Evangelisation

Rezension von Helmut Henschel
19. Juni 2020 — 6 Min Lesedauer

Mit dem Begriff des Altarrufs werden manche vermutlich nichts anfangen können (auch wenn der Begriff mittlerweile sogar einen eigenen Artikel bei Wikipedia hat). Dennoch ist die Praxis, die Bekehrung durch ein sichtbares Zeichen (z.B. nach „vorne“ zu kommen oder die Hand zu heben) auch heute noch in vielen Gemeinden bzw. missionarischen Werken üblich. Warum das häufig eher keine gute Idee ist und das regelmäßige Veranstalten von Evangelisationen nicht zwangsläufig für eine solide Evangeliumskultur in der Gemeinde sprechen muss, erfährt man in dem Buch Evangelisation von Mack Stiles, der den Begriff in der Reihe der „9 Merkmale für eine gesunde Gemeinde“ beleuchtet.

Die einzelnen Bücher dieser Reihe bieten bewusst keine umfassende, dickbändige theologische Abhandlung; vielmehr ist es die Absicht, „ein kurzes, leicht lesbares Buch herauszugeben“, wie Mark Dever es im Vorwort als Zielvorgabe der gesamten Reihe vorgibt. Das Buch von Mack Stiles ist also im besten Sinne ein Buch für Praktiker, ohne dadurch an Tiefe und Profil zu verlieren. Das große Anliegen des Autors ist, Gemeinden dafür zu begeistern, eine Kultur der Evangelisation zu entwickeln, die aus einem evangeliumszentrierten Gemeindeleben hervorgeht.

Was ist Evangelisation?

Stiles definiert den Begriff Evangelisation als „Lehre des Evangeliums, mit dem Ziel, davon zu überzeugen“. Stiles gibt zu, dass vermutlich die wenigsten Christen bewusst unbiblisch evangelisieren wollen; trotzdem resultieren viele Fehlentwicklungen auf diesem Gebiet, „weil Gemeinden etwas Evangelisation nennen, was keine ist“ (S. 23). Stiles verknüpft diese These mit autobiografischen, negativen Erfahrungen und benennt davon ausgehend die Gefahren einer falschen oder unscharfen Definition: Prioritäten werden nach Resultaten ausgerichtet, es wird (häufig unbewusst) manipulativ evangelisiert, die Lehre des Evangeliums wird verkürzt oder falsch dargestellt. Das kann dazu führen, dass Nichtchristen in die Gemeinde kommen, selbst wenn sie das Evangelium nicht verstanden haben. Stiles plädiert dafür,

  • zu lehren: Wir geben mit Worten weiter, was die gute Nachricht ausmacht;
  • das Evangelium zu lehren: Die Botschaft eines heiligen und gerechten Gottes, der durch den Sündenfall des Menschen herausgefordert wird, aber in Jesus selbst das Problem beseitigt;
  • mit dem Ziel, zu überzeugen: Unsere Aufgabe ist der zielgerichtete Versuch, unser Gegenüber vom christlichen Glauben zu überzeugen; wir wissen aber um die Notwendigkeit von Gottes souveränem Eingreifen, damit Menschen zum Glauben kommen können.

Die Souveränität Gottes lässt uns zugleich demütig werden. Gott kann auch seltsame, vielleicht sogar unbiblische Methoden dazu nutzen, Menschen zu retten. Doch sollte das nicht davon abhalten, um eine gesunde Definition von Evangelisation zu ringen.

Eine Kultur der Evangelisation

„Eine Gemeinde kann also viele evangelistische Programme auf die Beine stellen, zugleich aber keine Kultur der Evangelisation leben.“

 

Nachdem nun mit der Definition die grundlegende Basis für die Evangelisation aufgestellt ist, widmet sich Stiles der Integration von Evangelisation in die Gemeinde. Da nur die wenigsten Christen von Natur aus fröhlich evangelisieren, wirbt er leidenschaftlich dafür, die Kraft der Gemeinschaft in der Gemeinde für die Evangelisation zu nutzen. Dabei warnt er davor, gemeinsame Evangelisation nur als das Abhalten von Programmen respektive evangelistischen Events zu verstehen; das Beispiel einer amerikanischen Gemeinde zeigt eindrücklich, dass ein aufwendiges Programm sich zwar großer Beliebtheit erfreuen kann, zugleich aber niemand wirklich gläubig wird: „Wenn die Gemeindemitglieder nur die Hälfte der [aufgewandten] Zeit […] in persönliche Evangelisation mit Nachbarn, Arbeitskollegen und Kommilitonen investierten, würden sie mehr Nichtchristen mit dem Evangelium erreichen und eine bessere Reaktion auf das Evangelium erleben“ (S. 41). Eine Gemeinde kann also viele evangelistische Programme auf die Beine stellen, zugleich aber keine Kultur der Evangelisation leben. Wie aber könnte diese aussehen? Der Autor nennt verschiedene Aspekte für eine solche Kultur, z.B. eine Evangelisation, die von der Liebe zu Jesus motiviert ist, oder eine Kultur, die an einem Strang zieht und nichts darauf gibt, was andere über sie denken. Eine solche Kultur wird dazu führen, sich gegenseitig zu motivieren und auch zarte Triebe der persönlichen Evangelisation anzuerkennen und dafür zu danken. Eine Kultur der Evangelisation wird begreifen, dass Entertainment die Gefahr birgt, die Botschaft des Evangeliums zu relativieren.

Die Gemeinde als Ausgangspunkt der Evangelisation

Letztendlich aber wird eine solche Kultur davon zusammengehalten, dass die örtliche Gemeinde versteht, dass sie selbst die beste und von Gott bestimmte Methode zur Evangelisation ist. Diese Gemeinde ist vom Evangelium durchtränkt und jedes Mitglied weiß, dass nicht die Gemeindeleitung alleine Evangelisationsprogramme anleitet, sondern alle dazu aufgerufen sind, das Evangelium zu kennen, einen dementsprechenden Lebensstil zu führen und gemeinsam zu evangelisieren. Eine Gemeinde mit diesem Verständnis wird fast zwangsläufig auch eine Kultur der Evangelisation manifestieren; in so eine Gemeinde können ohne Bedenken Außenstehende eingeladen werden, weil man davon ausgehen kann, dass die Person im biblischen Sinne mit dem Evangelium konfrontiert werden wird. Nicht durch ausgefeilte Strategien, sondern durch die Verkündigung des Evangeliums in der Predigt bzw. durch Worte, im Abendmahl und im Umgang miteinander. Gerade in diesem Abschnitt des Buches wird deutlich, wie sehr Evangelisation und das jeweilige Verständnis von Gemeinde miteinander verzahnt sind.

Da die Gemeinde unweigerlich durch eine Gemeinschaft von Individuen ausgemacht wird, werden darüber hinaus konkrete Maßnahmen genannt, die dem einzelnen Mitglied helfen, eine Kultur der Evangelisation in der Gemeinde zu fördern. Besonders sticht heraus, die Zentralität des Evangeliums für Gemeinde und Lebensführung zu verstehen. Christen, die sich in allen Belangen am Evangelium ausrichten, werden nicht anders können, als anderen Menschen von der guten Nachricht zu erzählen. Daher muss das Evangelium immer neu gepredigt, gebetet, gesungen und (auch unter Mitchristen) weitergegeben werden. Es wäre ein Fehler, davon auszugehen, das Evangelium wäre allseits und umfassend bekannt.

Praktische Ratschläge

„Es wäre ein Fehler, davon auszugehen, das Evangelium wäre allseits und umfassend bekannt.“

 

Zum Abschluss wird es konkret. Auch wenn dies nicht der Schwerpunkt des Buches ist, merkt man dem Autor seine praktische Erfahrung an, was in eine ganze Anzahl von wertvollen Ratschlägen resultiert. Christen sind Botschafter (2Kor 5,20­–21), die ihr Verhalten daraus ableiten: Sie haben im Evangelium eine klare Botschaft, sie haben einen souveränen Auftraggeber, welcher allein Menschen retten kann und sie sehen im Gegenüber kein „Missionsobjekt“, sondern einen Menschen in Gottes Ebenbild, welcher Rettung bedarf.

Fazit

Evangelisation ist ein Begriff, der auch bei langjährigen Gläubigen nicht auf Anhieb Begeisterung weckt. Mack Stiles schafft es, die große Bedeutung einer Kultur der Evangelisation in der Gemeinde vor Augen zu führen; eine von dieser Kultur bestimmte Gemeinde wird nicht nur den Einzelnen in seinen Evangelisationsbemühungen stärken, sondern Evangelisation als Projekt der ganzen Gemeinde verstehen. Diese Kultur entstammt einem Verständnis der Zentralität des Evangeliums. Wenn wir also eine Kultur der Evangelisation in unseren Gemeinden etablieren wollen, ist der erste Schritt, das Evangelium – in allen seinen Auswirkungen – in den Mittelpunkt unserer Gemeinde zu stellen.

Buch

J. Mack Stiles. Evangelisation. Wie die ganze Gemeinde Jesus verkündigt. Augustdorf: Betanien Verlag, 2020, 120 S., 7,90 Euro.

Helmut Henschel ist Archivar. Mit seiner Frau Adele und den beiden Söhnen lebt er in Rastede bei Oldenburg. Er predigt regelmäßig in der Evangelisch Freien Gemeinde Oldenburg.