Das Streben nach Glück

Artikel von Ken Myers
16. Juni 2020 — 9 Min Lesedauer

Als Thomas Jefferson die Formulierung „das Streben nach Glück“ auswählte, um eines der unveräußerlichen Rechte des Menschen zu beschreiben, griff er auf eine historische Idee zurück. Schon vor der Zeit von Aristoteles wurde Glück als ein Zustand beschrieben, den alle Menschen rechtmäßig anstreben. Aber für die Griechen (wie auch für die biblischen Autoren) war Glück eine objektive Realität und nicht nur ein Gefühl oder ein emotionaler Zustand. Die Redewendung „was auch immer dich glücklich macht“, die heute so oft verwendet wird, hätte für die Hebräer, Griechen und auch Christen keinen Sinn ergeben, da sie keine feste moralische Ordnung unterstellt, in welcher Glück eingebettet ist.

Glück aus historischer und biblischer Perspektive

Glück ist in etwa synonym mit der biblischen Vorstellung von „Seligkeit“. In der klassischen und der mittelalterlichen christlichen Ethik bezog sich Glück auf einen Zustand des menschlichen Gedeihens und Wohlseins, bei dem das Leben eines Menschen sich auf das wahre Gute ausrichtete. Handlungen, Gedanken, Sehnsüchte und Ambitionen mussten geordnet werden im Licht des Zieles, für das die Menschen geschaffen wurden, damit jemand wirklich glücklich sein konnte. Das Streben nach Glück war in der Vergangenheit deshalb ein ethisches und kein psychologisches Projekt. Es bedeutete, nach dem Zweck und Ziel der eigenen Existenz zu streben. Zugleich schloss es die Erkenntnis ein, dass die eigenen Sehnsüchte und Handlungen einer Korrektur bedürfen. Es hieß, die Tatsache in Betracht zu ziehen, dass die Menschen nicht instinktiv nach dem höchsten Guten streben; dass es sehr attraktive Vergnügungen gibt, die nicht den wesentlichen Bedingungen unserer Natur entsprechen. Die christliche Perspektive betonte in diesem Zusammenhang, dass der Gehorsam des Menschen gegenüber dem Schöpfergott und das Streben diesen Gott zu verherrlichen, echtes Glück ausmachen konnte. Da aber die Sünde und der damit einhergehende Eigensinn uns von unserer eigentlichen und wahrsten Identität entfremdet hatte, war und ist das Streben nach Glück nur durch Gnade möglich, denn die menschliche Kraft ist nicht in der Lage, den Auswirkungen der Sünde in unserem Leben zu widerstehen.

„Das Streben nach Glück war in der Vergangenheit deshalb ein ethisches und kein psychologisches Projekt.“

 

Also ist Glück nach dieser historischen Vorstellung in Wirklichkeit ein Teil der Heiligung, des Wachstums in heiligem Gehorsam. Diese Formulierung käme zweifellos als ein Schock für die meisten unserer Zeitgenossen, vielleicht sogar für viele Christen, obwohl viele heidnische Philosophen wahrscheinlich zugestimmt hätten. Wie ist es dazu gekommen, dass ein Land, von dem man oft ausgeht, dass es christlich ist – ein Land, das so besessen ist, nach Glück zu streben – solch ein antichristliches Verständnis von dem entwickelt, was es heißt, glücklich zu sein?

Die Aufklärung als Paradigmenwechsel

Ein Teil der Antwort hängt mit den in der Kultur der Aufklärung entstandenen Ideen und ethischen Vorstellungen zusammen, die zur Zeit Jeffersons im 18. Jahrhundert Gestalt annahmen. Es war eine Zeit, in der Philosophen die Vorstellung einer wesentlichen menschlichen Natur, die den Zweck des Menschen definiert, aufgaben. Es war in gewisser Hinsicht die Preisgabe der Vorstellung von Sünde, denn die Denker der Aufklärung bauten ihr Verständnis von Ethik und Politik auf dem Bild einer selbstzentrierten und unschuldigen menschlichen Natur auf. Es war eine Zeit, in der die Freiheit des Einzelnen, sowohl für den Menschen selbst als auch für die Gesellschaft das höchste Gut wurde. Die Philosophien aus der Gründungszeit der Vereinigten Staaten hatten sich der Vorstellung verschrieben, dass das Individuum in seiner moralischen Autorität souverän sei (siehe MacIntyre, After Virtue, Seite 62).

In solch einem Kontext nahm die ehrbare Vorstellung des Strebens nach Glück eine ganz neue Bedeutung an. Glück wurde nun verstanden als das, was immer ein Einzelner sich vorstellt. Da es nicht länger objektiv im Rahmen eines festen Ziels für die menschliche Natur definiert werden konnte, wurde aus dem Streben nach Glück bald das Streben nach Vergnügen, die unermüdliche Suche nach Spaß, nach einem emotionalen Zustand des sorgenfreien Wonnegefühls. Und dieser Zustand muss keine Beziehung zu den ethischen Entscheidungen haben, die man getroffen oder zu der Art und Weise, wie man sein Leben eingerichtet hat. Es scheint häufig sogar so, dass viele Menschen diese Art von Glück durch schlechte ethische Entscheidungen erreichen wollen: Ehebruch zu begehen, die Eltern nicht zu ehren, die ungeborenen Kinder zu töten, den eigenen Leib zu missbrauchen. Wenn Glück nur zu einer mit allen Mitteln aufrechtzuerhaltenden Laune wird, werden Regeln typischerweise gebrochen, wie die Eier in Lenins Omelett.

Im 20. Jahrhundert wurde das Streben nach Glück bzw. Spaß eine Art moralischer Imperativ, unterstützt durch das Aufkommen der Massenmedien und der allgegenwärtigen Unterhaltung. Die Psychologin Martha Wolfenstein, die in der Mitte der 1950er schrieb, bemerkte das Aufkommen von dem, was sie „Spaßmoral“ nannte; eine Ethik, die den Platz der altmodischen Tugendmoral einnahm. Dabei kam es nun „auf die Impulse an. Keinen Spaß zu haben war Grund für Selbstprüfung: ‚Was ist falsch mit mir?‘ … Wo die Befriedigung verbotener Impulse traditionell Schuld auslöste, senkte der Mangel an Spaß nun das eigene Selbstbewusstsein“. Das Glück wurde nicht nur von den objektiven menschlichen Zielen abgelöst und unkritisch mit persönlichem Vergnügen identifiziert. Das Vergnügen, das angeblich die Quelle von Glück ist, wurde zudem zunehmend trivial und flüchtig. Wenn man sich der Spaßmoral unterwirft, dann erscheint das passive Konsumieren von Unterhaltung ein plausiblerer Weg zum Glück zu sein, als das feinsinnigere und anspruchsvollere Vergnügen wie Violine spielen zu lernen, eine Liebe für Literatur zu entwickeln oder einen schönen Garten zu kultivieren.

Die Spaßkultur kann nicht glücklich machen

Allerdings scheint die vorherrschende Überzeugung die meisten Menschen nicht glücklicher gemacht zu haben. In einem kürzlich erschienenen Aufsatz mit dem Titel „Das Streben nach Leere“, bemerkt John Perry Barlow: „Von der Vielzahl meiner Freunde und Bekannten, die Bürger der Prozac Nation wurden (Prozac war das erste Antidepressivum), habe ich niemals gehört, dass diese Medikamente sie näher zu wirklichem Glück bringen. Stattdessen murmeln sie mit ruheloser Dankbarkeit, dass Antidepressiva sie aus dem Abgrund geholt hätten. Sie streben nicht nach Glück. Sie flüchten vor dem Selbstmord.“ Barlow berichtet von einem Experiment, bei dem er das Lächeln der Menschen im exklusiven Biomarkt in San Francisco untersuchte, wo er regelmäßig einkaufen geht. Nach elf Monaten und nachdem er tausende Gesichter gesehen hatte, wobei „fast alle gesund, schön und sehr teuer herausgeputzt waren“, zählte er sieben Arten des Lächelns, drei davon kamen ihm jedoch unaufrichtig vor. Der Versuch, auf eigene Faust und nicht auf dem von Gott vorgesehenem Weg Glück zu finden, ist ein erschöpfendes und enttäuschendes Unterfangen.

Carl Elliott, Autor des Buchs Better than Well, dokumentiert einsichtsreich, wie viele Amerikaner verschiedene „Selbstverbesserungstechnologien“ benutzen, um sich besser zu fühlen (was für viele unserer Zeitgenossen die Definition des Glücks ist). Elliott nimmt wahr, dass das amerikanische Projekt vom Streben nach Glück so verzweifelt geworden ist, dass es nun notwendig erscheint, dass „ich nicht nur nach Glück strebe, sondern aggressiv danach strebe, es bewusstlos schlage und geknebelt und gefesselt in meinen Keller ziehe“. Wie weit Menschen gehen, um etwas Glück zu erhaschen, ist erstaunlich: die Drogen, die sie nehmen; die Fantasien, die sie aufrechterhalten; das Geld, das sie ausgeben; die Beziehungen, die sie vergiften.

Es gibt eine gewisse Gegenreaktion gegen dieses militante Streben nach Glück, gegen dieses Regime der permanenten guten Laune. Früher in diesem Jahr wurde Eric Wilsons dünnes Manifest Against Happiness: In Praise of Melancholy mit viel Sympathie aufgenommen. Wilson hinterfragt das Ansinnen, ständig gut gelaunt zu sein und erinnert seine Leser daran, dass es etwas emotional sehr Gesundes ist, auf die Tragödien des Lebens mit dunkleren Gefühlen zu reagieren. Andere aktuelle Bücher haben die Tendenz hinterfragt, Traurigkeit als eine geistige Krankheit zu behandeln. Diese Proteste sind richtig und gut, aber sie arbeiten immer noch mit der Annahme, dass Glück ein subjektiver Zustand sei.

Streben nach Glück gelingt nur unter Bezugnahme Gottes

Die Wiedererlangung einer reicheren Vision für menschliches Glück ist ein Projekt, für das Christen besonders befähigt sind. Wir glauben im Gegensatz zu den meisten unserer Zeitgenossen, dass wir dazu geschaffen wurden, uns an der Erkenntnis und der Liebe Gottes zu erfreuen und unsere Erfüllung als Geschöpfe nur darin zu finden, dass wir in seinen Wegen wandeln. Da wir auch wissen, dass wir in einer durch die Sünde entstellten Welt leben, erkennen wir, dass dieses Leben bis zum Kommen Jesu oft Leid, Verfolgung und Opfer einschließen wird.

„Glück ist die Frucht davon, unser Leben an den Zielen Gottes auszurichten.“

 

Unser Glück ist kein Recht, sondern eine Gabe von dem, der ein Mann der Schmerzen war, mit Leid vertraut. Soweit wir wissen, hat Jesus seine Jünger niemals gefragt: „Habt ihr Spaß?“ Aber er lehrte sie, dass treue Knechte in die Freude ihres Herrn eingehen werden. Glück ist die Frucht davon, unser Leben an den Zielen Gottes für uns auszurichten. Jesus verhieß: „Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, gleichwie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe geblieben bin. Dies habe ich zu euch geredet, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude völlig werde“ (Joh 15,10–11). Das Streben nach solch einer beständigen Treue und nicht nur nach beständigem Spaß ist der wahre Weg zu menschlichem Glück.

Ken Myers ist Moderator und Produzent von Mars Hill Audio in Quinque, Virginia (USA). Er ist Autor der Bücher All God’s Children und Blue Suede Shoes: Christians and Popular Culture.