Wie du deine Predigt verbessern kannst

Artikel von Kevin DeYoung
8. Juni 2020 — 9 Min Lesedauer

Schon seit Jahren bewegt mich die Frage, wie ich als Prediger besser werden kann. Ich bin 42 Jahre alt und predige, seitdem ich 25 bin, ungefähr zwei Mal die Woche. In diesen Jahren habe ich 75 Predigten pro Jahr gehalten. Rechnet man das so zusammen, wird vor allem eines deutlich: das sind eine ganze Menge Predigten. Natürlich ist es da meine Hoffnung, dass meine Predigten jetzt besser sind als früher und ich mich immer noch verbessere und weiterentwickeln kann.

Predigen ist schon eine kuriose Sache. Sie ist teils Wissenschaft, teils Kunst und dahinter steckt eine ganze Menge harte Arbeit und Disziplin. Sie fordert aber auch unglaublich viel Kreativität. Für einen Prediger fühlt sich wohl nichts befriedigender an als eine gute Predigt, doch scheint oft alles andere leichter zu sein, als dieses Ziel zu erreichen.

„Ich habe bereits Predigten gehört, die mustergültig ihrem Handwerk folgen aber jegliche Salbung und Kraft vermissen ließen.“

 

Es ist nahezu unmöglich, Predigten objektiv zu bewerten. Ich habe bereits Predigten gehört, die mustergültig ihrem Handwerk folgen aber jegliche Salbung und Kraft vermissen ließen. Und ich habe auch schon Predigten gehört, die äußerlich katastrophal wirkten, aber dennoch den biblischen Text effektiv kommunizierten und das Herz des Zuhörers ergriffen. Wetten, dass ich bereits selbst solche Predigten gehalten habe?

Eine homiletische Bewertung ist aber nicht bloß knifflig, sie ist auch äußerst subjektiv. Meine Predigten werden von manchen als schwere Kost empfunden. Andere denken, ich sei zu humorvoll. Beide könnten recht haben, sich aber auch irren. Das ist schwer zu beurteilen. Sogar unsere großen Predigtvorbilder haben unterschiedlichste Reaktionen hervorgerufen. War der zweifelsohne brillante Spurgeon ein vorbildlicher Textausleger? Martin Lloyd-Jones ist eines meiner größten Vorbilder, dennoch hatte er Gewohnheiten, die man wohl besser nicht nachahmen sollte.

Es gibt nicht den einen Weg, eine treue und effektive Predigt zu halten. Und es gibt auch nicht den einen Weg, sie zu beurteilen. Selbst wenn ich die geistlichsten Mitglieder in meiner Gemeinde dazu bringe, mir ein ehrliches, offenes Feedback zu meiner Predigt zu geben, so kann ich mir vorstellen, dass ich neben vielen wiederkehrenden Sachen auch eine große Vielfalt an Stärken und Schwächen zu hören bekomme.

Aber nun zurück zum eigentlichen Thema: Meine Predigten sollen besser werden. Als Pastor bin ich Gemeindeleiter, Seelsorger, Manager, Gruppenleiter, Schriftsteller, Lehrer, Mentor, Jüngerschafts-Trainer, Redakteur und Fundraiser und nehme noch ein Dutzend anderer Funktionen wahr. Dennoch ist meine zentrale Aufgabe als Hauptpastor immer noch das Predigen. In dieser Sache möchte ich so gut wie nur irgend möglich sein. Wenn andere meinen Fortschritt beobachten können sollen (1Tim 4,15), dann möchte ich doch, dass mein Fortschritt genau im Bereich des Predigens sichtbar wird.

Deshalb höre ich mir immer wieder an, wie andere predigen (auch wenn es mit den Jahren weniger geworden ist) und ich lese immer wieder (teilweise dieselben) Bücher übers Predigen. Dabei halte ich mich selbst nicht für ein homiletisches Vorbild. Mir klingt da immer wieder der Kommentar von Lloyd-Jones im Ohr, der sagt, er würde sich nicht die Mühe machen, sich selbst predigen zu hören. Da aber die vielen Heiligen der Christ Covenant Church (die Gemeinde, in der der Autor Pastor ist; Anm. d. Übers.) zu den Gottesdiensten kommen, um mich predigen zu hören, möchte ich so treu und weise wie möglich predigen.

Wie deine Predigt besser wird

Hier also ist meine Liste von 11 Fragen, die mir helfen, meine Predigten zu verbessern. Ich benutze die Fragen nicht als eine Art wöchentliche Checkliste. Diese Fragen bewegen mich bei meiner Predigtvorbereitung eher grundsätzlich.

  1. Wie effektiv nutze ich meine Zeit bei der Vorbereitung? Bei der Studierzeit eines Textes möchte ich mich nicht an irgendwelche Daumenregeln versklaven. Dieses ganze „Eine Stunde Bibelstudium für jede Minute auf der Kanzel“ kam mir schon immer lächerlich unerreichbar vor und führt gewöhnlich zu völlig überladenen Predigten. Je länger ich als Prediger tätig bin, umso weniger Zeit benötige ich, um eine gute Predigt vorzubereiten. So sollte es eigentlich jedem gehen, egal um welches Handwerk es sich dabei handelt. Dabei habe ich auch Verständnis für den Pastor, der sich für den Sonntagmorgen, den Sonntagnachmittag, die Sonntagsschule und auch den Mittwochabend vorzubereiten hat. Da gibt es schlichtweg nicht genug Stunden in der Woche, um vier (oder drei, manchmal auch nur zwei) qualitativ hochwertige Botschaften zu produzieren. Manchmal muss man einfach auf altes Material zurückgreifen oder für einen Tag weniger als das Allerbeste geben. Abgesehen von diesen Vorbehalten möchte ich klarstellen, dass ich nicht einfach altes Material für die Hauptpredigt recycle oder mich auf die vorgekaute Arbeit anderer stütze. Auch dürfen nicht einfach alle anderen Anforderungen meines Dienstes meine Vorbereitungszeit Woche für Woche verdrängen. Gute Predigten brauchen Zeit.
  2. Habe ich in der Vorbereitung etwas Neues dazugelernt? Ich liebe das Lehren, weil ich das Lernen liebe. Manchmal muss ich auf altes Material zurückgreifen (vor allem wenn ich nicht in meiner Gemeinde predige), aber dann ist die Begeisterung viel geringer. Die Begeisterung, mit der Gemeinde etwas zu teilen, was ich während der Woche dazugelernt habe, macht viel aus. Grundsätzlich gibt es drei Möglichkeiten, wie Redner die Aufmerksamkeit der Versammelten halten können: Durch die Kraft ihrer Persönlichkeit, durch ihre genialen Geschichten oder durch die intellektuelle Anregung des Inhaltes. Natürlich ist der Heilige Geist gleichzeitig am Werk und kann durch alle drei Methoden wirken. Doch vielen Predigern scheinen einfach die interessanten Inhalte auszugehen, sodass sie auf ihren eigenen (manchmal künstlich erzeugten) Pathos zurückgreifen, um die Menschen jede Woche bei Laune zu halten.
  3. Hat mich in der Vorbereitung irgendetwas persönlich bewegt? Es geht aber nicht nur darum, ob man in der Vorbereitung etwas Neues dazugelernt hat. Ich möchte vor allen Dingen, dass mich die Neuentdeckung oder das alte Wiederentdeckte im Herzen bewegt. Es ist unwahrscheinlich, dass eine Predigt andere bewegt, wenn dessen Inhalt uns nicht selbst ergriffen hat.
  4. Entspringen die besten Teile meiner Predigt aus einer gründlichen Beschäftigung mit dem Text? Der eigentliche Höhepunkt einer Predigt hat viel zu häufig wenig mit der exegetischen Einsicht aus der Bibelpassage zu tun. Es scheint als komme die eigentliche „Kraft“ dann aus Illustrationen, einer Schimpftirade oder einer gut platzierten Randnotiz, statt aus den von uns in der letzten Woche aus der Bibel ausgehobenen Schätzen.
  5. Gibt die Stimmung der Predigt die Stimmung des Textes wieder? Alle Predigten klingen gleich, wenn jeder Text die Persönlichkeit des Predigers widerspiegelt. Ist der Prediger ein fürsorglicher, zärtlicher Hirte, klingt jede Predigt wie beruhigender Balsam Gileads. Bei einem Zurechtweiser und Mahner bekommt man immer einen Finger auf die Brust gelegt. Zwar ist es unmöglich, die Predigt gänzlich von der Persönlichkeit des Predigers zu trennen, doch muss der Prediger darauf achten, dass der Text und nicht die eigene Persönlichkeit die Stimmung bestimmt. Evangeliums-zentriert zu predigen bedeutet nicht, dass sich jede Predigt wie ein und dieselbe Botschaft unserer Rechtfertigung in Christus anhört. Je nach Stimmung des Textes sollten Predigten tröstend, drohend, ermahnend, auffordernd, geistlich oder geerdet wirken.
  6. Bekomme ich genügend Schlaf? Es ist echt schwer, emotional gesund, intellektuell klar und rhetorisch kreativ zu sein, wenn man körperlich einfach erschöpft ist.
  7. Bekommt mein Körper genügend Bewegung? Wir alle kennen die Studien: Unser Gehirn kann schlichtweg besser arbeiten, wenn unser Körper mit ausreichend Bewegung und Aktivität versorgt wird. Die beste Predigtvorbereitung ist häufig ein langer Spaziergang.
  8. Ist meine Lektüre vielfältig und gut? Sicherlich kann man ein guter Prediger sein, ohne ein eifriger Leser zu sein. Nicht alle Prediger in aller Welt und zu allen Zeiten hatten so einen Zugang zu guten Büchern, wie wir ihn haben. Die meisten aber, die diesen Artikel lesen, haben Zugang zu einer unverschämten Menge an theologischen, pädagogischen und literarischen Ressourcen. Ich bin viel besser für das intensiven Ausgießen gerüstet, den das Predigen in der Gemeinde abverlangt, wenn ich einen starken Zustrom an Ideen habe und aus anderen Quellen schöpfe. Das bedeutet, dass ich Bücher, Artikel, Geschichten, Vorträge und sonst alles brauche, was meinen Geist frisch und beschäftigt hält.
  9. Denke ich über das Tempo und die Dynamik meines Predigtstils nach? Unser Empfinden von Lautstärke und Geschwindigkeit der Stimme ist Teil unserer individuellen Persönlichkeit. Der Schlüssel zur richtigen Predigtlautstärke oder -geschwindigkeit ist hier nicht irgendein starrer Standard der Gleichförmigkeit, sondern eine durchdachte Anpassung von Geschwindigkeit und Klang. Als ich an anderer Stelle einmal vorschlug, dass wir eventuell unsere Predigten kürzer machen sollten, war damit nicht gemeint, dass wir wichtige Inhalte streichen sollen. Stattdessen kam die Bemerkung aus der Überzeugung, dass viele von uns unwichtige Inhalte streichen könnten. Wir drehen uns beim Predigen im Kreis, statt zum nächsten Punkt zu kommen. Dann bleibt man während der gesamten Predigt auf derselben gefühlsmäßigen Stelle. So werden wir Gästeführer, die nur eine einzige Art kennen, Besucher durch eine Galerie zu führen.
  10. Habe ich schon mal darüber nachgedacht, mit meinen Fähigkeiten und Möglichkeiten verschiedene Ansätze auszuprobieren? Im Predigerseminar wurde mir beigebracht, ohne Notizen zu predigen. Das tat ich mehrere Jahre, bis ich das Gefühl hatte, dass ich jede Woche zu viele Stunden mit Auswendiglernen vergeude. Auch Manuskripte habe ich schon ausprobiert. Die meisten meiner Freunde scheinen das zu tun. Die Disziplin ist dabei gut für mich und macht die Predigten in Retrospektive viel nützlicher. Dennoch habe ich für den größten Teil meines Dienstes immer Stichpunkte bzw. Stichwortsätze benutzt. Früher habe ich 6-7 Seiten an Notizen auf die Kanzel mitgenommen, dann 5-6 und jetzt sind es gewöhnlich 4 Seiten. Jede Methode (mit oder ohne Notizen oder Manuskript) hat Vor- und Nachteile. Warum sollte man da nicht mal ausprobieren, welche Methode besser funktioniert bzw. mehr Nutzen bringt.
  11. Habe ich gebetet? Ich habe noch eine ganze Menge zu lernen. Ich hoffe, dass meine Predigten immer besser werden. Lieber Prediger, gib dich dieser Aufgabe mit neuem Eifer und mit neuer Disziplin hin. Liebe Gemeindemitglieder, bitte betet für euren Pastor, wenn die Predigt holprig ist und ermutigt ihn, wenn er ins Schwarze trifft. Und wenn ihr meint, dass er Hilfe braucht, denkt bitte daran, dass die meisten Prediger sensibler sind, als sie es sich anmerken lassen.

Kevin DeYoung ist Hauptpastor der Christ Covenant Church in Matthews, North Carolina (USA), Vorstandsmitglied bei The Gospel Coalition und Assistenzprofessor für Systematische Theologie am Reformed Theological Seminary (Charlotte, USA). Er hat zahlreiche Bücher geschrieben, darunter Gott beim Wort nehmen und Leg einfach los. Kevin und seine Frau Trisha haben acht Kinder.