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Der König und sein Henker

Zum 70jährigen Jubiläum der Veröffentlichung von „Der König von Narnia“

Artikel von Andrew Moody
18. Oktober 2020 — 9 Min Lesedauer

C.S. Lewis gilt, zumindest in reformierten Kreisen, oft als großer christlicher Schriftsteller, jedoch mit einem unzureichenden Verständnis des Sühneopfers. Er glaube nicht an das stellvertretende Sühneopfer; Aslan stirbt als Lösegeld, das an die Weiße Hexe bezahlt wird; Lewis lehre, dass es die Bußhaltung Christi sei, die uns rettet.

Dieser Vorwurf ist in einem gewissen Sinn gerechtfertigt. In Pardon, ich bin Christ kann er über den stellvertretenden Sühnetod (die Vorstellung, dass Jesus die Strafe für unsere Sünden erleidet) höchstens sagen, dass sie ihm „heute längst nicht mehr so unmoralisch und absurd vorkommt wie früher“. Als er eine vorsichtige Erklärung des Sühneopfers abgibt, hat es wirklich den Anschein, dass Jesus uns rettet, indem er in unserem Namen Buße tut:

Nur ein böser Mensch muss Buße tun, aber nur der gute Mensch kann wahrhaft bereuen. Je schlechter wir sind, desto mehr sollten wir unser Tun bereuen und desto weniger können wir es. Der einzige Mensch, der zu vollkommener Reue fähig wäre, wäre selbst vollkommen – und hätte sie darum nicht nötig. … Und genau auf diese Weise begleicht er [Jesus] unsere Schuld und erleidet für uns, was er selber nie hätte zu leiden brauchen.

Dies erscheint angesichts der biblischen Erklärungen, dass Jesus „für unsere Übertretungen durchbohrt wurde“ oder „Christus erlöste uns vom Fluch des Gesetzes, indem er für uns zum Fluch wurde“ oder dass „Gott den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht hat, damit wir in ihm zur Gerechtigkeit Gottes würden“, sicherlich unangemessen (2 Kor 5,20-21).

Aber dazu gibt es noch mehr zu sagen.

Zum einen klingt Lewis’ Beschreibung des stellvertretenden Sühnetodes, die er hier gibt – „Gott wollte die Menschen strafen ... aber Christus erklärte sich dazu bereit, sich an unserer Stelle bestrafen zu lassen“ – wie eine Karikatur: Gott der Vater gibt widerwillig nach, als Antwort auf die Selbstaufopferung des gütigen Jesus. Wenn Lewis so über diese Lehre dachte, dann war es nur folgerichtig, sie abzulehnen. Der Vater und der Sohn sind eins in ihrem Gericht und in ihrer Barmherzigkeit. Es ist Gott der Vater, der uns zuerst geliebt und seinen Sohn gesandt hat, um uns für unsere Sünden zu versöhnen (1Joh 4,10). Es ist der Sohn, der am Ende die Welt richten wird (Joh 5,22).

Zum anderen ist das nicht Lewis’ letztes Wort zum Sühneopfer. Die Radioansprachen, auf die das Buch Pardon, ich bin Christ zurückgeht, schrieb er 1942. Im Jahr 1953, als er Der König von Narnia verfasste, scheint er zu einer Vorstellung gelangt zu sein, die derjenigen sehr nahe kommt, dass Jesus starb, weil er die göttliche Strafe für unsere Rebellion trug.

Aslan Victor

Nicht jeder wird diese Meinung teilen. Viele interpretieren das in Der König von Narnia dargestellte Sühneopfer als eine Art Lösegeld, das an den Teufel gezahlt wurde. Greg Boyd nennt es ein „schönes Beispiel“ für das „*Christus Victor“-*Motiv (die Vorstellung, dass Jesus in erster Linie starb, um Satan zu besiegen). Matt Mikalatos sieht dies in seiner kürzlich erschienenen (und hervorragenden!) Serie über die Chroniken von Narnia für tor.com ähnlich:

Aslan ist nicht gestorben, damit Edmund vergeben werden konnte; Edmund hatte bereits Vergebung erlangt ... Der Herrscher jenseits des Meeres [Gott] ist nicht zornig auf Edmund. Aslan ist nicht zornig auf Edmund. Weder der Herrscher noch sein Sohn verlangen diese Strafe (obwohl der Tiefe Urzauber deutlich macht, dass es nicht ungerecht ist, dass Edmund diese Strafe erhält). Tatsächlich kann Jadis ihren „Anspruch“ auf Edmunds Blut „abtreten“, wenn sie es wünscht. Es ist Jadis, die Edmund am Steintisch opfern will, der, wie der Zwerg sagt, „der richtige Ort“ ist.

Mikalatos ist der Ansicht, Aslan stürbe, um Edmund vor der Weißen Hexe und dem Tiefen Urzauber des Herrschers zu retten (Gesetz/Erlass), der ihr das Recht gibt, Verräter zu töten. Der Herrscher selbst hat kein Problem damit, Edmund einfach zu vergeben.1 Aber wenn das so ist, warum erlässt dann der Herrscher so gefährliche und kontraproduktive Gesetze? Das klingt wie der alte Versuch, Gott vor seiner eigenen Verstrickung in das Gericht zu retten, indem man sagt, dass die Sünde gesühnt und nicht Gott besänftigt wird – als ob das Gesetz und seine Strafen einer anderen Quelle als dem Geist Gottes entstammten.

Das Gesetz des Herrschers

Lewis selbst scheint indessen nicht so zögerlich zu sein, den Herrscher mit seinen Gesetzen in Verbindung zu bringen. Als Susan vorschlägt, Aslan solle gegen den „Tiefen Urzauber“ vorgehen, runzelt Aslan die Stirn und sagt: „gegen den Urzauber des Herrschers vorgehen?“ – und zwar so, dass sich jede weitere Diskussion erübrigt.

Dafür gibt es weitere Belege im Gespräch zwischen Aslan und der Hexe

„Ihr habt einen Verräter bei euch, Aslan“, begann die Hexe. Jeder wusste sofort, dass sie Edmund meinte. Edmund selbst aber, der nach allem, was hinter ihm lag, und besonders seit der Unterredung am Morgen, nicht mehr unablässig an sich selbst dachte, blickte Aslan ruhig an. Was die Hexe sagte, schien ihn nicht zu berühren.

„Sein Vergehen richtet sich nicht gegen Euch“, bemerkte Aslan.
„Hast du den tiefen Urzauber der dämmernden Vorzeit vergessen?“, fragte die Hexe.
„Nimm an, ich hätte ihn vergessen“, antwortete Aslan würdevoll. „Erzähl uns davon!“
„Dir davon erzählen!“, schrie die Hexe, ihre Stimme wurde immer schriller. „Dir erzählen, was hier gerade neben uns auf dem Steintisch eingegraben ist? Sind diese Buchstaben nicht so tief eingeritzt wie eine Speerbreite? Eingeritzt auf dem Feuerstein des Geheimen Hügels! Dir erzählen, was auf dem Zepter des Herrschers jenseits der Meere eingeätzt wurde? Du kennst den tiefen Urzauber, den der Herr der Herren bei Weltbeginn Narnia auferlegt hat. Du weißt genau, dass jeder Verräter laut Gesetz mir gehört, dass ich das Recht habe, jeden Treuebruch zu richten. Ich habe das Recht, zu töten. Du bist der Letzte, der das vergisst.“
„Oooh“, stöhnte der Biber. „Oooh, deshalb bildet sie sich ein, Königin zu sein, weil sie die Henkerin des Herrn der Herren ist.“
„Halt Frieden, Biber“, ermahnte Aslan grollend.

Man beachte, dass die Wortwahl hier eher persönlich und weniger juristisch ist: Aslan spricht von einem Vergehen; die Hexe nennt Edmund einen Verräter; der Biber kommt heraus und zählt eins und eins zusammen, indem er feststellt, der Auftrag der Hexe, Verräter zu töten, mache sie zum Henker des Herrschers.

Der Henker des Herrschers

„Der Herrscher jenseits des Meeres braucht uns nicht, damit wir ihn vor seinen eigenen gerechten Gesetzen retten. Wir brauchen ihn, damit er uns vor ihnen rettet.“
 

Dieses letzte Konzept ist besonders interessant. Calvin schreibt fast dasselbe in seinem Kommentar zu Epheser 2,2. Wir finden es auch bei Richard Baxter – was vielleicht relevanter ist, da wir wissen, dass Lewis ihn gelesen hat und von ihm den Ausdruck „Mere Christianity“ (dt. „Christentum schlechthin“; das ist der Originaltitel von Pardon ich bin Christ, Anm. d. Red.) entlehnte:

[Satan] wurde zum Henker Gottes gemacht und hatte so die Macht, zu strafen ... Aber die Barmherzigkeit bot ein Heilmittel, und der Sohn Gottes stellte sich dazwischen und unternahm die Rettung der Sünder und die Erhaltung der Welt und die Wiederherstellung der Ehre Gottes ... damit er Satan in der eroberten Natur besiegen und sich selbst als Opfer für die Demonstration der Gerechtigkeit in derselben Natur darbringen konnte.

Ich möchte die Sache hier nicht überbewerten. Wenn Aslan zu Herrn Bieber sagt, er solle Frieden halten, dann ist das vielleicht als dezente Zurechtweisung für übereifrige Systematiker zu verstehen. Und wir wissen, dass Lewis bis zu seinem Tod 1963 an seiner Zurückhaltung festhielt, „sich auf irgendeine [Theorie des Sühnopfers] festzulegen, als enthielte und beschränke sie die Wahrheit wie eine wissenschaftliche Definition.“2

Der tiefere Zauber

Doch was wir in Der König von Narnia sehen, zeigt sicher, dass Lewis’ Ablehnung von (so etwas wie) einem stellvertretenden Sühnetod nach seinen Rundfunkansprachen weiter abnahm. Als die Hexe Aslan tötet, räumt sie ein, dass nun der „Tiefe Urzauber besänftigt ist“ (meine Hervorhebung). Wenn Aslan die Auswirkungen seines Todes im Nachhinein erklärt, erscheint es wie ein einfacher Austausch des Gerechten gegen die Ungerechten:

Es bedeutet, dass die Hexe vom Urzauber wohl Kenntnis hatte, aber keine Ahnung von jenem tieferen Zauber … Wenn sich einer, der nichts verbrochen hat, freiwillig für einen Schuldigen opfert, dann bricht der Steintisch entzwei und der Tod weicht zurück.

So stirbt der Unschuldige anstelle des Verräters, und das Gesetz der Vergeltung wendet sich sich selbst zu. Die Weiße Hexe, auch wenn sie sich als siegreich über den Herrscher wähnt, wird zu einem Werkzeug seines Willens, indem sie seinem Gesetz Genüge tut und seine „tiefere“ Absicht enthüllt, Verrätern durch das Opfer seines Sohnes zu vergeben.

In diesem Sinn ist dies natürlich das „Christus Victor“-Motiv. Der Feind ist besiegt, mit seinen eigenen Waffen geschlagen. Aber die wahre Macht und Absicht kommt vom Gesetzgeber. Es ist sein offenbarter Wille, dass Verräter sterben müssen – sein geheimer Plan (Mysterium), dass ein Unschuldiger anstelle des Schuldigen sterben und so das alte Muster umkehren soll.

Gott retten? Gott rettet uns!

Progressive Bibelausleger versuchen oft, Gott vor seiner eigenen Heiligkeit und seinem eigenen Gericht zu retten. Aber die Bibel und Lewis zeigen uns einen Gott, der sowohl heilig als auch barmherzig ist. Der Herrscher, der Rebellen durch die Hand der Hexe dem Tod übergibt, eröffnet auch einen Weg zurück von dieser Verurteilung. Derselbe Löwe, der sein Leben opfert, um einen Verräter zu befreien, erklärt (gegenüber Jill in Der silberne Sessel, er habe „Mädchen und Jungen, Frauen und Männer, Könige und Kaiser, Städte und Reiche verschlungen“.

Der Herrscher jenseits des Meeres braucht uns nicht, damit wir ihn vor seinen eigenen gerechten Gesetzen retten. Wir brauchen ihn, damit er uns vor ihnen rettet. „Dank sei Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn“ – er hat es getan!

Fußnoten

1 Was, wenn wir theologisch denken, so ist, als ob wir sagen würden, dass Gott den Sündern im Alten Testament „einfach vergeben“ hat. Paulus gibt uns eine bessere Antwort, die auch hier gilt: „Ihn [Jesus] hat Gott zum Sühnopfer bestimmt, … um seine Gerechtigkeit zu erweisen, weil er die Sünden ungestraft ließ, die zuvor geschehen waren“ (Röm 3,25).

2 Aus einem Brief an „Herrn Young”, geschrieben kurz vor seinem Tod.

Andrew Moody ist der redaktionelle Leiter von TGC Australia und ist für den Bereich „Bibel und Theologie“ verantwortlich. Außerdem ist er als Lehrbeauftragter an mehreren Colleges in Australien tätig. Andrew und seine Frau Jenny haben zwei Kinder.