Angst vor Einsamkeit

Artikel von Jayne Clark
17. April 2020 — 5 Min Lesedauer

Heute morgen hörte ich im Radio, dass ein fünfundfünfzig Jahre alter Mann tot in seiner Wohnung aufgefunden wurde. Die Nachricht war traurig genug, aber sie wurde noch tragischer durch die Tatsache, dass er schon drei Jahre lang tot war. Drei Jahre! Manche von uns erinnert diese Nachricht an unsere größte Furcht – allein und vergessen zu sterben.

Die Angst hinter der Angst vor Einsamkeit

Aber obwohl der Tod am meisten Angst vor dem Alleinsein wecken kann, nimmt diese Furcht viele Formen an und ist nicht auf das vorgerückte Alter beschränkt. Sie kann viel früher anfangen. Werde ich jemanden finden, der in der Schulmensa neben mir sitzt? Werde ich jemanden haben, mit dem ich mich auf der Feier unterhalten kann? Werde ich jemals jemanden finden, mit dem ich mein Leben verbringen kann? Wen kann ich als Person angeben, der in einem Notfall benachrichtigt werden soll? Was wird mit mir geschehen, wenn meine Ehe in die Brüche geht? Wird jemand mich überhaupt besuchen, wenn ich in ein Pflegeheim kommen sollte?

„Für manche, die sich abgekoppelt oder isoliert fühlen, spiegelt die Angst vor Einsamkeit ihre Überzeugung wider, dass sie nirgndwo ‚dazugehören‘.“

 

Diese Fragen und Anliegen sind echt. So schwierig es aber ist, mit ihnen für sich genommen klarzukommen, merken wir manchmal, dass sie auf noch tiefere Ängste hinweisen. Für manche steht hinter dahinter ein „Ich bin es nicht wert, dass mich jemand kennt“ oder ein „Ich bin so langweilig oder bedrückt, dass niemand in meiner Nähe sein möchte. Ich bin so ein Versager“. Für manche, die sich abgekoppelt oder isoliert fühlen, spiegelt die Angst vor Einsamkeit ihre Überzeugung wider, dass sie nirgendwo „dazugehören“. Wieder andere, die durch Trauer oder Verrat verletzt wurden, sind gefangen in der Erwartung, wieder verletzt zu werden und am Ende wieder allein zu sein.

Der allgegenwärtige Gott

Ich war mein Leben lang ledig und habe über die Jahre mit vielen dieser Fragen gerungen. Aber ich bin dankbar, dass sich mir schon in frühen Jahren etwas in meinen Sinn und mein Herz eingeprägt hat, das mir ein festes Fundament gibt. Ich kann es vor meinem inneren Auge immer noch in goldener Schrift auf der vorderen Wand der Gemeinde stehen sehen, die wir besuchten, als ich acht war: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage“ (Mt 28,20). Ich habe die Predigten in diesem Alter vielleicht nicht gut verstanden, aber diese Verheißung vier Jahre lang jede Woche zu sehen, übte einen bleibenden Einfluss auf mich aus. Es fühlte sich an, als ob Jesus persönlich zu mir redete – Ich werde bei dir sein. Manche Kinder bilden sich imaginäre Freunde ein, aber wir haben einen wirklichen Freund, der anhänglicher ist als ein Bruder (Spr 18,24). Und er ist nicht einfach irgendwer. Er ist der mächtige „Ich bin“, der Mose aussandte, um sein Volk zu befreien und der den Tod für uns erduldete, um uns zu retten. Wann auch immer ich also Angst hatte oder mich überwältigt fühlte, war er nicht nur da, sondern er half mir, mit dem umzugehen, was mir Angst bereitete. Und das gilt heute genauso wie damals.

Psalm 139 tröstet uns auf wundervolle Weise:

Wo sollte ich hingehen vor deinem Geist, und wo sollte ich hinfliehen vor deinem Angesicht? Stiege ich hinauf zum Himmel, so bist du da; machte ich das Totenreich zu meinem Lager, siehe, so bist du auch da! Nähme ich Flügel der Morgenröte und ließe mich nieder am äußersten Ende des Meeres, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten!

Dieser Psalm macht deutlich, dass Gott immer bei uns ist. Wir können ihm nicht entfliehen. Egal, wo wir hingehen – zum Himmel, in die Tiefen, ans Ende des Meeres – wir werden ihn dort finden und erkennen, dass er jeden Schritt des Weges bei uns war. Ob wir wach sind oder schlafen, im Haus sind oder draußen, der Herr ist bei uns. Und was ist mit den Ängsten, die uns anfechten? Dieser Psalm macht deutlich, dass er auch jeden unserer Gedanken kennt, jedes Wort, das aus unserem Munde kommt und jeden dunklen Winkel unseres Herzens, und uns doch nicht verlässt. Vielleicht ringen wir in Matthäus 28,20 am meisten mit der Aussage, dass er „alle Tage“ bei uns ist, weil in dieser Welt nichts beständig wirkt und wir manchmal nicht fühlen, dass er bei uns ist. Aber das ändert die Tatsache nicht, dass er da ist.

Niemals allein

„Da der Heilige Geist in uns lebt, sind wir in Wirklichkeit niemals allein.“

 

Als Jesus kurz vor seinem Tod mit den Jüngern redete, sagte er ihnen, dass der Vater den Heiligen Geist senden würde, der nicht nur bei ihnen bleiben, sondern in ihnen sein würde (Joh 14,17). Da der Heilige Geist in uns lebt, sind wir in Wirklichkeit niemals allein. Heißt das, dass wir uns niemals einsam fühlen? Nein. Heißt das, dass wir niemals Angst vor dem Alleinsein haben? Nein. Aber es bedeutet, dass ich nicht auf mich allein gestellt bin, wenn ich mich so fühle. Weil Jesus mit uns ist und in uns wohnt, können wir nach anderen Ausschau halten, die sich fühlen, als ob sie nicht dazu gehören oder dass sie allein sind, und auf sie zugehen. Wenn ich verletzlich bin und mich allein fühle, bin ich nicht wirklich allein. Es gibt immer noch jemanden bei mir (und bei dir), der darum weiß, der sich sorgt und hilft. Und was vielleicht den größten Trost gibt: Wenn unser letzter Tag kommt werden wir die Fülle der Worte Jesu „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage“ erfahren.