Melanchthons Loci von 1559

Rezension von Ron Kubsch
19. Mai 2020 — 3 Min Lesedauer

Philipp Melanchthon (1497–1560) gehört noch immer zu den unterschätzten Wegbereitern der Reformation. Als junger Professor für Griechisch schloss er sich 1518 in Wittenberg der Reformation an und etablierte sich schnell als wichtigster Mitarbeiter und Freund von Martin Luther. Über Luther konnte Melanchthon sagen, von ihm habe er „das Evangelium gelernt“. Luther wiederum bekannte seinem Mitstreiter: „Auch wenn ich zugrunde gehe, wird doch nichts vom Evangelium zugrunde gehen. In ihm übertriffst du mich jetzt und folgst als Elisa dem Elias“ (WABr 2, S. 413).

Schon 1521 legte Melanchthon mit seinen Loci communes eine erste systematische Ausarbeitung der reformatorischen Lehre vor. Den Begriff „loci“ hatte er bereits 1519 in seiner Rhetorik verwendet. Loci verwiesen auf „Orte“ oder „Grundbegriffe“. In den Loci communes entnimmt er sie dem Römerbrief. Wichtige loci sind etwa Gott, die Schöpfung, die Sünde, der Wille des Menschen, das Gesetz, das Evangelium, die Gnade, der Glaube, die guten Werke.

Anders als es in der Scholastik üblich war, wollte der Humanist Melanchthon begrifflich möglichst nah an die Texte der Heiligen Schrift heran. Sinn der Theologie sei es, die Leser mit der Schrift vertraut zu machen. Melanchthon schreibt: „Wir haben – unter dem Einfluß der philosophischen Lehrer – nicht nur den Inhalt, sondern auch die Sprache der Heiligen Schrift verlernt und haben, wie in Esra zu lesen ist, ausländische Frauen geheiratet und ihre Sprache anstelle der unseren gesprochen“ (2,62). In dem Kapitel zum Gesetz sagt er: „Und ich will daher, daß du [beim Studium] dieser Hauptbegriffe in mir nicht einen Lehrer, sondern einen Erinnerer erblickst … und du [so] aus der Schrift, nicht aus meinem Kommentar lernst. Denn glaub mir, es liegt viel daran, ob Du die Materie solch großer Inhalte aus Quellen schöpfst oder aus Wasserlachen“ (3,2).

Die Ausgabe von 1521 entfachte besonders unter den Reformatoren erster und zweiter Generation eine große Wirkung. Bis in die Gegenwart hinein stand sie im Focus des wissenschaftlichen Interesses. Durch die Übersetzung von Hans-Georg Pöhlmann fand sie im deutschsprachigen Raum weite Verbreitung.

Melanchthon überarbeitete den Text 1522, 1525, 1533 (als Vorlesung), 1535, 1541, 1543 und 1559. In der ausgereiften Auflage von 1559 trägt das Werk schließlich den Titel Loci praecipui theologici. Diese Auflage ist viermal so umfänglich wie die erste. Obwohl sie in der altprotestantischen Orthodoxie eine große Rolle gespielt hat, lag bisher keine deutsche Übersetzung vor.

Im Rahmen eines Projektes der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel (STH) wurde erfreulicherweise vor einigen Jahren mit einer vollständigen Übersetzung der Loci praecipui theologici begonnen. Die philologische Seite der Übersetzung liegt bei dem Basler Altphilologen Peter Litwan unter Assistenz der Altphilologin Florence Becher-Häusermann. Die theologische Redaktion hat Sven Grosse, Professor für Historische und Systematische Theologie, übernommen. Unterstützt wird die immense Unternehmung zudem von Harald Seubert, der sich besonders beim Korrigieren der Übersetzungen einbringt.

Ich hoffe, dass die Herausgabe der Loci praecipui theologici in deutscher Sprache zum vertiefenden Studium von Melanchthon angeregt. Der Vergleich der Ausgabe von 1521 mit der von 1559 steht endlich Lesern offen, denen die lateinische Lektüre schwer fällt. Im Abschnitt „Der Grund der Sünde und die Kontingenz“, der bekanntlich in der ersten Ausgabe noch nicht zu finden ist, stehen bemerkenswerte Aussagen wie: „Also ist nicht Gott die Ursache für die Sünde und die Sünde ist nichts, das von Gott geschaffen oder angeordnet ist, sondern sie ist die schreckliche Zerstörung des göttlichen Werks und der göttlichen Ordnung“ (S. 103). Oder: „Weil aber, wie gesagt wird, Gott die Kontingenz begrenzt, muss eine Unterscheidung festgehalten werden. Gott bestimmt auf die eine Weise das, was er will, auf eine andere das, was er nicht will …“ (S. 111).

Der erste Band liegt inzwischen vor und kann über den Buchhandel erworben werden. Er enthält Register für Bibelstellen, Begriffe, Nichtbiblische Namen und Orts-, Völker- und Gruppennamen. Nach Auskunft der herausgebenden Evangelischen Verlagsanstalt soll der zweite Band im Sommer 2020 erscheinen.

Buch

Philipp Melanchthon. Loci praecipui theologici nunc denuo cura et diligentia Summa recogniti multisque in locis copiose illustrati 1559: Lateinisch-Deutsch. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2018. ISBN: 978-3374052967, 550 S. 68,00 Euro.

Ron Kubsch ist Studienleiter am Martin Bucer Seminar in München, Dozent für Apologetik und Neuere Theologiegeschichte sowie 2. Vorsitzender und Generalsekretär bei Evangelium21. Er bloggt seit über 12 Jahren unter TheoBlog.de und hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter Die Postmoderne (2007), und Der neue Paulus (2017). Seit 2009 ist er Schriftleiter der Zeitschrift Glauben und Denken heute. Ron ist mit Dorothea verheiratet. Sie haben drei erwachsene Kinder.