Gemeinde Im Trend

Evangelisation ohne Aufruf

Artikel von Aaron Menikoff
7. Oktober 2020 — 7 Min Lesedauer

Vor einigen Jahren hielt ich meine erste Predigt als Pastor der Mount Vernon Baptist Church (MVBC). Der Musikleiter kam vor dem Gottesdienst zu mir, um mich etwas zu fragen: Er wollte von mir wissen, wie ich den Aufruf geplant hatte.

Ich war verwirrt. Vor diesem Sonntag war ich bereits an drei Sonntagen in der MVBC gewesen und hatte keinen einzigen Aufruf miterlebt. Ich war davon ausgegangen, dass die Gemeinde diese Praxis schon vor Langem aufgegeben hatte. Ich lag falsch.

Es stellte sich heraus, dass es in meiner Gemeinde eine lange Tradition gab, den Gottesdienst mit einer Einladung zu beenden, der Gemeinde beizutreten, sein Leben neu Gott hinzugeben oder seinen Glauben öffentlich zu bekennen. Die drei Gottesdienste, die ich miterlebt hatte, waren die Ausnahme gewesen! Viele Gemeindemitglieder sahen den Aufruf als die wichtigste Methode der Gemeinde, um verlorene Menschen für Jesus zu gewinnen. Er war für sie gleichbedeutend mit Evangelisation geworden.

Was spricht gegen den Aufruf?

Ich bin mir sicher, dass viele den Aufruf in bester Absicht machen. Anfang der Neunziger war ich in einer Gemeinde, wo der Pastor am Ende des Gottesdienstes regelmäßig alle aufforderte, ihre Augen zu schließen und den Kopf zu senken. Danach bat er alle, die ein Leben mit Christus anfangen wollten, die Hand zu heben und zur Kanzel zu schauen. Ungefähr 30 Sekunden lang blickte er im Gemeindesaal umher, sah die erhobenen Hände und sagte mit ruhiger, sanfter Stimme: „Ja, Bruder, ich sehe dich. Gut gemacht, Schwester, amen!“, usw. Ich bin mir sicher, dass dieser Pastor das Beste für die suchenden Menschen im Sinn hatte.

„Die Praxis, Menschen auf der Stelle Heilsgewissheit zuzusprechen – ohne davor die Glaubwürdigkeit ihres Glaubensbekenntnisses zu prüfen – ist bestenfalls unweise und schlimmstenfalls skandalös.“
 

Ich bin dennoch davon überzeugt, dass der Aufruf mehr Schaden als Nutzen bringt. Die Praxis, Menschen auf der Stelle Heilsgewissheit zuzusprechen – ohne davor die Glaubwürdigkeit ihres Glaubensbekenntnisses zu prüfen – ist bestenfalls unweise und schlimmstenfalls skandalös. Es ist unweise, weil der Pastor gar nicht ausreichend beurteilen kann, ob die Person, deren Errettung er gerade bestätigt, tatsächlich Christ ist. Es ist skandalös, weil diese Herangehensweise die schwierige und enge Pforte, die unser Retter eingesetzt hat (vgl. Mk 8,34; Mt 7,14), mit einer leichten und weiten Pforte nach unseren Vorstellungen ersetzt. Wenn auch mit besten Absichten ausgeübt, so hat die Praxis des Aufrufs vielen Menschen, die noch gar nicht gerettet waren, die falsche Sicherheit vermittelt, Jesus wirklich zu kennen.1

Doch das ist noch nicht alles. Der Aufruf geht mit der Tendenz einher, dass die Gemeinde ihren Fokus falsch setzt. Nach der Predigt des Wortes sollten eigentlich gleichermaßen Gemeindemitglieder wie Besucher ihr eigenes Herz prüfen. Jeder Einzelne sollte sich ernsthaft darüber Gedanken machen, was die Predigt für sein eigenes Leben bedeutet und wie er darauf reagieren sollte. Doch der Aufruf führt paradoxerweise eher zum Gegenteil. Anstatt dass sich jeder selbst prüft, wird vielmehr geprüft, was die anderen tun. Die Leute sehen sich um und fragen sich, wer wohl nach vorne kommen wird. Und wenn niemand aufsteht, dann fragt man sich, ob der Pastor versagt hat. Oder noch schlimmer, ob Gott heute freihatte.

Das sind nur einige, wenige Gründe, warum ich den Aufruf für ein ungeeignetes Werkzeug in der Evangelisation halte.

Wie funktioniert Evangelisation ohne Aufruf?

Wie kann ein Pastor, der sich gegen den Aufruf entscheidet, den Gottesdienst evangelistisch gestalten? Mit anderen Worten: Wie sieht ein Gottesdienst aus, der von evangelistischem Eifer geprägt ist? Hier sind meine sieben Antworten, wie ich an die Leitung des Gottesdienstes herangehen möchte:

1. Sei aufrichtig

Sei aufrichtig. Für einen Prediger ist nichts so wichtig wie die Treue zum Evangelium. Doch gleich an zweiter Stelle muss seine Aufrichtigkeit stehen. Gott gebraucht Männer, deren Herzen von der Traurigkeit der Sünde und der Wirklichkeit der Errettung ergriffen sind. Wenn die Lehre von Gottes wunderbarer Gnade dem Prediger nicht in Mark und Bein übergegangen ist, wird sie ihm schwerlich über die Lippen kommen.

2.Verkünde das Evangelium klar und deutlich

Verkünde das Evangelium klar und deutlich. Jeder Bibeltext ist ein Evangeliumstext. Im ganzen Buch Esther wird der Name Gottes an keiner Stelle erwähnt und doch sehen wir auf jeder Seite sein Werk. Ein Pastor, der sehen will, wie Sünder gerettet werden, wird treu die Bibel lehren und seiner Gemeinde zeigen, wie jeder Bibeltext auf die Person und das Werk Jesu Christi verweist.

3. Ruf die Menschen auf, zu Christus umzukehren und an ihn zu glauben

Ruf die Menschen auf, zu Christus umzukehren und an ihn zu glauben. Es gibt in jeder Predigt Raum dafür, Sünder zur Hoffnung in Christus einzuladen. Ich höre so viele Predigten, die damit enden, dass der Prediger uns dazu aufruft, gute Haushalter zu sein, Risiken einzugehen, treu zu leben – doch an keiner Stelle werden wir zu Christus eingeladen. Als Prediger müssen wir aber die Zuhörer umsichtig und zugleich leidenschaftlich drängen, umzukehren und an das Evangelium zu glauben und ihr Leben Christus, dem König, hinzugeben.

4. Suche im Anschluss das Gespräch

Suche im Anschluss das Gespräch mit Nichtchristen. Wenn ich in meinen Predigten das Evangelium verkündige, ist es mir wichtig, dass bei meinen nichtchristlichen Zuhörern ankommt, dass ich sehr gerne mit ihnen über den Glauben, den ich gerade geteilt habe, ins Gespräch komme. Darum stehe ich nach dem Gottesdienst für Gespräche über das Evangelium und seine Bedeutung zur Verfügung.

Von Kollegen habe ich gehört, dass sie suchende Menschen einladen, nach dem Gottesdienst in einen Nachbarraum zu kommen, um für sich beten zu lassen oder ins Gespräch zu kommen. Spurgeon nahm sich beispielsweise jeden Dienstagnachmittag Zeit, um mit suchenden Menschen und frischgebackenen Christen zu sprechen, die seinen Rat suchten.2 Unabhängig davon, wie du es genau gestaltest, ist es hilfreich, dir Zeit zu nehmen, um mit deinen Zuhörern persönlicher über das Gepredigte zu sprechen.

5. Biete evangelistische Kurse an

Biete evangelistische Kurse an. Ich lade suchende Menschen üblicherweise zu einem kurzen, unkomplizierten Kurs ein, in dem es um die Grundlagen des christlichen Glaubens geht. In der Regel verwende ich Christsein entdecken, einen sechswöchigen Kurs zum Markusevangelium, herausgegeben vom 3L-Verlag (vgl. auch „‚Christsein entdecken’ als Videokurs“ von Matthias Lohmann, Anm. der Red.). Der Kurs ist eine unfassbar gute Einführung in das Evangelium. Außerdem schulen wir in unserer Gemeinde regelmäßig neue Leiter für diesen Kurs.

6. Mache die Taufe zu etwas Besonderem

Mache die Taufe zu etwas Besonderem. Selbstverständlich sind Taufen naturgemäß etwas Besonderes. Doch wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass jede Taufe eine Gelegenheit ist, der Gemeinde zu zeigen, dass Gott dabei ist, seine Gemeinde zu bauen.

Bei uns in der MVBC bitten wir die Täuflinge, der Gemeinde ihr Zeugnis zu erzählen. Es ist keine Pflicht, aber bisher gab es noch niemanden, der seine Geschichte mit Jesus nicht erzählen wollte. Frischgebackene Christen sind sehr offen dafür, Gottes Gnade zu bezeugen, und suchende Menschen kommen dadurch ins Nachdenken, wie sie selbst auf das Evangelium reagieren sollten.

7. Bete

Zu guter Letzt: Bete. Wenn ich als Pastor die Fürbitte halte oder das Abschlussgebet spreche, bete ich regelmäßig dafür, dass suchende Menschen umkehren und an das Evangelium glauben. Ich bete, dass sie Christus ihr Leben übergeben und dass sie die Hindernisse, die sie zwischen sich und Christus sehen, überwinden können. Ich bete, dass Gott sich uns offenbart, indem er heute Sünder zu sich zieht.

„Schenke Gott, dass die Geschwister in unseren Gemeinden vom Evangelium ermutigt werden und dass suchende Menschen erkennen, dass sie umkehren müssen, und dass sie an Gottes gute Nachricht glauben und gerettet werden.“
 

Wie klar ersichtlich ist, mache ich in meiner Gemeinde keinen Aufruf. Aber ich appelliere dennoch jeden Sonntag an Sünder, zu Christus zu kommen. Schenke Gott, dass die Geschwister in unseren Gemeinden vom Evangelium ermutigt werden und dass suchende Menschen erkennen, dass sie umkehren müssen, und dass sie an Gottes gute Nachricht glauben und gerettet werden.

Fußnoten

1 Für eine genauere Auseinandersetzung mit den Risiken des Aufrufs empfehle ich: Erroll Hulse, The Great Invitation: Examining the Use of the Altar Call in Evangelism, Port St. Lucie: Audubon Press, 2006, und D. Martyn Lloyd-Jones, Die Predigt und der Prediger, Waldems: 3L, 2005, Kapitel 14.

2 Arnold Dallimore, Spurgeon: A New Biography, Banner of Truth, 1985, S. 80.