Unter Muslimen Jesus als Sohn Gottes verkündigen?

Artikel von Elliot Clark
31. August 2020 — 8 Min Lesedauer

Im Gespräch mit Muslimen gibt es einige Fragen, die Christen ziemlich regelmäßig zu hören bekommen. Manche dieser Fragen sind so explosiv, dass ich sie zugegebenermaßen gerne vermeiden möchte. Ich wurde zum Beispiel mehrfach danach gefragt, ob ich die militärische Invasion des Westens im Mittleren Osten unterstütze. Ähnlich schwierig und endlos ist die Frage der Muslime danach, was Christen von Mohammed halten. Diese und weitere Fragen können schnell vom Evangelium ablenken und potentielle Gespräche im Keim ersticken.

Doch es gibt eine Frage, bei der ich nicht sofort versuche, sie zu umgehen: „Glaubst du, dass Jesus der Sohn Gottes ist?“ Ja, diese Frage gleicht einer Landmine. Muslime stellen sie in dem Wissen, dass unsere Antwort für sie provokativ sein kann. Der Islam lehnt die Trinitätslehre scharf ab und verteidigt die absolute Einheit Allahs. Zu sagen, dass Gott einen Sohn hat, leugnet in ihren Augen den Monotheismus und ist demnach Gotteslästerung (oder shirk).

Aber genau deswegen können wir das heikle Thema der Sohnschaft Jesu nicht übergehen. Wenn Muslime danach fragen, dann ist eine klare Antwort angebracht. Unsere Antwort ist eng verknüpft mit der gesamten christlichen Sicht auf Gott und das Evangelium – schlussendlich betrifft sie jeden Bereich des christlichen Lebens.

Wer den Sohn hat, der hat das Leben

„Wer den Sohn hat, der hat das Leben“ (1Joh 5,12). Das sind nicht einfach nur Worte des Apostels Johannes; wir glauben, dass das die Worte Gottes an uns sind. Auf diese Weise hat er das ewige Leben definiert: dass wir den wahren Gott, und den, den er gesandt hat, erkennen (Joh 17,3).

Gottes Selbstoffenbarung ist der Grund, warum wir Jesus den „Sohn“ nennen. Der Mensch hat sich diesen Begriff nicht selbst ausgedacht. Der Engel Gabriel verkündete diese Bezeichnung Jesu vor seiner Geburt (Lukas 1,32), und Dämonen erkannten den Mann aus Nazareth eindeutig als den Sohn Gottes des Höchsten (Lukas 8,28). Später inspirierte Gott als der Heilige Geist die Apostel, auf diese Weise über Jesus zu schreiben, so provokativ es auch sein mag.

„Im streng monotheistischen Kontext des Judentums bezeichnete sich Jesus absichtlich als Sohn Gottes.“
 

Am bedeutendsten ist jedoch, dass Jesus selbst so über sich sprach (Joh 10,36; siehe auch 11,4). Im streng monotheistischen Kontext (der vielleicht sogar strenger war als im heutigen Islam) des Judentums bezeichnete sich Jesus absichtlich als Sohn Gottes. Er bestand darauf, dass er als solcher verstanden wurde, und sprach ständig von seiner einzigartigen Beziehung zum Vater – obwohl er wusste, dass ihm dafür die Steinigung drohte.

Natürlich hätte Jesus dieses heikle Thema auf Zehenspitzen umgehen können, ohne die Dreieinigkeit zu leugnen. Vielleicht scheint es für uns so, als hätten ihm einige kluge Berater gefehlt, um seine Botschaft zu optimieren. Doch als Jude wusste Jesus zweifellos, dass es mehr als nur ein Tabubruch war, wenn er seine einzigartige Sohnschaft offenbarte. Trotzdem tat er es. „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30). Das muss eine harte Ohrfeige für jeden Juden gewesen sein.

Ich nehme an, dass es sich auch wie eine Ohrfeige für Jesus anfühlt, wenn wir ihn als Sohn verleugnen. Wenn wir heute den Diskussionen mit unseren muslimischen Nächsten aus dem Weg gehen wollen oder das Christentum vor dem Vorwurf, eine patriarchalische Religion zu sein, schützen wollen, scheint es so naheliegend, „Vater“ und „Sohn“ als Begriffe für Gott zu vermeiden. Wir dürfen uns jedoch nicht für Jesus schämen, auch wenn die Frage zu einem hitzigen Streit führen kann. Wir müssen der Versuchung aus dem Weg gehen, den Mann aus Galiläa als etwas anderes als den Sohn Gottes, die zweite Person der Dreieinigkeit, zu beschreiben. Denn zu leugnen, was Jesus bekräftigte (indem er sein Leben dafür riskierte und letztendlich damit bezahlte), bedeutet, das Leben selbst zu leugnen.

Jesus sagte, dass unser Verleugnen dazu führen wird, dass er uns verleugnet (Mt 10,33). Wir müssen uns mit dieser Zusicherung abfinden. Den Sohn zu leugnen ist kein alternativer Weg; es bedeutet, dass wir uns auf dem falschen Weg befinden. Wenn den Sohn haben bedeutet, das Leben zu haben, dann ist es der Tod, den Sohn zu verlassen. Später formulierte Johannes denselben Gedanken etwas anders. Den Sohn zu leugnen, sagte er, ist der Geist des Antichristen. Dieser Geist ist schon jetzt in der Welt (1Joh 2,22–23).

Die Gefahr, dem Sohn auszuweichen

Mir fällt keine passendere Beschreibung für einen Gläubigen mit muslimischem Hintergrund ein, der versucht ist, den Sohn aus Angst vor dem Tod zu leugnen. Oder für den Missionar, der seinen Aufruf so gestalten möchte, dass er keinen Zuhörer oder Freund verliert. Oder für diejenigen, die in einem muslimischen Umfeld arbeiten und das Wort Gottes auf eine Weise übersetzen möchten, die niemanden beleidigt oder abschreckt. Oder sogar für moderne westliche Menschen, die sich davor scheuen, ausschließlich männliche Begriffe für Gott zu verwenden.

Es ist bemerkenswert, dass die biblischen Autoren nicht davor zurückschreckten, von Jesu Sohnschaft zu sprechen – obwohl sie wussten, dass es in ihrem Umfeld falsch interpretiert werden kann, sei es von den monotheistischen Juden oder von den Griechen, die an die Verehrung von Halbgöttern gewöhnt waren. Die biblischen Autoren haben sich nicht für etwas Einfacheres oder weniger Polarisierendes entschieden. Und wir sollten auch nicht davon ausgehen, dass es sich bei der Verwendung des Begriffs „Sohn“ nur um eine etwas nachlässige religiöse Insider-Sprache handelte. Nein, sie erkannten die Kühnheit hinter Jesu Anspruch auf den Titel des Sohnes Gottes – und die blutigen Folgen einer solchen Aussage. Die Wendung „Jesus, Sohn Gottes“ auszusprechen, war in den Augen der Juden eine Gotteslästerung und in den Augen der Römer ein Herrschaftsanspruch, so wie es auch heute in der muslimischen Welt wahrgenommen wird.

Offenbar wählten die biblischen Schreiber diesen Begriff absichtlich – sie waren sich bewusst, was er über Gottes Wesen aussagt und für das christliche Leben bedeutet. Sie verwendeten ihn theologisch, um eine bestimmte Bedeutung zu kommunizieren und indem sie an das Thema der Sohnschaft anknüpften, wie es sich in der Handlung der Schrift bereits entfaltet hatte. Beginnend mit Adam, über Evas Samen und den Nachkommen Abrahams, vom Volk Israel bis zum typischen König in der Linie Davids. Jeder war ein Sohn und eine Vorschattung des Sohnes, der einst in Bethlehem geboren werden würde.

Doch Jesus wurde nicht einfach „Sohn“ genannt, weil er ein männliches Kind war, das von Maria geboren wurde. Muslime verstehen das schnell falsch. Der Sohn, der laut Jesaja gegeben wurde, heißt auch „starker Gott“ (Jes 9,5). An mehreren Stellen führt die Schrift zu der Erkenntnis, dass dieser Junge schon von Geburt an selbst Gott war, der ewige Sohn aus dem Schoß des Vaters (Joh 1,18). Diese Beschreibung familiärer Vertrautheit vermittelt uns ein Bild von der liebevollen trinitarischen Beziehung, die für unser Zeugnis in Bezug auf den christlichen Gott von zentraler Bedeutung ist. Gleichzeitig deutet die Terminologie „Sohn“ mit einem einfachen Wort auf die doppelte Realität der Unterscheidung und des Einsseins innerhalb der Dreieinigkeit hin, die das Johannesevangelium von Anfang an betont.

Johannes erweitert unser Verständnis der Sohnschaft noch um einen weiteren Aspekt: Die Beziehung Jesu zum Vater soll ein Prototyp der Beziehung des Gläubigen zum himmlischen Vater sein. Wir nennen denjenigen Bruder, der Gott Vater genannt hat. Als solcher ist der Gott und Vater unseres Herrn Jesus (ein Satz, der sowohl von Paulus als auch von Petrus verwendet wird) auch als der unsere zu sehen. Unser Leben spiegelt das unseres älteren Bruders wider, stets in der Abhängigkeit von und im Gehorsam gegenüber dem Willen unseres gemeinsamen Vaters.

Das bedeutet, dass diejenigen, die das Thema der Sohnschaft zu umgehen versuchen – sei es aus Rücksichtnahme auf die Empfindlichkeiten derjenigen, die Wert auf gegenderte Sprache legen, oder auf diejenigen, die den islamischen Monotheismus verteidigen –, einer biblischen Sicht auf das normale christliche Leben großen Schaden zufügen. Das Konzept der Sohnschaft ist kein Thema, das nur verstaubte Debatten im Elfenbeinturm der Gelehrten beträfe. Es geht dabei auch nicht nur um die theologische Frage der Formulierung der Trinität. Es hat etwas mit dem alltäglichen Christsein zu tun.

„Wir können nicht – und wir dürfen nicht – ‚Sohn Gottes‘ in einen anderen Titel umformulieren (auch nicht in einen biblisch korrekten).“
 

Jesus als Sohn zu verstehen bedeutet, die geistliche Adoption des Gläubigen, die Beziehung zu Gott als himmlischem Vater, ihre Auswirkungen auf unseren Gehorsam als Söhne, die Bruderschaft der Heiligen, das Privileg des kindlichen Gebets sowie die Gabe unseres Erbes und die damit verbundenen Rechte zu verstehen. Es bedeutet, den christlichen Glauben zu verstehen.

Freu dich über das Geschenk des Sohnes

Aus diesem Grund wäre es ein schwerwiegender Fehler, im Gespräch die herausfordernde Frage nach der Sohnschaft Jesu zu umgehen oder die Diskussion ganz zu beenden. Wir können nicht – und wir dürfen nicht – „Sohn Gottes“ in einen anderen Titel umformulieren (auch nicht in einen biblisch korrekten). Wir würden dadurch die Worte Gottes manipulieren. Wir würden unsere Empfindlichkeiten über Gottes Selbstoffenbarung stellen. Wir würden den ewigen Charakter der Dreieinigkeit und die innertrinitarischen Beziehungen verzerren. Wir würden das Zeugnis der Bibel umdeuten. Und als ob das nicht genug wäre, würde auch ein neuer Gläubiger daran gehindert, die biblische Typologie und die Entwicklung der Offenbarung schätzen zu lernen. Letztendlich kann das sein Wachstum bremsen, weil es ihm den Glauben an Jesus als Bruder und Gott als Vater vorenthält.

Wir dürfen dieser Frage also nicht ausweichen, sondern müssen bereit sein, eine Antwort zu geben, die die Herrlichkeit des Sohnes, unseres Erlösers, bezeugt. Weil uns ein Kind geboren wurde, wurde uns ein Sohn gegeben. Und für dieses Geschenk muss man sich nicht schämen.

Elliot Clark (M.Div., The Southern Baptist Theological Seminary) lebte einige Zeit mit seiner Frau und seinen Kindern in Zentralasien, wo er in der kulturübergreifenden Gemeindegründung tätig war. Derzeit bildet er mit Training Leaders International lokale Gemeindeleiter im Ausland aus.