Ich war ein missverstandener Muslim

Weitverbreitete Irrtümer über den Islam

Artikel von Afshin Ziafat
18. März 2020 — 19 min Lesedauer

Christen sind dazu berufen, Zeugen Christi zu sein – bis an die Enden der Erde (Apg 1,8). Dabei kommen heutzutage sogar die Enden der Erde zu uns, in unsere Nachbarschaft – zumindest, wenn wir in Amerika oder Europa leben. Muslime ziehen in Rekordzahlen in unsere Städte. Ein Großteil von uns muss kein Flugzeug besteigen, um das Evangelium in die muslimische Welt zu bringen. Es reicht, über die Straße zum Haus unseres Nachbarn zu gehen.

Doch leider zögern viele Christen, sich auf eine Beziehung oder auch nur ein Gespräch mit Muslimen einzulassen. Einige gehen fälschlicherweise davon aus, dass Muslime unfreundlich sein werden. Andere haben Angst, Muslime möglicherweise durch einen kulturellen Fauxpas zu beleidigen. Im Grunde steht vielen die Furcht vor dem Unbekannten im Weg. Deshalb möchte ich hier einige weitverbreitete Irrtümer beleuchten, die Christen daran hindern, Muslime mit der rettenden Wahrheit von Jesus Christus zu erreichen.

Missverständnisse über Muslime

„Das am weitesten verbreitete Missverständnis über Muslime ist, dass es sich bei ihnen allesamt um radikale Terroristen handelt, voller Hass auf den Westen – oder dass sie zumindest in diese Richtung tendieren.“

 

Das am weitesten verbreitete Missverständnis über Muslime ist, dass es sich bei ihnen allesamt um radikale Terroristen handelt, voller Hass auf den Westen – oder dass sie zumindest in diese Richtung tendieren. Der Leitgedanke ist dabei, dass alle Muslime letztendlich die Zerstörung unserer Gesellschaft anstreben und im ganzen Land die islamische Scharia einführen wollen. Doch obwohl es weltweit Bewegungen von radikalen islamischen Terroristen gibt, gehört die überwiegende Mehrheit der Muslime zu den gastfreundlichen, liebenswürdigen und freundlichen Menschen unserer Tage.

Hinter diesem Missverständnis steckt die falsche Annahme: Je gläubiger ein Muslim wird, desto radikaler wird er. Manche Menschen meinen, bei Christen bestehe das äußerste Ziel der Hingabe darin, allen Besitz zu verkaufen und den Erlös den Armen zu spenden – und andererseits sei es das äußerste Ziel von muslimischer Hingabe, ein Dschihadist zu werden.

Obgleich es Terrororganisationen gibt, die ihre Anhänger mit diesem Glauben irreführen, gehört die breite Mehrheit der Muslime einer anderen Kategorie an: den pflichtbewusst religiösen Muslimen. Der Begriff Islam bedeutet „Unterwerfung unter Allah“, und Muslim bedeutet „jemand, der sich Allah unterwirft“. Der Islam ist vor allem eine in Werken gegründete Religion, und entsprechend bedeutet Frömmigkeit für die meisten Muslime, mit ganzer Hingabe die Fünf Säulen des Islam zu praktizieren und sich Allah zu unterwerfen.

Missverständnisse über unsere Berufung

Ein anderes Missverständnis, das wir erkennen müssen, hat mit unserer Berufung und unserem Ziel als Christen zu tun. Man könnte es auch besser als unsere vergessene Identität und Mission auf den Punkt bringen. Sichtbar wurde das, als sich viele amerikanische Christen in der letzten syrischen Flüchtlingskrise vor allem Gedanken machten über Grenzschutz und Sicherheit statt über die Chance zur Ausbreitung des Reiches Gottes. Das soll nicht heißen, dass man Schutz und Sicherheit völlig außer Acht lassen soll. Als Ehemann und Vater wünsche ich mir natürlich Sicherheit und Frieden in unserem Land. Aber als Botschafter Christi kann ich nicht zulassen, dass dieser Wunsch den anderen, größeren Wunsch verdrängt oder zunichte macht, nämlich zu sehen, wie Menschen aus allen Nationen zum rettenden Glauben an Jesus kommen.

Paulus erklärt in Apostelgeschichte 20,24, dass ihm sein eigenes Leben nicht wertvoller ist als der ihm von Gott gegebene Dienst, das Evangelium der Gnade zu bezeugen. Für uns heute ist es aber längst keine Sache auf Leben und Tod, wenn wir die Begegnung mit unseren muslimischen Nachbarn suchen, um ihnen das Evangelium zu bezeugen. Aber es kann bedeuten, Abstriche an unserer Bequemlichkeit zu machen. Ich fürchte, dass wir viel zu oft einfach unsere Komfortzonen nicht verlassen wollen. Kürzlich hörte ich von einem Ort, in dem eine Anzahl von Bürgern verärgert war, weil ein Islamverband in ihrer Stadt einen Friedhof errichten wollte. Dabei waren einige gegen dieses Vorhaben, weil sie befürchteten, dass dann mehr Muslime in ihren Ort ziehen würden. Statt sich über diese offene Tür zu freuen, Muslime mit dem Evangelium zu erreichen, wollten sie die Sache unterbinden.

Das Ziel von Christen besteht nicht darin, die Annehmlichkeiten dieses Lebens um jeden Preis zu bewahren oder auszubauen – noch nicht einmal unser Leben. Das Ziel von Christen sollte stattdessen sein, jeden Tag unseres Lebens dem Auftrag zu widmen, allen Nationen die Gute Nachricht zu bringen.

Missverständnisse von Muslimen

„Den meisten Muslimen ist nicht klar, wie wir die Dreieinigkeit verstehen, und sie gehen fälschlicherweise davon aus, Christen würden drei Götter anbeten.“

 

Auf der anderen Seite ist es wichtig, uns bewusst zu machen, dass es auch bei Muslimen viele Missverständnisse über das Christentum gibt. Den meisten Muslimen ist nicht klar, wie wir die Dreieinigkeit verstehen, und sie gehen fälschlicherweise davon aus, Christen würden drei Götter anbeten. Für sie ist die Sohnschaft Jesu ein Stein des Anstoßes, weil viele daraus den falschen Schluss ziehen, Gott hätte Geschlechtsverkehr mit Maria gehabt. Außerdem nehmen Muslime das Christentum vor allem durch den Zerrspiegel der westlichen Gesellschaft wahr. In der muslimischen Welt ist der Islam mit jeder Faser des gesellschaftlichen Lebens verwoben, so dass das kulturelle Leben die religiösen Werte widerspiegelt. Entsprechend fällt es manchen Muslimen schwer, die Botschaft Christi anzunehmen, während ihnen die Unmoral unserer Gesellschaft vor Augen steht, die sie fälschlicherweise auf das Christentum zurückführen.

Es ist wichtig, all diese Missverständnisse auszuräumen, aber ich möchte besonders einen Irrtum hervorheben, der zeigt, wie wichtig es ist, die Begegnung mit unseren muslimischen Nachbarn zu suchen. Viele Muslime halten die biblische Lehre von der Rechtfertigung allein aus Gnade, allein durch Glauben und allein durch Christus für absurd. Für sie ist das billige Gnade. Es sieht für sie so aus, als würde Christsein letztlich bedeuten, dass man in einem Gebet ausspricht, man glaube an Jesus – und anschließend kann man leben, wie auch immer man will, schließlich ist einem vergeben worden. Also fragen sie: „Gibt es dann noch einen Grund, für Gott zu leben? Warum solltest du noch irgendetwas für Gott tun wollen?“ Doch mit dieser Frage gestehen sie ein, dass für sie der einzig denkbare Grund, warum man für Gott lebt, Angst ist. Es geht darum, Gottes Gunst zu erlangen, damit man nicht in die Hölle kommt. Aber was, wenn es da einen besseren Weg gibt?

Die Bibel zeigt deutlich, dass Gnade nicht Freiheit zur Sünde bedeutet, sondern Freiheit, um wahrhaftig für Gott zu leben (Röm 6,15–18). Ein echter Christ wird gute Werke tun, aber seine guten Werke sind kein Mittel, um sich das Heil zu verdienen. Sondern sie sind das Resultat seiner Erlösung – oder besser gesagt: ein Beweis seiner Erlösung. Jakobus sagt, dass „der Glaube ohne die Werke tot“ ist (Jak 2,26). Wir Christen leben nicht deswegen für Gott, weil wir Angst haben, in die Hölle zu kommen – wir wissen, dass unser Platz im Himmel aufgrund des Blutes Christi bereits sicher ist.

Als wir noch Sünder waren

Wir sehen jetzt, weshalb es so wichtig ist, unsere muslimischen Nachbarn kennenzulernen, Freundschaften zu ihnen zu knüpfen und sie zu lieben. Der größte Irrtum im muslimischen Denken bezieht sich auf die unverdiente, aufopfernde Liebe des wahren Gottes. Im Islam verdient man sich Gottes Gunst durch ein Leben mit guten Werken, indem man sich dem Willen Allahs unterwirft. Der Islam lehrt, dass es einen Gerichtstag geben wird, an dem Muslime sehen werden, wie ihre guten und ihre schlechten Taten auf einer Waage gegeneinander abgewogen werden. Welche Seite schwerer wiegt, bestimmt dann, ob sie in den Himmel oder in die Hölle gehen werden. Doch das Christentum lehrt, dass Gott uns geliebt hat und seinen Sohn sandte, um für unsere Sünden zu sterben, als wir noch Sünder waren (Röm 5,8) und bevor wir irgendetwas Gutes getan haben, um das zu verdienen (Eph 2,8–9).

„Bevor es einen Muslim interessiert, was du glaubst, möchte er oft wissen, dass du dich für ihn interessierst.“

 

Das ist die Liebe, die Muslime erleben müssen. Und hier kommst du ins Spiel. Wir lieben Muslime, indem wir sie zu uns nach Hause zum Essen einladen. Wir lieben Muslime, indem wir sie fragen, wie wir ihnen helfen können, sich in unsere Gesellschaft zu integrieren – beispielsweise, indem wir ihnen helfen, ein Bankkonto zu eröffnen, ihre Kinder an der Schule anzumelden, oder was auch immer nötig sein mag. Bevor es einen Muslim interessiert, was du glaubst, möchte er oft wissen, dass du dich für ihn interessierst. Wenn wir Muslime lieben, ohne eine Gegenleistung zu verlangen – insbesondere, wenn sie eigentlich erwarten, von uns ausgegrenzt zu werden –, dann machen wir dadurch Jesus für sie sichtbar und zeigen das Evangelium in vollem Umfang (1Joh 4,7–12).

Damals als Muslim

Als ich sechs Jahre alt war, zog meine Familie wegen der Unruhen im Zusammenhang mit der iranischen Revolution zurück in die Vereinigten Staaten. Kurz nachdem wir in Amerika angekommen waren, kam es zum iranischen Geiseldrama. Eine Gruppe von Amerikanern wurde im Iran als Geiseln gefangen gehalten, und infolgedessen war es nicht leicht für meine Familie, in Houston zu leben. Viele Leute schikanierten uns, weil sie wussten, dass meine Familie aus dem Iran kam. Ich bin sehr dankbar, dass es da auch noch eine christliche Frau gab, die meine Familie nicht als Bedrohung sah, sondern als eine Chance, das Evangelium weiterzugeben.

Meine christliche Lehrerin liebte mich und sie half mir, ein großes Problem in meinem Leben zu überwinden: Sie brachte mir die englische Sprache bei. Sie machte das zu einer Zeit, als andere Leute Backsteine durch die Fenster unseres Hauses warfen oder damit drohten, meinen Bruder und mich zu verprügeln. Wenn mir irgendein anderer Amerikaner ein Neues Testament gegeben hätte – ich hätte es weggeworfen, weil ich damals nicht allzu vielen Amerikanern traute. Aber ich bin dankbar, dass es von der einen Person kam, die mir die Liebe Christi durch ihr Handeln zeigte. Weil es von ihr kam, behielt ich das Neue Testament, welches ich dann Jahre später lesen sollte und das mich zum Glauben an Christus geführt hat.

Ich bin ewig gesegnet, dass ich Christus kennenlernen und daran teilhaben kann, ihn zu verkünden. Es hätte keinen anderen Weg gegeben, mich hierher zu bringen, wenn da nicht diese Lehrerin in der zweiten Klasse gewesen wäre, die beschlossen hatte, in mein Leben zu investieren. Ich glaube, dass es viele Muslime wie mich an deinem Ort gibt. Ich bete darum, dass du Jesus gehorsam bist, gemäß seinem Ruf, dich um des Evangeliums willen in das Leben eines Muslims auf deinem Weg zu investieren.

Afshin Ziafat ist leitender Pastor der Providence Church in Frisco, Texas (USA) und Vorstandsmitglied von The Gospel Coalition. Er und seine Frau Meredith wohnen derzeit mit ihren drei Kindern in Frisco.