Kein Leben im Überfluss ohne Leid

Artikel von Rankin Wilbourne
17. März 2020 — 13 min Lesedauer

„Es ist hart, leiden zu wollen. Ich nehme an, dass Gnade für das Wollen nötig ist“, schrieb die junge Flannery O’Connor 1947 in ihr Gebetstagebuch. Doch das wirft die Frage auf: „Wieso sollte jemand leiden wollen?“

O’Connors Kurzgeschichten und Briefe sowie ihr eigenes Leben sollten in den Jahren nach diesem Tagebucheintrag voller Leid sein. O’Connor lernte, Leid als einen versteckten Segen und sogar als ein Zeichen der Gunst Gottes zu sehen. „Die Freunde Gottes leiden.“ Diese Beobachtung erwähnte sie einmal in einem Brief.

Leiden als ein Geschenk Gottes, ein Zeichen seiner Gunst, sogar seiner Freundschaft zu sehen, scheint weit entfernt von den gewöhnlichen Erwartungen unserer Zeit. Wir kennen vielleicht Vorstellungen wie: „Jesus hat gelitten, damit wir es nicht müssen“. Das ist eine Floskel, die in Kreisen des Wohlstandsevangeliums vermittelt wird, wo Gesundheit und Wohlstand, statt Schmerzen und Entbehrung, als Zeichen der Gunst und Freundschaft Gottes erachtet werden.

„Die meisten unter uns verstehen Leiden als einen unfreundlichen und ungebetenen Gast, als eine ungewollte Überraschung. Wir können gar nicht verstehen, wieso Leid ein gnädiges Geschenk sein soll.“

 

Aber darum geht es mir an dieser Stelle gar nicht. Es gibt eine weit verbreitete und oft unausgesprochene Annahme, das Leid etwas Aufgezwungenes ist, eine Unterbrechung der guten Absichten Gottes mit uns oder sogar ein Zeichen seiner Missgunst. Wieso passiert mir das? Womit habe ich das verdient? Die meisten unter uns verstehen Leiden als einen unfreundlichen und ungebetenen Gast, als eine ungewollte Überraschung. Wir können gar nicht verstehen, wieso Leid ein gnädiges Geschenk sein soll.

Und doch zeigt uns die Bibel wie das Leben Jesu, dass Leiden nicht nur für uns alle unvermeidlich, sondern in Gottes Weisheit ein notwendiger Pfad zum guten und schönen Leben ist. Um die Freiheit und Ruhe zu erleben, die Jesus uns verheißen hat (vgl. Joh 10,10), müssen wir durch den Tiegel des Leidens gehen.

Leiden ist unvermeidlich

Petrus schreibt: „Geliebte, lasst euch durch das Feuer der Verfolgung unter euch, das euch zur Prüfung geschieht, nicht befremden, als begegne euch etwas Fremdes“ (1Pet 4,12). Wir sollen nicht überrascht sein, wenn uns Leid begegnet, sondern uns sogar darin erfreuen. Es ist eine eigenartige Ermutigung. Doch wird sie von Paulus („wir rühmen uns auch in den Bedrängnissen“, Röm 5,3), Jakobus („Haltet es für lauter Freude, meine Brüder, wenn ihr in mancherlei Versuchungen geratet“, Jak 1,2) und in den Psalmen („Es war gut für mich, dass ich gedemütigt wurde, damit ich deine Ordnungen lernte“, Ps 119,71) bekräftigt.

Wir sollen mit Tränen rechnen. Ja, sogar Zeiten erwarten, in denen wir unkontrollierbar weinen (Ps 6,6), uns bis aufs Äußerste überwältigt und über unser Vermögen hinaus beschwert fühlen (Ps 69,1; 2Kor 1,8) und uns fragen: „Wann, wenn überhaupt, wird dieser Schmerz enden?“. So lehrt es uns die Bibel. Wenn wir keine Tränen und Schmerzen erwarten, dann werden wir, wenn wir leiden, nicht nur an der Sache selbst leiden, sondern dem auch noch eine Enttäuschung hinzufügen. So entsteht ein Gefühl des Verrats und der Bitterkeit, dass ich es vermasselt haben muss, dass Gott seinen Verpflichtungen nicht nachgekommen ist oder einfach Verwirrung darüber, dass die Welt nicht so läuft, wie ich es mir vorgestellt habe. Paul Tripp drückt es so aus: „Du erleidest nie nur die Sache, an der du leidest, sondern immer auch die Art und Weise, wie du die Sache erleidest.“

Leiden ist notwendig

„Jesus, das vollkommene Abbild Gottes und der vollkommene Mensch, zeigt uns, dass ein erfülltes menschliches Leben Leiden beinhaltet und dass wir nur durch Leiden zu dem Mensch werden, der wir nach Gottes Willen sein sollen.“

 

Als Pastor werde ich machmal gefragt: „Aber ist es notwendig? Muss man durch eine Phase extremer Schmerzen gehen, durch ein wüstes Land und Tal ziehen, um ein neues und besseres Leben zu haben?“ Hinter dem Wort „notwendig“ lauert die Vorstellung, dass wir alles kontrollieren. Doch wir haben nicht alles in der Hand. Es heißt: „Zur rechten Zeit“ wird Gott uns erhöhen (1Pet 5,6). Wir müssen lernen, zu akzeptieren, dass unsere Zeit in seinen Händen liegt (Ps 31,15). Wie es für Jesus war, so wird es auch mit uns sein: Gottes Weg ins neue Leben führt immer über das Kreuz.

Jesus, das vollkommene Abbild Gottes und der vollkommene Mensch, zeigt uns, dass ein erfülltes menschliches Leben Leiden beinhaltet und dass wir nur durch Leiden zu dem Mensch werden, der wir nach Gottes Willen sein sollen. Jesus, der ohne Sünde war und niemals etwas tat, durch das er die Missgunst seines Vaters erweckte, wurde „durch Leiden vollkommen“ (Heb 2,10). Der Autor des Hebräerbriefs wagt zu sagen, dass Jesus „an dem was er litt, Gehorsam gelernt“ hat (Heb 5,8) und dass ihn das unter anderem zu unserem barmherzigen Hohepriester macht (Heb 4,15), der fähig ist, uns in Zeiten der Not zu helfen. Wenn Jesus, das vollkommene Kind, durch Leiden lernen musste, was es heißt zu glauben und zu gehorchen, wie viel mehr ist es dann für dich und mich nötig?

Leiden ist bei weitem nichts, wovon Jesus uns rettet, sondern wird im Neuen Testament aufgelistet als eine Garantie dafür, dass wir zu Christus gehören (Röm 8,17).

Leiden ist nützlich

Niemand genießt es, zu leiden (Heb 12,11). Doch unser guter Vater nutzt Leiden, um uns zu erziehen, zu unterweisen und zu verändern.

„Wie ein entwöhntes Kind bei seiner Mutter“ (Ps 131,2) müssen wir von unseren Götzen entwöhnt werden, von den falschen Göttern, die uns niemals die Freude und Sicherheit geben können, die wir bei ihnen suchen. Leiden entwöhnt uns von unseren Plänen, unsere Freude in irgendetwas oder irgendjemandem außer in Gott zu finden (Ps 4,7). Weit über unser Vermögen hinaus beansprucht zu werden, lehrt uns, nicht auf uns selbst, sondern auf Gott zu vertrauen (2Kor 1,10). Schlussendlich nutzt Gott Leiden, um uns in Christi Ebenbild zu verwandeln (Röm 8, 28–29).

Jesus zeigt uns, dass ein schönes Leben immer Leiden beinhaltet. Er zeigt uns, wie wir Leiden ertragen sollen (1Pet 4,12–19) und durch ihn können wir mitten im Leiden eine überschwängliche Hoffnung haben. Durch Jesus wissen wir, dass wir nicht leiden, um für unsere Sünden zu bezahlen, denn die Strafe ist schon vollständig bezahlt worden. Doch wir können auch wissen, dass wir niemals alleine leiden. Gott steht uns in Christus zur Seite, besonders dann, wenn wir zu schwach sind, um allein klar zu kommen. Jesus zeigt uns, dass unser Leiden in Gottes Händen immer einen erlösenden Sinn hat. Wenn Gott selbst das schlimmste Ereignis der Menschheitsgeschichte nutzen kann, um das Allerbeste, nämlich das Heil der Welt, hervorzubringen, dann kann er dieses Wunder auch immer wieder in unserem Leben vollbringen.

Die Idee, Jesus habe gelitten, um es uns zu ersparen, ist grauenhaft. Denn wenn deine Theologie dir das sagt, dann wird das Leid, sobald es dich trifft (oder noch schlimmer, jemanden, den du liebst), dich komplett alleine stehenlassen. Du kannst dich dann selbst beschuldigen (vielleicht deinen Unglauben?) und bleibst ohne den Trost des Mannes der Schmerzen, der gut vertraut ist mit deinem Kummer.

Jesus ist nicht zufällig in Leiden geraten; es ist wesentlicher Bestandteil seiner ganzen Person. Wenn wir ihn kennen lernen wollen, in einer Erfahrung, dann müssen wir ihm auf dem Pfad folgen, den er gegangen ist (Phil 3,10).

Rankin Wilbourne ist Pastor der Pacific Crossroads Church in Los Angeles (USA). Er ist Autor von Union with Christ: The Way to Know and Enjoy God und Co-Autor von The Cross Before Me: Reimagining the Way to the Good Life.