Die Brüder und die Lehren der Gnade

Rezension von Florian Gostner
2. September 2020 — 8 Min Lesedauer

„Calvinistische Heilslehre und die Brüder – wie passt das zusammen?” - Diese Frage war meine erste verwunderte Reaktion auf den Titel des Buches von Mark R. Stevenson, das 2019 in deutscher Sprache erschienen ist. Dass mancher Leser von den Thesen und Ergebnissen des Buches verwundert sein wird, kündigt bereits dessen englischer Originaltitel The Doctrines of Grace in an Unexpected Place an. Und tatsächlich überrascht der Autor sowohl reformierte Kritiker der Brüderbewegung, welche annehmen, der Dispensationalismus führe unweigerlich zum Arminianismus, als auch Vertreter der heutigen Brüderbewegung selbst, die zusammen mit anderen Evangelikalen in reformierten (d.h. calvinistischen) Lehren eine Bedrohung sehen.

Karikaturen des Calvinismus korrigieren

Indem der Autor auf biografische Weise untersucht, wie die führenden Persönlichkeiten der Brüderbewegung zu den fünf Punkten calvinistischer Heilslehre standen, bringt er den Beweis dafür, dass die ersten Vertreter jener in der 1820er-Jahren in Irland entstandenen Bewegung durchwegs calvinistisch geprägt waren.

„Diese Untersuchung macht deutlich, dass leidenschaftliche Evangeliumsverkündigung und reformierte Heilslehre kein Widerspruch sind.“
 

Entgegen gegenwärtiger anti-calvinistischer Stimmungen und mancher unglücklichen Karikatur des Calvinismus (z.B. jener eines lieblosen Gottes, der Urheber der Sünde ist, Menschen zum sündigen zwingt oder zur Verdammung vorherbestimmt) macht diese Untersuchung von Schriften, Predigten und Traktaten der ersten Brüder deutlich, dass leidenschaftliche Evangeliumsverkündigung und reformierte Heilslehre kein Widerspruch sind, sondern vielmehr Hand in Hand gehen.

Eine lange Debatte über göttliche Souveränität und menschliche Verantwortung

Bevor die Brüder-Autoren selbst durch zahlreiche Zitate und Verweise zu Wort kommen, zeigt der Autor auf, wie sich die Debatte über das Verhältnis von Gottes Souveränität zu menschlicher Verantwortung in der Errettung vom beginnenden Untergang des Calvinismus 1660 bis ins 19. Jahrhundert, in dem die arminianische Theologie in Großbritannien zur Mehrheitsmeinung geworden war, entwickelte. Zu jeder Zeit gab es ein breites Spektrum an Ansichten innerhalb des Calvinismus. Im 19. Jahrhundert traten seine verbleibenden Vertreter indes in einer gemäßigten Form hervor und distanzierten sich noch klarer vom Hyper-Calvinismus und der Verwerfungslehre, sowie vom Antinomismus (eine Lehre, die das alttestamentliche Gesetz grundsätzlich ablehnt, Anm. der Red.) und mitunter sogar von der begrenzten Sühne.

Die Brüder verkündeten den „völligen Ruin des Menschen“

Doch wie dachten die Brüder über den freien Willen? Wie bereits die Reformatoren (Luther, Calvin, Zwingli, Bucer), war auch John Nelson Darby „unnachgiebiger Calvinist“ und lehrte die völlige Verderbtheit des Menschen, wenngleich er sie lieber als den „völligen Ruin des Menschen“ bezeichnete. Auch William Kelly mied die Bezeichnung „Calvinismus“. Dennoch kann seine Soteriologie nur als calvinistisch bezeichnet werden. Auch Charles Henry Mackintosh hielt daran fest, dass der Mensch sich nicht ohne Gott für Gott entscheiden kann, bemühte sich jedoch, die Ausgewogenheit zwischen Gottes Allmacht und der Verantwortung des Menschen zu wahren. Es folgen noch weitere Belege von zahlreichen exklusiven und offenen Brüder-Autoren (wie etwa Georg Müller) und ihren Evangelisten (darunter Charles Stanley und Andrew Miller, die trotz calvinistischer Soteriologie das Evangelium uneingeschränkt allen Menschen predigten). Die einzige Ausnahme von dieser Norm calvinistischer Anthropologie (d.i. die Lehre vom Menschen) in der gesamten Brüderbewegung ist Alexander Marshall, dessen Arminianismus von außen in die Brüderbewegung hineinkam.

Die Brüder lehrten die Vorherbestimmung

Nach dem selben Schema wendet sich der Autor dann der Lehre der Vorherbestimmung zu: Wieder beginnt er bei Darby; wieder folgen – teilweise dieselben schon zuvor genannten – Zitate zahlreicher Vertreter der Bewegung; wieder gibt es beim einen deutliche, beim anderen weniger klare Indizien einer calvinistischen Heilslehre; wieder ist Marshall die Ausnahme; und wieder wird offensichtlich: die Brüder des 19. Jahrhunderts lehrten und verteidigten die Lehre der Prädestination, was nicht verwundert, stellen die fünf Punkte des Calvinismus doch ein geschlossenes und stringentes System dar.

Weil die Brüder generell als strikte Biblizisten vorgingen, anstatt sich theologischen Systemen anzuschließen, wurde auch die Frage der Prädestination nicht anhand von Theologen (wie Calvin oder anderen) behandelt, sondern anhand der Schrift. Dennoch landeten Darby und Co. bei der calvinistischen Prädestinationslehre, die etwa John Gifford Bellett mit bewunderndem Staunen, als „Freudenquelle und Ermutigung” oder Georg Müller als „kostbare Wahrheit“ darstellten, während sich die Autoren und führenden Männer von hyper-calvinistischen Lehren (wie der bedingungslosen Verwerfung ohne Bezug zur Sünde) klar distanzieren. Darum kann Stevenson die Position der Brüder so zusammenfassen:

„Verwerfung wird in der Schrift nicht gelehrt; diese Lehre ist das Produkt menschlicher Schlussfolgerung. Menschen gehen nicht verloren, weil Gott sie zu diesem Geschick vorherbestimmt hätte, sondern aufgrund ihrer eigenen Sünde und ihre Zurückweisung der Liebe und Gnade Gottes in Christus.“ (S. 276)

Die Brüder betrachteten das Kreuz differenziert

Über das Kreuz – und damit das Zentrum evangelikaler Lehre – und die Reichweite des Sühnetods Christi lassen sich nuancierte Positionen finden, die sicher nicht dem Arminianismus, jedoch auch nicht dem typischen Calvinismus entsprechen:

„Während sie einen universalen Aspekt des Sühnungswerks beibehielten, lehnten sie es doch durchweg ab, dass Christus am Kreuz die Sünden der Ungläubigen getragen habe – ein Kennzeichen der arminianischen Position. Außerdem waren sie nicht bereit, einem Ungläubigen – ob Mann oder Frau – zu sagen, Christus sei konkret für seine Sünden gestorben.“ (S. 328)

Was muss ich tun, um errettet zu werden?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, untersucht der Autor zuerst die Kritiker der Brüder und dann die Brüder selbst zu deren Verständnis von rettendem Glauben, Buße und Heilsgewissheit. Während ihre Gegner die Positionen der Brüder oft falsch darstellten, lehrten die Brüder sehr wohl die Notwendigkeit von Glauben und Buße für die Errettung und verstanden die Heilsgewissheit – wie zuvor Calvin – als wesentlichen Bestandteil des Glaubens. Manche von ihnen schossen in der Betonung der objektiven Aspekte auch über das Ziel hinaus und taten jede subjektive Erfahrung der Heilsgewissheit als irrelevant ab. Wenngleich es auch unter den Brüdern theologische Eigenheiten und Abweichungen gab, so waren ihre Lehren in dieser Frage grundsätzlich jedoch nicht weit von Calvins eigenen Positionen entfernt.

Fazit: Die unsystematischen, biblizistischen, evangelistischen Brüder

Die Erkenntnisse der Untersuchung brüderlicher Soteriologie fasst Stevenson selbst in drei Zügen zusammen:

  1. Die Brüder des 19. Jahrhunderts lehnten Theologische Systeme und Glaubensbekenntnisse aus Prinzip ab und bezeichneten sich darum – obgleich ihrer großen Übereinstimmung mit calvinistischen Lehren – auch nicht als „Calvinisten“.
  2. Sie verpflichteten sich entschieden und ausschließlich der Autorität der Bibel, ohne zu versuchen, ihre Teile miteinander zu harmonisieren oder ihre Geheimnisse durch menschliche Vernunft aufzulösen.
  3. Entgegen der verbreiteten Annahme, der Calvinismus führe zu Passivität in puncto Evangelisation, waren die Brüder trotz des Festhaltens an der Souveränität Gottes auch leidenschaftliche und unermüdliche Evangelisten.

Das Buch liest sich eher wie eine akademische Arbeit, was daran liegen mag, dass es tatsächlich eine Dissertation ist. So erklären sich auch die 50-seitige Bibliografie oder die stolze Anzahl von 1518 Fußnoten. Es scheint, als hätte der Autor die ausführlichen Analysen bekannter und kaum bekannter Brüder-Autoren noch um elementare und einfach verständliche Erklärungen und Definitionen calvinistischer Lehren erweitert, um das Endergebnis einer breiteren Leserschaft zugänglich zu machen. Es bleibt abzuwarten, wie viele Leser sich an die Lektüre dieses 480-Seiten starken Buches machen, doch Stevenson ist es mit Die Brüder und die Lehren der Gnade gelungen, eine Lücke zu schließen in der Untersuchung der Brüder, die sich bislang vermehrt auf ihre Ekklesiologie (d.i. die Lehre von der Gemeinde) und ihre Eschatologie (d.i. die Lehre von den letzten Dingen) konzentrierte.

Das Ergebnis ist für den heutigen Leser sowohl erfreulich als auch herausfordernd. Erfreulich deswegen, weil die Brüder des 19. Jahrhunderts trotz ihrer Ablehnung des Calvinismus als theologischem System und mit der reinen Auslegung der Bibel bei ganz ähnlichen theologischen Überzeugungen landeten, wie sie in der reformierten Theologie heute gelehrt werden. Herausfordernd, weil die historische Betrachtung verdeutlicht, wie manche theologischen Fragen, die man heute gerne sauber in zwei entgegengesetzte (oder mehrere) Positionen aufteilt, mitunter nicht so klar und deutlich abzubilden sind. Beides ermutigt, theologische Fragen nicht mit Büchern, Theologen und Glaubensbekenntnissen, sondern zuerst mit der Bibel selbst als tatsächlich (nicht nur theoretisch) höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und Lebens zu beantworten. Und überhaupt erinnern die Brüder des 19. Jahrhunderts uns daran, dass Theorie und Praxis zusammengehören und dass die klarste und bibeltreuste Lehre vom Heil nichts nützt, wenn sie nicht zur Verkündigung vom Heil und damit zur Evangelisation führt.

„Die Brüder des 19. Jahrhunderts erinnern uns daran, dass Theorie und Praxis zusammengehören und dass die klarste und bibeltreuste Lehre vom Heil nichts nützt, wenn sie nicht zur Verkündigung vom Heil und damit zur Evangelisation führt.“
 

Im 20. und 21. Jahrhundert sind Brüdergemeinden eher für ihre dispensationalistische Theologie und ihre Ablehnung des Calvinismus bekannt. Wider Erwarten findet man die Lehren der Gnade jedoch tatsächlich an einem unerwarteten Platz: bei den Brüdern des 19. Jahrhunderts.

Buch

Mark R. Stevenson. Die Brüder und die Lehren der Gnade. Wie stand die Brüderbewegung des 19. Jahrhunderts zur calvinistischen Heilslehre? CLV, Bielefeld, 2019, 480 S., 16,90 Euro.

Florian Gostner hat Gott in Neuseeland kennen, fürchten und lieben gelernt. Seither liest, liebt und verkündigt er Gottes Wort. Deshalb absolvierte er eine dreijährige Prediger-Ausbildung in Zürich und ein Theologiestudium am Martin Bucer Seminar in München. Er lebt mit seiner Frau und drei (bzw. bald vier) Töchtern im österreichischen Vorarlberg und arbeitet hauptberuflich für die Freie Evangelikale Gemeinde Feldkirch sowie für Langham Österreich.