Ein Loblied auf die Ehe

Das Hohelied

Artikel von Andreas Münch
10. September 2020 — 8 Min Lesedauer

Die Bibel – und insbesondere das Alte Testament – stehen in dem Ruf von einer Zeit zu berichten, in der es um die romantische Liebe zwischen Mann und Frau schlecht bestellt war. Die meisten denken vermutlich dabei sofort an ein streng patriarchales Weltbild, bei dem die Frau wenig im Alltag mitzusprechen hat. Selbst König David, der Mann nach dem Herzen Gottes, hielt sich einen Harem, hatte also mehrere Frauen.

Wir lesen in 1. Mose 2,21–25 wie Gott die Ehe einsetzte und der Mensch sich daran erfreute. Doch bereits im nächsten Kapitel lesen wir in 1. Mose 3,16 wie der Sündenfall auch die Ehe negativ beeinflusste.

Müssen wir deshalb schlussfolgern, dass es laut Bibel seit dem Sündenfall keine romantische Liebe mehr in der Ehe gibt und Sex nur noch als Mittel zum Zweck der Fortpflanzung dient? Gott sei Dank sind der Sündenfall und seine Konsequenzen nicht das letzte Wort Gottes, das er über die romantische Liebe in der Ehe spricht. Denn Gott gab uns ein kleines biblisches Buch, das ein Loblied auf die Freuden der irdischen Ehe singt – das Hohelied.

Worum geht es im Hohelied? Das Hohelied feiert die emotionale, romantische und sexuelle Liebe innerhalb der Ehe, die Gott gestiftet hat.

Das Hohelied ist aufgrund der poetischen Sprache nur schwer zu gliedern. Aber wenn es so etwas wie eine Formulierung gibt, die das Hohelied einteilt, dann wird sie vermutlich so lauten: „Weckt nicht, stört nicht auf die Liebe, bevor es ihr selber gefällt!“ (Hld 2,7; 3,5; 8,4). Das Hohelied betont, dass es einen guten und einen falschen Zeitpunkt für die Liebe geben kann. Dies bezieht sich sowohl auf emotionale als auch auf sexuelle Liebesbekundungen. Liebe braucht einen Schutzrahmen, damit sie sich dem Schöpfer entsprechend entfalten kann und damit sie uns erfreut, anstatt uns zu verletzen. Denn das Hohelied weiß, dass die Liebe von Gott kommt (vgl. Hld 8,6–7). Nur wenn wir seinen Maßstab annehmen, werden wir das tatsächliche Glück finden, das er in Dinge wie Liebe, Ehe, Sexualität, usw. hineingelegt hat.

Das Hohelied feiert die emotionale Liebe

Wer das Hohelied gelesen hat, dem wird aufgefallen sein, dass die beiden Liebenden – der Mann und die Frau – sich nicht mit Komplimenten zurückhalten und die Sehnsucht nach dem anderen ausdrücken. So sagt der Mann: „Siehe, schön bist du, meine Freundin. Siehe, du bist schön! Deine Augen leuchten wie Tauben hinter deinem Schleier hervor. Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, die vom Gebirge Gilead hüpfen“ (Hld 4,1), während die Frau sagt: „Mein Geliebter ist weiß und rot, hervorragend unter Zehntausenden. Sein Haupt ist feines, gediegenes Gold, seine Locken sind Dattelrispen, schwarz wie der Rabe“ (Hld 5,10-11). Diese Art, Komplimente zu machen, ist uns vermutlich nicht geläufig. Nicht immer erschließt sich uns der Sinn dahinter und wir können auch nicht nachvollziehen, wie das ein Kompliment sein kann. Aber wir sollten hierbei nicht das eigentliche Anliegen dahinter vergessen. Es geht in erster Linie darum, den emotionalen Liebestank des Partners aufzufüllen, indem wir ihm Komplimente machen.

„Wann hast du das letzte Mal deinem Partner ein Kompliment gemacht? Tust du es überhaupt regelmäßig, oder ist das etwas, das dir schwerfällt?“
 

Hier sind wir herausgefordert: Wann hast du das letzte Mal deinem Partner ein Kompliment gemacht? Tust du es überhaupt regelmäßig, oder ist das etwas, das dir schwerfällt?

Vielleicht sagst du: „Ich bin kein großer Poet.“ Das musst du auch nicht sein. Ich könnte meiner Frau auch nicht auf dieselbe Art und Weise Komplimente machen, wie es der Mann im Hohelied tut. Es muss zu einem passen, es darf nicht künstlich sein und muss einem ehrlichen Herzen entspringen. Vielleicht sagst du aber auch: „Ich finde keinen Grund, Komplimente zu machen.“ Keine Frage, Schönheit und Frische der Jugend vergehen mit der Zeit. Dennoch liegt Schönheit im Auge des Betrachters. Die Liebenden rühmen zwar in erster Linie die äußerliche Schönheit, doch die Bibel lehrt uns, dass es hauptsächlich auf die Schönheit des Charakters ankommt (vgl. Spr 31,30). Wenn es dir schwer fällt, deinem Ehepartner ein Kompliment zu machen, dann nimm dir etwas Zeit und denke einmal darüber nach, was du an deinem Ehepartner schätzt und wofür du dankbar bist. Ein weiterer praktischer Schritt könnte sein, Gott darum zu bitten, dass Er einem die Augen für die verborgenen Schönheiten des Ehepartners (erneut) öffnet.

Das Hohelied feiert die romantische Liebe

Um ihre Liebe zueinander auszudrücken, gebrauchen die Liebenden im Hohelied romantische Beispiele aus der ländlichen Umgebung:

„Mach dich auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm! Denn siehe, der Winter ist vorbei, die Regenzeit ist vorüber, ist vergangen. Die Blumen zeigen sich im Lande, die Zeit des Singens ist gekommen, und die Stimme der Turteltaube lässt sich hören in unserem Land“ (Hld 2,10–12).

„Komm, mein Geliebter, lass uns aufs Feld hinausgehen! Wir wollen unter Hennasträuchern die Nacht verbringen. Wir wollen uns früh aufmachen zu den Weinbergen, wollen sehen, ob der Weinstock treibt, die Weinblüte aufgegangen ist, ob die Granatapfelbäume blühen. Dort will ich dir meine Liebe schenken“ (Hld 7,12–13).

Die beiden Liebenden haben es sich gemütlich gemacht, sie verbringen Zeit zu zweit, ziehen sich zurück, machen Ausflüge in die Natur, usw.

Das Prinzip dahinter ist, dass es diese Zeit der Romantik in der Ehe geben muss. Erfahrungsgemäß fällt uns das vor der Heirat viel leichter als nach der Heirat. Denn still denkt man vielleicht: Das Ziel der Verabredungen ist ja erreicht. Doch zu einer gesunden Ehe gehören auch romantische Zeiten zu zweit. Diejenigen von uns, die verheiratet sind, sollten sich die Frage stellen: Wie ist es um unsere Romantik in der Ehe bestellt? Ich gebe zu, dass ich an diesem Punkt noch viel zu lernen habe, insbesondere jetzt, wo unsere Kinder die volle Aufmerksamkeit beanspruchen. Doch ich denke, dass die Gefahr relativ hoch ist, dass man sich in den Kinderjahren mehr und mehr auseinanderlebt, wenn man sich diese Zeit mit dem Ehepartner nicht nimmt. Wenn die Kinder dann irgendwann aus dem Haus sind, entsteht ein Vakuum, das oftmals mit Hobbys oder ähnlichem gefüllt wird. Im schlimmsten Fall hat man sich als Ehepaar soweit auseinandergelebt, dass man sich auf eine Affäre einlässt. Daher sollten Ehepaare sich bewusst Zeit füreinander nehmen, um die Beziehung frisch und lebendig zu erhalten.

Das Hohelied feiert die sexuelle Liebe

Dieser Aspekt sollte weder überbetont noch völlig ausgeklammert werden. Das Paar im Hohelied erfreut sich an der intimen Zweisamkeit. „Wie schön bist du, und wie lieblich bist du, Liebe voller Wonne! Dies ist dein Wuchs: Er gleicht der Palme und deine Brüste den Trauben. Ich sagte mir: ‚Ersteigen will ich die Palme, will nach ihren Rispen greifen. Deine Brüste sollen mir wie Trauben des Weinstocks sein und der Duft deines Atems wie Apfelduft und dein Gaumen wie vom würzigen Wein, der einem Liebhaber sanft eingeht, der über die Lippen der Schlafenden schleicht.‘ ‚Ich gehöre meinem Geliebten, und nach mir ist sein Verlangen‘“ (Hld 7,7-11). Gerade im Kontext der körperlichen Liebe ergeht an den Leser die Aufforderung: „Esst, Freunde, trinkt und berauscht euch an der Liebe!“ (Hld 5,1). Hier wird erstaunlicherweise das Bild eines Betrunkenen gebraucht – allerdings im positiven Sinne! Anders gesagt: Wenn ein Ehepaar intim wird, darf es ausgelassen sein und Freude daran haben. Sex ist ein Geschenk Gottes und er gebietet uns, dass wir diese Gabe nach seinen Vorstellungen genießen.

Auch hier sollten wir uns die Frage stellen, wie es um unsere intime Zweisamkeit in der Ehe bestellt ist. Erfahrungsgemäß empfinden Mann und Frau hier mitunter recht unterschiedlich und man sollte offen und ehrlich über Erwartungshaltung, Wünsche und Ängste sprechen. Während Komplimente und Romantik noch verhältnismäßig leicht aufrechterhalten werden können, kann die sexuelle Liebe in der Ehe aufgrund von Schwangerschaft, Krankheit und dem Älterwerden starken Veränderungen unterworfen sein. Gerade deshalb sollte man sich als Ehepaar von Zeit zu Zeit die Frage stellen: Kommen wir beide in dieser Hinsicht auf unsere Kosten und vor allem: fühlen wir uns ausreichend vom anderen geliebt?

„In erster Linie sind wir zur Gemeinschaft mit Gott geschaffen und selbst die beste Ehe wird unsere unruhigen Herzen nicht vollkommen zufriedenstellen können.“
 

Das Hohelied feiert die emotionale, romantische und sexuelle Liebe in der Ehe, dessen Gründer Gott ist. Die wahren Freuden der Ehe werden wir deshalb nur dann erleben, wenn wir Gott als ihren Erfinder, und die von Ihm gesetzten Grenzen anerkennen. Die Liebe in der Ehe besteht nicht nur aus emotionaler Geborgenheit, nicht nur aus Romantik und nicht nur aus Sex – jeder Aspekt muss gleichermaßen zum Tragen kommen.

Gott gab uns die Ehe mit all ihren Facetten, damit wir dadurch seine Güte und Freundlichkeit sehen und Ihn dafür preisen können, denn wir Menschen sind prinzipiell auf Gemeinschaft hin erschaffen. Doch in erster Linie sind wir zur Gemeinschaft mit Gott geschaffen und selbst die beste Ehe wird unsere unruhigen Herzen nicht vollkommen zufriedenstellen können. Das kann nur Gott allein. Doch mit der Ehe hat Er uns gewissermaßen einen irdischen Vorgeschmack auf die Freude gegeben, die wir in der ungetrübten Gemeinschaft mit unserem Schöpfer erleben werden.

Andreas Münch ist mit Mirjam verheiratet. Sie haben drei Söhne. Seit dem er sein Theologiestudium beendet hat, ist Andreas Mitarbeiter bei der Herold-Mission und verantwortlich für den Herold-Blog.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift Herold, 6/2020, Nr. 6 (762), S. 5-7. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.