Entwurzelt – Aktuelle christliche Irrtümer

Rezension von Samuel Wiebe
26. Mai 2020 — 7 Min Lesedauer

In einem Gespräch mit einem guten Freund vor einigen Wochen äußerte dieser seine Besorgnis und Verwirrung darüber, dass er in letzter Zeit einen zunehmenden Unwillen gegenüber dem Festhalten an klaren, gegebenenfalls abgrenzenden, theologischen Positionen wahrnehme. Die Gefahr eines theologischen Relativismus, der christliches Erleben (bis hin zur Mystik) und christliche Einheit (oder das Gefühl einer solchen) über genaue biblische Exegese und theologisches Bekenntnis stelle, mache ihn unsicher und bereite ihm Sorgen.

In Entwurzelt – Aktuelle christliche Irrtümer macht Richard P. Moore deutlich, dass diese Sorgen nicht unberechtigt sind. Moore, langjähriger Jugendpastor in den USA und derzeit Mitarbeiter bei TeachBeyond in Deutschland, untersucht in seinem Buch die theologischen Überzeugungen und Praktiken der besonders in den USA verbreiteten Bewegungen „Wort des Glaubens“, „Dritte Welle“ und „Neue Apostolische Reformation“. Seine Untersuchung richtet sich dabei vor allem auf Aussagen und Vorträge Bill Johnsons, Hauptpastor der Bethel Church in Redding (USA). Sein Einfluss in den USA und Deutschland und seine gleichzeitige Nähe zur „Neuen Apostolischen Reformation“ lassen diese Fokussierung gerechtfertigt erscheinen.

Abweichende Lehre und ihre Praxis

In den ersten Kapiteln legt Moore die Grundlage für seine Untersuchung der Theologie Johnsons. Hier erläutert er, was er unter „orthodoxer“ Lehre versteht (Kapitel 1), was demgegenüber abweichende Theologie (nach dem englischen Originaltitel Divergent Theology) bzw. Häresie ist (Kapitel 2 und 4). Er zeigt anhand einiger statistischer Daten auf, dass die „Neue Apostolische Reformation“ in der evangelikalen Welt großen Einfluss hat, was eine intensive Auseinandersetzung mit ihren Lehren und Praktiken rechtfertigt (Kapitel 3). Im Hauptteil des Buches setzt Moore sich (relativ unsystematisch) mit einigen zentralen Lehren und Praktiken, die sich bei Johnson und in der Bethel Church finden oder zumindest von diesen begrüßt werden (wie zum Beispiel solch sonderbare Praktiken wie das „Grabsaugen“ oder das Aufwecken von Engeln), auseinander und zeigt gnostische und synkretistische Elemente in ihnen auf. Sein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Christologie Johnsons, die er mit anerkannten christlichen Bekenntnissen (dem Apostolischen und dem Nicäischen Glaubensbekenntnis) vergleicht und dabei einige Abweichungen vonseiten Johnsons dokumentiert. Moore zeigt eine Neigung zu außerbiblischen Offenbarungen in der Lehre Johnsons auf und weist auf falsche Vorstellungen über das Verhältnis von Reich Gottes und dem Reich der Welt hin (Dominionismus), die der Souveränität Gottes nicht gerecht werden. Von besonderem Wert ist auch das Kapitel „Außerbiblische Offenbarungen“, in dem er sich mit der von Johnson und Leitern der „Neuen Apostolischen Bewegung“ empfohlenen The Passion Translation, einer Bibelübersetzung von Brian Simmons, auseinandersetzt. Er zeigt einige ihrer offensichtlichen und vorsätzlichen Fehlübersetzungen auf. Zum Beispiel übersetzt Simmons Galater 6,6 mit: „Und diejenigen, die im Wort unterwiesen werden, erhalten von ihrem Lehrer eine Weitergabe; eine Teilung des Wohlstandes findet zwischen ihnen statt.“ (Hervorhebung und Übersetzung nach R. P. Moore, S. 117) Offensichtlicher kann eine „Übersetzung“, die etwas in den Text hineinliest, nicht sein. Hier werden eigene theologische Vorstellungen in den Text hineingelegt. Moore schließt sein Buch mit einer kurzen biblischen Einordnung der Rolle des Heiligen Geistes und der Wunder in Johnsons Glaubenspraxis.

Es geht um den persönlichen Glauben

Entwurzelt ist für Moore nicht bloß ein Projekt, das wie jedes andere abgeschlossen werden kann. Es ist ihm ein Herzensanliegen.“

 

Entwurzelt ist für Moore nicht bloß ein Projekt, das wie jedes andere abgeschlossen werden kann. Es ist ihm ein Herzensanliegen: Moore und seine Frau Simone Müller-Moore haben eine gemeinsame mit Down-Syndrom geborene Tochter. Aus diesem Grund sind sie in Vergangenheit persönlich mit den Lehren und Praktiken der „Neuen Apostolischen Reformation“ und von ihr geprägten Gemeinden konfrontiert worden. Der Schmerz und die Enttäuschungen, die sie dabei erlebten – schließlich sei doch eine fehlende Gesundung auf fehlenden Glauben ihrerseits zurückzuführen –, waren Ausgangspunkt für eine intensive Beschäftigung mit den Bewegungen von „Wort des Glaubens“, „Dritte Welle“ und „Neue Apostolische Reformation“. Als Ergebnis davon steht dieses Buch. Dieser persönliche Hintergrund verleiht dem Buch besonderen Wert. Ein Vorwurf der Voreingenommenheit ist unangebracht: Moores Arbeit basiert auf extensivem Studium von Videomaterial und Veröffentlichungen und ist eine subtile Analyse der Lehren Johnsons. Ein ausgeprägter Anhang mit Quellverweisen, einer Auswahl an Zitaten Johnsons mit gegenübergestellten Bibelzitaten bestätigt dies.

Es geht um Christus

Das Herzstück des Buches ist die Untersuchung der Christologie Johnsons. Das spiegelt sich auch in der Tatsache, dass diesem Themenkomplex vier Kapitel gewidmet sind. Moore zeigt überzeugend die abweichenden Tendenzen zu den anerkannten christlichen Bekenntnissen auf.

„Dennoch macht der Gesamtbefund Moores sehr deutlich, dass sich Johnson und andere Anhänger der genannten Strömungen von der orthodoxen christlichen Lehre entfernen und den Sühnetod Christi, den Kern aller christlichen Theologie, verwässern.“

 

Gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass sich diese schwer durch eine bestimmte Etikettierung greifen lassen. So finden sich in den angeführten Zitaten monophysitische, arianische und adoptionistische Elemente wieder, ohne dass diese offensichtlich formuliert werden. Moore gesteht Johnson daher zu, dass es sich bei dessen Aussagen wohl nicht um formale, d.h. bewusste, sondern lediglich um materielle Häresie handelt. Diese Unklarheit in der Theologie Johnsons macht es schwer, sie zweifelsfrei als Irrlehre zu erkennen. Dennoch macht der Gesamtbefund Moores sehr deutlich, dass sich Johnson und andere Anhänger der genannten Strömungen von der orthodoxen christlichen Lehre entfernen und den Sühnetod Christi, den Kern aller christlichen Theologie, verwässern. Moore bringt das in der Untersuchung des Glaubensbekenntnisses von Johnsons Bethel Church gut auf den Punkt: „In diesem Glaubensbekenntnis fällt besonders das Schweigen über Zorn, Gericht, Buße, Sühne und Versöhnung auf. Diese Auslassungen sind noch besorgniserregender als all die unchristlichen Praktiken. Das Zentrum von Bethels Glaubensrahmen ist Pfingsten, nicht Golgatha.“ (S. 91f., Hervorhebung S.W.)

Einige Anmerkungen

Moore benennt sowohl im Untertitel des Buches („Theologische Kennzeichen der ‚Wort des Glaubens‘-Bewegung, der ‚Dritten Welle‘ und der Apostolischen Reformation‘“) als auch in seiner Einleitung sein Vorhaben, nämlich die Theologie und Praxis dieser drei christlichen Strömungen zu untersuchen. Aber sein Buch beschränkt sich letztlich, bis auf eine kurze Definition dieser Strömungen im Vorwort zur deutschen Ausgabe, auf die Theologie und Praxis Bill Johnsons und der Bethel Church. Das kann dem Leser irreführend erscheinen. Moore begründet das damit, „dass Johnson einen guten Querschnitt der Lehren und Glaubensinhalte der gesamten ‚Neuen Apostolischen Reformation‘“ (S. 35) darstelle. Dem darf man aufgrund der jahrelangen Recherchen des Autors wohl Glauben schenken.

Das Buch lässt sich trotz seiner komplexen Thematik leicht lesen und ist aufgrund seines begrenzten Umfangs ohne Probleme in einigen Stunden zu bearbeiten, was gerade dem viel beschäftigten Gemeinde- oder Hauskreisleiter entgegenkommen dürfte. Dennoch wäre dem Lesefluss eine klarere Struktur an der einen oder anderen Stelle zugutegekommen. So entsteht durch einige unnötig kurze Kapitel ein etwas zersplitterter Charakter, der der Orientierung des Lesers nicht unbedingt zuträglich ist. Auch trüben vereinzelt Ungenauigkeiten und Verallgemeinerungen die Argumentation. Wenn Moore zusammenfasst: „Bill Johnson und andere NAR-, DW- und WDG-Lehrer lehren, dass Jesus NICHT Gott war oder dass Jesus seine Göttlichkeit auf der Erde ablegte“ (S. 86), so ist das inhaltlich wohl korrekt. Es ist jedoch immer noch ein großer Unterschied (auch wenn beides theologisch falsch ist), ob Jesus seine Göttlichkeit „nur“ ablegte (im Sinne einer Kenosis) oder er nie Gott war.

Es geht um das Evangelium

Die genannten Mängel ändern nichts an dem Ergebnis der Untersuchung, das für Moore (und wohl auch für den aufrichtigen Leser) eindeutig ist: Die Theologie der Bewegungen „Wort des Glaubens“, „Dritte Welle“ und „Neue Apostolische Reformation“ weichen in entscheidenden Punkten, nämlich in der Christologie und zum Teil auch der Soteriologie von der orthodoxen christlichen Lehre ab, was sich letztlich auch in den verschiedenen Praktiken dieser Bewegungen widerspiegelt. Moores Ziel ist es nicht, einzelne Gläubige zu verunsichern oder einfach persönliche Kritik zu üben. Gleichwohl ist es seine Absicht, dem suchenden und womöglich verunsicherten Gläubigen Hilfestellung in der Beurteilung dieser neuen christlichen Strömungen zu geben. Dies ist Moore mit seinem Buch gelungen, dass in einer Zeit des theologischen Relativismus einen wertvollen Beitrag für die Bewahrung des Glaubens (1Tim 1,19) leistet. Er setzt sich dort für die Reinheit des christlichen Glaubens ein, wo keine Kompromisse gemacht werden dürfen: bei dem Bekenntnis unseres Herrn Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch.

Buch

Richard P. Moore. Entwurzelt. Aktuelle christliche Irrtümer. Dillenburg: CV 2020. 198 Seiten, 14,90 Euro.