Brillante Biographie von Jesus

Der besondere Beitrag des Markusevangeliums

Artikel von S.M. Baugh
7. Juli 2020 — 9 Min Lesedauer

Das Matthäusevangelium enthält 97% der Verse des Markusevangeliums. Warum haben wir dann das Markusevangelium, wenn wir einfach das Matthäusevangelium lesen könnten? Es gibt zwei unterschiedliche Theorien, die besagen, dass Markus entweder als Zusammenfassung des größeren Matthäusevangeliums geschrieben wurde oder dass das Matthäusevangelium als eine spätere Erweiterung des Markusevangeliums verfasst wurde. Doch ganz gleich, was die möglichen Ursprünge der Evangelien sind, sollten wir den Wert des Markusevangeliums im Neuen Testament nicht geringschätzen, unabhängig davon, wie es sich mit den anderen Evangelien vergleichen lässt. Das Markusevangelium ist eine brillante, lebendige und aufregende Darstellung von Jesus als dem Messias, der unweigerlich zum Kreuz marschierte, wo er sich als Lösegeld für sein Volk hingeben wollte und nach seinem Tod als herrlicher König über das Reich Gottes auferweckt wurde. Lasst uns einige Besonderheiten dieses wesentlichen Buches ansehen.

Das Markusevangelium ist eine brillante, lebendige und aufregende Darstellung von Jesus als dem Messias

 

Schnelles Erzähltempo

Das Markusevangelium beginnt und endet abrupt. Der Anfang ähnelt dem Start eines Pferderennens, die Geburt von Johannes dem Täufer oder Jesus werden nicht einmal erwähnt. Der erste Vers liest sich wie ein Titel: „Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes“. Dann wird uns nach einem aus mehreren Stellen zusammen gestellten Zitat aus dem Alten Testament über Johannes als Vorläufer, mit Jesaja als wichtigstem Propheten (Mk 1,2–3), nur ein knappe Zusammenfassung des Lebens und Wirkens von Johannes gegeben (Mk 1,4–8). Man hat gar keine Zeit, um Luft zu holen, bevor Jesus erscheint und die Erzählung für den Rest des Buches mit demselben galoppierenden Tempo dominiert.

Das Erzähltempo im Markusevangelium entsteht durch seinen Fokus auf Handlungen anstatt auf Worte. Im Gegensatz zum Beispiel zur langen Bergpredigt im Matthäusevangelium (Mt 5–7; siehe auch Lk 6; 12–13) hat das Markusevangelium zwei kurze Lehrblöcke (Mk 4 und 13) sowie einige kleine verstreute Lehrteile. Im Großen und Ganzen konzentriert sich das Markusevangelium auf die Taten des Herrn.

Vergleiche zum Beispiel die Versuchung Jesu: Markus hat nur zwei Verse (Mk 1,12–13) im Gegensatz zu der viel umfangreicheren Beschreibung in den anderen synoptischen Evangelien (Mt 4,1–11; Lk 4,1–13). In diesen wird Jesus in die Wüste „geführt“ und die Versuchung selbst wird geschildert. Im Markusevangelium dagegen wird Jesus in die Wüste getrieben, um bei den wilden Tieren zu sein, aber der Inhalt der Versuchung bleibt unerwähnt. Markus konzentriert sich auf die Tatsache der Versuchung Jesu und wie seine Taufe dazu führte, dass er für sein Volk in die Wüste unter die wilden Tiere ging (siehe Mk 10,39; 3Mo 26,22; Jer 12,9; 50,39; Hes 14,21), damit es nun als Folge daraus sicher in der Wüste leben kann (Hes 34,25; Offb 12,14–16).

Das Tempo im Stil von Markus fällt durch verschiedene Dinge auf. Er gebraucht kurze, lebhafte Äußerungen statt eines weitschweifigen Stils, der von griechischen Autoren bevorzugt wurde. Markus vewendet spritzige, direkte Zitate und hat deshalb manch ungewöhnliche Wiederholungen, wie z.B. „Als es aber Abend geworden und die Sonne untergegangen war…“ (Mk 1,32) oder „als er Mangel litt und er und seine Gefährten Hunger hatten…“ (Mk 2,25). Ein herausstechendes Merkmal des Markusevangeliums ist seine Lieblingsformulierung, um neue Ereignisse einzuführen: „und alsbald“ – diese Formulierung wird vierzigmal verwendet, fast doppelt so oft wie im Matthäus- und Lukasevangelium zusammen.

Wenn man das Markusevangelium versweise liest, geht der volle Effekt der ungewöhnlichen Merkmale dieses Evangeliums mit den Wiederholungen und dem lebendigen Stil verloren, aber das bringt uns zu einer wichtigen Beobachtung: In der Antike wurden die meisten Bücher geschrieben, um laut gelesen und folglich durch das Hören erlebt zu werden (siehe besonders Offb 1,3). Nicht viele Menschen konnten zu dieser Zeit lesen und schreiben und selbst diejenigen, die lesen konnten, zogen es vor, ein Werk vorgelesen zu bekommen und es von jemandem präsentieren zu lassen, der Emotion, Gestik und sogar verschiedene Stimmen für die Charaktere hinzufügen konnte. In einer öffentlichen Vorlesung war es normal, dass die Zuhörer großen Anteil an der Geschichte nahmen, die Bösewichte ausbuhten und die Guten anfeuerten.

Genauso wie Jesus mit seinen Gleichnissen ist Markus ein ausgezeichneter Geschichtenerzähler.

 

In den letzten Jahren sind die sprachlichen Merkmale des Markusevangeliums ziemlich fruchtbar erforscht worden. Eine Schlussfolgerung ist, dass die wiederkehrenden Wendungen wie „und alsbald“, die abgehackt wirken, wenn wir das Evangelium heute stückweise lesen, in Wirklichkeit den Zuhörer auf eine neue Entwicklung des Handlungsstrangs hinweisen und die Erzählung vorantreiben. Genauso wie Jesus mit seinen Gleichnissen ist Markus ein ausgezeichneter Geschichtenerzähler. Um es einmal für dich selbst zu erleben, hör dir das Markusevangelium vorgelesen an. Es benötigt nur ungefähr neunzig Minuten, um das ganze Buch zu hören, aber die Erfahrung lohnt sich.

Wer ist Jesus?

Ein Merkmal des Markusevangeliums, das beim Zuhören heraussticht, ist die Verbindung zwischen den Erzählungen, die über die Kapiteleinteilungen hinweg verknüpft sind. Lasst uns einige zentrale Stellen anschauen, die die grobe Gliederung des Markusevangeliums veranschaulichen.

In Markus 6,30–44 speist Jesus fünftausend Menschen und die Jünger wundern sich über den Befehl Jesu: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ (Mk 6,37) Die Erzählung bewegt sich zügig bis hin zu Markus 8,1–10, wo Jesus den Jüngern sagt, dass er Mitleid hat mit viertausend Menschen, die ihm folgen und dass er sie speisen möchte. Aber die Jünger antworten: „Woher könnte jemand diese hier in der Einöde mit Brot sättigen?“ (Mk 8,4) Als Zuhörer denken wir: „Warte mal, haben sie nicht gerade gesehen, wie Jesus die Fünftausend gespeist hat? Erkennen sie nicht, dass Jesus alles zu tun vermag?!“ Markus hat uns in die Geschichte hineingenommen.

Nach der zweiten wundersamen Speisung in Markus 8 entfaltet das Markusevangelium, dass Jesus die Jünger ermahnt, den Sauerteig der Pharisäer zu meiden, aber sie können nur über den Laib Brot nachdenken, den sie bei sich haben. Also erinnert Jesus sie an die zwei Speisungen (Mk 8,14–21). An diesem Punkt in der Erzählung fangen wir als Zuhörer an, über die Jünger zu verzweifeln, aber dann passiert etwas Wundersames in Markus 8,27–30. Jesus befragt die Jünger über seine Identität und Petrus, der die begriffsstutzigen Jünger repräsentiert, bekennt schließlich: „Du bist der Christus“ (Mk 8,29; vgl. Mt 16,16 und Lk 9,20).

Dieses Bekenntnis von Petrus über Jesus ist das Zentrum und der Angelpunkt des Markusevangeliums

 

Dieses Bekenntnis von Petrus über Jesus ist das Zentrum und der Angelpunkt des Markusevangeliums, das genau darauf ausgerichtet ist, dass wir ihn erkennen. In der ersten Hälfte des Evangeliums bekräftigen Jesu mächtige Taten seine Identität als der Christus (oder Messias), der im Reich Gottes herrschen wird. Das war die zentrale Stoßrichtung der Lehre Jesu: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15) Aber außer in Markus 1,1 wird der Titel „Christus“ gar nicht benutzt. Bis zum Wendepunkt des Evangeliums, als Petrus, nachdem er von Jesus ernstlich befragt wurde, bekennt: „Du bist der Christus“ (Mk 8,29). Jetzt verstehen die Jünger es! Die Speisungen haben uns und sie endlich dazu geführt, zu erkennen, wer Jesus ist.

Der erste Teil des Markusevangeliums dreht sich also darum, wie Jesus allen seine messianische Identität demonstriert. Aber alle reagieren verwirrt – außer den Dämonen (Mk 1,24.34; 3,11). Markus verdeutlicht die unsichere Reaktion der Menschen auf Jesus an 29 Stellen mit 8 verschiedenen griechischen Worten, die Furcht, Überraschung, Staunen, Verunsicherung und sogar Benommenheit ausdrücken. Wer ist dieser Jesus, der nicht wie ihre Schriftgelehrten ist (Mk 1,22)? Die Pharisäer denken, er wäre von Dämonen besessen (Mk 3,22-30); Herodes denkt, er wäre Johannes, von den Toten zurückgekehrt; andere denken, er wäre Elia oder der große Prophet (Mk 6,14–16; siehe 5Mo 18,15); Jesu Familie denkt, er wäre verrückt geworden (Mk 3,20–21) und selbst seine Jünger sind verblüfft: „Und sie gerieten in große Furcht und sprachen zueinander: Wer ist denn dieser, dass auch der Wind und der See ihm gehorsam sind?“ (Mk 4,41)

Die verwirrte Reaktion der Menschen unterstreicht die wahre, königliche Autorität von Jesus: „Und sie erstaunten über seine Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat“ (Mk 1,22). Jesus, der Sohn Gottes (Mk 1,9–11), der stärker ist als Johannes (Mk 1,7–8), erzeugt heilige Furcht und Staunen durch seine mächtigen Worte und Taten, indem er Sünden vergibt (Mk 2,1–12), siegreich gegen eine Legion von Dämonen kämpft (Mk 5,1–20; vgl. dazu den kürzeren Bericht in Mt 8,28–34 und Lk 8,26–39) und schließlich mit den Mächtigen in Jerusalem in Konflikt über seine Vollmacht gerät, weil er diese Dinge tut (Mk 11,27–33). Aber Jesu Herrschaft ist vollkommen anders als die der heidnischen Herren, denn er kam, um die Weissagung Jesajas über den leidenden Gottesknecht zu erfüllen (Mk 10,42–45; siehe Jes 40–66).

Jesus, der leidende Gottesknecht

Mit dem Bekenntnis von Petrus wissen wir also, wer Jesus ist: der souveräne, göttlich-menschliche Messias. Jesus hat auf dieses Glaubensbekenntnis in der ersten Hälfte des Markusevangeliums hingearbeitet, damit er in der zweiten Hälfte anfangen konnte, seinen Jüngern seine wahre Erlösungsmission am Kreuz zu offenbaren. Dieser Übergang im Markusevangelium, besonders im Kontrast zum Johannesevangelium, wird dadurch unterstrichen, dass die Handlung in der ersten Hälfte fast ausschließlich in Galiläa stattfindet, Jesus aber in der zweiten Hälfte sein Angesicht auf Jerusalem richtet, wo er durch die Hände der Führer Israels leiden muss als ein Lösegeld für sein Volk (z.B. Mk 8,31; 9,12 und 10,45).

Das Markusevangelium bietet dem Zuhörer einen lebendigen Bericht über die majestätische Vollmacht Jesu.

 

Zusammenfassend lässt sich sagen: Das Markusevangelium bietet dem Zuhörer einen lebendigen Bericht über die majestätische Vollmacht Jesu. Das geschieht anhand seiner Worte, besonders aber eindrücklich durch seine Taten, die seine Zeitgenossen durch ihre übernatürliche Natur ins Staunen versetzten. Diese Taten waren eine Demonstration, dass das Reich Gottes in der Tat durch sein Kommen nahe ist. Aber die Einführung dieses Reiches war keine politische Revolution, sondern das stellvertretende Opfer des Königs für sein Volk vor seiner Auferstehung und Himmelfahrt „zur Rechten der Macht und kommend mit den Wolken des Himmels“ (Mk 14,62). Markus hat diese Geschichte auf eine Weise erzählt, die den aufmerksamen Zuhörer dazu führen wird, zusammen mit den ersten Jüngern zu bekennen: „Du bist der Christus“.

S.M. Baugh ist Professor für Neues Testament am Westminster Seminary California, wo er seit über dreißig Jahren unterrichtet. Er hat an der ESV Study Bible und dem Zondervan Illustrated Bible Backgrounds Commentary mitgearbeitet.