Biblische Theologie und die Krise der Sexualität

Artikel von Albert Mohler
10. August 2020 — 11 Min Lesedauer

Die westliche Gesellschaft nimmt aktuell eine Entwicklung, die wir schlicht und ergreifend als moralische Revolution bezeichnen müssen. Der Moralkodex und die kollektive ethische Bewertung eines bestimmten Themas haben nicht nur kleine Anpassungen, sondern eine komplette Umkehrung erfahren. Was einst verurteilt wurde, wird jetzt gefeiert. Und wer sich weigert mitzufeiern, wird verurteilt.

Was die aktuelle moralische und sexuelle Revolution von früheren moralischen Revolutionen unterscheidet, ist das beispiellose Tempo, in dem sie ihren Lauf nimmt. In früheren Generationen brauchten derartige moralische Revolutionen Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte. Die aktuelle Revolution geschieht förmlich in Lichtgeschwindigkeit.

„Die aktuelle Krise der Sexualität macht eine Kampfansage an das Verständnis von Evangelium, Sünde, Errettung und Heiligung in den Gemeinden.“
 

Die Gemeinde kommt nicht umhin auf diese Revolution zu reagieren. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass die aktuellen Debatten zur Sexualität für die Gemeinde eine nicht rückführbare, unausweichliche theologische Krise darstellen. Diese theologische Krise ist für die Gemeinde heute von ähnlichem Ausmaß, wie es der Gnostizismus für die Frühkirche oder der Pelagianismus für die Gemeinde zur Zeit von Augustinus war. Mit anderen Worten: Die aktuelle Krise der Sexualität macht eine Kampfansage an das Verständnis von Evangelium, Sünde, Errettung und Heiligung in den Gemeinden. Die Vertreter des neuen Verständnisses der Sexualität fordern eine komplette Umschreibung des biblischen Metanarrativs, eine komplette Neuordnung der Theologie und einen grundsätzlichen Denkwandel hinsichtlich des Dienstes der Gemeinde.

Steht „Transgender“ in der Konkordanz?

Die Beweistext- oder Steinbruchmethode (engl. Proof Texting) ist in der Regel das Erste, was konservative Protestanten reflexartig tun, wenn sie theologische Positionen zurückgewinnen oder erneut postulieren wollen. Dieser hermeneutische Reflex ist für den evangelikalen Christen ein natürlicher Schritt, weil wir glauben, dass die Bibel das irrtumslose und unfehlbare Wort Gottes ist. Wir glauben, wie B.B. Warfield sagt: „Wenn die Schrift spricht, spricht Gott.“ Ich muss an dieser Stelle klarstellen: Dieser Reflex geschieht zwar nicht völlig zu Unrecht, er ist allerdings auch nicht völlig richtig. Er geschieht nicht völlig zu Unrecht, weil es stimmt, dass sich bestimmte Bibeltexte (sog. „Beweistexte“) auf direkte und erkennbare Weise zu konkreten Themen äußern.

Diese Art theologische Methode – die ich gerne als den „Konkordanzreflex“ bezeichne – ist jedoch offensichtlich nur begrenzt anwendbar. Was passiert, wenn man sich mit einem theologischen Thema auseinandersetzen will, dessen Stichworte nicht in der Konkordanz zu finden sind? Die Auseinandersetzung mit vielen wichtigen theologischen Themen lässt sich nicht darauf reduzieren, dass man geeignete Stichworte in der Konkordanz nachschlägt und so die passenden Bibelverse findet. Hast du schon einmal versucht „Transgender“ in der Konkordanz nachzuschlagen? Oder „lesbisch“? Oder „In-vitro-Fertilisation“? Diese Stichworte sind im Anhang meiner Bibel definitiv nicht enthalten.

Das macht die Bibel aber nicht unzureichend. Denn das Problem ist nicht, dass die Bibel mangelhaft wäre, sondern dass unsere Herangehensweise an die Bibel mangelhaft ist. Per Konkordanz Theologie betreiben zu wollen ist deshalb mangelhaft, weil es eine abgeflachte Bibel ohne Kontext, Bündnisse oder übergeordnete Erzählung (Metanarrativ) zur Folge hat – also ohne drei hermeneutische Grundlagen, die wesentlich sind, um die Bibel richtig zu verstehen.

Eine Biblische Theologie vom Körper

Die Biblische Theologie ist für die Gemeinde absolut unverzichtbar, um eine angemessene Reaktion auf die aktuelle Krise der Sexualität zu finden. Die Gemeinde muss lernen, die Bibel so zu lesen, dass wir dabei den Kontext, die Einbettung in die übergeordnete Erzählung (Metanarrativ) und die fortschreitende Offenbarung hinsichtlich Gottes Bund beachten. Wir müssen lernen jedes theologische Thema vor dem Hintergrund des biblischen Metanarrativs von Schöpfung, Sündenfall, Erlösung und neuer Schöpfung zu untersuchen. Wir brauchen als Evangelikale insbesondere eine Theologie des Körpers, die im biblischen, sich fortschreitend offenbarenden Erlösungsgeschehen verankert ist.

Schöpfung

1.Mose 1,26–28 zeigt, dass Gott den Menschen – anders als den Rest der Schöpfung – in seinem eigenen Bild geschaffen hat. Dieser Text zeigt auch, dass Gott für die Menschen eine körperliche Existenz beabsichtigt. Diese Aussage sehen wir ferner in 1. Mose 2,7. Gott erschafft den Menschen aus Staub und bläst dann den Odem des Lebens in ihn. Das verdeutlicht, dass wir ein Körper waren, noch bevor wir eine Person wurden. Der Körper ist demnach nicht die Folge dessen, wer wir als Person sind. Adam und Eva erhalten den Auftrag, sich zu mehren und sich die Erde untertan zu machen. Ihre Körper ermöglichen ihnen durch ihre Erschaffung und den souveränen Plan Gottes, ihren Auftrag im Bilde Gottes zu leben, auszuführen.

„Gott erschafft den Menschen aus Staub und bläst dann den Odem des Lebens in ihn. Der Körper ist demnach nicht die Folge dessen, wer wir als Person sind.“
 

Die Erzählung im 1. Buch Mose zeigt außerdem, dass der Körper Bedürfnisse hat. Da Adam irgendwann Hunger bekommen wird, hat Gott ihm die Früchte des Gartens gegeben. Diese Bedürfnisse sind Ausdruck davon, dass Adam innerhalb der Schöpfungsordnung endlich und abhängig ist und von Gott herkommt.

Außerdem hat Adam ein Bedürfnis nach Gemeinschaft, deshalb schenkt ihm Gott eine Frau: Eva. Gemeinsam sollen Adam und Eva den Auftrag erfüllen, sich zu mehren und die Erde mit Menschen in Gottes Bild zu füllen, indem sie ihre körperliche Fähigkeit sich fortzupflanzen, mit der Gott sie geschaffen hatte, bestimmungsgemäß einsetzen. Damit soll für beide ein körperliches Vergnügen einhergehen, wenn die beiden ein Fleisch werden – d.h. ein Körper.

Die Erzählung in 1. Mose zeigt außerdem, dass das Geschlecht ein Teil dessen ist, was Gottes gute Schöpfung ausmacht. Das Geschlecht ist nicht bloß ein soziologisches Konstrukt, dass den Menschen aufgezwungen wird, die sonst eine beliebige Zahl von Permutationen vereinbaren könnten.

Doch das 1. Buch Mose lehrt uns, dass das Geschlecht von Gott zu unserem Wohl und zu seiner Ehre erschaffen wurde. Das Geschlecht ist zum Wohl der Menschen eingesetzt und wird dem Menschen durch den Beschluss des Schöpfers zugewiesen – genauso wie der Schöpfer entscheidet, wann, wo und dass wir existieren.

Zusammengefasst hat Gott sein Bild als eine körperliche Person erschaffen. Als körperliche Wesen haben wir das Geschenk der Sexualität und die Haushalterschaft über diese Sexualität von Gott selbst empfangen. Wir sind so gestaltet, dass wir in diesen Dingen Gottes guten Plan bezeugen.

Das 1. Buch Mose stellt die gesamte Angelegenheit in den Rahmen eines Bundes. Die menschliche Fortpflanzung existiert nicht bloß, um das Überleben der Art zu sichern. Vielmehr unterstreicht die Fortpflanzung die Tatsache, dass Adam und Eva den Auftrag erhalten haben, sich zu mehren, damit die Erde mit der Herrlichkeit Gottes gefüllt wird, die von den Menschen in seinem Bilde widergespiegelt wird.

Sündenfall

Der Sündenfall, der zweite Akt in der Heilsgeschichte, verdirbt Gottes gutes Geschenk des Körpers. Mit der Sünde kommt auch die Sterblichkeit des Körpers in die Welt. Hinsichtlich der Sexualität zersetzt der Sündenfall Gottes guten Plan für die komplementären Rollen von Mann und Frau. Eva wird danach verlangen, über ihren Mann zu herrschen (1Mo 3,16). Adams Führung wird schroff sein (3,17-19). Eva wird ihre Kinder unter Schmerzen entbinden (3,16).

Die darauffolgenden Erzählungen zeigen die Entwicklung irriger Sexualpraktiken von Polygamie bis hin zu Vergewaltigung, die von der Schrift in keiner Weise verharmlost werden. Auf die Berichte aus dem 1. Buch Mose folgt die Erteilung des Gesetzes, das diese irrigen Sexualpraktiken unterbinden soll. Das Gesetz regelt den Umgang mit der Sexualität und die Ausdrucksformen der Geschlechter; es macht klare Aussagen zu Sexualmoral, Transvestismus, Ehe, Scheidung und unzähligen anderen Fragen hinsichtlich Körper und Sexualität.

Das Alte Testament stellt außerdem den Zusammenhang zwischen sexueller Sünde und Götzendienst her. Orgiastische Gottesdienste, Tempelprostitution und andere schreckliche Entstellungen von Gottes gutem Geschenk des Körpers werden allesamt als Kernbestandteil des Götzendienstes verstanden. Paulus erkennt in Römer 1 denselben Zusammenhang. Die Menschen „haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit einem Bild, das dem vergänglichen Menschen, den Vögeln und vierfüßigen und kriechenden Tieren gleicht“ (Röm 1,23), und haben „die Wahrheit Gottes mit der Lüge [vertauscht] und dem Geschöpf Ehre und Gottesdienst erwiesen anstatt dem Schöpfer“ (Röm 1,25) und Mann und Frau „haben den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen“ (Röm 1,26–27).

Erlösung

Im Blick auf die Erlösung müssen wir festhalten: Einer der wichtigsten Aspekte unserer Erlösung ist, dass sie durch einen Retter mit einem Körper geschehen ist. „Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns“ (Joh 1,14; vgl. Phil 2,5–11). Die menschliche Erlösung wird vom menschgewordenen Sohn Gottes vollbracht – der ewig der Menschgewordene, der Fleischgewordene, bleibt.

„Einer der wichtigsten Aspekte unserer Erlösung ist, dass sie durch einen Retter mit einem Körper geschehen ist.“
 

Paulus zeigt, dass diese Errettung nicht nur unsere Seele, sondern auch unseren Körper betrifft. Römer 6,12 erklärt, dass die Sünde in unserem „sterblichen Leib“ herrscht – worin die Hoffnung auf eine künftige körperliche Erlösung enthalten ist. Römer 8,23 zeigt, dass „die Erlösung unseres Leibes“ Teil unserer eschatologischen Hoffnung ist. Schon jetzt sind wir in unserem Leben in der Heiligung dazu aufgefordert, unsere Körper als lebendiges Opfer und vernünftigen Gottesdienst für Gott darzubringen (Röm 12,2). Außerdem beschreibt Paulus den erlösten Körper als einen Tempel des Heiligen Geistes (1Kor 6,19). Wir müssen offensichtlich erkennen, dass die Heiligung auch Auswirkungen auf den Körper hat.

Die Sexualethik regelt im Neuen wie im Alten Testament unsere Ausdrucksformen von Geschlechtsidentität und Sexualität. Porneia, jede Form von Unzucht wird von Jesus und den Aposteln verurteilt. Gleichermaßen erklärt Paulus der Gemeinde in Korinth, dass sexuelle Sünden – Sünden, die im Leib begangen werden (1Kor 6,18) – das sind, was die Gemeinde und das Evangelium in Verruf bringen, weil sie der Welt verkünden, dass das Evangelium keine Wirkung erzielt hat (1Kor 5–6).

Neue Schöpfung

Wir kommen schließlich zum vierten und letzten Akt des Erlösungsgeschehens – zur neuen Schöpfung. In 1. Korinther 15,42–57 verweist uns Paulus nicht nur auf die Auferstehung unserer eigenen Körper in der neuen Schöpfung, sondern hält uns auch die Tatsache vor Augen, dass die körperliche Auferstehung Christi die Verheißung und die Kraft dieser Hoffnung für die Zukunft ist. Bei unserer Auferstehung werden wir die ewige Herrlichkeit körperlich erleben. Dieser Körper wird eine verwandelte, vollendete Fortsetzung unserer jetzigen körperlichen Existenz sein, genau wie Jesus jetzt denselben Körper hat, den er auf der Erde hat, doch durch und durch verherrlicht.

„Wir werden mit Christus in körperlicher Gestalt regieren, weil auch er der verkörperte und regierende Herr über den Kosmos ist.“
 

Die neue Schöpfung wird nicht bloß die Wiederherstellung des Anfangszustands im Garten Eden sein. Sie wird noch besser sein. Wie Calvin gesagt hat, werden wir Gott in der neuen Schöpfung nicht nur als Schöpfer, sondern auch als Erlöser erkennen – und diese Erlösung schließt unsere Körper ein. Wir werden mit Christus in körperlicher Gestalt regieren, weil auch er der verkörperte und regierende Herr über den Kosmos ist.

Hinsichtlich unserer Sexualität wird unser Geschlecht in der neuen Schöpfung bestehen bleiben, doch der Geschlechtsverkehr nicht. Das bedeutet nicht, dass Sex mit der Auferstehung Null und nichtig wird, sondern dass er seine Erfüllung gefunden hat. Das eschatologische Hochzeitsmahl des Lammes, auf das Ehe und Sexualität verweisen, wird dann endlich anbrechen. Dann besteht keine Notwendigkeit mehr, die Erde mit Menschen in Gottes Bild zu füllen, wie es in 1. Mose 1 noch der Fall war. Vielmehr wird die Erde erfüllt sein von der Erkenntnis der Herrlichkeit des Herrn, gleichwie die Wasser den Meeresgrund bedecken (Hab 2,14).

Biblische Theologie ist unabdingbar

Die Krise der Sexualität zeigt uns, wo die theologische Methode, die von vielen Pastoren angewendet wird, zu kurz greift. Der oben erklärte „Konkordanzreflex“ ist einfach nicht in der Lage, die Art gründliches theologisches Denken zu leisten, das in der heutigen Situation von unseren Kanzeln kommen muss. Als Pastoren und Gemeinden müssen wir lernen, dass Biblische Theologie unabdingbar ist. Wir müssen üben, die Bibel gemäß ihrer eigenen inneren Logik zu lesen – die Logik einer Geschichte, die sich fortschreitend von der Schöpfung bis zur neuen Schöpfung offenbart. Die hermeneutische Aufgabe, die vor uns liegt, ist gewaltig, doch sie ist unabdingbar für eine treue evangelikale Auseinandersetzung mit unserer Gesellschaft.

Albert Mohler ist Präsident des Southern Baptist Theological Seminary in Louisville, Kentucky und Mitglied des Rates der Gospel Coalition. Er ist Autor mehrerer Bücher, darunter We Cannot Be Silent: Speaking Truth to a Culture Redefining Sex, Marriage, and the Very Meaning of Right and Wrong. Er und seine Frau Mary haben zwei Kinder.