Auslegung als Lobpreis

Rezension von Chase Kuhn
24. Juni 2020 — 8 Min Lesedauer

John Piper ist Gründer und Lehrer der Organisation desiringGod.org. Er ist außerdem Kanzler des Bethlehem College & Seminary. Zuvor hatte er 34 Jahre lang als Hauptpastor der Bethlehem Baptist Church in Minneapolis (Minnesota, USA) gedient. Er ist Autor von mehr als 50 Büchern. Der hier besprochene Band Auslegung als Lobpreis ist Teil 3 einer Trilogie (nach A Peculiar Glory [2016, dt. Einzigartige Herrlichkeit] und Reading the Bible Supernaturally [2017]) und wendet sich an Pastoren sowie an jene, die sich auf den Pastorendienst vorbereiten.

Wie schon der Titel verrät, soll in dem Buch gezeigt werden, dass „die Predigt selbst bereits eine Form der Anbetung ist und von Gott eingesetzt wurde, um unsere Anbetung zu wecken und zu verstärken“ (S. 57). Diese doxologische Ausrichtung wird erläutert, sowie biblisch und theologisch begründet. Ganz so, wie man es von Piper auch erwartet hätte, wendet er seine bekannte These „Gott wird am meisten in uns verherrlicht, wenn wir zutiefst zufrieden sind in ihm“ hier auf die Aufgabe des Predigens an. Das Thema wird in sieben Teilen entfaltet, wobei jeder Teil eine sorgfältig ausgearbeitete Argumentationslinie präsentiert, die in die folgenden Teile mit einfließt.

Im ersten Teil „Der Rahmen für die Predigt“ erklärt Piper aus theologischer Perspektive, was Anbetung ist, und begründet, weshalb man den Gottesdienst als „gemeinsame Anbetung“ betrachten sollte. Im zweiten Teil erläutert er seine Darstellung der Predigt als „Auslegung als Lobpreis“, indem er den biblischen Sprachgebrauch rund um das Predigen untersucht und feststellt, wie „angemessen“ die Predigt für den gemeindlichen Kontext ist. Mit den Begriffsstudien gehen auch einige Abstecher zu für die Predigt relevanten biblischen Begebenheiten einher, ebenso eine theologische Darlegung, weshalb das Predigen im Hinblick auf das Wesen Gottes so passend ist. Sein Kapitel über die Dreieinigkeit (Kap. 5) orientiert sich in hohem Maß an Jonathan Edwards’ „Über die Dreieinigkeit“.

Im dritten und vierten Teil betrachtet Piper nacheinander erst das übernatürliche Geschehen des Predigens und dann die natürlichen Elemente, die dabei zum Einsatz kommen. Der Kontrast und die Gewichtung dieser beiden Aspekte wird sehr gut präsentiert. Einerseits wird darauf verwiesen, dass Rhetorik nicht in der Lage ist, geistliche Veränderung hervorzurufen; dennoch sollten sich Prediger alle Mühe geben, ihre natürlichen Fähigkeiten für die Sache der Predigt einzusetzen. Piper plädiert für eine Kompatibilität, bei der Gottes Wirken und menschliches Bemühen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Ein wesentlicher Bestandteil dieser Argumentation ist die Untersuchung der „Eloquenz“ im korinthischen Kontext. In diesem Teil finden sich auch zwei ganz praktische Abschnitte, in denen es um den übernatürlichen (S. 131–145) und den natürlichen (S. 185–192) Aspekt des Predigens geht.

In den letzten drei Teilen des Buches untersucht Piper, wie man als Prediger mit dem Text umgehen und ihn verkündigen soll. In Teil 5 wird die Notwendigkeit betont, dass Prediger ihre Hörer zum Bibeltext hinführen. In Teil 6 zeigt Piper auf, dass Texte zwangsläufig in ihrem Wortlaut begrenzt sind, dass das aber für die Kanzel so nicht genügt; denn häufig gibt es schon im näheren Kontext der Schrift größere theologische Themen, die das Gesagte beeinflussen. Er stellt drei dominante Themen vor, in deren Rahmen „Wirklichkeit“ erfasst werden kann (ein ständiger Fokus in diesen letzten drei Abschnitten). Diese Themen finden ihre Entsprechung in den Personen der Dreieinigkeit: die Herrlichkeit Gottes als das grundsätzliche Hauptaugenmerk der Bibel (Ziel), das Kreuz Christi als Garant für jegliche Verheißung der Schrift (Grundlage), und der Heilige Geist, der uns befähigt, ein verändertes Leben zu führen, das zur Errettung führt (Mittel). Jedes Thema wird klar definiert und anhand der Schrift dargelegt. Mit diesen Beschreibungen geht die Aufforderung an Prediger einher, jedes dieser drei Themen in jeder Predigt zu betonen. In Teil 7 wird schließlich dafür plädiert, dass auch bei Predigten über das Alte Testament alle drei Themen im Fokus stehen sollten.

„Das Buch bietet eine reichhaltige Mischung aus gründlichem Bibelstudium, theologischer Synthese und immer wieder auch Hilfe zur praktischen Umsetzung.“

 

Das Buch bietet eine reichhaltige Mischung aus gründlichem Bibelstudium, theologischer Synthese und immer wieder auch Hilfe zur praktischen Umsetzung. Das Ziel von Pipers Buch ist es, eine theologische Sicht auf die Predigt zu vermitteln – es soll also weit mehr sein als nur ein Praxishandbuch. Aber obwohl das Gesagte nicht in erster Linie praxisorientiert ist, birgt die Theorie enormes praktisches Potenzial.

Es ist beeindruckend, wie viel Inhalt Piper in einem einzigen Band unterbringt. Trotzdem ist der Text lang (mehr als 300 Seiten). Diese Länge ist nicht nur der Gründlichkeit geschuldet, sondern liegt auch an den Wiederholungen. Pipers Vorgehensweise ist sorgfältig und klar – was angemessen ist, schließlich plädiert er dafür, dass Prediger mit gesunder Logik arbeiten müssen (S. 149–170). Doch zuweilen sind seine Übergänge zäh, da er dort stets das, was bereits erarbeitet wurde, nochmals und neu formuliert, um im Anschluss seine Argumentation weiter voranzubringen.

Der faszinierendste (wenn auch möglicherweise verwirrende) Aspekt von Pipers Buch ist seine wiederholte Betonung des „Wirklichkeitsfaktors bei der Auslegung“ (S. 198). Es ist nicht unmittelbar klar, was Piper mit dieser Wendung meint, vor allem nicht am Anfang des Buches. Ab Teil 5 erscheint das Thema regelmäßig. Piper erklärt hier, dass „der Inhalt der Botschaft in ihrem Kern nicht der Bibeltext selbst ist (er ist nichtsdestotrotz bis ins kleinste Detail unverzichtbar), sondern die Wirklichkeit, die der Text vermittelt (S. 197; Hervorhebung auch im Original). Um jedoch Zugang zu dieser „Wirklichkeit“ zu bekommen, muss der Prediger „nicht nur seine [des biblischen Verfassers] unmittelbaren Absichten im Text erkennen, sondern auch seine allumfassende Sicht auf die Wirklichkeit, die jeden Aspekt seines Denkens prägt“ (S. 232). Piper behauptet, dass die gesamte Schrift ihre Leser auf die Anbetung (Herrlichkeit) ausrichtet, durch das Werk Christi, gemäß der Leitung des Heiligen Geistes. Diese Wirklichkeit muss den Rahmen für unser Lesen der Schrift wie auch für unser Predigen vorgeben. Das ist sicherlich ein hilfreiches Korrektiv für Predigten, in denen es versäumt wird, Einzeltexte in ihren größeren literarischen oder gesamtbiblischen Kontext zu stellen. Allerdings fand ich Pipers Konzept etwas vage, insbesondere, wenn es sich zuweilen auf etwas jenseits des Textes zu beziehen schien – ein „Etwas“, das nicht immer ganz klar ist. Trotzdem hat er Recht damit, wenn er sagt, dass durch den Text Wirklichkeit wahrgenommen wird – wie er denn auch dafür plädiert, Prediger müssten „den Wörtern des Bibeltextes genauestens Aufmerksamkeit schenken und radikal in die Wirklichkeit vordringen, die der Text vermitteln will“ (S. 199).

„Die zentrale These von Pipers Buch – dass Predigen Anbetung ist – verbietet es Pastoren, auf der Kanzel oberflächlich zu sein.“

 

Die zentrale These von Pipers Buch – dass Predigen Anbetung ist – verbietet es Pastoren, auf der Kanzel oberflächlich zu sein. Diese Mahnung wird nicht leichthin oder in vorhersagbarer Weise geäußert, sondern erfolgt mit einem Gewicht, das der Aufgabe und auch dem Gott angemessen ist, dem der Prediger dient. Piper schreibt: „Die Botschaft des Predigers, des Herolds, ist nicht nur ein Tatsachenkatalog, den wir verstehen müssen. Nein, hier geht es um die reiche Konstellation von Aspekten der Herrlichkeit Gottes, die wir zutiefst wertschätzen sollen“ (S. 76). Und etwas später: „Das Ziel des Predigers muss die Anbetung sein und seine Predigt selbst muss ein Ausdruck der Anbetung sein“ (S. 102). Amen.

Im Zusammenhang mit dieser These betont Piper einen angemessen theozentrischen Fokus für die Aufgabe des Predigens. Es ist für ihn ein Unding, wenn Prediger sich damit zufriedengeben, ihre Verkündigung daran auszurichten, wonach ihren Hörern die Ohren jucken. In der Predigt soll es nicht um die Zuhörer gehen. Stattdessen muss sie eine reichhaltige Darstellung der Wahrheit über Gott sein, so dass die Hörer ihr Leben entsprechend daran ausrichten können. Die wahren Bedürfnisse der Gemeinde werden nur dann erfüllt, wenn man sie lehrt, Gott in den Mittelpunkt zu stellen und sich an ihm zu erfreuen.

In einem der mehr konfrontativen Teile des Buches ermahnt Piper Prediger: „Hüte dich davor, […] deine Autorität spielen zu lassen. Hüte dich davor, deiner Gemeinde zu sagen: ‚Hier ist meine Sicht‘, und dann weiterzumachen, als ob es wahr sein muss, weil du es sagst“ (S. 213). Er besteht hartnäckig darauf, dass Prediger nicht einfach nur über die Wahrheiten des Predigttexts sprechen dürfen, sondern dass die Hörer sehen müssen, woher diese Wahrheiten kommen und wie sie uns im Text präsentiert werden (oder wie sie dort entwickelt werden). Das bedeutet, dass Prediger ihren Hörern den Predigttext darlegen müssen. Es gibt wohl kaum eine Botschaft an Pastoren, die nötiger oder dringender wäre.

Der erfrischende Charakter dieses Buches als eine theologische Abhandlung über die Predigt wird es zweifellos mit sich bringen, dass dieses Werk andauernde Bedeutung und Einfluss haben wird. Es sei sowohl Pastoren als auch Studenten in Vorbereitung auf den Pastorendienst empfohlen.

Buch

John Piper. Auslegung als Lobpreis. Wie die Predigt zur Anbetung wird. Augustdorf: edition baruch, 2019. 412 Seiten, 19,90 €.

Chase Kuhn lehrt Theologie und Ethik und ist Direktor des Centre for Christian Living am Moore Theological College (in Newtown, New South Wales, Australien).