Das höchste Vorrecht, das das Evangelium bietet

Buchauszug von J.I. Packer
22. Juli 2020 — 8 Min Lesedauer

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Klassiker Gott erkennen von J.I. Packer. Der Herold Verlag hat anlässlich des Heimgangs von Packer freundlicherweise das Kapitel 19 „Die Kinder Gottes“ zur Verfügung gestellt. Das Buch kann hier erworben werden.


Unser erster Punkt zur Adoption ist, dass sie das höchste Vorrecht ist, das das Evangelium bietet. Dies mag bei manchen Stirnrunzeln verursachen, ist doch die Rechtfertigung die Gabe Gottes, auf die die evangelischen Christen seit Luther größten Wert legen. Und wir sind gewohnt, fast gedankenlos zu sagen, dass die geschenkte Rechtfertigung der alles überragende Segen Gottes für uns Sünder ist. Wenn wir jedoch sorgfältig darüber nachdenken, werden wir die Wahrheit der oben getroffenen Aussage erkennen.

Dass die Rechtfertigung – unter der wir Gottes Vergebung für die Vergangenheit und seine darauf folgende Annahme verstehen – der primäre und fundamentale Segen des Evangeliums ist, steht außer Frage. Die Rechtfertigung ist der primäre Segen, weil sie unserer primären geistlichen Not begegnet. Wir alle stehen von Natur aus unter dem Gericht Gottes. Sein Gesetz verurteilt uns. Die Schuld plagt uns, raubt uns den Schlaf, macht uns unglücklich und versetzt uns – in lichten Momenten – regelrecht in Angst. Uns fehlt der innere Friede, weil wir keinen Frieden mit unserem Schöpfer haben. Und so brauchen wir die Vergebung unserer Sünden und die Gewissheit einer wiederhergestellten Beziehung zu Gott mehr als alles andere auf der Welt. Und genau dieses Angebot macht uns das Evangelium, bevor es uns irgendetwas anderes anbietet. Schon die ersten Botschaften, die in der Apostelgeschichte verkündet werden, verheißen die Vergebung der Sünden für alle, die umkehren und Jesus als ihren Erlöser und Herrn annehmen (siehe Apg 2,38; 3,19; 10,43; 13,38–39; vgl. 5,31; 17,30–31; 20,21; 22,16; 26,18; Lk 24,47).

Im Römerbrief, wo wir Paulus‘ umfassendste Interpretation des Evangeliums finden – nach Luthers Aussage, „das rechte Hauptstück des Neuen Testaments und das allerlauterste Evangelium“ –, wird als erstes die Rechtfertigung durch das Kreuz Christi ausgeführt (Kapitel 1–5) und allem anderen zugrunde gelegt. Überall spricht Paulus von der Gerechtigkeit, der Vergebung der Sünden und der Rechtfertigung als der ersten und unmittelbaren Folge des Todes Jesu für uns (Röm 3,22–26; 2 Kor 5,18–21; Gal 3,13–14; Eph 1,7; u.a.). Und wie die Rechtfertigung der primäre Segen ist, so ist sie auch der fundamentale Segen, weil sie bei allem anderen, was unsere Erlösung betrifft, vorausgesetzt wird und alles auf ihr beruht – auch die Adoption oder Gotteskindschaft.

Aber das bedeutet nicht, dass die Rechtfertigung der größte Segen des Evangeliums ist. Die Adoption ist weit größer, aufgrund der tieferen Gemeinschaft mit Gott, die sie beinhaltet. Manche Lehrbücher über die christliche Dogmatik – zum Beispiel die von Berkhof – behandeln die Adoption lediglich als Teil der Rechtfertigung, aber das wird ihr nicht gerecht. Wir müssen die beiden Konzepte unterscheiden, und die Adoption als das erhabenere betrachten. Die Rechtfertigung ist eine forensische Vorstellung, die auf dem Gesetz basiert und Gott als Richter sieht. In der Rechtfertigung erklärt Gott den bußfertigen Gläubigen für gerecht. D.h., dass er nie mehr den Tod ertragen muss, den er aufgrund seiner Sünden verdient hat, weil Jesus Christus, unser Stellvertreter und Opfer, an unserer Stelle den Tod am Kreuz erlitten hat.

Das Geschenk von Freispruch und Friede, das uns auf Golgatha erworben wurde, ist gewiss schon etwas überaus Kostbares – aber die Rechtfertigung als solche bringt uns nicht die innige und tiefe Gemeinschaft mit Gott, dem Richter. Zumindest theoretisch könnte man die Rechtfertigung auch ohne eine engere Beziehung zu Gott erhalten.

Stellen wir dies nun der Adoption oder Gotteskindschaft gegenüber. Die Adoption ist eine familiäre Vorstellung, die auf der Liebe basiert und Gott als Vater betrachtet. Bei der Adoption nimmt Gott uns in seine Familie und Gemeinschaft auf – Er erklärt uns zu seinen Kindern und Erben. Vertrautheit, Zuneigung und Großzügigkeit sind das Herzstück dieser Beziehung. Von Gott, dem Richter, für gerecht erklärt zu werden, ist eine großartige Sache, aber von Gott, dem Vater, geliebt und umsorgt zu werden, ist etwas viel Großartigeres.

Dieses Thema wurde niemals besser dargestellt, als in dem folgenden Auszug aus dem Buch The Doctrine of Justification von James Buchanan:

„Nach der Schrift sind Vergebung, Errettung und Adoption verschiedene Privilegien, wobei das eine in der angegebenen Reihenfolge auf das andere aufbaut. ... Während die beiden ersten zur Rechtfertigung (des Sünders) gehören, und beide auf der gleichen Beziehung gründen – der zwischen Herrscher und Untertan –, unterscheidet sich das dritte essenziell von ihnen, da es auf einer innigeren, liebevolleren und zärtlicheren Beziehung gründet – der zwischen Vater und Kind. ... Es gibt einen offenkundigen Unterschied zwischen der Stellung eines Knechtes und der eines Freundes – und ebenso zwischen der eines Knechtes und einem Sohn. ... Eine engere und liebevollere Beziehung, als die zwischen einem Herrn und seinem Knecht besteht zwischen Christus und den Seinen: ‚Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiß nicht was sein Herr tut; euch aber habe ich Freunde genannt’ (Joh 15,15). Und eine noch engere und liebevollere Beziehung besteht aufgrund der Adoption; denn ‚so bist du nicht mehr Knecht, sondern Sohn; wenn aber Sohn, dann auch Erbe Gottes durch Christus’ (Gal 4,7). Das Privileg der Adoption setzt zwar Vergebung und Errettung voraus, ist aber größer als diese beiden; denn, ‚allen aber die ihn aufnahmen, denen gab er das Anrecht’ – die Vollmacht oder das Privileg –, ‚Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben’ (Joh 1,12). Dies ist ein viel größeres Privileg als das der Rechtfertigung, da es auf einer intimeren und liebevolleren Beziehung gründet: ‚Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Kinder Gottes heißen sollen!’ (1Joh 3,1)“ (S. 276-277).

Wir werden das Wunder des Übergangs vom Tod ins Leben, das bei der Wiedergeburt geschieht, erst recht begreifen, wenn wir es nicht nur als Schritt von der Verdammnis in die Befreiung verstehen, sondern auch als Schritt aus der Knechtschaft und dem Elend in die Sicherheit, Geborgenheit und Freude der Familie Gottes. Dieser große Wandel wird von Paulus in Galater 4,1–7 dargestellt, wenn er den früheren Lebensstil seiner Leser in ihrer sklavischen Gesetzlichkeit und dem religiösen Aberglauben (Gal 4,3.5.8) ihrer gegenwärtigen Erkenntnis ihres Schöpfers als ihrem Vater (Gal 4,6) und Erblasser (Gal 4,7) gegenüberstellt. Dazu, sagt Paulus, hat uns unser Glaube an Christus gebracht. Wir haben „die Sohnschaft empfangen“ oder „die Adoption als Söhne“ (Gal 4,5); „Du bist also nicht länger ein Sklave, sondern Sohn! Und wenn du Sohn bist, dann hat Gott dich auch zum Erben gemacht durch Christus“ (Gal 4,7; eÜ).

Als Charles Wesley am Pfingstsonntag 1738 zum Glauben kam, mündete seine Erfahrung in einige wunderbare Verse, in denen der Übergang von der Sklaverei zur Gotteskindschaft das Hauptthema ist.

Bin ich wirklich zum Staunen bereit?
Wie kann ich nur den Segen recht ermessen?
ein Sklave, von Tod und Sünde befreit,
Als Brandscheit, aus ewigem Feuer gerissen,
Von keinem angemessnen Lob ich weiß,
Und möcht doch singen meines großen Erlösers Preis?
Wie wird deine Güte wohl recht gepriesen, die Du mir, Vater, hast erwiesen?
Dass ich, von Zorn und Hölle ein Kind, mich nun als Kind Gottes wiederfind.
sollte wissen, sollte fühlen, meine Sünden sind vergeben,
Bin nun berufen zum himmlischen ewigen Leben!

Drei Tage später, so berichtet uns Charles Wesley in seinem Tagebuch, kam sein Bruder John mit „einigen unserer Freunde“ hereingestürmt, um zu berichten, dass auch er zum Glauben gekommen sei, und „wir sangen dieses Lied mit großer Freude“. Hättest auch du dabei sein und aufrichtig mitsingen können? Könntest du Wesleys Worte zu deinem eigenen Bekenntnis machen? Wenn du wirklich ein Kind Gottes bist und „der Geist seines Sohnes“ in dir wohnt, finden die Worte Wesleys ganz gewiss einen Widerhall in deinem Herzen. Doch wenn sie dich kalt lassen, dann bezweifle ich, dass du wirklich ein Christ bist.

Noch etwas muss erwähnt werden, um zu zeigen, wie groß der Segen der Adoption ist: Er ist ein bleibender Segen. Sozialwissenschaftler betonen sehr eindringlich, dass die Familie eine stabile und sichere Einheit bilden müsse, und dass jede Unsicherheit in der Eltern-Kind-Beziehung ihren Tribut fordert. Sie führe bei den Kindern zu Spannungen, Neurosen und Entwicklungsstörungen. Die Depressionen, die Konfusion und Unreife, die für Kinder aus zerbrochenen Familien typisch sind, sind ja allgemein bekannt. Aber in der Familie Gottes sieht das ganz anders aus. Hier finden wir absolute Stabilität und Sicherheit. Unser himmlischer Vater ist vollkommen weise und gut, und die Stellung des Kindes ist auf Dauer gesichert. Das Konzept der Adoption ist an sich schon ein Beweis und eine Garantie für die Bewahrung der Heiligen, denn nur schlechte Väter werfen ihre Kinder aus dem Haus, selbst wenn sie aufsässig sind. Aber Gott ist kein schlechter, sondern ein vollkommen guter Vater. Wenn wir bei Christen Depressionen, Konfusion und Unreife erleben, dann müssen wir uns ernstlich fragen, ob sie sich des heilsamen Einflusses bewusst sind, der der beständigen Geborgenheit der wahren Kinder Gottes entspringt.


Das ganze Kapitel steht hier zum Download zur Verfügung.

J.I. Packer war ein christlicher Theologe in der anglikanischen und reformierten Tradition. Packer war Professor am Regent College und ist für seinen Bestseller „Gott erkennen“ bekannt. Er ist Autor oder Herausgeber von über 30 Büchern.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus „Gott erkennen“ von J.I. Packer. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Herold-Verlags.