Fürchte dich nicht!

Wie wir eine ehrliche Antwort für unsere größte Furcht finden können

Artikel von R.C. Sproul
16. März 2020 — 13 min Lesedauer

Wir sind fragil und sterblich, und daher sind wir allen Arten von Furcht ausgeliefert. In uns steckt eine tief verwurzelte Unsicherheit, die wir – all unseren Versuchen zum Trotz – aus eigener Kraft nicht in den Griff bekommen können. Gerade wenn es um die Dinge geht, die uns am meisten Angst bereiten, suchen wir nach Sicherheit.

Es gibt einen Befehl (genauer: ein Verbot), den unser Herr häufiger als jeden anderen aussprach: „Fürchte dich nicht …!“ Er sagte das so oft zu seinen Jüngern und auch zu anderen, denen er begegnete, dass man es irgendwann fast für eine Begrüßung halten konnte. Während die meisten Menschen andere mit „Hallo“ begrüßen, lauteten die ersten Worte Jesu oftmals: „Fürchte dich nicht.“

„Während die meisten Menschen andere mit ‘Hallo’ begrüßen, lauteten die ersten Worte Jesu oftmals: ‘Fürchte dich nicht.’“

 

Warum? Vielleicht wurzelte Jesu Vorliebe für diese Worte in seinem klaren Bewusstsein, dass es da diese (nur notdürftig überspielte) Furcht gibt, die alle ergreift, die sich dem lebendigen Gott nähern. Wir fürchten seine Macht, wir fürchten seinen Zorn und mehr als alles andere fürchten wir, von ihm am Ende verworfen zu werden.

Daher ist die Sicherheit, die wir am meisten benötigen, die Gewissheit der Errettung. Obwohl wir nur ungern darüber nachdenken, wissen wir doch – wenn auch nur intuitiv – dass die schlimmste Katastrophe, die uns jemals treffen könnte, Gottes richtender Zorn wäre. Unsere Verunsicherung wird noch verschlimmert durch das Wissen, dass wir das auch verdienen.

Kann man wirklich wissen, ob man errettet ist?

Nun glauben viele, dass Gewissheit des ewigen Heils entweder nicht möglich oder nicht erstrebenswert ist. Man betrachtet es als größtmögliche Arroganz, zu behaupten, dass man eine solche Gewissheit habe – als eine nicht mehr zu überbietende Anmaßung.

Allerdings: Wenn nun Gott darlegt, dass wir volle Heilsgewissheit haben können, und wenn er uns sogar befiehlt, danach zu streben, dann wäre es doch gerade äußerste Arroganz, das zu bestreiten oder zu missachten!

Und Gott befiehlt uns in der Tat, unsere Berufung und Auserwählung fest zu machen:

„Darum, Brüder, seid um so eifriger bestrebt, eure Berufung und Auserwählung fest zu machen; denn wenn ihr diese Dinge tut, werdet ihr niemals zu Fall kommen“ (2Petr 1,10).

Im Licht dieser Anweisung haben wir nicht die Option, das Thema zu ignorieren. Es geht um eine zentrale Angelegenheit. Die Frage „Bin ich gerettet?“ ist eine der wichtigsten Fragen, die ich mir jemals stellen kann. Ich muss die Antwort wissen. Die Sache ist keine Kleinigkeit: Ohne Heilsgewissheit ist das christliche Leben instabil. Es ist der zersetzenden Macht unserer Stimmungsschwankungen ungeschützt ausgeliefert, während die Irrlehre schon vor der Tür lauert. Wir benötigen ein festes Glaubensfundament, um in der Heiligung zu wachsen. Und Heilsgewissheit ist der Zement dieses Fundaments. Wo sie fehlt, zerbröckelt das Fundament.

Wie erhalten wir Heilsgewissheit?

„Da es möglich ist, falsche Heilsgewissheit zu haben, ist es umso dringlicher, dass wir das Zeugnis des Geistes im Wort und durch das Wort suchen.“

 

Die Heilige Schrift erklärt, dass der Heilige Geist Zeugnis gibt zusammen mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. Dieses innere Zeugnis des Heiligen Geistes ist sowohl lebensnotwendig als auch komplex. Es kann schlimm entstellt sein und mit Subjektivismus und Selbsttäuschung vermischt werden. Der Geist gibt sein Zeugnis mit dem Wort und durch das Wort, aber niemals gegen das Wort oder ohne das Wort.

Da es möglich ist, falsche Heilsgewissheit zu haben, ist es umso dringlicher, dass wir das Zeugnis des Geistes im Wort und durch das Wort suchen. Falsche Heilsgewissheit ist normalerweise das Resultat eines falschen Verständnisses von Errettung. Wenn man die notwendigen Bedingungen der Errettung nicht versteht, dann ist Heilsgewissheit bestenfalls Glückssache.

Deshalb ist richtige Lehre von zentraler Bedeutung, um eine gesunde Grundlage für die Heilsgewissheit zu haben. Sie kann sogar eine notwendige Voraussetzung sein, wenngleich alleine noch nicht ausreichend. Ohne gesunde Lehre werden wir nur ein unzureichendes Verständnis von Errettung haben. Ein gesundes Verständnis von Errettung ist allerdings immer noch keine Garantie dafür, dass wir jene Errettung auch haben, die wir so richtig verstanden haben.

Wenn beispielsweise jemand davon ausgeht, dass die Bibel die Errettung aller lehrt, dann wird er zu einer falschen Heilsgewissheit gelangen. Wenn jeder gerettet wird, dann ist schließlich die einzig sinnvolle Schlussfolgerung: „Jederschließt auch mich ein, also bin ich gerettet.“

Oder wenn jemand der Meinung ist, dass die Errettung durch unsere eigenen guten Werke erlangt wird, und wenn er darüber hinaus der Täuschung aufsitzt, er hätte gute Werke vorzuweisen, dann wird er eine falsche Heilsgewissheit haben.

Eine gesunde Heilsgewissheit gründet dagegen in dem Wissen, dass unsere Errettung allein auf den Verdiensten Christi beruht, die uns gutgeschrieben werden, wenn wir ihn im echten Glauben annehmen. Wenn uns das klar ist, stellt sich sogleich die nächste Frage: „Habe ich den echten Glauben, der für die Errettung nötig ist?“

Zwei weitere Dinge gilt es hier richtig zu verstehen bzw. zu analysieren. Das erste ist lehrmäßig: Wir müssen ein klares Verständnis davon haben, was echten rettenden Glauben ausmacht. Wenn wir uns rettenden Glauben als etwas vorstellen, das wie in einem Vakuum separat für sich existiert und keinerlei Frucht des Gehorsams hervorbringen muss, dann haben wir rettenden Glauben mit einem toten Glauben verwechselt, der niemanden retten kann.

Als zweites ist eine ernste Analyse unseres eigenen Lebens erforderlich: Wir müssen uns fragen, ob die Frucht der Wiedergeburt wirklich in unserem Leben vorhanden ist. Haben wir eine echte Zuneigung zum biblischen Christus? Nur der wiedergeborene Mensch hat echte Liebe zum echten Jesus. Zudem müssen wir uns die schwere Frage stellen: „Zeigt mein Leben Frucht der Heiligung?“ Ich überprüfe meinen Glauben anhand meiner Werke.

Diese letzte Frage ist aus mehreren Gründen eine schwere Frage. Einerseits können wir unsere Heilsgewissheit verlieren, wenn wir denken, dass vollkommener Gehorsam der Standard ist. Jede Sünde, die wir nach der Bekehrung begehen, sät dann Zweifel an unserer Gewissheit. Dieser Zweifel wird verstärkt durch die Anschuldigungen, die der Teufel gegen uns erhebt. Satan freut sich daran, wenn er die Heilsgewissheit eines wahren Christen erschüttern kann.

Auf der anderen Seite können wir uns aber auch selbst täuschen, wenn wir unseren Werken überschwänglich viel Gutes beimessen – wobei wir Tugend in uns sehen, die gar nicht da ist. Hier schreckt uns die Warnung unseres Herrn auf:

„Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt und in deinem Namen Dämonen ausgetrieben und in deinem Namen viele Wundertaten vollbracht? Und dann werde ich ihnen bezeugen: Ich habe euch nie gekannt; weicht von mir, ihr Gesetzlosen!“ (Mt 7,22–23)

Wirkliche Heilsgewissheit beruht auf einem gesunden Verständnis der Errettung, einem gesunden Verständnis der Rechtfertigung, einem gesunden Verständnis der Heiligung und einem gesunden Blick auf uns selbst. In all diesen Fragen haben wir den Trost und den Beistand des Heiligen Geistes, der den Text der Heiligen Schrift für uns erleuchtet, der in uns wirkt und die Frucht der Heiligung hervorbringt, und der Zeugnis gibt mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.