Dein Dienst ist ein Lebens­projekt

Mein Rat an jüngere Männer

Artikel von Ray Ortlund
27. März 2020 — 16 min Lesedauer

„Aber der Pfad des Gerechten ist wie Glanz des Morgenlichts, das immer heller leuchtet, bis zum vollen Tag“ (Spr 4,18).

Viele von uns lesen diesen Vers und werden sich wundern, warum das eigene Licht, anders als im Vers beschrieben, immer noch schwach ist.

Dieser Vers sagt aus, dass dein Leben mit Gott heller und heller wird. Dies geschieht durch „Christus in dir, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kol 1,27). Die verstreichenden Jahre seiner Fürsorge für dich lassen deine Überzeugungskraft, Relevanz und die Früchte deines Dienstes wachsen und nicht abnehmen. Und bald wird dein „Glanz“ wie die Mittagssonne leuchten, um niemals zu verblassen.

Der folgende Aufsatz richtet sich an alle jungen Männer, die das Gefühl haben, dass es zu lange dauert, bis die ihnen gebührende Anerkennung ans Tageslicht kommt. Auch richtet sich der Text an alle jungen Männer im Dienst, die sich ruhelos, eifrig und ambitioniert (mit göttlichem Ehrgeiz) nach Möglichkeiten sehnen, etwas für Christus zu bewegen. Du magst gemischte Motive haben, aber wer hat das nicht? Dennoch treibt dich ein göttliches Verlangen dazu an, eine breite Schneise in der Ernte des Evangeliums zu schlagen.

Er hat dich nicht erschaffen, damit du eine „Niete“ bist. Er hat dich in seinem Ebenbild erschaffen, königlich, um seinen Willen in dieser Welt voranzutreiben (1Mo 1,26). Du spürst, dass du eine Mission hast! Lass uns also mal über die Flugkurve deines Lebens nachdenken: Was kann man erwarten? Wie soll man es steuern? Als ein älterer Mann, der deine Gefühle respektiert, biete ich dir hier meine Überlegungen an. Also: Drei aus der Bibel gewonnene Ratschläge für den Fall, dass es mit deinem Dienst scheinbar zu langsam vorangeht.

1. Lass dir Zeit

Der erste Ratschlag ist aus 1. Timotheus 3,10. Der Apostel Paulus erwartete von zukünftigen Diakonen, dass diese „zuerst erprobt werden“. Dies gilt auch für einen Ältesten. Er muss sich als junger Mann zunächst bewähren, indem er seine Einsatzbereitschaft in der Leiterschaft unter Beweis stellt. Ein zukünftiger Ältester soll seiner Frau treu sein, er soll fähig sein zu lehren, seinem Haus gut vorstehen, kein Neubekehrter sein und ein gutes Ansehen vor Außenstehenden haben (1Tim 3,1–7). Dies erreicht man nicht über Nacht.

Möglicherweise bist du einfach noch nicht so weit wie du dich fühlst. Vielleicht hast du einen älteren christlichen Leiter in Aktion beobachtet und dir gedacht: „Was der kann, kann ich auch, bestimmt sogar besser“. Was dieser Mann leistet, ist freilich schwieriger als es aussieht. Wenn jemand in einer Führungsposition seine Arbeit gut macht, Leute gut darauf ansprechen und der Dienst gesegnet wird, dann ist es so: Für einen Außenstehenden nicht erkennbar laufen im Inneren dieses Mannes weise Einsichten, geschliffene Fähigkeiten und Disziplin zusammen. Das ist es, was diesen Mann so überzeugend macht.

Diese inneren Stärken und Anlagen wurden über viele Jahre und auch durch mancherlei Fehlschläge hart erkämpft. Auch wenn der Dienst eines Pastors so wirken kann als ob es eine leichte Sache wäre, ist es das nicht. Der Pastor wurde zunächst erprobt und er wird auch jetzt noch erprobt. Selbst wenn ein Mann schon in den reifen Jahren ist und der Dienst viel Erfüllung und Freude bringt, bleibt es trotzdem extrem herausfordernd.

Es geht hier weder darum, diesen Mann zu verherrlichen, noch darum, dich herabzusetzen. Aber ein Mann in seinen Sechzigern, sofern er demütig mit Gott gelebt und sich anhaltend um die Entwicklung seines Glaubens bemüht hat, ist schlichtweg tiefgründiger als er es in seinen Dreißigern war. Wie könnte es auch anders sein? Gib dir selbst also Zeit! Gottes Investition in dich ist nachhaltiger als du denkst. Er kennt deinen Wert. Er bereitet dich auf die letzte und grosse Mission in deinem Leben und auf deinen Tod vor. Nimm Gott nicht übel, dass er dich auf diese Weise durch einen Reifeprozess führt.

Sein Plan, sein Timing und seine Methoden eignen sich hervorragend dafür, dich auf die größten Momente deines Lebens vorzubereiten. Wenn du aber zu stolz bist, dich erproben zu lassen, blockierst du genau die Zukunft, nach der du dich sehnst. Demütige dich selbst. Sei geduldig. Geh in die Tiefe. Und vergiss nicht, es zu genießen. Der Herr ist mit dir und für dich. Offensichtlich hat er es nicht eilig. Warum solltest du es eilig haben?

2. Ergreife seine Macht in deiner Schwachheit

„Nur ein Mann mit Narben kann Sündern mit Narben einen Messias mit Narben predigen.“

 

Der zweite Ratschlag lautet: „Meine Kraft wird in der Schwachheit vollkommen!“ (2Kor 12,9). Dieser Vers steht aus folgendem Grund in der Bibel: In unserer Dummheit wollen wir alle wichtig, beeindruckend und erwähnenswert sein. Wir wollen die Welt mit unseren Superkräften in unseren Bann ziehen. Wie aber kann so ein Mann Christus, den Gekreuzigten, predigen (1Kor 2,1–5)? Nur ein Mann mit Narben kann Sündern mit Narben einen Messias mit Narben predigen. Gott wird dir Fähigkeiten und Einsichten vermitteln, aber er wird dich auch verwunden. A.W. Tozer hat es treffend einmal so formuliert:

„Es ist zweifelhaft, ob Gott einen Menschen großartig segnen kann, bevor er ihn tief verletzt hat.“

Irgendwann in deinem Leben wirst du so tief von Gott verletzt, dass dein Selbstvertrauen durch Leid und Verlust zusammenbricht. Bis dahin war dir nicht einmal bewusst, wie konsequent dein Selbstvertrauen dein Leben lenkt, da es sich so normal und harmlos angefühlt hat. Du wirst beginnen zu verstehen: „Das bedeutet es also, dem Herrn ganz zu vertrauen. Ich brauche ihn jetzt in einer nie dagewesenen Dringlichkeit und Ernsthaftigkeit.“

Erst dann wird Gottes Macht richtig in deinem Leben durchdringen. Dieser Schmerz wird dich zu einem besseren Christen machen. Du wirst ein besserer Prediger, Pastor, Leiter, Seelsorger, Lehrer und Freund sein, weil du ein besserer Mensch sein wirst. So wirst du dem verwundeten Christus ähnlicher.

Wenn du aber sehr schnell „erfolgreich“ bist, sich Menschenmengen um dich sammeln und der uneinsichtige Übermut deiner Jugend nicht gebrochen ist, bist du wahrscheinlich in Gefahr. Ich habe junge und hochtalentierte Männer gesehen, die abstürzten und ausbrannten und viele Jahre des fruchtbaren Dienstes verschwendeten. Manche haben den Dienst sogar ganz verlassen, weil ihr Charakter der öffentlichen Bühne nicht gewachsen war.

Beneide den „Überflieger“ nicht. Möglicherweise ist er unsicherer als du denkst. Unterordne dich dem HERRN. Ertrage Enttäuschungen, Verletzungen und Beleidigungen, die dich treffen, demütig. Ertrage sie „um Christi willen“ (2Kor 12,10). Denn so wird seine Kraft bei dir wohnen (2Kor 12,9).

3. Nimm deine Bestimmung nicht selbst in die Hand

„Es macht dich für die Zukunft fit, dort demütig, fruchtbar und fröhlich mit Christus zu wandeln, wo du dich gerade befindest.“

 

Der dritte Ratschlag lautet: „Der Herr wird es für mich vollbringen!“ (Ps 138,8). Der Herr hat eine Bestimmung für dich. Das ist Gottes Angelegenheit. Du brauchst es nicht selber durchzuboxen. Obwohl der Dichter John Burroughs kein Christ war, reflektiert sein Gedicht „Waiting“ eine christliche Wahrheit:

Asleep, awake, by night or day,  The friends I seek are seeking me, No wind can drive my bark astray  Nor change the tide of destiny.

[Freie Übersetzung: Schlafend, wachend, bei Nacht oder Tag, Die Freunde, dich ich suche, suchen mich. Der Wind kann weder meine Borke stehlen, noch die Gezeiten des Schicksals ändern.]

Der Herr hat sich seiner Bestimmung für dich verpflichtet. Daher suchen dich die Freunde und Gelegenheiten, die du suchst. Sie sind genau jetzt auf dem Weg zu dir. Glaub daran und freue dich, während Gott die Geschichte schreibt, für die du geboren wurdest. Es macht dich für die Zukunft fit, dort demütig, fruchtbar und fröhlich mit Christus zu wandeln, wo du dich gerade befindest. Mit den Jahren wird er dir einen Platz in den vorderen Reihen geben, damit du von dort aus beobachten kannst, wie er seine Absichten für dich erfüllt.

Nimm den niedrigsten Platz ein

In seiner vorausschauenden Predigt Jeder ist von Bedeutung (1982) hat Francis Schaeffer uns alle gewarnt. Er schreibt:

Jesus gebietet Christen, bewusst den niedrigsten Platz einzunehmen. Wir alle – Pastoren, Lehrer, hauptamtliche Kirchenmitarbeiter und Laien eingeschlossen – sind versucht zu sagen: „Ich nehme den ersten Platz ein, da dieser mir mehr Einfluss für Christus bringt.“ Sowohl einzelne Christen als auch ganze christliche Organisationen fallen der Versuchung zum Opfer, diesen Weg zu rationalisieren, während wir immer größere Königreiche aufbauen. Aber der Schrift nach ist das ein Schritt in die falsche Richtung. Wir sollten bewusst den niedrigsten Platz einnehmen, es sei denn der HERR selbst drängt uns auf einen höheren.

Schaeffer erklärt weiter, dass wir in einer niedrigeren und weniger intensiven Position im Dienst auch weniger Ablenkungen von unserer Nähe mit Gott erleben. Nur in der persönlichen Stille vor Gott können wir Dinge in wahrer geistlicher Vollmacht tun. Nur wenn wir in Stille vor ihm bleiben, tragen wir etwas zum dem wirklichen Kampf bei, der in unserer Generation geführt wird.

Lass dich auf dem Platz nieder, wo du gerade bist. Nimm deine gegenwärtige Situation an, denn dort ist Christus dir am nächsten. Hier werden seine unendlichen Ressourcen jeden Augenblick für dich offenbar. „Wie groß ist deine Güte, die du denen bewahrst, die dich fürchten…!“ (Ps 31,20).