeug in den Händen unseres Erlösers sein und manchmal hat er anderes vor. Ich bin nicht der Messias – das ist Jesus – und ich möchte, dass Jesus die Hauptsache für die Person bleibt, die ich jüngerschaftlich begleite, und nicht ich oder irgendjemand sonst. Häufig heißt das, dass ich Leute gehen lassen muss. Das fällt mir manchmal schwer, aber ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass es um das geistliche Wachstum dieser Männer geht und nicht darum, dass Gott ausgerechnet mich dafür gebraucht.

„Ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass es um das geistliche Wachstum dieser Männer geht und nicht darum, dass Gott ausgerechnet mich dafür gebraucht.“
 

Wir müssen uns nicht immer persönlich treffen, es kann auch ein Telefonat sein. Gerade bei Männern, die nicht im Stadtzentrum arbeiten, haben sich Telefonate bewährt. Häufig findet sich leichter Zeit dafür und es ist immer noch relativ gewinnbringend.

Gelegentlich schicke ich den Männern, mit denen ich mich treffe, E-Mails mit einem ermutigenden Zitat oder einer Bibelandacht oder einem guten Artikel, den ich gefunden habe. Das geschieht sehr spontan. Manchmal schreibe ich nur einer Person, zu anderen Gelegenheiten einer ganzen Gruppe.

Ich habe verschiedene Sammlungen mit Bibeltexten zu bestimmten Themen in Google Docs angelegt, auf die ich von meinem iPhone aus zugreifen kann. Das mache ich regelmäßig, um sicherzustellen, dass ich meinem Gegenüber nicht nur meine eigenen Überlegungen mitgebe, sondern seine Fragen und Probleme mit Gottes Wort beantworte. Ich habe Sammlungen zu den folgenden Themen angelegt: Lust und Begierde, Ältestenschaft, die Zuverlässigkeit der Schrift, gleichgeschlechtliche Empfindungen, ethnische Fragen, Schönheit (für meine Frau und Töchter).

Greg Spraul lebt in der Nähe von Washington D.C. (USA) und arbeitet für die U.S. Environmental Protection Agency (EPA), wo er sich mit Fragen der Wasserverschmutzung beschäftigt. Er ist Ältester der Capitol Hill Baptist Church.