Vertrautheit wagen

Rezension von Ron Kubsch
18. August 2020 — 5 Min Lesedauer

Das Thema Homosexualität ist in der Kirche seit Jahren ein Dauerbrenner. Ed Shaw hat für sich selbst und andere einen Umgang mit der Frage gefunden, der theologisch konservative und revisionistische Christen zugleich herausfordert. Der Autor hält nämlich einerseits daran fest, dass gelebte Homosexualität Sünde ist. Gleichzeitig gesteht er manchen Christen zu, homoerotisch zu empfinden. Einige müssen – so seine These – gleichgeschlechtliche Anziehungskraft akzeptieren und sie zugleich einem Heiligungsprozess aussetzen. Sie haben demzufolge zölibatär zu leben. Die größte Hilfe, die Gott ihnen neben seinem Geist dafür anbietet, sind Gemeinden, die bereit sind, ihre Strukturen radikal für betroffene Geschwister zu öffnen. Wenn sich Gemeindeleben wie eine Familie anfühlt und Christen mit gleichgeschlechtlicher Orientierung als Mitglieder geliebt und einbezogen werden, können Betroffene mit ihren Herausforderungen fertig werden.

Shaw sensibilisiert die Leser zum Einstieg anhand einiger Beispiele. Da ist etwa Peter. Seit Beginn seiner Pubertät fühlt er sich zu anderen Männern hingezogen. Er hoffte, es sei nur eine Phase. Doch die Anziehung ist geblieben – trotz vieler Gebete und größter Anstrengungen, „auf Mädchen zu stehen“. „Er ist zu einem Experten darin geworden, Heterosexualität vorzutäuschen. In der Jugendgruppe ringt er allerdings darum, die Aufmerksamkeit einiger Mädchen von sich abzulenken und gleichzeitig nicht zu viel eigene Aufmerksamkeit auf andere junge Männer zu richten“ (S. 13). Das Einzige, was er in der Gemeinde über Homosexualität gehört hat, ist, dass sie falsch ist. Konkrete Hilfen dafür, mit seinen Gefühlen umzugehen und seinen Wunsch nach Sex zu kultivieren, erhält er nicht. Im Gegenteil. Er hört in seiner Jugendgruppe und in der Gemeinde sehr viel darüber, wie wunderbar der Sex doch sei. Hinzu kommen die vielen Impulse aus den Zeitschriften und TV-Sendungen, die ihm sagen, er solle seinen Gefühlen folgen. Und als ob das noch nicht genug wäre, erfährt er noch von Leuten wie Steve Chalke oder Rob Bell, die sendungsbewusst die Überzeugung verbreiten, es gefalle Gott, auf Treue hin angelegte schwule, sexuelle Beziehungen zu pflegen. Menschen wie Peter kommen auf diese Weise schnell in die Versuchung, in Sachen schwuler Lebensstil nachzugeben. Viele denken irgendwann: „Was die Bibel fordert, ist in der heutigen Welt einfach nicht machbar“ (S. 21).

Shaw will deshalb Gemeinden zum Umdenken anregen. „Wenn ein Christ mit gleichgeschlechtlicher Orientierung eine schwule Identität und den dazugehörigen Lebensstil annimmt, müssen wir begreifen, dass das in gewissem Maße nicht nur der Fehler des Betreffenden ist, sondern auch unser Fehler. Unsere Reaktion sollte nicht bloß ein trauriges Kopfschütteln und der Ruf zur Umkehr sein. Wir sollten uns fragen, wie unsere Haltungen und Handlungen die Betreffenden dazu gebracht haben könnten, die Schwelle zu überschreiten. Ich nehme den Betroffenen nicht jede Verantwortung ab, aber ich fordere den Rest der Kirche auf, seine Verantwortung ebenfalls zu übernehmen. Wir müssen uns die Frage stellen: Gibt es Dinge, von denen auch wir aktiv umkehren müssen? Wir sollten uns an Martin Luthers zur Umkehr einladende Worte erinnern: ‚Es gibt keinen größeren Sünder als die christliche Kirche‘“ (S. 35).

Der Grund, warum die biblische Sicht auf gleichgeschlechtliche Sexualität heute so unplausibel klingt, liegt nach Shaw darin, dass wir Fehlannahmen aufgesessen sind. Er erörtert neun dieser Annahmen im Buch intensiv: 1) „Deine Identität ist deine Sexualität“, 2) „Eine Familie ist Mutter, Vater und zwei Komma vier Kinder“, 3) „Wenn du schwul geboren wurdest, kann es nicht falsch sein, schwul zu sein“, 4) „Wenn es dich glücklich macht, muss es richtig sein“, 5) „Echte Intimität findet man nur im Sex“, 6) „Männer und Frauen sind gleich und austauschbar“, 7) „Gottgefälligkeit ist Heterosexualität“, 8) „Der Zölibat tut dir nicht gut – und muss vermieden werden!“, und schließlich 9) „Leiden sind weiträumig zu umgehen – es geht nur um Glück!“

Die einzelnen Fehlannahmen werden eingängig erörtert. Meist sind seine Argumente stark. Hin und wieder wünscht man sich als Leser mehr Tiefgang und Sorgfalt. So behauptet Shaw, ein Durchgang durch das Neue Testament offenbare, „dass Gläubige nur einziges Mal als Sünder definiert werden (in 1. Timotheus 1,15 – und Paulus nimmt das ganz klar nicht als Identität an)“ (S. 47). Shaw sieht die Gefahr, dass Christen sich mehr über ihre Sünde als über ihren Retter definieren. Da ist etwas dran. Dennoch sollten wir nicht unterschlagen, dass etwa im Jakobusbrief die Gemeindeglieder als Sünder angesprochen werden (vgl. Jak 4,8) oder der Begriff „Fleisch“ bei Paulus meist die sündhafte Natur des Menschen beschreibt. Ich finde es überdies übertrieben pathetisch, wenn Shaw davon spricht, die Kontroverse um die Homosexualität sei als göttliche Gabe anzunehmen (vgl. S. 185). Gott kann freilich die Debatten und persönlichen Nöte gebrauchen, um seine Gemeinde auf das hinzuweisen, worauf es wirklich ankommt. Aber das ist für mich etwas anderes als eine göttliche Gabe. Dementsprechend finde ich den Verweis auf ein Zitat von Henri Nouwen in diesem Zusammenhang irritierend (vgl. S. 184). Nouwen hat ja selbst intensiv mit gleichgeschlechtlichen Empfindungen gerungen und an seinem Lebensabend formuliert: „Meine eigenen Gedanken und Emotionen zu diesem Thema sind sehr widersprüchlich. Jahrelange katholische Ausbildung und Seminarausbildung haben mich veranlasst, die Position der katholischen Kirche zu verinnerlichen. Dennoch haben meine emotionale Entwicklung und meine Freundschaften mit vielen homosexuellen Menschen sowie die jüngste Literatur zu diesem Thema viele Fragen für mich aufgeworfen. Zwischen meiner verinnerlichten Homophobie und meiner zunehmenden Überzeugung, dass Homosexualität kein Fluch, sondern ein Segen für unsere Gesellschaft ist, besteht eine große Kluft“ (H. Nouwen, Sabbatical Journey, 1989, S. 27). Ich glaube nicht, dass so eine Ambiguität Menschen bei ihren inneren Kämpfen hilft.

Trotz solcher kleinen Schwächen möchte ich das Buch insgesamt empfehlen und hoffe, dass es Menschen, die gleichgeschlechtlich empfinden, Hoffnung vermittelt. Möge es ihnen zeigen, dass Gott sie gebrauchen kann. Und möge es Gemeinden die Augen für ihre Verantwortung öffnen und viele Christen erkennen lassen, dass sie wirklich helfen können.

Buch

Ed Shaw. Vertrautheit wagen! Gemeindebau hautnah. Und wie die Kirche sexuelle Vielfalt biblisch integrieren kann. Basel: Fontis Verlag, 2018. ISBN: 978-3-03848-148-5, 192 S. 14,00 Euro.

Ron Kubsch ist Studienleiter am Martin Bucer Seminar in München, Dozent für Apologetik und Neuere Theologiegeschichte sowie 2. Vorsitzender und Generalsekretär bei Evangelium21. Er bloggt seit über 12 Jahren unter TheoBlog.de und hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter Die Postmoderne (2007), und Der neue Paulus (2017). Seit 2009 ist er Schriftleiter der Zeitschrift Glauben und Denken heute. Ron ist mit Dorothea verheiratet. Sie haben drei erwachsene Kinder.

Die Rezension erschien zuerst in der Zeitschrift Glauben und Denken heute, 2/2019, Nr. 24, S. 79–80. Wiedergaben mit freundlicher Genehmigung.