... und dann der Heilige Geist

Artikel von Fred Sanders
31. Mai 2020 — 7 Min Lesedauer

Es gibt drei Personen in der Dreieinigkeit, alle gleichrangig, gleich ewig und gleich wichtig. Es gibt kaum einen tieferen christlichen Reflex, als dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist gleichermaßen gerecht werden zu wollen.

Neben diesem Reflex liegt aber auch eine tiefe Weisheit darin, eine bestimmte Reihenfolge anzuerkennen, in der wir die christliche Lehre über die Dreieinigkeit entfalten – insbesondere über den Heiligen Geist als dritte Person der Dreieinigkeit. Tatsächlich gibt es in der christlichen Lehre eine lange und gute Tradition, mit der Pneumatologie, das ist die Lehre vom Heiligen Geist, erst dann zu beginnen, nachdem bestimme andere Lehren bereits etabliert worden sind. Bei dieser Tradition wird der Kern des christlichen Bekenntnisses zunächst ohne Fokus auf den Heiligen Geist bestimmt – und durch diese nur vorübergehende Verschiebung der Pneumatologie geht auch nichts schief. Wenn dann, in einem späteren Schritt, der Heilige Geist zu diesen Kernaussagen hinzugefügt wird, öffnet sich eine Welt von noch größerer Tiefe, und die volle Herrlichkeit der trinitarischen Soteriologie wird sichtbar. Nichts ändert sich, aber alles wird besser.

Lass mich das anhand einiger Schlüsselbeispiele zeigen.

1. Das Bekenntnis von Nicäa

Nachdem die Väter von Nizäa ausführlich bekräftigt hatten, dass sie an den Sohn glauben, fügten sie am Ende des Glaubensbekenntnisses den unscheinbaren Satz „und an den Heiligen Geist“ hinzu. Punkt.

Aber 56 turbulente Jahre später, als das Glaubensbekenntnis 381 n.C. in Konstantinopel wieder hervorgeholt und erweitert wurde, blühte dieser dürftige dritte Artikel in dem Bekenntnis zu der Form auf, in der wir es heute im Bekenntnis von Nicäa finden:

„Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird, der gesprochen hat durch die Propheten“

Was geschah also, als man zu dem anfänglichen Bekenntnis von Nicäa, das nur eine minimal explizite Pneumatologie enthielt, 381 n.C. eine inhaltlich deutlich stärker ausgeprägte Pneumatologie hinzufügte? Die Dreieinigkeit kam zur Geltung. Mehr Wahrheit wurde verkündet. Das ganze Bekenntnis wurde aussagekräftiger, bedeutsamer, tiefergehender. Man könnte sagen, dass die Väter von Konstantinopel einen Schritt zurück traten. Es ist vielleicht erwähnenswert, dass die Bewegung, die ich hier beschreibe, nur dann funktioniert, wenn im ersten Schritt bereits eine Pneumatologie vorhanden ist; ich werde keine theologischen Beispiele nennen, bei denen die Anerkennung des Geistes gänzlich ausgelassen wird. Das wären schwierigere Fälle; sie könnten mit der rechten Lehre in Konflikt geraten. Man darf nicht nichts über den Heiligen Geist sagen. Worauf ich hier aufmerksam machen möchte, ist die Tradition, zunächst wenig, später aber mehr über den Heiligen Geist zu sagen.

2. Athanasius

Parallel lässt sich diese Entwicklung bei einem der größten Befürworter des Bekenntnisses von Nicäa, Athanasius von Alexandria, beobachten. Der Großteil seiner Theologie erkennt mit Nachdruck an, was das Bekenntnis von Nicäa zum Ausdruck bringt: die volle Gottheit des Sohnes, eines Wesens mit dem Vater. Er erwähnt den Heiligen Geist nur gelegentlich und niemals mit eigenständigem Schwerpunkt. Athanasius stand sendungsbewusst hinter seiner Botschaft, die lautete: der Arianismus ist falsch (Die Arianer leugneten eine Wesensgleichheit zwischen Gott, dem Vater und Gott, dem Sohn, Anm. der Red.). Dann jedoch schrieb Athanasius auf den Wunsch von Serapion von Thmuis eine Reihe von Briefen, in denen er die Person und das Wirken des Heiligen Geistes erläutert. Es handelt sich um eine kurze, aber überzeugende und umfassende Abhandlung, sodass man kaum glauben kann, dass Athanasius sein Verständnis über den Heiligen Geist während der Arius-Krise für sich behalten konnte.

Was passiert, wenn der auf Christologie fokussierte Athanasius seine Aufmerksamkeit explizit auf die Erörterung des Heiligen Geistes richtet? Sein Werk bekommt trinitarische Konturen, die es abrunden und zu einem sehenswerten Wunderwerk machen. Vielleicht ist „abrunden“ die falsche Metapher; Form und Gestalt der athanasianischen Theologie ändern sich nicht, aber das Aufzeigen der pneumatologischen Tiefe verändert alles, was er sagt.

3. Calvins Institutio

Der Aufbau der Institutio Calvins weist eine ähnliche Dynamik auf. Aus verschiedenen Gründen schiebt er viele Diskussionen über den Geist auf das 3. Buch hinaus. Dort fragt er, wie das Heil, dass der Vater in Christus bereitgestellt hat, zu unserem Heil werden kann. Seine Antwort ist Glaube, dann aber vertieft er sich in das mysteriöse Werk des Heiligen Geistes und offenbart eine praktische Pneumatologie, geprägt von richterlicher Macht.

4. Das Neue Testament

Anstatt diese Tradition anhand späterer Beispiele noch weiter zu erläutern, möchte ich auf die Quelle zurückgreifen und behaupten – ehrfürchtig – dass die Heilige Schrift selbst an mehreren Stellen einem ähnlichen Muster folgt. Das Matthäusevangelium erreicht im 11. Kapitel einen ersten Höhepunkt als Jesus sagt, dass niemand den Vater kennt außer dem Sohn und umgekehrt. Allerdings kommt es erst im 28. Kapitel zu einem vollkommenen Abschluss, wenn nämlich der auferstandene Christus diese Aussage auf die dritte Person, den Heiligen Geist – dessen Werk er im 11. Kapitel bewusst unausgesprochen gelassen hat – erweitert. Das Johannesevangelium legt ebenfalls einen beträchtlichen Fokus auf die dyadische, (d.h. gegenseitige, Anm. der Red.) Beziehung des Wortes zu Gott, und dann des Vaters zum Sohn, bevor es sich im 14. Kapitel oder insbesondere im 16. Kapitel voll und ganz auf den Heiligen Geist konzentriert. Im Römerbrief arbeitet Paulus die Gerechtigkeit Gottes und die Versöhnung in Christus aus, bevor er sich im 8. Kapitel, in dem der Römerbrief einen doxologischen und kerygmatischen Höhepunkt erreicht, ganz dem Heiligen Geist zuwendet.

5. Die Erfüllung der Verheißungen Gottes

Um mit der größtmöglichen Aufmerksamkeit auf dem Aufbau der gesamten Heilsordnung zu enden, fällt die Erwähnung des Geistes, der in den frühen Phasen des Wirkens Gottes nie abwesend, aber oft anonym bleibt, gerade bei der Erfüllung der Verheißungen Gottes auf. Nämlich genau dann, wenn sein Name, sein Charakter und sein unverwechselbares Werk zur Geltung kommen und zu einem wichtigen Punkt bei der Verkündigung und Lehre werden. Oder um es Michael-Horton-artig auszudrücken, Bund und Eschatologie sind die zwei wichtigsten Pole der Pneumatologie.

„Es ist falsch, den Geist zu vernachlässigen. Es ist aber auch falsch, der Pneumatologie eine übermäßige Aufmerksamkeit zu schenken und sich dadurch abzulenken; oder bereits in den ersten Schritten der systematischen Theologie eine pneumatologische Grundlage legen zu wollen. “

 

Es ist falsch, den Geist zu vernachlässigen. Es ist aber auch falsch, der Pneumatologie eine übermäßige Aufmerksamkeit zu schenken und sich dadurch abzulenken; oder bereits in den ersten Schritten der systematischen Theologie eine pneumatologische Grundlage legen zu wollen. Es gibt eine weise Tradition, dass man zuerst die Hauptlinien der Theologie festlegt, bevor man die implizit vorhandene pneumatologische Wahrheit näher beleuchtet, die unbestreitbar bereits die ganze Zeit vorhanden war. Zumindest für die Reihenfolge ihres Unterrichts wird dies für Theologen, die noch nicht am Ziel sind (engl. pilgrim theologians), eine umsichtige Herangehensweise für das Unterrichten der Gemeinde sein.

In Thomas Goodwins Buch „The Knowledge of God the Father ans His Son Jesus Christ“ stellt er um Seite 351 herum fest, dass sein gesamtes Projekt dyadisch, um nicht zu sagen „binär“ klingt:

Es gibt eine dritte Person in der Gottheit, den Geist Gottes, des Vaters und Christi; der in meiner Abhandlung dieses Punktes einfallen wird und sich als der eine wahre Gott erweisen wird, gleich den anderen zwei genannten.

Wie sich herausstellt, fiel der Geist in Goodwins Abhandlung tatsächlich ein. Nicht nur in diesem Buch, sondern auch später, als er eine erweiterte Pneumatologie schrieb. Wenn der Geist nicht eingefallen wäre, würden wir Goodwins dyadische Abhandlung im Nachhinein anders beurteilen. Aber er fiel ein.

Mein Eindruck ist, dass sich diese Ordnung in der christlichen Theologie immer wieder beobachten lässt, und das ist gut so.

Fred Sanders unterrichtet am Torrey Honors Institut der Biola University (USA) und ist Autor zahlreicher Bücher, u.a. The Deep Things of God: How the Trinity Changes Everything.