Myth and Mistakes in New Testament Criticism

Rezension von Thomas Kinker
9. Juli 2020 — 3 Min Lesedauer

Ein neuer, fast 400 Seiten dicker Sammelband zur neutestamentlichen Textkritik ist im November 2019 unter dem Titel Myths and Mistakes in New Testament Textual Criticism erschienen. Während das Thema neutestamentliche Textkritik, also das Rekonstruieren des ursprünglichen griechischen Bibeltextes, sonst eher eine Existenz am Rand des Interesses darstellen dürfte, ist dies schon beim Titel des Buches anders: Kann es tatsächlich Mythen und Fehler in der textkritischen Arbeit am Neuen Testament geben? Handelt es sich vielleicht wieder einmal um ein Buch, das nur die – tatsächlichen oder angeblichen – Fehler anderer aufzeigt, ohne konstruktiv zum Thema beizutragen? Oder ist der Titel lediglich Effekthascherei? Um es vorwegzunehmen: Selten hat den Verfasser dieses Buchhinweises ein wissenschaftliches Buch so getroffen wie dieser Sammelband.

14 Mythen

Nach einem sehr gut zum Thema hinführenden Vorwort von Daniel B. Wallace und einer Einleitung der beiden Herausgeber Gurry und Hixson wird das Thema in 14 Einzelbeiträgen behandelt, d.h. 14 Mythen werden aufgezeigt. Sehr gut ist, dass am Ende eines jeden Beitrags eine Schlussfolgerung gezogen wird, abgerundet durch eine kurze Auflistung dessen, was man als Kernaussagen („Key Takeaways“) mitnehmen sollte. Und auch wenn man nur die Schlussfolgerungen und diese „Key Takeaways“ liest (was ja vorkommen soll), wird dem Leser das nicht genügen. Er wird neugierig animiert werden, den gesamten Beitrag zu lesen. Nur eines stört bei diesem sehr guten Buch: Es ist bisher nicht auf Deutsch erhältlich.

Die Fragen von Bart Ehrman brauchen gute Antworten

In folgenden Themenbereichen werden Mythen, d.h. unbewiesene oder falsche Angaben und Argumentationen aufgezeigt: Autographen (was ist das und wie lange waren sie im Umlauf), Anzahl der Handschriften, Vergleich der Handschriften anderer klassischer Werke, Datierung der Handschriften, Güte der Handschriften (nicht allein durch das Alter bestimmt), Schreiber, Abschreibfehler, Überlieferung, Varianten, „orthodoxe Korruption“, Zitate bei Kirchenvätern, frühe sowie moderne Bibelübersetzungen. Somit wird ein breites Themengebiet abgedeckt.

Der Sammelband hat – so die Deutung des Verfassers dieser Buchempfehlung – ein doppeltes Ziel: Zum einen sollen Prinzipien einer sauberen textkritischen Arbeit exemplarisch an solchen Problemfeldern aufgezeigt werden, an denen oftmals nicht sauber gearbeitet wird. Zum andern wird eine Verbindung zur Apologetik hergestellt. Im apologetischen Bereich wird jede Argumentation im Bereich „Zuverlässigkeit des neutestamentlichen Textes“ hinfällig, wenn nicht sauber gearbeitet wird. Dabei ist der Anlass des Buches ein mehrfacher: Auf der einen Seite wird die Zuverlässigkeit des griechischen Textes insbesondere durch Publikationen von Bart Ehrman (Misquoting Jesus: The Story Behind Who Changed the Bible and Why; deutsch „Abgeschrieben, falsch zitiert und missverstanden: Wie die Bibel wurde, was sie ist“) in Frage gestellt. Hier ist es wertvoll, wenn aufgezeigt wird, wo Ehrmans Argumenten bloße Behauptungen oder Missdeutungen z.B. von Statistiken oder Zahlen zugrunde liegen. Auf der anderen Seite wird – nicht zuletzt von evangelikaler Seite und meines Erachtens durchaus zurecht – die Zuverlässigkeit betont, mit der der griechische Text des NT überliefert wurde und wie gut er erhalten ist. Dabei wird manchmal allerdings nicht korrekt gearbeitet oder man ist versucht, mit Argumenten eine Sicherheit zu vermitteln, die nicht stark sind. Und schließlich lernt man einiges über saubere textkritische Arbeit.

Eine klare Empfehlung

Weshalb hat mich dieser Sammelband so betroffen gemacht? Weil ich mich leider wiederfinden konnte in so manchem Mythos oder Fehler. Da ist manchmal die Tendenz, eine Zuverlässigkeit der Textüberlieferung zu behaupten, die nicht gegeben und auch nicht notwendig ist. Und auch ich gebrauche im Unterricht seit Jahrzehnten manchmal Argumente, die ich nicht nachgeprüft, sondern einfach übernommen hatte. Deshalb bin ich dankbar für diesen Sammelband über „Mythen und Fehler in der neutestamentlichen Textkritik“.

Buch

Elijah Hixson u. Peter J. Gurry (Hg.), Myths and Mistakes in New Testament Textual Criticism. Downers Grove (Illinois): IVP Academic, 2019, 372 S., ca. 35,00 Euro.

Thomas Kinker ist mit Ulrike verheiratet, sie haben drei Söhne. Er ist langjähriger Dozent am Martin Bucer Seminar u.a. für Hermeneutik und Neues Testament.