Gast­freund­schaft üben – in einer Pandemie?

Artikel von Rosaria Butterfield
4. April 2020 — 13 Min Lesedauer

Nachdem Covid-19 sich zu einer schnell ausbreitenden Pandemie entwickelt hat, die jedes Land der Erde heimsucht, haben immer mehr Länder den Ausnahmezustand erklärt. Öffentliche Schulen haben bis auf weiteres geschlossen, Universitäten haben ihre Studenten nach Hause geschickt und Social Distancing ist zur neuen Norm geworden.

Obwohl damit eindeutig eine außergewöhnliche Zeit begann – ich desinfizierte Türklinken, Badezimmer, Lichtschalter und alle Oberflächen, auf denen keine Katze schlief, zweimal – klingelte es weiterhin regelmäßig an unserer Tür. Wie an jedem anderen Samstag erwarteten mich im Eingangsbereich obdachlose Hunde, Studenten und Nachbarn. Die Pandemie hatte sie komplett aus der Bahn geworfen (einige körperlich, andere emotional), und so stand nur eine einzige Frage im Raum: „Was verändert sich jetzt? Wie sieht radikale, christliche Gastfreundschaft in Zeiten von Corona aus?“

Mein Mann, Kent, kam mit einer Antwort um die Ecke: „Wir sind uns noch nicht ganz sicher. Fühlst du dich gesund? Möchtest du mit uns zu Mittag essen? Oder möchtest du, dass wir dir etwas von unserem Mittagessen zum Mitnehmen einpacken?

Kents spontane Reaktion half mir, die Frage nach unserer Gastfreundschaft richtig zu beantworten und vier wichtige Wahrheiten deutlicher zu erkennen.

1. Gastfreundschaft in Zeiten von Corona ist ein Zeichen christlicher Gemeinschaft und Barmherzigkeit gegenüber denen, deren Leben auf den Kopf gestellt wurde und die Hilfe brauchen.

Wenn Schulen geschlossen sind, haben manche Schüler keinen Ort, an dem sie ihre Zeit verbringen können. Sowohl Studenten als auch Schulkinder brauchen konkrete Hilfe, und in einer Zeit des Social Distancing fühlt sich das ziemlich riskant an. Wir müssen die Situation sorgfältig abwägen, doch Studenten auf der Durchreise und verunsicherten Schulkindern vorübergehend Schutz zu gewähren, die sie sich auf dem Nachhauseweg befinden, oder ihre Eltern gerade dabei sind, geeignete Vorkehrungen für ihren Aufenthalt zu treffen ist nicht das Gleiche wie Verabredungen zum Spielen für die Kinder zu organisieren.

„Gottes Gebot für unser Leben lässt keinen Raum für Hamsterkäufe oder Panik.“

 

Ältere Nachbarn mit einem schwachen Immunsystem brauchen Hilfe bei der Beschaffung von Lebensmitteln und Medikamenten. Das Infektionsrisiko ist zu hoch, als dass man sie wegen dieser Grundbedürfnisse selbst hinausschicken kann. Gestern Morgen ging ich einkaufen, um Vorräte für uns sowie zwei unserer Nachbarn zu besorgen. Einige Regeln für den Einkauf von Lebensmitteln sind neu: In einem Laden mussten wir gestern die Rationierungsregeln einhalten (nur 4 Liter Milch und ein Brathähnchen pro Einkaufswagen), die Realität leer gefegter Regale akzeptieren (kein Reis, keine Desinfektionstücher, keine Feuchttücher) und uns in Geduld üben, da die erlaubte Anzahl an Personen im Laden selbst auch begrenzt wurde.

Die sofortige und konkrete Betreuung unserer Nächsten zeigt unsere Liebe zu ihnen und unseren Wunsch, Gutes für ihren Leib und ihre Seele tun zu wollen. Markus 12,30 erinnert uns daran: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzer Kraft … und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Gottes Gebot für unser Leben lässt keinen Raum für Hamsterkäufe oder Panik. Rede täglich mit Menschen, deren Gesundheit oder Alter sie sowohl für das Virus als auch für Panik und Angst am anfälligsten macht und bete für sie. Versuche, ihre Bedürfnisse zu verstehen. Setze deine Priorität darauf, sie zu trösten.

2. Gastfreundschaft in Zeiten von Corona zeigt, dass wir Gott, nicht Menschen fürchten (und auch nicht das Virus, das sie möglicherweise in sich tragen). Wir leben coram deo – vor dem Angesicht Gottes.

Gastfreundschaft zu üben, obwohl uns eine Person den Tod bringen könnte (oder wir ihr), die nur ein paar Meter entfernt von uns steht, ist für unseren Verstand schwer zu fassen und belastet die Seele. In Psalm 150,6 heißt es: „Alles, was Atem hat, lobe den Herrn!“ Aber wir leben momentan in einer Welt, in der sogar das Atmen lebensgefährlich ist.

Christen müssen stärker auf Gott und seine Herrlichkeit als auf die körperliche Gefahr um sie herum sehen. Johannes Calvin schreibt dazu:

„Gott erwartet von uns [Christen] eine ganz andere Art praktischer Weisheit, nämlich, dass wir in Zeiten der Not über ihn und seine Güte nachdenken sollen, die uns von jeder Gefahr befreien kann. Denn es ist sicher kein Zufall, wenn eine Person in die Hände von Feinden oder Räubern fällt; es ist auch kein Zufall, wenn eine Person vor ihnen gerettet wird. Was wir jedoch ständig im Auge behalten müssen, ist, dass jedes Leiden als Gottes Rute dient, und es deshalb kein anderes Heilmittel dafür gibt als Gottes Gnade.“

Vorsichtsmaßnahmen, medizinische Eingriffe und Impfstoffe sind wertvoll, aber letztlich setzen wir unsere Hoffnung nicht darauf. Gott herrscht souverän über jeden Atemzug, den wir machen, sogar über den Atem von jemandem, der eine Krankheit in sich trägt und uns damit zu nahe kommt. Wenn „jedes Leiden als Gottes Rute dient“, besteht unsere Aufgabe darin, Gott mehr zu fürchten als Menschen und das Virus, das sie möglicherweise in sich tragen.

 

„Gott herrscht souverän über jeden Atemzug, den wir machen, sogar über den Atem von jemandem, der eine Krankheit in sich trägt und uns damit zu nahe kommt.“

 

Christliche Ethik in Zeiten der Pest erforderte viel Weisheit. Und christliche Weisheit ist oft anders als die Weisheit der Welt. Während die Welt schreit „Lauf und versteck‘ dich“, fordert uns der Herr oft dazu auf, zu bleiben und zu helfen. 1527 verfasste Martin Luther einen Aufsatz mit dem Titel: „Ob man vor dem Sterben fliehen möge“. Seine praktische Weisheit ist Balsam für unsere jetzige Zeit:

„Aber dieweil es unter den Christen so ist, dass der Starken wenig und der Schwachen viel sind, kann man fürwahr nicht allen einerlei zu tragen aufladen. [...] Es gehört auch nicht ein Kinderglaube dazu, dass man den Tod erwarte, vor welchem sich auch fast alle Heiligen entsetzt haben und noch entsetzen.“

Pastoren und andere Leiter, schreibt Luther, dürften nicht vor der Pest fliehen, sondern sollten in der Gemeinde bleiben, um anderen zu helfen, bis die Angst vorüber ist. Weil wir Gott fürchten und vor seinem Angesicht leben, kümmern wir uns oft stärker um geistliche, nicht sichtbare Dinge – Dinge, von denen die Welt nichts weiß. Christen wissen, dass die Angst vor dem Tod nur durch die Erlösung in Jesus Christus besiegt werden kann. Deshalb müssen wir Christus in Zeiten von Corona mutig und in Liebe verkünden.

„Christen wissen, dass die Angst vor dem Tod nur durch die Erlösung in Jesus Christus besiegt werden kann. Deshalb müssen wir Christus in Zeiten von Corona mutig und in Liebe verkünden.“

 

Luther verstand, dass der körperliche und geistige Einsatz hoch ist – und wir sollten es auch wissen. Sollten wir riskieren, obdachlose Menschen in unserem Haus aufzunehmen? Christen werden unterschiedliche, individuelle Meinungen dazu haben. Die eine Familie wird anderen dienen, indem sie mit anderen telefoniert und dadurch im Leben anderer präsent ist, eine andere wird Lebensmittel für ihre Mitmenschen einkaufen, und wieder eine andere wird einen Fremden willkommen heißen und ihn auf der eigenen Couch übernachten lassen. Jede Familie kann ihrem Nächsten auf unterschiedliche Art und Weise dienen, aber jede sollte auch tatsächlich die Absicht haben, zu dienen. Angesichts der Versuchung, Menschen zu meiden und uns vor ihnen zu fürchten, sollten wir unseren Kinderglauben zu einem festen Glauben werden lassen, bei dem alle Hilfe von Gott allein kommt.

3. Gastfreundschaft in Zeiten von Corona zu üben bedeutet, in die Gnadenmittel einzutauchen und sich an der Bibel zu sättigen, nicht den Nachrichten.

Der Psalmist sagt, dass wir „glücklich sind, wenn wir unsere Stärke in Gott suchen, bis wir vor Gott auf dem Berg Zion stehen“ (Ps 84,7). Das Wort Gottes, das Gebet und die Sakramente geben uns die Kraft, die wir für die Aufgaben heute brauchen.

Wir als Familie fasten, beten und tun Buße für unsere eigenen Sünden wie Selbstsucht oder fehlende Liebe für Feinde (und für eine Vielzahl von anderen). Wir tun Buße für die Sünden unserer Gesellschaft wie Abtreibung, sexuelle Zügellosigkeit und Gier (und für eine Vielzahl von anderen).

Wir singen Psalmen zur Anbetung, insbesondere Psalm 46 („Gott ist unsere Zuflucht und Stärke / eine Hilfe in unserer Not“), Psalm 91 („Wer unter dem Schirm des Höchsten wohnt / birgt sich unter dem dem Flügel des Allmächtigen“) und Psalm 98 („Denn er wird kommen, er kommt gewiss / um die Erde zu richten / Er wird die Welt und alles mit Gerechtigkeit richten“).

Das Singen der Psalmen ist eine kraftvolle geistliche Medizin; indem wir unseren Mund und unsere Lunge verwenden, um das Wort im Dasein anderer zu verkünden, verkörpern wir, wie das Wort Gottes in unserem Leben und in der Welt wirkt. Das Singen von Psalmen ist ein Hilfsmittel zur Umkehr und um geistige Klarheit zu bekommen. Es bietet dem Christen im Angesicht der Gefahr eine Fülle von Stärke, Standhaftigkeit und Mut. Wir beten, während sich Corona einen Weg durch jede Nation und jedes Volk bahnt, dass wahre und von Herzen kommende Buße eine Art Erweckung einleitet. Wir beten, dass sich diese Erweckung schneller verbreitet als das Virus.

„Wir als Familie fasten, beten und tun Buße für unsere eigenen Sünden wie Selbstsucht oder fehlende Liebe für Feinde (und für eine Vielzahl von anderen).“

 

Daniel Defoe, bekannt durch sein Werk „Robinson Crusoe“, schrieb Jahre vor seinem Bestseller ein kleines Buch mit dem Titel A Journal of the Plague Year (dt. „Die Pest zu London“). Dies ist Crusoes historisch-fiktives Tagebuch über das Leben während der Beulenpest des Jahres 1665. Crusoe war fünf Jahre alt, als die Pest seine Welt verwüstete. Sein aufschlussreiches Buch beginnt mit einem Dank an Gott für etwas, das mich zum Lachen brachte. Defoe bedankt sich dafür, dass es 1665 keine Zeitung – oder demnach kein anderes Mittel zur Verbreitung „berichtenswerter Informationen“ über die Beulenpest – gab. Crusoe schreibt: „Wir hatten damals keine gedruckten Zeitungen, um Gerüchte und Berichte über Dinge zu verbreiten, und diese durch menschliches Hinzutun noch zu vergrößern.“

Crusoe verstand, dass die Pest schlimm genug ist; wir sollten sie nicht noch durch emotionale Manipulation vergrößern. Im Jahr 2020 können wir uns der Berichterstattung in den Medien über das Coronavirus kaum entziehen. Wir scheinen auch nicht in der Lage zu sein, den abscheulichen Strom von Klatsch und Verleumdung von vermeintlichen Experten, der uns als „Information“ weitergegeben wird, richtig einzuordnen. Wenn wir selbst nicht dem zwanghaften Schauen von Nachrichten oder anderen Newsfeeds unterlegen sind, ist zumindest jemand in unserem Bekanntenkreis mehr als bereit, neue (schlechte) Nachrichten mit uns zu teilen. Wir möchten selbstverständlich etwas über dieses neuartige Virus erfahren, aber neue Viren kommen eben nie mit einer Gebrauchsanweisung.

Einige von uns können sich noch daran erinnern wie es war, als die Zentren für Krankheitskontrolle 1981 über die ersten fünf Fälle von Pneumocystis Carinii Pneumonia (PCP) bei jungen, homosexuellen Männern in Los Angeles berichteten, und wie dieses scheinbar isolierte Ereignis zur globalen Krise, bekannt als die HIV-Pandemie, heranwuchs. Damals wie heute werden negative Nachrichtenberichte zu einer guten Ausrede, uns aus Angst von unserem Nächsten zu distanzieren.

Jesus warnt: „Ihr werdet aber von Kriegen und Kriegsgerüchten hören; habt acht, erschreckt nicht“ (Mt 24,6). Aber wie sollen wir das tun? Wie schalten wir diesen fortwährenden Panik-Modus oder den nicht enden wollenden Newsfeed aus? Indem wir uns am Wort Gottes weiden, indem wir in langen Gebetszeiten (in der Art Gebet, die die Kraft des Himmels herunterbringt, um die gegenwärtige Not zu ertragen) Gott anflehen und indem wir unseren Nächsten so stark lieben, dass wir ihm das Evangelium weitergeben und ihn einladen, seine Hoffnung und sein Vertrauen auf Christus allein zu setzen, um gerettet zu werden.

4. Gastfreundschaft in Zeiten von Corona zu üben bedeutet, den Anordnungen der Regierung, damit die Kurve abflacht, Folge zu leisten, und so das sechste Gebot einzuhalten.

Das sechste Gebot „Du sollst nicht töten“ erinnert Christen sowohl an unsere positiven als auch an unsere negativen Pflichten in Zeiten von Pandemien. Angesichts von Covid-19 gibt es Dinge, die wir tun, und Dinge, die wir nicht tun sollten. In allem streben wir nach der Herrlichkeit Gottes und dem Wohl unseres Nächsten.

Der große Westminster Katechismus, eines der historischen Bekenntnisse der reformierten Kirche, unterstreicht dieses Gebot auf eine hilfreiche Art. Das sechste Gebot, so der Katechismus, verlangt von uns, „das Leben von uns und anderen zu bewahren“. Wir können das auf viele Arten umsetzen:

„indem wir [...] alle die Gelegenheiten, Versuchungen und Betätigungen meiden, welche darauf hinauslaufen, irgendjemandem ungerechterweise das Leben zu nehmen, … [sodass] durch das geduldige Ertragen der Hand Gottes, durch Gemütsruhe, Freudigkeit im Geist, mäßigem Gebrauch von Speise, Trank, Arznei, Schlaf, Arbeit und Vergnügen … [zur] Stärkung und Unterstützung der Elenden und zum Schutz und der Verteidigung der Unschuldigen.“

Indem wir Menschenansammlungen und engen Kontakt generell vermeiden, für unseren Leib sorgen und anderen helfen, befolgen wir das sechste Gebot.

Bedachte Christen wollen nicht aus Versehen den Tod anderer verursachen, indem sie ein Virus verbreiten, das manche Menschen das Leben kostet. Den Aufforderungen der Regierung zu folgen, sich von anderen zu distanzieren, zu isolieren oder sich in Quarantäne zu begeben ist Gehorsam gegenüber dem Gesetz Gottes.

„Den Aufforderungen der Regierung zu folgen, sich von anderen zu distanzieren, zu isolieren oder sich in Quarantäne zu begeben ist Gehorsam gegenüber dem Gesetz Gottes.“

 

In der Praxis bedeutet es, dass wir den hart arbeitenden Ärzten und Krankenschwestern aus unserer Nachbarschaft dienen, indem wir mit ihrem Hund spazieren gehen oder unsere Einkäufe mit ihnen teilen. Sie müssen aus dem Haus (Ärzte und Hunde); wir nicht.

In den kommenden Wochen und Monaten kann sich unser Leben auf eine Art und Weise verändern, die wir uns jetzt noch nicht vorstellen können. Und unser Glaube kann in Dimensionen wachsen, die uns vor der Herausforderung durch das Coronavirus noch unbekannt waren. Das Licht christlicher Gastfreundschaft strahlt in Zeiten der Verfolgung oder Epidemien am hellsten. Indem wir in schweren – ja, gefährlichen – Zeiten zeigen, dass wahre Liebe viel Courage erfordert, demonstrieren wir der Welt, wie Christus ist.

Corona wird die Welt nicht überwinden. Christus wird es. „Denn was auch immer aus Gott geboren ist, überwindet die Welt. Und dies ist der Sieg, der die Welt überwunden hat – unser Glaube“ (1Joh 5,4).

Rosaria Butterfield war Englisch-Professorin an der Universität Syracuse und ist Autorin der Bücher The Secret Thoughts of an Unlikely Convert (2012), Openness Unhindered: Further Thoughts of an Unlikely Convert on Sexual Identity and Union with Christ (2015) und The Gospel comes with a House Key (2018).