Was ist der Mensch?

Rezension von Ron Kubsch
25. September 2020 — 8 Min Lesedauer

Kann die Philosophie der Zukunft noch Antworten auf die großen Fragen der Menschheit geben? Jürgen Habermas misstraut einer optimistischen Auskunft. Im Vorwort seiner 2019 erschienenen Genealogie des nachmetaphysischen Denkens befürchtet der inzwischen 90 Jahre alte Professor, dass die Philosophie „als Fach nur noch mit ihren begriffsanalytischen Fertigkeiten und als die Verwalterin ihrer eigenen Geschichte überlebt“. Die weitergehende Spezialisierung habe diese Wissenschaft wie andere auch ergriffen und so stehe sie in der Gefahr, „den holistischen Bezug auf unser Orientierungsbedürfnis“ preiszugeben.1

Die Rückkehr der Weltanschauung

Eine ähnliche Sorge hat die beiden Autoren David Gooding und John Lennox dazu inspiriert, eine vierbändige Reihe zu verfassen, in der sie sich mit den ganz großen Fragen des Menschseins beschäftigen. Denn obwohl wir immer mehr wüssten, verlören wir grundlegende philosophische Prinzipien zunehmend aus den Augen (vgl. S. 24). Deshalb orientiert sich ihre Buchreihe an den berühmten kantschen Grundfragen: „Was kann ich wissen?“, „Was soll ich tun?“, „Was darf ich hoffen?“ und: „Was ist der Mensch?“.

Der erste Band mit dem Titel Was ist der Mensch? Würde, Möglichkeiten, Freiheit und Bestimmung ist 2020 in der Christlichen Verlagsgesellschaft Dillenburg in deutscher Sprache erschienen. Die anderen drei Bände sollen folgen.

Schon in der Einführung zur Reihe legen die Autoren ihre Denkvoraussetzungen offen. Sie sind keine Nach-Metaphysiker, sondern halten an dem Begriff der „Weltanschauung“ fest. Unter Weltanschauung verstehen sie das „Gesamtbild“, in das wir Menschen „alles andere einfügen“. „Sie ist die Brille, durch die wir blicken, um die Welt zu verstehen“ (S. 29). Wir – so die Autoren – stellen Fragen und das ist gut so. Wir wollen wissen, was hinter dem Universum liegt. Wir interessieren uns dafür, wie die Welt entstanden ist. Und wir brauchen die Beantwortung der Frage: Was ist der Mensch (vgl. S. 32–37)?

Wer sind die Autoren?

Gooding und Lennox hören auf mehrere Erkenntnisquellen, auf die Intuition, die Wissenschaft, die Philosophie, die Geschichte und die göttliche Selbstoffenbarung. Dass sie von den ersten vier Stimmen viel erwarten, liegt nahe. Beide Autoren haben erfolgreich in der Wissenschaft gearbeitet. Gooding, der 2019 im hohen Alter vom 93 verstorben ist, war Professor für alttestamentliches Griechisch an der Queen’s Universität in Belfast (Nordirland) und Mitglied der Royal Irish Academy. Was macht ein Professor für alttestamentliches Griechisch? Nun, er beschäftigt sich vor allem mit der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, der sogenannten Septuaginta (LXX).2

„Die Existenz des gesamten Universums lässt sich ihrer Meinung nach besser erklären, wenn vorausgesetzt wird, dass ein intelligenter Schöpfer existiert.“
 

John Lennox ist emeritierter Professor für Mathematik an der Universität von Oxford (England). Er hat sich als christlicher Apologet hervorgetan und durch seine Debatten mit den Neuen Atheisten Richard Dawkins und Christopher Hitchens größere Prominenz erlangt.3 Beide haben sich immer wieder explizit zum christlichen Glauben bekannt und studierten eingehend die Beziehung von Wissenschaft und Religion.

Der christliche Glaube ist rational

Das ist auch der Grund, weshalb sie die Stimme der göttlichen Selbstoffenbarung so betonen. Sie sind davon überzeugt, dass Gott sich uns Menschen durch seine Schöpfung offenbart und im Laufe der Jahrhunderte durch Propheten und besonders durch Jesus Christus gesprochen hat. Beide bekennen sich zu einem vernünftigen Gottesglauben. Dass das Christentum Rationalität beansprucht, erklären sie etwa mit dem Begriff „Logos“. Der Logos war am Anfang. Die Existenz des gesamten Universums lässt sich ihrer Meinung nach besser erklären, wenn vorausgesetzt wird, dass ein intelligenter Schöpfer existiert. Aus ihrer Sicht ist es wahr, was wir im Prolog des Johannesevangeliums lesen: „Am Anfang war das Wort – der Logos –, und der Logos war bei Gott, und der Logos war Gott […]. Alle Dinge sind durch ihn geschaffen“ (S. 47, vgl. Joh 1,1–2). Sie schreiben (S. 47):

„Der Begriff ‚Logos‘ steht sowohl für Rationalität als auch für die Ausdrucksform dieser Rationalität durch verständliche Kommunikation. Wenn diese rationale Intelligenz Gott ist und zugleich persönlich ist und wir Menschen unser Menschsein und unsere Intelligenz von ihm erhalten haben, dann ist es alles andere als absurd zu denken, dass der göttliche Logos mit uns auch kommuniziert. Denn das entspricht seinem eigenen Wesen und dem Ausdruck dieser Intelligenz, dass sie kommuniziert. Im Gegenteil, wenn man von vornherein die Möglichkeit einer göttlichen Offenbarung ausschließt und seine Ohren vor dem verschließt, was Jesus Christus zu sagen hat, ohne sich seine Lehre zuvor anzuhören, um zu sehen, ob sie nun wahr ist oder nicht, ist das keine wahre wissenschaftliche Einstellung: offen zu sein für Neues und jeden vernünftigen Weg zur Wahrheit zu erkunden.“

Der erste Band befasst sich, wie der Titel schon sagt, vor allem mit dem Menschen. Bedeutende Grundfragen der Anthropologie (also der Lehre vom Menschen) werden behandelt, etwa der Wert des Menschen, seine Freiheit, die Vorstellungen vom richtigen Handeln, seine Macht und Bestimmung. Formal werden die Probleme erörtert, indem zunächst einmal erklärt wird, worum es geht. Dann diskutieren die Autoren die Antworten, die bisher auf die Fragen gegeben wurden. Also: Was sagen etwa Marxismus, Naturalismus, Humanismus oder Existentialismus dazu? Was zu der erörterten Frage auf der Grundlage einer christlichen Weltanschauung gesagt werden kann, lassen die Autoren immer wieder unbefangen einfließen. Dabei greifen sie in der Regel auf biblische Narrative zurück und zeigen, dass die Antworten, die die Heilige Schrift gibt, durchaus Erklärungspotential haben. Oft haben sie – das wird deutlich – sogar ein überzeugenderes Erklärungspotential als die konkurrierenden Weltanschauungen. Hin und wieder gibt es Abschnitte, in denen Gooding und Lennox ihrer Überzeugung Ausdruck verleihen, dass die christlichen Antworten, die scheinbar als Torheit erscheinen, echte Heilmittel für die großen Fragen und Nöte der Menschheit sind. Gewöhnlich gelingt es ihnen, herauszustellen, dass andere Weltsichten auch nicht ohne Glauben auskommen, wie am Beispiel des Marxismus (S. 116):

„Auch der Marxismus selbst – so schockierend das für Marxisten erscheinen mag – erschien in der Vergangenheit Außenstehenden oft als Religion. Er hatte ein grundsätzliches Glaubensbekenntnis, das man im Glauben annehmen musste: dass es im Universum nichts als Materie gibt (was natürlich nicht bewiesen werden kann). Er hatte sein eigenes Evangelium für die Erlösung der Menschheit: das unwiderstehliche Gesetz der historischen Dialektik. Der Marxismus hatte seinen Mittler: die Partei mit ihrer Diktatur. Er hatte sein gelobtes Land: die endgültige Erscheinung des vollkommenen Kommunismus, in dem jede Unterdrückung, jeder Kampf, jede Entfremdung und jede Regierung für immer der Vergangenheit angehören würden; und er hatte seine starken Missionare, die sich der Verbreitung der marxistischen Botschaft in der ganzen Welt widmeten. Auch unterdrückte er entschieden seine ‚Häretiker‘ oder Revisionisten, wie sie genannt wurden.“

Für wen ist das Buch geeignet?

Das Buch Was ist der Mensch? sollte nicht so verstanden werden, als ob hier zwei christliche Wissenschaftler einen eigenen Forschungsbeitrag zur Anthropologie vorgelegt hätten. Die Zielsetzung ist eine andere. Die Autoren wollten keine philosophische oder theologische Abhandlung abfassen, sondern im Geist der Wahrheit und Aufrichtigkeit zeigen, dass die Antworten, die die Bibel auf die großen Menschheitsfragen gibt, tragfähig sind. Sie formulieren das so: „Wir werden […] begründen, warum wir die Aussagen der christlichen Botschaft für gültig halten und glauben, dass sie wirkliche Hilfe bieten können“ (S. 61).

„Dabei greifen sie in der Regel auf biblische Narrative zurück und zeigen, dass die Antworten, die die Heilige Schrift gibt, durchaus Erklärungspotential haben.“
 

Insofern können wir erschließen, dass die Reihe nicht für Spezialisten geschrieben wurde. Vielmehr gehören vor allem Lehrer, Schüler, Studenten und auch Mitarbeiter in den Gemeinden zur Zielgruppe. Das wird auch daran deutlich, dass Teile dieses Buches Fragen enthalten, die zum tieferen Verständnis des Themas verhelfen und die Diskussion anregen sollen.

Insgesamt ist so ein gelungener Band entstanden, der insbesondere in der christlichen Bildungsarbeit eingesetzt werden kann. Empfehlen möchte ich ihn aber auch Christen, die sich für apologetische Themen interessieren. Ich glaube darüber hinaus, dass man das Buch auch an Freunde weitergeben kann, die gegenüber dem Glauben skeptisch sind und genauer wissen wollen, was Christen etwa über den Wert des Menschen oder seine Bestimmung denken. Bei der Lektüre werden hoffentlich viele Leser erstmalig entdecken oder in der Einsicht bestärkt werden, dass die Antworten, die die Bibel gibt, belastbar sind.

Das Buch enthält übrigens einen allgemeinverständlichen Anhang zur Wissenschaftstheorie sowie ein Bibelstellenverzeichnis und ein Personen- und Stichwortverzeichnis. Die Übersetzung ist gut lesbar. Dem Verlag ist dafür zu danken, dass er die Risiken, die mit der Veröffentlichung einer so umfänglichen Reihe verbunden sind, auf sich genommen hat. Ich wünsche dem Buch viele Leser.

Buch

John Lennox u. David Gooding, Was ist der Mensch? Würde, Möglichkeiten, Freiheit und Bestimmung. Dillenburg: CV, 2020, 388 S., 24,90 Euro.

1 Jürgen Habermas, Auch eine Geschichte der Philosophie, 2 Bde., 2. Aufl., Berlin: Suhrkamp Verlag, 2019, hier Bd. 1, S. 11–13. Das Buch, so schreibt Habermas, sollte ursprünglich „Zur Genealogie nachmetaphysischen Denkens“ heißen (S. 9).

2 Eine Liste mit seinen Publikationen gibt es hier: URL: https://www.myrtlefieldhouse.com/cmsfiles/david-gooding/Publications-by-David-Gooding.pdf [Stand: 16.05.2020].

3 Eine Liste mit seinen Publikationen gibt es hier: URL: https://www.myrtlefieldhouse.com/cmsfiles/david-gooding/Publications-by-David-Gooding.pdf [Stand: 16.05.2020].

Ron Kubsch ist Studienleiter am Martin Bucer Seminar in München, Dozent für Apologetik und Neuere Theologiegeschichte sowie 2. Vorsitzender und Generalsekretär bei Evangelium21. Er bloggt seit über 12 Jahren unter TheoBlog.de und hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter Die Postmoderne (2007), und Der neue Paulus (2017). Seit 2009 ist er Schriftleiter der Zeitschrift Glauben und Denken heute. Ron ist mit Dorothea verheiratet. Sie haben drei erwachsene Kinder.