Fünf Mythen über Johannes Calvin

Artikel von Michael Haykin
24. Juli 2020 — 17 Min Lesedauer

Einige moderne Legenden, die richtiggestellt werden sollten

Wie vielen anderen überragenden Personen der Kirchengeschichte, so ist es auch dem französischen Reformator Johannes Calvin ergangen: Die Erinnerung an ihn ist durch verschiedene Verzerrungen entstellt worden, so dass man in Summe von modernen Legenden sprechen kann.

Mythos Nr. 1: Calvin ließ Michael Servet hinrichten.

Die Angelegenheit Michael Servet wurde 1553 in Genf verhandelt. Calvin war tatsächlich in die Anklage gegen ihn – der Täufer Michael Servet (ca. 1511–1553) leugnete beharrlich die Dreieinigkeit – und seine Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen verwickelt. Allerdings hatte Calvin Servet zuvor gewarnt, nicht nach Genf zu kommen, da er vom Magistrat der Stadt gewiss verhaftet werden würde. Doch die Täufer glaubten, Gott habe ihn nach Genf gesandt, um sich dort eine Art endzeitlichen Schlagabtausch mit Calvin zu liefern. Servet war eben erst in Spanien mit knapper Not der Inquisition und dem Tod auf dem Scheiterhaufen entkommen. Er tauchte trotz Calvins Warnung in Genf auf, wurde bei einem Gottesdienst in der Kathedrale St. Peter erkannt und daraufhin verhaftet.

Die Erinnerung an ihn ist durch verschiedene Verzerrungen entstellt worden, so dass man in Summe von modernen Legenden sprechen kann.

 

Zu jener Zeit war Calvin kein Genfer Bürger, daher hatte er nicht die politische Macht, einen Prozess gegen Servet zu initiieren, geschweige denn, seine Verurteilung herbeizuführen. Tatsächlich wurde Servet wegen Ketzerei angeklagt, und Calvin wurde als Zeuge der Anklage vorgeladen. Calvin bat den Rat sogar darum, Servet nicht zu verbrennen, aber der Rat wollte seine Unabhängigkeit von Calvin demonstrieren und entschied sich für die Hinrichtung des Täufers durch Verbrennung.

Nun ist es nicht so, dass ich Calvins Haltung in dieser Hinsicht beschönigen möchte. Schon seinerzeit widersprach der Reformer Sebastian Castellio (1515–1563) Calvin zu Recht wegen der Hinrichtung Servets. Im Neuen Bund habe der Staat kein biblisches Mandat, Häretiker zu exekutieren. Dennoch muss klargestellt werden, was Calvin wirklich getan und was er nicht getan hat; ebenso muss man sein Handeln im Kontext seiner Zeit verstehen.

Mythos Nr. 2: Der Tyrann Calvin übte in der Hauptzeit seines Wirkens in Genf von 1541 bis 1564 in der Stadt eine Gulag-ähnliche Herrschaft aus.

Dass Calvin in die schreckliche Angelegenheit von Servets Sterben auf dem Scheiterhaufen involviert war, bescherte ihm nach seinem Tod den Ruf, er sei ein blutrünstiger Tyrann gewesen, unter dem Genf zu einer Art Straflager wurde.

Calvin konnte sicherlich in seinen Verbalattacken gegen die, die aus seiner Sicht Häretiker waren, und gegen seine theologischen Kontrahenten bissig sein. Aber es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass er üblicherweise danach trachtete, sie zu töten. Männer wie Jérôme-Hermès Bolsec (gest. 1584) und Sebastian Castellio (1515–1563), die sich in Genf theologische Gefechte mit Calvin lieferten, wurden aus der Stadt verbannt. In diesem Zusammenhang ist es unerlässlich, sich bewusst zu machen, dass die meisten christlichen Persönlichkeiten des 16. Jhdts. – ob nun Protestanten oder Katholiken – Häresie nicht einfach nur als einen merkwürdigen intellektuellen Sonderweg betrachteten, sondern als durchdrungen vom „Stigma moralischer Verderbnis“ – und entsprechend musste Ketzerei aus dem Gemeinwesen entfernt werden, bevor sie die ganze Gesellschaft in Mitleidenschaft zog.1 Wenn die Genfer Stadtoberen Servet hätten leben lassen, nachdem er nun einmal erkannt und in der Stadt festgenommen worden war, dann wäre das von den Gegnern der Reformation – insbesondere der katholischen Kirche – als Beweis gewertet worden, dass die Reformatoren ebensolche Häretiker waren, da sie diese Häresie tolerierten.

Abgesehen davon war Anfang der 1550er Jahre Calvins politisches Ansehen in Genf noch instabil. Viele Patrizier der Stadt misstrauten dem französischen Reformator und hätten mit Freuden eine Gelegenheit genutzt, um ihn loszuwerden – wie sie es schon einmal 1538 getan hatten.2 Tatsächlich war einer von Calvins Mit-Reformatoren, Wolfgang Musculus (1497–1563), davon überzeugt, dass Servet genau deswegen nach Genf gekommen war, um die Unstimmigkeiten zwischen Calvin und dem Magistrat für sich auszunutzen. Auch wenn in den 1550er Jahren Calvins „tiefsitzender Hass gegen Servet offensichtlich war“3, hatte er einfach nicht die Macht dazu, den Ketzer hinzurichten. Die Anklage von J.B. Galiffé (einem Autor des 19. Jhdts.), Calvin sei ein „tyrannischer Priester“ gewesen, „der Genf der niederträchtigsten Sklaverei unterwarf“, ist offenkundig falsch, denn sie übersieht völlig, wie eng begrenzt Calvins politische Macht war.

Aber es gab tatsächlich noch weitere Menschen, die während Calvins Dienst in Genf hingerichtet wurden. Als in den Jahren 1544–1545 in Genf die Pest ausgebrochen war, wurden etwa 38 Männer und Frauen beschuldigt, die Pest absichtlich weiterverbreitet zu haben, und im Anschluss hingerichtet – wir würden heute sagen: wegen Bioterrorismus. Calvin scheint der Anklage gegen diese Bioterroristen des 16. Jhdts. geglaubt zu haben, die beschuldigt wurden, pestverseuchte Salbe in die Schlüssellöcher von Genfer Häusern geschmiert zu haben!4

Dann gab es im Jahr 1547 noch die Hinrichtung von Jacques Gruet. Er war Materialist, vielleicht auch Atheist. Aber er wurde nicht wegen seiner Glaubensüberzeugungen hingerichtet, sondern weil er das Leben von Calvin bedroht und zudem versucht hatte, in der Stadt einen Putsch anzuzetteln. Es ist wenig verwunderlich, dass die Zahl der Hinrichtungen, die in Genf zur Zeit Calvins geschehen sein sollen, von Calvins Feinden aufgebauscht wurde. Insbesondere wurden die Zahlen im 18. und 19. Jhdt. nach oben getrieben, als der Calvinismus (übrigens ein Wort, das Calvin zuwider war) häufig angegriffen wurde.

Mythos Nr. 3: Calvins Theologie lässt sich mit dem Akronym TULIP zusammenfassen.

(TULIP: total depravity = völlige Verderbtheit; unconditional election = bedingungslose Erwählung; limited atonement = begrenzte Sühnung; irresistible grace = unwiderstehliche Gnade; perseverance of the saints = Ausharren der Heiligen)

Auch Freunde von Calvins Denken haben unklugerweise dazu beigetragen, Mythen über ihren Helden zu etablieren. So haben sie ihrem großen Idol z.B. das Akronym TULIP zugeschrieben, als ein Hilfsmittel, mit dem man die biblische Soteriologie zusammenfassen kann. Tatsächlich ist es aber erst wesentlich kürzer in Gebrauch, es ist um die Wende zum 20. Jhdt. entstanden.5 Die Grundlage von Calvins Theologie ruht sicher auf zwei Säulen: der völligen Souveränität Gottes über jeden Bereich der Schöpfung, und der Ehre Gottes als dem Ziel all seines Handelns und Wirkens in Raum und Zeit. Es gibt eine legitime Debatte darüber, ob Calvin die „begrenzte Sühne“ vertreten hat oder nicht – ich denke, im Prinzip schon – aber diese Frage stand für Calvins theologische Anliegen nicht im Vordergrund. Daher ist es völlig anachronistisch, TULIP zu verwenden, um seine Theologie damit zusammenzufassen. Abraham Kuyper (1837–1920), der holländische Calvinist, sagte richtig – und gab damit wieder, was auch Calvin gedacht hat: „Kein einzelnes Stück unserer Gedankenwelt kann hermetisch vom Rest abgeriegelt werden, und es gibt keinen Quadratzentimeter in der ganzen Sphäre unserer menschlichen Existenz, über den Christus, der über alles Herr ist, nicht ausruft: ‚Mein!‘“6

Eine Errettung, die auf menschlichen Werken beruht, beraubt Gott seiner Ehre, die einzige Quelle der Errettung zu sein.

 

Calvin besteht unnachgiebig darauf, dass menschliche Werke für unsere Rettung nutzlos sind, und betont leidenschaftlich: „dem Herrn muss sein Ruhm unverkürzt und unversehrt erhalten bleiben“.7 Eine Errettung, die auf menschlichen Werken beruht, beraubt Gott seiner Ehre, die einzige Quelle der Errettung zu sein. Calvin beobachtete richtig: „Wir sehen doch, wie oft und wie ernstlich uns die Schrift ermahnt, Gott allein unser Lob zu bezeugen, wenn es sich um die Gerechtigkeit handelt.“8 Wenn für Martin Luther (1483–1546) die Schlüsselfrage war: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“, dann lautet die zentrale Frage für Johannes Calvin: „Wie kann ich ein Leben zu Gottes Ehre leben?“

Mythos Nr. 4: Calvins monergistische Soteriologie bringt eine Tendenz zum Antinomismus mit sich.

Da es Calvin um diese Frage ging – „Wie kann ich ein Leben zu Gottes Ehre leben?“ –, brachte ihn das dazu, darauf zu beharren, dass gute Werke im Leben eines Christen notwendig sind. Obwohl niemand aufgrund von Werken gerettet wird, betonte Calvin hartnäckig, dass auch niemand ohne sie gerettet wird. Der französische Reformator stellte einmal fest:

„Die Gläubigen werden niemals mit Gott versöhnt, ohne die Gabe der Heiligung zu empfangen; ja, zu diesem Zweck sind wir gerechtfertigt, dass wir danach Gott in der Heiligkeit des Lebens anbeten können. Denn nicht anders wäscht Christus uns mit seinem Blut rein und versöhnt uns durch seine Genugtuung mit Gott, es sei denn, er gebe uns Teilhabe an seinem Geist, der uns zu einem heiligen Leben erneuert.“9

Durch die Kraft des innewohnenden Heiligen Geistes soll das Leben eines Christen heilig sein und erfüllt von wahrhaft guten Werken. Tatsächlich – so bemerkt Calvin – zeigt uns die Schrift Christus als das Vorbild, an dem seine Nachfolger ihr Leben ausrichten sollen.10 Wie Tony Lane feststellt, finden wir hier so etwas wie Calvins Version des spätmittelalterlichen Themas der Imitatio Christi – eine Ausrichtung, die Bücher wie die Nachfolge Christi von Thomas a Kempis hervorgebracht hat.11 Es ist übrigens auch bemerkenswert, dass Calvin den Gläubigen nicht auf die 10 Gebote als das ultimative Muster für Heiligkeit hinweist, sondern er verweist den Nachfolger Christi einfach auf Christus. Als der Realist, der er ist, ist sich Calvin sehr wohl bewusst, dass ein solches Leben der Jüngerschaft in dieser Welt niemals Vollkommenheit erreichen wird. Doch der Gläubige soll „in aufrichtiger Einfalt“ danach streben, mit beständigem, täglichem Fortschritt dem Ziel der vollkommenen Heiligkeit näherzukommen – ein Ziel, das erst in der zukünftigen Welt Wirklichkeit werden wird.12

Obwohl niemand aufgrund von Werken gerettet wird, betonte Calvin hartnäckig, dass auch niemand ohne sie gerettet wird.

 

Und wie sieht ein Leben der christlichen Jüngerschaft, ein Leben mit guten Werken aus? Nun, es ist vor allem durch Selbstverleugnung gekennzeichnet, der Erkenntnis, dass der Christ nicht sich selbst, sondern ganz und gar Gott gehört, und deswegen zu Gottes Ehre leben soll. Mit Calvins Worten:

„Das Gesetz des Herrn bietet uns gewiss eine großartige und trefflichst geordnete Anleitung zur Gestaltung unseres Lebens. Doch hat es unserem himmlischen Meister wohlgefallen, die Seinen noch auf eine genauere Weise nach der Regel zu bilden, die er im Gesetz vorgeschrieben hatte. Der Hauptgrundsatz dieser Erziehungsweise ist der: die Gläubigen haben das Amt, ‚ihre Leiber zu begeben zum Opfer, das da lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei – welches sei ihr vernünftiger Gottesdienst!‘ (nach Röm. 12,1). … Das ist nun eine große Sache, dass wir dem Herrn geheiligt und geweiht sind – um nun in unserem Denken, Reden, Trachten und Handeln nichts anderes zu tun, als was zu seiner Ehre dient!“13

Mythos Nr. 5: Calvin hatte kein Interesse an Mission.

Es ist oft behauptet worden, dass Calvin – wie die Reformatoren des 16. Jhdts. allgemein – nur eine unzulänglich entwickelte Missiologie gehabt habe; dass Mission ein Thema war, über das sie nur wenig nachdachten. Jawohl, so besagt diese Argumentation, sie haben zwar das apostolische Evangelium wiederentdeckt, aber sie hatten keine Vision dafür, es bis an die Enden der Erde zu bringen. In einigen Kreisen wird es praktisch als unumstößlich vorausgesetzt, dass die Reformatoren kein Anliegen für die überseeische Mission an Nichtchristen hatten und dass bei ihnen kein Bewusstsein für die umfassende missionarische Dimension der Gemeinde erkennbar war.

Man muss nun aber verstehen – wie Scott Hendrix dargelegt hat –, dass die Reformation insgesamt das Bestreben war, „die europäische Kultur christlicher zu machen als sie zuvor gewesen war. Wenn man so will, war sie der Versuch, den Glauben wieder zu verwurzeln, nämlich Europa zu rechristianisieren“.14 Aus Sicht der Reformatoren beinhaltete diese Ausrichtung zwei damit einhergehende Überzeugungen. Zum einen hielten sie das Christentum, das sie im spätmittelalterlichen Europa vorfanden, bestenfalls für sub-christlich, schlimmstenfalls für heidnisch. Johannes Calvin beschrieb die Zustände in seiner Antwort an Kardinal Sadolet (1539) so:

„… das Licht der göttlichen Wahrheit ist ausgelöscht worden, das Wort Gottes ist begraben, das, was uns Christus erworben hat, ist in tiefe Vergessenheit geraten, und der pastorale Dienst ist zerrüttet. Unterdessen hat sich die Gottlosigkeit so sehr ausgebreitet, dass kaum mehr eine religiöse Lehre von Beimischungen frei geblieben ist, keine Zeremonie frei von Irrtümern, kein Teil des Gottesdienstes – und sei er noch so winzig –, der nicht von Aberglauben getrübt war.“15

Die Reformatoren haben in der Tat ihre Aufgabe als eine missionarische verstanden: Sie gründeten wahrhaft christliche Kirchen.16

Es gibt unzählige Beispiele für Calvins missionarisches Bewusstsein in seinen Schriften. In seinem Kommentar zu Jesaja 12,5 geht Calvin beispielsweise auf eine gängige Fehlinterpretation in Bezug auf Gottes Souveränität ein:

„[Jesaja] zeigt, dass es unsere Pflicht ist, die Güte Gottes allen Nationen zu verkündigen. Wenn wir aber andere dazu ermahnen und ermutigen, dann dürfen wir selbst nicht zugleich untätig herumsitzen, sondern es ist angemessen, dass wir selbst ein Beispiel für andere geben; denn nichts ist widersinniger als träge und faule Leute, die andere dazu bringen wollen, Gott zu loben.“17

Calvin war zu Recht davon überzeugt, dass ein wesentlicher Weg, wie Gott sein Volk für die Bekehrung anderer gebraucht, das Gebet ist – mit ihren Gebeten für die Bekehrung Ungläubiger.18 Mit Calvins Worten: Gott „lädt uns ein, für die Rettung der Ungläubigen zu beten“19; zudem ermutigen uns Schriftstellen wie 1. Timotheus 2,4, nicht „aufzuhören, für alle Menschen insgesamt zu beten“.20 Wir sehen diese Überzeugung in Calvins eigenen Gebeten zutage treten, denn eine ganze Reihe davon ist am Ende seiner Predigten mit festgehalten worden. So endet beispielsweise jede seiner Predigten über 5. Mose mit einem Gebet, das in etwa so lautet: „Möge es ihm [d.i. Gott] wohlgefallen, seine [rettende] Gnade zu gewähren, nicht allein uns, sondern auch allen Völkern und Nationen der Erde.“21 Tatsächlich beinhaltet die Liturgie, die Calvin für seine Gemeinde in Genf verfasste, folgendes Gebet:

„Wir bitten dich nun, o gnädigster Gott und barmherziger Vater, für alle Menschen an allen Orten. Wie es dein Wille ist, durch die Erlösung, die dein Sohn Jesus Christus erwirkt hat, als der Retter der ganzen Welt anerkannt zu werden, so gewähre doch jenen, die noch seiner Erkenntnis entfremdet sind, die sich in der Dunkelheit und der Gefangenschaft von Irrtum und Unwissenheit befinden, dass ihnen die Erleuchtung deines Heiligen Geistes gebracht werde und die Verkündigung deines Evangeliums, des rechten Wegs der Erlösung, der darin besteht, dich zu erkennen, den allein wahren Gott, und Jesus Christus, den du gesandt hast.“22

Man beachte hier außerdem, dass Calvin und die Genfer Pastoren das evangelistische Werk der europäischen Reformation durch Publikationen voranbrachten. Als Calvin starb, hatte sein Interesse für christliche Literaturarbeit bewirkt, dass in Genf nicht weniger als 34 Druckereien ansässig waren, die Bibeln und christliche Literatur in verschiedenen europäischen Sprachen druckten. Besonders in den 1550er Jahren gab es in Genf eine regelrechte Flut von Bibelausgaben und Übersetzungen. Dazu gehörte z.B. das Griechische Neue Testament von Robert Estienne (1551), das erstmals den Text in Verse einteilte; eine neue Ausgabe der Vulgata; 1555 bzw. 1556 eine italienische und eine spanische Übersetzung; außerdem mindestens 22 Ausgaben der französischen Bibel. Und eine vollständige englische Bibelübersetzung wurde zwischen dem 10. April und 30. Mai 1560 gedruckt – die Geneva Bible (Genfer Bibel), die zu einer Grundfeste des frühen englischen Puritanismus wurde.

„Calvin war die Evangelisierung seines Heimatlands, Frankreich, und seiner französischen Landsleute ein großes Anliegen.“

 

Calvin war die Evangelisierung seines Heimatlands, Frankreich, und seiner französischen Landsleute ein großes Anliegen. Man schätzt, dass bis 1562 in Frankreich etwa 2150 Gemeinden mit etwa 2 Millionen Mitgliedern gegründet wurden. Viele davon hatten sich durch das Zeugnis von Männern bekehrt, die in Genf ausgebildet worden waren.23 Diese 2 Millionen machten etwa 50 % der Ober- und Mittelschicht aus, das waren ganze 10 % der Gesamtbevölkerung. Dieses Wachstum ist beachtlich, insbesondere wenn man bedenkt, dass es in den frühen 1530er Jahren, zur Zeit von Calvins Bekehrung, vermutlich nur ein paar tausend Evangelische in Frankreich gab.

Aber Calvin hatte nicht nur ein Anliegen für Frankreich, sondern auch für die Reformation der Kirche in Schottland, England und Spanien, ebenso in Polen, Ungarn und den Niederlanden. Er förderte 1555 sogar ein missionarisches Vorhaben in Brasilien, das allerdings zu einem Fehlschlag wurde.24 Es ist bemerkenswert, wie der zeitgenössische Chronist (und Teilnehmer jener missionarischen Unternehmung in Brasilien) Jean de Léry die Reaktion der Genfer Gemeinde beschreibt, als diese von der Möglichkeit in Brasilien hörte: „Als die Gemeinde in Genf diese Neuigkeiten hörte, dankten sie sofort Gott für die Ausbreitung des Reiches Jesu Christi bis in ein so weit entferntes und auch so fremdes Land, und unter eine Nation, die bislang völlig ohne Erkenntnis des wahren Gottes ist.“25

Fußnoten

1 Vgl. Bruce Gordon, Calvin, New Haven: Yale University Press, 2009, S. 217–218.

2 Vgl. Kenneth J. Stewart, Ten Myths About Calvinism: Recovering the Breadth of the Reformed Tradition, Downers Grove, IL: InterVarsity Press/Nottingham, England: Apollos, 2011, S. 188.

3 Bruce Gordon, Calvin, S. 224.

4 Vgl. John Calvin, Letter to Oswald Myconius, 27. März 1545.

5 Vgl. Kenneth J. Stewart, Ten Myths About Calvinism, S. 75–98.

6 Abraham Kuyper, „Sphere Sovereignty“, in: James D. Bratt (Hrsg.), Abraham Kuyper, A Centennial Reader, Grand Rapids, MI: Wm. B. Eerdmans, 1998, S. 488.

7 Johannes Calvin, Unterricht in der christlichen Religion: Institutio Christianae Religionis, nach der letzten Ausgabe übersetzt und bearbeitet von Otto Weber, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 19885, III, 13, 1 (S. 498).

8 Johannes Calvin, Unterricht in der christlichen Religion, III, 13, 1 (S. 498).

9 Corpus Reformatorum, Bd. 49, S. 104.

10 Vgl. Johannes Calvin, Unterricht in der christlichen Religion, III, 6, 3 (S. 443–444).

11 Vgl. Tony Lane, A Reader’s Guide to Calvin’s Institutes, Grand Rapids, MI: Baker Academic, 2009, S. 106.

12 Vgl. Johannes Calvin, Unterricht in der christlichen Religion, III, 6, 5 (S. 445).

13 Johannes Calvin, Unterricht in der christlichen Religion, III, 7, 1 (S. 446).

14 Scott Hendrix, „Rerooting the Faith: The Reformation as Re-Christianization“, in: Church History, Nr. 69, 2000, S. 561.

15 John C. Olin (Hrsg.), John Calvin and Jacopo Sadoleto: A Reformation Debate, Grand Rapids, MI: Baker Books, 1976, S. 74–75.

16 Vgl. Scott Hendrix, „Rerooting the Faith“, S. 558–568.

17 John Calvin, Commentary on the Book of the Prophet Isaiah, übers. von William Pringle, Edinburgh: Calvin Translation Society, 1851, Bd. 1, S. 403.

18 Siehe dazu die gelungene Untersuchung von Elsie McKee, „Calvin and Praying for ‚All People Who Dwell on Earth‘“, in: Interpretation, Nr. 63, 2009, S. 130–140.

19 Zitiert bei Elsie McKee, „Calvin and Praying“, S. 133.

20 Zitiert bei Elsie McKee, „Calvin and Praying“, S. 138.

21 Elsie McKee, „Calvin and Praying“, S. 139–140.

22 Zitiert bei Elsie McKee, „Calvin and Praying“, S. 139.

23 Vgl. W. Stanford Reid, „Calvin’s Geneva: A Missionary Centre“, in: The Reformed Theological Review, 42. Jg., Nr. 3 (Sept.–Dez.), 1983, S. 69.

24 Vgl. die Geschichte dieses wichtigen missionarischen Projekts in G. Baez–Camargo, „The Earliest Protestant Missionary Venture in Latin America“, in: Church History, Nr. 21, 1952, S. 135–145; und Amy Glassner Gordon, „The First Protestant Missionary Effort: Why Did It Fail?“, in: International Bulletin of Missionary Research, 8. Jg., Nr. 1, Januar 1984, S. 12–18.

25 Jean de Léry, „Journal de Bord de Jean de Léry en la Terre de Brésil 1557, presénté et commenté par M.R. Mayeux“, so zitiert in R. Pierce Beaver, „The Genevan Mission to Brazil“, in: John Bratt (Hrsg.), The Heritage of John Calvin, Grand Rapids, MI: Eerdmans, 1973, S. 61.

Michael Haykin ist Professor für Kirchengeschichte am Southern Baptist Theological Seminary (Louisville, KY, USA) und Direktor des Andrew Fuller Center for Baptist Studies. Er hat mehr als 25 Bücher geschrieben bzw. herausgegeben, einschließlich Rediscovering the Church Fathers: Who They Were and How They Shaped the Church.