Trennung von ungesunden Gemeinden

Sechs Ratschläge für Menschen, die ihre Gemeinde verlassen wollen

Artikel von Lucas O’Neill
13. März 2020 — 12 min Lesedauer

Manchmal fühlt meine Gemeinde sich an, wie die Notaufnahme eines Krankenhauses. An jeder Ecke sieht man Christen, die Verletzungen tragen, die sie durch ihre alten Gemeinden erlitten haben. Geistlicher Missbrauch, ein falsches Evangelium und viele weitere Gründe tragen dazu bei, dass Geschwister durch eine Gemeinde in seelische Nöte geraten.

Es quält mich, dass so viele Gemeinden mit so vielen Ressourcen und Stärken den Weg von Simson gehen und das tun, was in ihren eigenen Augen richtig ist. Dabei hinterlassen sie haufenweise verletzte Christen (Ri 15,8). Die Genesung von aufrichtig Gläubigen, die durch gescheiterte Gemeinden geschädigt worden sind, ist ein zermürbender Prozess.

Vielleicht hast du schon den Verlust einer geliebten Gemeinde erlebt. Vielleicht wurde sie von einer größeren Gruppe der Gemeinde übernommen, die sie in eine radikal andere Richtung geführt hat. Vielleicht hat die Leitung als Ganzes bedeutend versagt und es ist schwer vorstellbar, dass die Gemeinde wiederhergestellt werden kann. Vielleicht liegen Leitungsstrukturen vor, die es unmöglich machen, eine eigenwillige Leitung abzusetzen.

Was auch immer passiert ist, du befindest dich jetzt an einem Ort, an dem du die Gemeinde, die dein Zuhause war, nicht mehr wiedererkennst – und du fühlst dich ein wenig verloren, während du versuchst, dich durch einen Wirbelsturm von Emotionen zu navigieren. Ich möchte dir sechs biblische Hinweise geben, die dabei helfen sollen, dich wieder zurechtzufinden.

1. Wenn du gehst, geh aus den richtigen Gründen

„Wir wollen die Zerbrochenen und Verletzten aufnehmen, aber wir wollen nicht diejenigen unterstützen, die sich von guten Gemeinden abwenden, nur weil sie eine Meinungsverschiedenheit hatten.“

 

Du solltest nicht aus Trotz gehen. Du solltest auch nicht einfach gehen, weil es zu anstrengend ist, Schwierigkeiten durchzustehen. Tatsächlich habe ich einige Besucher ermutigt, in ihre früheren Gemeinden zurückzukehren, um Dinge zu klären.

Wir wollen die Zerbrochenen und Verletzten aufnehmen, aber wir wollen nicht diejenigen unterstützen, die sich von guten Gemeinden abwenden, nur weil sie eine Meinungsverschiedenheit hatten. Es kostet Mut, aber du musst die nötigen Gespräche führen, um Frieden mit jedem zu machen, der dich irgendwie beleidigt hat (Röm 12,16–18). Sollten aber unumkehrbare lehrmäßige oder moralische Versäumnisse vorliegen, könnte eine Trennung der beste Weg sein, um dich und deine Familie zu schützen. Stelle nur sicher, dass du deinen Teil zum Erhalt der Einheit getan hast (Eph 4,2f.).

2. Eine Gemeinde zu verlassen, kann die richtige Entscheidung sein, aber Gemeinde insgesamt aufzugeben, ist immer die falsche Entscheidung

Während man legitime Gründe finden kann, um eine bestimmte Gemeinde zu verlassen, ist es niemals angemessen, Ortsgemeinden an sich komplett zu verlassen. Gott hat die Ortsgemeinde als einen Ort der Heilung bestimmt, auch wenn die Wunde von einer anderen Gemeinde kommt. Ja, es gibt ungesunde Gemeinden; es gibt aber auch gesunde.

In Offenbarung 2-3 sehen wir, wie Jesus Ortsgemeinden tadelt und lobt. Auch wenn er eine Gemeinde wie Sardis, die geistlich tot ist, streng ermahnt, lobt er zugleich die Gemeinden von Smyrna und Philadelphia. Manche Gemeinden (wie Pergamum und Thyatira) haben Probleme, aber es besteht Hoffnung, dass sie diese überwinden können. Die Mitgliedschaft in einer Gemeinde komplett aufzugeben bedeutet, Jesus aufzugeben, den Erbauer der Gemeinde (Eph 4,11–16). Lasst uns nicht aufgeben, was Jesus selbst vorschreibt (Mt 18,17). Schließlich ist die Versammlung der Gläubigen der Ort, an dem du die Ermutigung findest, die du brauchst – und genau deshalb musst du dorthin gehen (Heb 10,25). Finde einen Ort, wo die Leiter es wert sind, ihrer zu gedenken und ihr Leben nachzuahmen (Heb 13,7). Ich kenne viele.

3. Sprich darüber, aber sprich weise darüber

Manche werden versucht sein, sich zu verschließen und zu versuchen, den Schmerz dadurch zu lindern, dass sie die früheren Schwierigkeiten ausblenden. Vielleicht haben sie das Gefühl, dass es auf irgendeine Weise auf Klatsch oder Beschimpfung hinausläuft, wenn sie mit jemandem darüber sprechen.

Andere hingegen geben vielleicht der Verlockung nach, „es sich von der Seele zu reden“, indem sie es in fast jedem Gespräch zur Sprache bringen. Diese Menschen sprechen ihre Beschwerden aus, aber oft auf eine Art und Weise, die durch Bosheit, Rache oder Bitterkeit angetrieben ist.

Keine der beiden Möglichkeiten ist gesund. Verarbeite stattdessen den Schmerz im Gespräch mit reifen Christen, die dir zuhören und mit wenigen Worten weise Ratschläge erteilen.

4. Erkenne an, dass Trauer ein Prozess ist

Selbst wenn du eine liebevolle, auf das Evangelium ausgerichtete Gemeinde findest, ist es in Ordnung, dir Zeit zu nehmen, bevor du dich wieder engagierst. Verbinde die Wunden und gib deinem Herzen Zeit, sich zu erholen. Es könnte sogar ratsam sein, sich zurückzuhalten, wenn es um eine zu starke Beteiligung geht. Manchmal ist eine Zeit der Heilung genau das Richtige, um sich wieder auf den Dienst vorzubereiten.

5. Sei geduldig mit denen, die bleiben

Manche deiner Freunde werden in deiner früheren Gemeinde bleiben. Sie könnten Mühe mit deinem Weggang haben. Schlimmer noch, sie könnten sich automatisch verurteilt fühlen, egal wie liebenswürdig ihr euch getrennt habt. Vielleicht ignorieren sie dich jetzt oder beschuldigen dich sogar, deinen Leitern ungehorsam zu sein.

Sei geduldig mit ihnen. Räche dich nicht. Du musst nicht jeden überzeugen, es so zu sehen wie du. Tatsächlich werden viele sich einfach nicht überzeugen lassen, unabhängig davon, was du sagst und leider auch unabhängig davon, inwiefern sich der Pastor weiter disqualifiziert.

Jesus hilft uns damit. Er unterschied zwischen denen, die man unmöglich überzeugen konnte, und denen, die für die Wahrheit offen waren (Mt 7,6; Mk 8,11–13).

Manche deiner früheren Gemeindemitglieder brauchen vielleicht einfach Zeit, um deinen Weggang zu akzeptieren. Andere werden ihre Freundschaft mit dir aufgeben. Wie auch immer sie reagieren, lass es dich nicht quälen; bete geduldig für sie.

6. Geh weiter

Stell dich darauf ein, die emotionale Last zu tragen, die mit einer Trennung einhergeht. Mit der Zeit wirst du entdecken, dass unerwartet Zorn aufsteigen kann und es Zeit braucht, dass er wieder abflaut. Möglicherweise fühlst du dich verlassen, wenn Freunde dich nicht kontaktieren. Möglicherweise fühlst du dich, als hättest du eine Familie verloren. Aufrichtige Christen in deiner neuen Gemeinde werden mitfühlend sein, aber sie werden deine Situation wahrscheinlich nicht ganz verstehen.

Das alles gehört zum Trauerprozess dazu. Aber, wie bei dem Verlust geliebter Menschen, trauern wir als solche, die Hoffnung haben. Gott lenkt noch immer selbst die bösen Absichten der Menschheit um Gutes für uns zu bewirken. Er benutzt sie, damit wir Christus ähnlicher werden – und es gibt nichts besseres. Wenn die Zeit kommt, dann erhebe dich aus der Asche deiner Trauer und besteige von Neuem den Sattel eifrigen Dienstes.

Lucas O’Neill ist leitender Pastor der Christian Fellowship Church in Itasca, Illinois (USA) und der Professor für Homiletik an der Trinity Evangelical Divinity School.