Glauben wozu?

Rezension von Andreas Münch
2. Mai 2020 — 22 min Lesedauer

Vor einigen Jahren wurde der damalige New Yorker Pastor Timothy Keller durch sein Buch Warum Gott? Vernünftiger Glaube oder Irrlicht der Menschheit? international bekannt. In diesem Buch argumentierte Keller, warum der Glaube an den biblischen Gott vernünftig ist. Vielen Skeptikern dürfte dieses Buch geholfen haben, ihre Zweifel bezüglich des Christentums zu überwinden, um dadurch zum lebendigen Glauben zu kommen.

Doch viele Menschen blieben weiterhin skeptisch, da Keller bereits die Existenz Gottes mehr oder weniger voraussetzte und darauf aufbauend argumentierte. Etliche Skeptiker hatten Mühe, sich auf Kellers Ansatz einzulassen, weil sie dem Thema des Glaubens oder der Religion grundsätzlich kritisch gegenüberstehen. Schon allein die Frage nach Gott scheint, nach Meinung der Skeptiker, überflüssig zu sein. Und genau hier setzt Kellers nachfolgendes Werk Wozu Glauben? Religion im Zeitalter der Skepsis an.

Im Vorwort wendet sich Keller an sein Zielpublikum – die säkularen Skeptiker des 21. Jahrhunderts:

„Wenn Sie meinen, dass christlicher Glaube kaum darauf hoffen kann, einem denkenden Menschen einzuleuchten, dann ist dieses Buch für Sie geschrieben“ (S. 13)

Gegen Ende des Buches erläutert er noch einmal seine klare Absicht mit der Abfassung seines Buches:

„Dieses Buch wurde geschrieben, um säkulare Leser an den Punkt zu führen, dass sie die Grundlagen für die Wahrheit des christlichen Glaubens für sich weiter erkunden wollen.“ (S. 277)

Aufbau des Buches

Wie von früheren Büchern Kellers bereits gewohnt, folgt der Inhalt einem logischen Aufbau. Im ersten Teil geht Keller einer grundlegenden Behauptung auf den Grund, die Skeptiker für gewöhnlich anführen, nämlich ob die Religion als solche nicht ihre Bedeutung verloren habe.

Im zweiten Teil, dem eigentlichen Hauptteil, zeigt Keller auf, dass Religion doch mehr zu bieten hat, als man heute allgemein annimmt. In diesem Abschnitt werden grundlegende Bedürfnisse des Menschen (wie die Suche nach Sinn, Zufriedenheit, Freiheit, Hoffnung, usw.) vorgestellt und untersucht, welche Antworten die säkularen Skeptiker und die (christliche) Religion jeweils anzubieten haben.

Im dritten und abschließenden Teil plädiert Keller dafür, dass der christliche Glaube in jeder Hinsicht überzeugt und die Nachfolge Jesu daher nur vernünftig ist.

„Ich will aufzeigen, dass der christliche Glaube in jeder Hinsicht am meisten Sinn ergibt – emotional und kulturell wie auch rational. In diesem Prozess möchte ich Ihnen zeigen, dass das Christentum weit mehr zu bieten hat, um das Leben zu verstehen, zu bestehen und zu genießen, als Sie bis jetzt vielleicht gedacht haben.“ (S. 74)

Hat die Religion nicht ausgedient?

Im ersten Kapitel beleuchtet Keller die grundlegende Frage, ob die Religion nicht am Schwinden ist. Stimmt es nicht, dass die Zahl der Kirchenaustritte immer größer wird und immer mehr Menschen der Religion den Rücken zuwenden? Anhand von konkreten Statistiken zeigt Keller auf, dass die Religionszugehörigkeit eher noch zunimmt, als dass sie im Schwinden begriffen ist:

„Demografen erklären uns, dass das 21. Jahrhundert weniger säkular sein wird als das 20. Jahrhundert. […] Selbst in den USA geschah das Wachstum des Säkularismus vornehmlich unter den reinen Namenschristen, während die ernsthaften Christen in den USA und in Europa mehr werden.“ (S. 19)

Keller beleuchtet an dieser Stelle auch die Gründe dafür. Eines der häufigsten Argumente gegen die Religion sind die vielen religiös motivierten Gräueltaten aus Vergangenheit und Gegenwart, die den Glauben in einem düsteren Licht erscheinen lassen. Doch Keller korrigiert auch diese inkonsequente Sichtweise: „Der Traum der Humanisten im 19. Jahrhundert war, dass der Niedergang der Religion zu weniger Krieg und Konflikten führen würde. Stattdessen wurde das 20. Jahrhundert von noch mehr Gewalt geprägt, die von Staaten ausging, die angeblich nichtreligiös waren und auf der Grundlage von wissenschaftlicher Vernunft agierten.“ (S. 21)

Kellers Fazit hierzu ist:

„Im Namen der Religion sind furchtbare Taten begangen worden, aber der Säkularismus hat sich nicht als Verbesserung erwiesen.“ (S. 21)

An dieser Stelle sei auf eine von Kellers besonderen Stärken hingewiesen. Er kritisiert gleichermaßen die Religion wie den Säkularismus und stellt auch positive Aspekte von Letzterem dar.

Da die Menschheit offensichtlich nicht weniger religiös geworden ist und sich daran vermutlich auch nichts ändern wird, behandelt Keller als nächstes die Frage, ob sich die Grundlage von Religion und Säkularismus nicht fundamental unterscheiden. Skeptiker gehen davon aus, dass Religion auf Glauben basiert, während der Säkularismus im Gegensatz dazu die Vernunft auf seiner Seite hat.

Keller weist nun überzeugend auf, dass beide Systeme gleichermaßen auf Glauben basieren. Er beschreibt es so:

„Der Übergang von Religion zum Säkularismus ist weniger ein Verlust an Glauben als vielmehr eine Verschiebung zu einem neuen Glaubenssystem und in eine neue Glaubensgemeinschaft, in der die Linien zwischen Richtig und Falsch anders gezogen werden.“ (S. 45)

Der Säkularismus ist daher gezwungen, Anleihen bei der Religion (vornehmlich bei der christlichen) zu machen, wenn er dem Menschen eine lebensnahe Alternative anbieten möchte:

„Wenn säkulare Denker menschliche Würde, Rechte und Verantwortung bekräftigen, um menschliches Leid zu mindern, dann glauben sie tatsächlich an eine Art übernatürliche, transzendente Wirklichkeit.“ (S. 67)

Religion und Säkularismus auf dem Prüfstand

Im Hauptteil des Buches geht Keller nun grundlegende Aspekte des menschlichen Lebens durch, Dinge, die sich allen Menschen gewissermaßen aufdrängen, die Fragen aufwerfen und nach einer Antwort verlangen. Wie z. B.: Wie kann der Mensch einen Sinn im Leben finden? Wo findet der Mensch eine Zufriedenheit, die nicht an die Umstände geknüpft ist? Welche Hoffnung trägt uns wirklich im Leid?

Keller zeigt jeweils das Problem auf und beginnt damit, dass er die „Lösung“ des Säkularismus darlegt, die er anschließend kritisch untersucht. Anschließend erläutert er den Beitrag, den die (christliche) Religion anzubieten hat, wobei er auch hier nicht mit Kritik spart, wo sie angebracht ist.

Zwei Aspekte möchte ich aus diesem Hauptteil exemplarisch herausgreifen. In Kapitel 5 behandelt Keller die Frage: Warum darf man nicht leben, wie man will, solange man niemandem schadet? Hier behandelt er das liebste Kind unseres säkularen Zeitalters – die persönliche Freiheit eines jeden Einzelnen. Stimmt es wirklich, dass niemand das Recht hat, uns zu sagen, was wir zu tun und zu lassen haben? Oder dass wir tun und lassen können, was wir wollen, solange wir niemand anderem dabei schaden?

Keller weist zunächst darauf hin, dass diese Frage selbst thematisiert werden muss. Es ist nämlich gar nicht so einfach, sich darauf zu einigen, was jemandem schadet oder nicht.

„Natürlich sollen wir vermeiden, anderen zu schaden, doch jede Entscheidung darüber, was darunter zu verstehen ist, wird in einer (meist unerkannten) Sicht des Menschen gründen.“ (S. 138)

Des Weiteren zeigt Keller auf, dass wahre Freiheit immer auch bedeutet, dass wir andere Einschränkungen und Grenzen hinnehmen müssen. Eine grenzenlose Freiheit gibt es nicht:

„Freiheit ist also nicht das, was unsere Kultur sagt. Echte Freiheit ist der strategische Verlust einiger Freiheiten, um dafür andere Freiheiten zu gewinnen – nicht die Abwesenheit von Zwängen und Einschränkungen, sondern die Wahl der richtigen Beschränkungen und aufzugebenden Freiheiten.“ (S. 134)

Ein zweites Beispiel ist die Frage nach der Moral. Jeder Mensch beurteilt ausnahmslos das menschliche Handeln als gut und böse. Die Religion besitzt oftmals einen Kodex, eine Tradition oder Heilige Schriften (wie die Bibel), in denen klar festgelegt ist, was als gut oder böse anzusehen ist. Die große Frage ist, ob der Säkularismus dem Menschen ebenfalls, gemäß seiner Weltanschauung, die alles Göttliche und Transzendente leugnet, einen moralischen Kompass in die Hand drücken kann.

Keller antwortet:

„Wenn es keinen Gott gibt, dann ist es sehr schwierig, eine alternative Quelle der Moral zu finden, die jenseits unserer inneren Gefühle und Intuition besteht.“ (S. 229)

Säkulare Menschen befinden sich laut Keller in dem Dilemma, dass sie praktisch moralische Werte vertreten, die sie für universal halten, obwohl sie in der Theorie davon ausgehen, dass moralische Werte persönlich und sozial konstruiert sind. Er schlussfolgert:

„Wenn wir (wie nach der säkularen Sicht) für keinerlei Ziel geschaffen sind, dann ist es sinnlos, überhaupt über moralisch Gutes und Böses zu sprechen. Dies ist also das große Problem mit der Moral innerhalb der säkularen Weltanschauung.“ (S. 241)

Im nächsten Kapitel Gerechtigkeit ohne neuen Unterdrücker beleuchtet Keller die Probleme der Position. Religiöse moralische Menschen stehen andererseits in der Gefahr, andere aufgrund ihrer Moralvorstellungen zu unterdrücken. Keller äußert an dieser Stelle seine deutlichste Kritik an den eigenen Reihen:

„Auf jede Person, die mir begegnet ist, die sich wegen intellektueller Zweifel vom Glauben abgewandt hat, kommen weit mehr, die gegangen sind, weil Menschen in den Gemeinden stolz, selbstgerecht und autoritär waren. Dafür gibt es überhaupt keine Entschuldigung und Christen sollten sich solche Einwände aufmerksam anhören.“ (S. 248)

Die Antwort auf den Säkularismus ist demnach nicht mehr Religion und Moral, sondern das biblische Evangelium. Keller zeigt durch sein Buch immer wieder auf, dass eine evangeliumslose Religion (Moralismus) genauso in der Sackgasse endet wie der moderne Säkularismus.

Warum es vernünftig ist, Christ zu sein

Kellers Fazit fasst er in seinem dritten Teil, das sich wiederum in zwei Kapitel unterteilt, zusammen. In Kapitel 11 kommt Keller noch einmal grundsätzlich auf die Frage zurück, ob es vernünftig ist, an einen Gott zu glauben. Keller antwortet, dass wir Gottes Existenz nicht empirisch beweisen können, weil er ein Wesen ist, das außerhalb unserer Welt existiert und sich unseren wissenschaftlichen Methoden entzieht. Allerdings bemerkt er:

„Ganz ähnlich setzen die Argumente für Gott dabei an, dass der Glaube an Gott rational mehr Sinn ergibt als die gegenteilige Annahme, weil er zu dem passt, was wir sehen und über die Welt wissen (unsere ‚Daten‘)“. (S. 278)

Keller listet dann sechs Argumente, die für die Existenz Gottes sprechen: 1) die Tatsache, dass überhaupt irgendetwas existiert, 2) die Feinabstimmung in der Welt, 3) unsere Moralvorstellung, 4) unser menschliches Bewusstsein, 5) unser rationales Denken und 6) unser Sinn für Schönheit in der Welt.

Abschließend fordert Keller den skeptischen Leser heraus:

„Diese Argumente machen sogar deutlich, dass der Glaube an Gott rational besser begründbar ist und einen kleineren Glaubenssprung braucht als die gegenteilige Annahme. Wenn Ihre Voraussetzung, dass es Gott nicht gibt, am natürlichsten zu Schlüssen führt, die Sie für falsch halten – dass moralische Imperative, Schönheit und Sinn, die Bedeutung der Liebe und unser Ich-Bewusstsein Illusionen sind –, ist es vielleicht an der Zeit, Ihre Prämisse zu hinterfragen.“ (S. 292)

Im letzten Kapitel, Ist es vernünftig, den christlichen Glauben anzunehmen?, stellt Keller das wichtigste Argument für die Wahrhaftigkeit des christlichen Glaubens dar – die Person Jesus Christus.

Zunächst zeigt Keller auf, wie zuverlässig unsere Quellen von Jesus sind. Anschließend hebt er den erstaunlichen Charakter von Jesus hervor und zeigt auf, welchen Selbstanspruch Jesus hatte und was sich für unsere Bewertung daraus ergibt. Abschließend kommt Keller auf die Auferstehung Jesu zu sprechen und führt aus, warum die Auferstehung für den Wahrheitsanspruch des Christentums so wichtig ist. So schreibt er:

„Wir brauchen eine historisch plausible Erklärung, warum Tausende von Juden über Nacht zu der Überzeugung gelangten, dass ein Mensch der auferstandene Gottessohn war, und dann hingingen und für ihren Glauben starben.“ (S. 313)

Keller beendet sein Buch mit einem Epilog, in dem er die Geschichte von Langdon Gilkey erzählt, einem säkularen Skeptiker, der schließlich zum Glauben an Gott fand.

Fazit

Timothy Keller hat mal wieder ein hervorragendes Buch geliefert, das wichtige und drängende Fragen auf intellektuelle, aber leicht verständliche Weise beantwortet. Christen werden in diesem Buch hilfreiche Gedanken und Anregungen für eigene Gespräche finden sowie die Gelegenheit erhalten, ihre eigenen Vorstellungen anhand des Evangeliums zu prüfen und gegebenenfalls zu korrigieren. Skeptiker erhalten eine gründliche, aber faire und freundliche Kritik an ihrer Weltanschauung. Es wäre schön, wenn Letztere diesem Buch eine Chance geben und dadurch vielleicht Jesus Christus kennenlernen würden.

Buch

  • Timothy Keller. Glauben wozu? Religion im Zeitalter der Skepsis. Gießen: Brunnen Verlag, 2019. 22,00 Euro.

Andreas Münch ist mit Mirjam verheiratet. Sie haben drei Söhne. Seit dem er sein Theologiestudium beendet hat, ist Andreas Mitarbeiter bei der Herold-Mission und verantwortlich für den Herold-Blog.