Predige den Unwissenden, Zweiflern und Sündern

Artikel von Mark Dever
23. September 2020 — 7 Min Lesedauer

Ich höre immer wieder die Frage: „Wie wendet man den Text in einer Auslegungspredigt an?“

Hinter dieser Frage stehen viele fragwürdige Annahmen. Einerseits denkt der Fragesteller vielleicht an „Auslegungspredigten“, die er in der Vergangenheit gehört (oder selbst gehalten) hat, die sich kaum von theologischen Vorlesungen zur Bibel unterschieden haben – sie waren gut strukturiert und inhaltlich korrekt, aber weder besonders eindringlich noch besonders seelsorgerlich. Diese Auslegungspredigten hatten wahrscheinlich nur einen kurzen Anwendungsteil, wenn überhaupt. Andererseits kann es auch sein, dass der Fragesteller eine Anwendung gar nicht automatisch erkennt, wenn er sie hört.

William Perkins, ein großer puritanischer Theologe im Cambridge des 16. Jahrhunderts, forderte Prediger dazu auf, sich die verschiedenen Zuhörergruppen vorzustellen und eine Anwendung für jede dieser Gruppen zu finden: für verstockte Sünder, kritische Zweifler, erschöpfte Gläubige, junge Schwärmer usw.

Perkins Rat ist auch heute noch sehr hilfreich und hoffentlich bereits verbreitete Praxis. Ich möchte allerdings aus einem anderen Blickwinkel an das Thema „Anwendung“ herangehen: Ich gehe nämlich davon aus, dass es nicht nur verschiedene Zuhörergruppen, sondern auch verschiedene Arten der Anwendung gibt. Wenn wir eine Bibelstelle vor uns haben und sie klar und überzeugend, sogar eindringlich, auslegen, dann gibt es mindestens drei verschiedene Anwendungen, die entsprechend drei verschiedene Probleme in der christlichen Nachfolge widerspiegeln. Erstens kämpfen wir mit dem Nebel der Unwissenheit. Zweitens kämpfen wir oft mehr mit Zweifeln, als wir denken. Drittens kämpfen wir mit Sünde – indem wir entweder bewusst ungehorsam gegen Gott sind oder fahrlässig sündigen. Als Prediger sehnen wir uns danach, bei uns selbst und bei unseren Zuhörern in allen drei Bereichen Veränderung zu erleben, wenn wir Gottes Wort predigen. Und jedes der drei Probleme braucht eine eigene Anwendung.

Unwissenheit

Unwissenheit ist ein grundlegendes Problem in unserer gefallenen Welt. Wir sind Gott entfremdet. Wir haben uns selbst von der unmittelbaren Gemeinschaft mit unserem Schöpfer abgeschnitten. Es überrascht daher nicht, dass eine wichtige Art der Predigtanwendung sein muss, dass wir den Zuhörern die Wahrheit über Gott mitteilen.

Das ist allerdings keine Ausrede für kalte oder leidenschaftslose Predigten. Aussagen im Indikativ können mich genauso begeistern wie Aufforderungen im Imperativ (wenn nicht sogar noch mehr). Die Aufforderung „Tut Buße und glaubt an das Evangelium“ bleibt ohne die Tatsachen, die Gott, uns Menschen und Christus betreffen, bedeutungslos. Es ist entscheidend, dass wir unseren Zuhörern diese Informationen mitteilen. Wir sind dazu aufgerufen, die Menschen die Wahrheit zu lehren und ihnen eine wundervolle Botschaft über Gott zu verkünden. Wir wollen, dass Menschen durch unsere Predigten mehr von der Wahrheit verstehen und nicht unwissend bleiben. Diese Art aufrichtiger Belehrung ist eine Form der Predigtanwendung.

Zweifel

Zweifel unterscheiden sich von Unwissenheit. Wenn wir etwas anzweifeln, dann nehmen wir Konzepte oder Wahrheiten, die uns bekannt sind, und stellen diese in Frage. Dieses Infragestellen ist keine Seltenheit unter Christen. Zweifel gehören womöglich zu den wichtigsten Themen, die wir in unseren Predigten ansprechen und anfechten müssen. Als Prediger haben wir nicht nur in apologetischen Gesprächen mit Nichtchristen mit Zweifeln zu tun. Es kann gut sein, dass einige der Zuhörer jeden Sonntag da sind und alle Fakten kennen, die der Prediger über Christus oder Gott oder Onesimus anbringt. Doch sie ringen trotzdem mit der Frage, ob diese Fakten wirklich stimmen. Manchmal sind sich unsere Zuhörer gar nicht ihrer Zweifel bewusst, geschweige denn, dass sie ihre Zweifel genau in Worte fassen könnten.

Aber wenn wir anfangen, die Schrift zu erforschen, dann werden wir auf Fragen, Zweifel und Unsicherheiten stoßen, die uns überfallen können. Das alles macht uns umso mehr bewusst, dass unsere Zweifel leider eine starke Anziehungskraft haben, die uns vom Weg der treuen Nachfolge wegziehen möchte. Diesen Zuhörern – und vielleicht auch einem Teil unseres eigenen Herzens – müssen wir helfen, die Wahrhaftigkeit von Gottes Wort zu erkennen, indem wir diese begründen und sie eindringlich anhalten, darauf zu vertrauen. Wir sind dazu aufgerufen, unseren Zuhörern eindringlich vor Augen zu führen, dass Gottes Wort wahrhaftig ist. Wir wollen, dass Menschen durch unsere Predigten ihre Zweifel überwinden können und von ganzem Herzen auf die Wahrheit vertrauen. Diese Art eindringlicher, forschender Verkündigung ist eine Form der Predigtanwendung.

Sünde

Auch die Sünde ist ein Problem in dieser gefallenen Welt. Bei Unwissenheit und Zweifel kann es sich bereits um konkrete Sünden oder um die Folgen konkreter Sünden handeln, oder aber auch nicht. Doch Sünde ist definitiv mehr als Nachlässigkeit oder Zweifel.

„Du kannst dir sicher sein, dass deine Zuhörer in der vergangenen Woche mit ihrem Ungehorsam gegen Gott zu kämpfen hatten und dass es in der Woche, die vor ihnen liegt, ähnlich sein wird.“
 

Du kannst dir sicher sein, dass deine Zuhörer in der vergangenen Woche mit ihrem Ungehorsam gegen Gott zu kämpfen hatten und dass es in der Woche, die vor ihnen liegt, ähnlich sein wird. Die Sünden werden verschieden ausfallen. Bei einigen zeigt sich der Ungehorsam darin, dass sie etwas Falsches tun, bei anderen darin, dass sie etwas Richtiges unterlassen. Aber egal ob Verstoß oder Unterlassung – die Sünde bleibt Ungehorsam gegen Gott.

Teil der Aufgabe der Predigt ist daher, Gottes Volk zu einem Leben in Heiligkeit anzuspornen, das Gottes eigene Heiligkeit widerspiegelt. Also gehört es zur Anwendung eines Bibeltextes, dass wir herausarbeiten, was er konkret für unser Handeln in der nächsten Woche bedeutet. Als Prediger sind wir dazu aufgerufen, Gottes Gemeinde zum Gehorsam gegen Gottes Wort zu ermahnen. Wir wollen, dass Menschen durch unsere Predigten dazu bewegt werden, vom sündigen Ungehorsam umzukehren hin zu einem freudigen und bereitwilligen Gehorsam gegen Gott, so wie es seinem Willen entspricht, den er uns in seinem Wort offenbart. Diese Art Aufruf zum Gehorsam ist natürlich eine Form der Predigtanwendung.

Das Evangelium

Die Hauptbotschaft, die wir in jeder Predigt anwenden müssen, ist und bleibt das Evangelium. Manche unserer Zuhörer kennen die frohe Botschaft von Jesus noch gar nicht. Einige davon besuchen vielleicht schon seit Längerem den Gottesdienst – aber während der Predigt sind sie abgelenkt, nicken ein oder sie sind schlicht unaufmerksam. Sie müssen das Evangelium hören. Sie sind darauf angewiesen, dass du es ihnen mitteilst.

„Die Hauptbotschaft, die wir in jeder Predigt anwenden müssen, ist und bleibt das Evangelium.“
 

Andere haben die Wahrheit vielleicht schon gehört, verstanden und womöglich bereits angenommen. Doch sie merken, dass sie einige der Themen, die du in deiner Predigt ansprichst (oder voraussetzt), anzweifeln. Diese Menschen sind darauf angewiesen, dass du sie eindringlich aufforderst, der Wahrheit der frohen Botschaft von Christus Glauben zu schenken.

Und dann gibt es außerdem Menschen, die das Evangelium bereits gehört und auch verstanden haben, denen es aber widerstrebt, von ihren Sünden umzukehren. Sie haben vielleicht sogar die Wahrheit der Evangeliumsbotschaft angenommen, aber sie wollen ihre Sünden nicht aufgeben und Christus vertrauen. Die wichtigste Anwendung, die diese Menschen hören müssen, ist die Ermahnung: Hasse deine Sünde und flieh zu Christus! In jeder Predigt muss es uns darum gehen, das Evangelium anzuwenden, indem wir unsere Zuhörer darüber informieren, sie eindringlich aufrufen, Christus zu vertrauen und sie ermahnen, ihm zu gehorchen.

„Als Hörer des Wortes sind wir ganz persönlich dazu aufgerufen, unsere eigenen Herzen für das Wort zu öffnen und uns dieser Aufgabe hinzugeben. Das ist womöglich unsere allerwichtigste Anwendung.“
 

Wenn wir als Prediger Gottes Wort in unseren Predigten anwenden, sehen wir uns häufig mit folgender Situation konfrontiert: Es passiert immer wieder, dass eine Person, die in einem bestimmten Bereich Probleme hat, den Eindruck bekommt, dass du in deinen Predigten gar keine Anwendungen bringst, nur weil du nicht auf ihr konkretes Problem eingegangen bist. Haben sie recht? Nicht unbedingt. Obwohl es deinen Predigten gut tun kann, wenn du anfängst, häufiger und gründlicher auf jede dieser Kategorien einzugehen, ist es nicht falsch, wenn du dich an einem Sonntag nur an die Zuhörer richtest, die mehr Informationen brauchen, oder an die, die ermahnt werden müssen, sich von der Sünde abzuwenden, auch wenn dein Gesprächspartner sich diesem Anliegen nicht so bewusst ist.

Eine letzte Anmerkung: Sprüche 23,12 sagt: „[Öffne] dein Herz [für die] Unterweisung und neige deine Ohren zu den Worten der Erkenntnis.“ Als Hörer des Wortes sind wir ganz persönlich dazu aufgerufen, unsere eigenen Herzen für das Wort zu öffnen und uns dieser Aufgabe hinzugeben. Das ist womöglich unsere allerwichtigste Anwendung, die nächsten Sonntag der ganzen Gemeinde Gottes zugutekommen könnte.

Mark Dever ist der leitende Pastor der Capitol Hill Baptist Church in Washington, D. C. und der Vorsitzende von 9Marks.