Gemeinde Im Trend

Finding the Right Hills to Die On

Rezension von Timon Kubsch
28. August 2020 — 5 Min Lesedauer

Wo immer Christen zusammentreffen, gibt es unterschiedliche theologische Lehrmeinungen, ob innerhalb der eigenen Ortsgemeinde, dem Gemeindeverband oder dem örtlichen Allianztreffen. Doch wie gehen wir richtig mit unterschiedlichen theologischen Meinungen um? Um welche Lehren lohnt es sich zu kämpfen und um welche nicht? Wie entscheiden wir, ob die Einheit in der Lehre oder die Einheit der Gemeinde wichtiger ist? Mit wem kann ich das Abendmahl feiern und mit wem nicht? Und warum nicht? Diese zutiefst praxisnahen Fragen stellt Gavin Ortlund in seinem Buch Finding the Right Hills to Die On (dt. etwa „Die richtigen Hügel finden, auf denen es sich lohnt, bis zum Tod zu kämpfen“).

Ortlund plädiert dabei für die Anwendung einer theologischen Triage – ein Gedanke, den er von Albert Mohler übernimmt und weiterentwickelt.1 In ihrem Ursprung ist die Triage eine medizinische Methode, die einem Arzt unter Zeitdruck bei der Entscheidung hilft, welcher Patient zuerst behandelt werden soll. Auf die theologische Ebene übertragen bedeutet dies: Welche Lehrfragen sind von höherer Bedeutung und welche sind eher zu vernachlässigen? Für diese Priorisierung schlägt er vier Kategorien vor, die helfen sollen zu entscheiden, um welche Lehrfragen man bis zum Ende streiten sollte und um welche nicht.

  1. Essenzielle Lehren für das Evangelium

  2. Wichtige Lehren für die Praxis der Gemeinde

  3. Wichtige theologische Lehren, die aber keine Spaltung rechtfertigen

  4. Unwichtige Lehren für unser Zeugnis als Christen und den Dienst der Gemeinde

„Die Einheit der Gemeinde ist für den Missionsauftrag daher enorm wichtig – sie ist Zeugnis von Christus – und sollte nicht für nebensächliche Lehrfragen zerstört werden.“
 

Die Lehren der ersten Kategorie sind für ihn nicht verhandelbar und daher von höchster Bedeutung für das Leben als Christ, da sie sich um das Evangelium drehen (z.B. Trinitäts- oder Sündenlehre). Die zweite Kategorie beinhaltet Lehren, die wichtig sind, aber von Gemeinden unterschiedlich aufgefasst werden. Sie entscheiden nicht darüber, ob man Christ ist, sondern wie man sein Christsein auslebt (z.B. Taufe oder Abendmahl). Hier geschehen vermutlich auch die meisten Spaltungen. Lehren der dritten Kategorie können wichtige theologische Fragen sein, die aber keine Spaltung rechtfertigen (z.B. Alter der Erde oder das Millennium). In die letzte Kategorie gehören Fragen, die eher unwichtig sind (z.B. Auswahl der Musikinstrumente für den Gottesdienst). Mit dieser Einteilung will Ortlund nicht aussagen, dass manche Lehren an sich völlig unwichtig sind, sondern dass sie für unseren Auftrag als Christen nicht so wichtig sind wie andere. Mehrfach betont er, wie essenziell die Einheit der Gemeinde in Gottes Augen ist. Jesus betet in Johannes 17,21 darum, dass seine Jünger eins sein sollen, wie er und sein Vater eins sind, damit die Welt glaubt, dass er vom Vater gesandt ist. Die Einheit der Gemeinde ist für den Missionsauftrag daher enorm wichtig – sie ist Zeugnis von Christus – und sollte nicht für nebensächliche Lehrfragen zerstört werden.

„Wer über die rechte Lehre diskutiert, braucht Demut im Umgang mit dem Nächsten und Demut im Umgang mit dem Wort Gottes.“
 

Die Struktur dieses relativ kurzen Buches ist simpel gehalten. Ortlund beginnt mit einer Erklärung, warum die Methode der theologischen Triage notwendig ist, indem er vor zwei gefährlichen Tendenzen im Diskurs um die rechte Lehre warnt. Einerseits warnt er vor einer doktrinären Engstirnigkeit, bei der um jede Lehre bis zur Spaltung hin gestritten wird, andererseits vor einer dogmatische Belanglosigkeit, bei der man sich, um der Einheit willen, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigt - frei nach dem Motto: „Hauptsache wir glauben alle an Jesus.“ Es folgt ein kurzer Einblick in die persönlichen Erfahrungen des Autors, wobei er sehr offen und ehrlich zeigt, wie schwer es ist, weise Entscheidungen zwischen diesen beiden Extremen zu treffen. Im zweiten Teil des Buches widmet er sich dann der praktischen Anwendung der Triage und erklärt, warum man für Lehren der ersten Kategorie einstehen und kämpfen sollte, warum zweitrangige Lehren so oft Spaltungen verursachen und warum drittrangige Lehren keine Spaltungen rechtfertigen. Dabei geht es dem Autor nicht darum, den Leser von seinen theologischen Ansichten zu überzeugen, sondern für die Unterscheidung zu sensibilisieren, ob eine bestimmte Lehre wichtiger als die Einheit der Gemeinde ist. Das Buch endet mit einem Aufruf zur Demut. Wer über die rechte Lehre diskutiert, braucht Demut im Umgang mit dem Nächsten und Demut im Umgang mit dem Wort Gottes. Ortlund behauptet sogar:

„Das größte Hindernis für die theologische Triage ist nicht ein Mangel an theologischen Fähigkeiten oder Geschick, sondern ein Mangel an Demut.“

Es braucht wahre Demut, um bei einer theologischen Auseinandersetzung in Liebe für die Wahrheit einzustehen. So eine Haltung gefällt Gott (Jes 66,2).

Dieses kleine Buch mit seinen gerade einmal 152 Seiten leistet einen wichtigen Dienst. Ortlund spricht ein Thema an, dass wohl für alle Christen und für jede Gemeinde relevant ist: Wie gehen wir mit unterschiedlichen theologischen Meinungen um? Dabei schafft er es, durch die demütige Anwendung der theologischen Triage eine gute Mitte zu finden. Er betont einerseits die Wichtigkeit der Einheit unter Christen, indem er deutlich macht, dass es nicht nur darum geht, für die Wahrheit zu kämpfen, sondern auch darum, wie wir kämpfen. Andererseits macht er deutlich, dass niemandem geholfen ist, wenn wir theologische Differenzen ignorieren oder unter den Teppich kehren. Dadurch kann keine echte Einheit entstehen. Ortlund bietet mit diesem Buch keine einfachen oder allgemeingültigen Lösungen für spezifische Lehrstreitigkeiten, vielmehr bringt er den Leser zum Nachdenken darüber, wie er selbst mit theologischen Meinungsunterschieden umgehen sollte. Es ist ein Buch, dass nicht für Akademiker, sondern für jeden Christen geschrieben wurde, dem die gesunde Lehre und die Einheit der Gemeinde am Herzen liegt. Dementsprechend ist das Englisch auch gut verständlich. Ich kann dieses Buch daher jedem wärmstens ans Herz legen, der sich von der englischen Sprache nicht abschrecken lässt. Es bietet wichtige Impulse zum Weiterdenken.

Ich schließe mich somit der Hoffnung des Autors an, dass dieses Buch dazu beiträgt, die rettende und frohe Botschaft unseres Erlösers Jesus Christus durch eine gestärkte und vereinte Christenheit zu verkündigen.

Buch

Gavin Ortlund. Finding the Right Hills To Die On. The Case for Theological Triage. Crossway, Wheaton, Illinois, 2020, 176 S., ca. 15,00 Euro


Timon Kubsch ist mit Angelina verheiratet. Derzeit studiert er am Martin Bucer Seminar in München, um sein Theologiestudium abzuschließen. Daneben arbeitet er als Trainee in der FeG München-Ost, um sich auf den pastoralen Dienst vorzubereiten.