Greek Scripture Journal

Rezension von Tanja Bittner
28. April 2020 — 9 min Lesedauer

„Griechisch? Klar, das hatte ich im Theologiestudium, aber das ist lange her … In der Predigtvorbereitung schlage ich öfters mal einen Begriff nach, aber besonders fit bin ich nicht mehr.“ Das ist verständlich. Falls man nicht gerade als Bibelübersetzer arbeitet, hat die Arbeit mit dem Urtext im Pastoren- oder Missionarsalltag wohl selten oberste Priorität, während viele andere Dinge ständig Zeit und Aufmerksamkeit fordern.

„Immerhin geht es um nichts Geringeres als um Gottes Wort. Wenn ich das Original haben kann, wer würde da die Kopie (bzw. Übersetzung) bevorzugen?“

 

Aber andererseits: Ist das nicht auch schade? Immerhin hat man (vielleicht vor Jahren) bereits eine Menge Arbeit geleistet und viel Zeit investiert, um sich die Grundbegriffe dieser Sprache anzueignen. Vielleicht ist das alles etwas verschüttet, mag sein. Aber es wäre wiederzubeleben. Und immerhin geht es um nichts Geringeres als um Gottes Wort. Wenn ich das Original haben kann, wer würde da die Kopie (bzw. Übersetzung) bevorzugen? Sind wir Christen nicht eigentlich die, die ihre Bibel als kostbaren Schatz betrachten? Was, wenn es gar nicht so viel extra Investition kosten würde, die Betonungen und Feinheiten hören zu lernen, die keine Übersetzung transportieren kann? Wenn es einfach nur etwas Übung bräuchte? Griechisch ist auch nur eine Sprache – und Sprachen kann man flüssig verstehen lernen. Viele von uns sind in der Lage, englische Texte zu lesen, obwohl das nicht ihre Muttersprache ist. Warum sollte das mit Griechisch nicht auch möglich sein?

Das Greek Scripture Journal könnte hier die Chance bieten, einen neuen Anlauf mit einem neuen Hilfsmittel zu starten. Der amerikanische Verlag Crossway bereitet eine komplette Ausgabe des Neuen Testaments im Schuber vor, die im Juni erscheinen soll, hat aber bereits jetzt separat die Johannesbriefe als Einzelheft veröffentlicht.

„Dieser Bibeltext ist dafür gedacht, eigene Entdeckungen festzuhalten.“

 

Die äußere Aufmachung ist schlicht und gleichzeitig edel: ein mattschwarzer Umschlag mit Goldlettern und abgerundeten Ecken. Auch das Schriftbild des Bibeltexts ist angenehm – man nimmt das Heft gerne zur Hand. Andererseits ist das Journal nicht so respekteinflößend, dass man sich scheuen würde, zum Stift zu greifen – und genau das ist der Sinn der Sache. Zwischen den einzelnen Zeilen des Texts wurde ein bewusst großer Abstand gelassen, der zu Notizen und Markierungen einlädt. Ob man nun die Übersetzung einer unbekannten Vokabel vermerkt oder den Querverweis auf eine andere Stelle notiert oder aber Verbindungslinien zieht – dieser Bibeltext ist dafür gedacht, eigene Entdeckungen festzuhalten. Was zwischen den Zeilen nicht unterzubringen ist, findet vielleicht auf dem breiten Rand Platz oder (wenn noch umfangreicher) in den Notizseiten am Ende des Hefts.

Der verwendete griechische Text ist der des 2017 veröffentlichten Tyndale House Greek New Testament (THGNT), herausgegeben von Dirk Jongkind und Peter J. Williams. Man griff dafür zurück auf eine griechische Textausgabe aus dem 19. Jahrhundert, die von Samuel P. Tregelles (1831–1875) erarbeitet worden war. Auf dieser Grundlage entstand in 10 Jahren wissenschaftlicher Arbeit ein eigener Text – unter Verwendung des heute verfügbaren Manuskriptbestands und unter Berücksichtigung aktueller Erkenntnisse bezüglich der Gewohnheiten damaliger Schreiber. Dieser Text weist einige Abweichungen von Nestle-Aland (NA28) auf, was am unterschiedlichen Ansatz liegt, nach welchen Kriterien textkritische Entscheidungen zu fällen sind. Insbesondere betont das THGNT das Alter der Manuskripte als ausschlaggebendes Kriterium: Um berücksichtigt zu werden, muss eine Lesart mindestens doppelt bezeugt sein, mindestens einer dieser Zeugen muss aus dem 5. Jhdt. (oder früher) stammen.

Der Fließtext im Journal wird nur von den hochgestellten Versangaben unterbrochen (die zur Orientierung unerlässlich sind), ein kritischer Apparat ist nicht enthalten. Damit rückt – verglichen mit der Lektüre des aufs wissenschaftliche Arbeiten ausgerichteten NA28 – für mich als Leser etwas mehr der Bibeltext an sich in den Fokus der Aufmerksamkeit.

Überhaupt laden die Aufmachung und auch der Stift in der Hand dazu ein, anders hinzusehen als sonst und den bekannten Text wieder neu wahrzunehmen. Mir war beispielsweise noch nie aufgefallen, dass Johannes sich erstaunlich häufig des Perfekts bedient – und das sicherlich nicht einfach aufgrund einer Vorliebe für dieses Tempus, sondern weil er damit etwas ausdrücken wollte. Bekanntlich beinhaltet das griechische Perfekt einen resultativen Aspekt, d.h. es gründet in einem vergangenen Ereignis, verfolgt aber den Zweck, die gegenwärtigen Folgen dieses Ereignisses herauszustellen. Wenn Johannes nun im Perfekt davon spricht, dass „wir gesehen und gehört haben“ (1Joh 1,1–3.5), dass „wir erkannt haben“ (2,3.13–14; 3,16; 4,16), dass Gott/Jesus „gegeben hat“ (3,1; 4,13; 5,20), dann bezieht sich das zwar auf etwas in der Vergangenheit Geschehenes, besagt aber insbesondere, dass dadurch die Gegenwart, das Hier und Heute verändert wurde. Nichts ist mehr, wie es war, weil wir gesehen, gehört, erkannt haben, weil Gott gegeben hat!

So sei das Greek Scripture Journal jedem empfohlen, der das Vorrecht hatte, griechisch zu lernen – sei es, um einen neuen Anlauf zu nehmen, sich an diese Sprache anzunähern, sei es, um sich vom Layout zu neuen Entdeckungen einladen zu lassen – ob nun die weiteren Vorkommen des Perfekts oder etwas völlig anderes.

Buch

  • Greek Scripture Journal: ΙΩΑΝΝΟΥ ΕΠΙΣΤΟΛΗ Α–Γ (1–3 John), Wheaton (IL): Crossway, 2020.

 

Tanja Bittner ist Wissenschaftliche Assistentin am Martin Bucer Seminar. Sie ist glücklich verheiratet mit Andreas.

(c) Bilder: Crossway