Auslegungs­ansätze zum Buch der Offenbarung

Artikel von Cornelius Venema
20. März 2020 — 8 Min Lesedauer

Die Auslegung der Offenbarung hat sich in der Kirchengeschichte immer wieder als schwieriges Unterfangen erwiesen. Auch wenn es nur eine Geschichte ist, die unter Theologen kursiert: Der Reformator Johannes Calvin, einer der besten Bibelausleger, den die Kirche je gekannt hat, soll sich aus diesem Grund davor gescheut haben, einen Kommentar über das Buch Offenbarung zu schreiben. Es gibt keine Beweise, die diese Behauptung stützen. Wir haben zudem Calvins Kommentar über das Buch Daniel, was uns ein ziemlich gutes Bild davon gibt, wie Calvin die Offenbarung ausgelegt hätte, wenn er einen Kommentar darüber geschrieben hätte. Aber die Hartnäckigkeit, mit der sich diese Calvin-Legende in der Vorstellung der Menschen hält, ist ein Hinweis auf den breiten Konsens, dass das Buch Offenbarung selbst für die fähigsten Bibelausleger ein undurchdringliches Geheimnis bleibt.

Verschiedene Auslegungsschulen

„Es gibt keinen Ersatz für das eigene Lesen und Auslegen der Offenbarung. Aber wer die Ansätze kennt, erhält eine hilfreiche Landkarte mit einer Übersicht über bewährte Pfade.“

 

Um dieser Herausforderung zu begegnen, ist es hilfreich, sich mit einigen der wichtigsten Auslegungsschulen vertraut zu machen. In der Kirchengeschichte haben sich fünf vorherrschende Ansätze herausgebildet: der futuristische, der präteristische, der historistische, der idealistische und der eklektische Ansatz. Obwohl sich diese Ansätze nicht zwingend in allen Punkten gegenseitig ausschließen, spiegeln sie eigenständige Ansichten über die Botschaft und das Thema der Offenbarung wider. Es gibt keinen Ersatz für das eigene Lesen und Auslegen der Offenbarung. Aber wer die Ansätze kennt, erhält eine hilfreiche Landkarte mit einer Übersicht über bewährte Pfade, die vorhergehende Ausleger als hilfreich empfanden.

In meiner Übersicht über diese fünf Hauptansätze werde ich zunächst das grundlegende Merkmal jedes Ansatzes definieren. Anschließend werde ich mit Beispielen veranschaulichen, wie jeder Ansatz bestimmte Schlüsselvisionen im Buch der Offenbarung auslegt.

Der futuristische Ansatz

Der futuristische Ansatz geht davon aus, dass die Visionen in den Kapiteln 4–22 auf Ereignisse Bezug nehmen, die in der Zukunft liegen; es sind Ereignisse, die unmittelbar vor dem zweiten Kommen Christi und dem Ende der Geschichte geschehen. Viele, wenngleich nicht alle, Futuristen sind Prämillenialisten und Dispensationalisten. Für dispensationalistische Futuristen finden die meisten Ereignisse der Visionen während einer zukünftigen Zeitpoche der Bedrängnis statt, die auf die Entrückung der Gemeinde von der Erde folgt, während Gottes Programm für die Nation Israel fortgesetzt wird. Zum Beispiel glauben viele Dispensationalisten, dass die Vision der Niederlage des Teufels in Offenbarung 12 nicht die Einsetzung des Reiches Christi bei seinem ersten Kommen beschreibt, sondern die Niederlage des Teufels mitten in einer zukünftigen siebenjährigen Zeit der Bedrängnis, nachdem die Gemeinde entrückt wurde.

Die Stärke des Futurismus liegt in der Erkenntnis, dass das Buch der Offenbarung ein fortgesetztes und sogar gesteigertes Leid für das Volk Gottes am Ende der Geschichte lehrt. Der Futurismus betont auf angemessene Weise den letztendlichen Triumph Christi und seines Volkes, der erst mit dem zweiten Kommen Christi geschehen wird. Die Schwäche des futuristischen Ansatzes besteht darin, den Großteil des Buchs als Ereignisse anzusehen, die in einer fernen Zukunft geschehen. Folglich hat viel von dem Buch nur wenig direkte Relevanz für die verfolgten Gläubigen, an die das Buch ursprünglich gerichtet war.

Der präteristische Ansatz

Der Präterismus, der seinen Namen von der lateinischen Wurzel für „Vergangenheit“ ableitet, steht auf der entgegengesetzten Seite des Futurismus. In diesem Ansatz bezieht sich das Buch der Offenbarung hauptsächlich auf Ereignisse, die in der Vergangenheit geschehen sind, entweder in der Zeit vor der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 n.C. oder in den frühen christlichen Jahrhunderten, die der Zerstörung des Römischen Reiches im 5. Jahrhundert n.C. vorausgingen. Für Präteristen begründet die Sprache von Offenbarung 1,1 („was rasch geschehen soll“) den zeitlichen Kontext für das ganze Buch. Die Offenbarung Jesu Christi, die dem Apostel Johannes auf der Insel Patmos gegeben wurde, ist eine Enthüllung der Ereignisse, die zur Zeit der Abfassung des Buchs unmittelbar bevorstanden und nun in der Vergangenheit liegen. Genauso wie die sieben Briefe an die Gemeinden in Kleinasien an tatsächliche Gemeinden im ersten Jahrhundert gerichtet waren, so redete der Rest des Buches zu den Mitgliedern dieser Gemeinden über Ereignisse und Umstände, die bald geschehen würden. Nur in den Kapiteln 21–22, in der Vision des neuen Himmels und der neuen Erde, finden wir eine Prophezeiung von Ereignissen, die noch in der Zukunft liegen.

Eine offensichtliche Stärke des Präterismus ist seine Anerkennung der Tatsache, dass die Offenbarung von Ereignissen redet, die „rasch geschehen sollen“, nicht von Ereignissen in einer fernen Zukunft, weit weg von den Umständen der frühen Kirche. Der Präterismus konzentriert sich in angemessener Weise auf die Relevanz für die ersten Empfänger, die Kirche des ersten Jahrhunderts. Das Problem mit einer konsequent präteristischen Lesart der Offenbarung ist jedoch, dass das Buch größtenteils für die gegenwärtigen Kämpfe der Gemeinde oder ihre Erwartung der zukünftigen Erfüllung der Verheißungen Gottes irrelevant wird.

Der historische Ansatz

Der historische Ansatz versteht die Visionen im Buch der Offenbarung als Symbolik aller Ereignisse der Kirchengeschichte, vom ersten bis zum zweiten Kommen Christi am Ende des gegenwärtigen Zeitalters. Solche Ausleger lesen die Visionen typischerweise als chronologische Beschreibung der wichtigsten Entwicklungen in der Heilsgeschichte, von der Zeit der Abfassung der Offenbarung bis zum zweiten Kommen, dem tausendjährigen Reich, dem jüngsten Gericht und der Ewigkeit. Diese Visionen beziehen sich auf wirkliche Ereignisse, Institutionen oder Menschen, die eine wichtige Rolle dabei spielen, Gottes Heilsplan in der Geschichte zu verwirklichen. Eine sehr bekannte Veranschaulichung einer historischen Lesart des Buchs Offenbarung ist die Identifikation von Seiten der Reformatoren, die die Hure Babylon in Offenbarung 17 mit der römisch-katholischen Kirche und dem Papsttum verbanden. Eine weniger bekannte historische Auslegung der Kirche des Mittelalters ist die Identifikation des Tieres aus dem Meer in Offenbarung 13 mit dem aufkommenden Islam.

Die Stärke des historischen Ansatzes liegt in der Anerkennung dessen, dass sich die Visionen der Offenbarung auf Ereignisse beziehen, die zur Zeit der ursprünglichen Niederschrift als auch im Lauf der Kirchengeschichte bis zum zweiten Kommen Christi geschehen. Eine Schwäche liegt in der Annahme, dass die Visionen der Offenbarung eine einfache chronologische Abfolge von Ereignissen wiedergeben statt Veranschaulichungen der gleichen Ereignisse aus verschiedenen Blickwinkeln.

Der idealistische Ansatz

Der idealistische Ansatz unterscheidet sich von den ersten drei Ansätzen in seiner Weigerung, irgendwelche historischen Ereignisse, Institutionen oder Menschen mit den Visionen des Buchs der Offenbarung zu identifizieren. Manchmal wird dieser Ansatz „Iterismus“ genannt. Er erachtet die Visionen der Offenbarung als eine Darstellung des Kampfes der Gemeinde in der ganzen Zeitspanne zwischen dem ersten und zweiten Kommen Christi. Der Idealismus erkennt an, dass das Buch der Offenbarung ursprünglich geschrieben wurde, um die frühe Kirche in ihren Kämpfen unter religiöser und politischer Verfolgung zu ermutigen. Aber er geht auch davon aus, dass die Briefe an die sieben Gemeinden und die Vision des Buches Umstände widerspiegeln, die die ganze Kirchengeschichte charakterisieren, vom ersten Kommen Christi bis zu seiner Wiederkehr am Ende des gegenwärtigen Zeitalters. Wo Futuristen, Präteristen und Historisten die Hure Babylon in Offenbarung 17 jeweils mit einer Figur aus der Endzeit, dem ersten Jahrhundert oder einem Teil der Geschichte identifizieren, argumentieren Idealisten, dass Babylon eine Vielzahl von politischen und religiösen Formen des Widerstands gegen die Kirche und das Evangelium symbolisiert, die in der ganzen Geschichte wieder auftauchen.

Der eklektische Ansatz

„Der eklektische Ansatz bindet ein, was die anderen Ansätze betonen, ohne ihrer Einseitigkeit zu verfallen. Das ist seine offensichtliche Stärke.“

 

Der eklektische Ansatz versucht das Buch der Offenbarung auf eine Weise auszulegen, die die Stärken jedes anderen Hauptansatzes einbezieht. Er erkennt an, dass jeder der bisher vorgestellten Ansätze etwas Richtiges enthält. Der Präterismus besteht zurecht darauf, dass die Visionen der Offenbarung Ereignisse und Umstände widerspiegeln, die stattfanden, als die Offenbarung niedergeschrieben wurde oder unmittelbar danach. Aber der Präterismus kann nicht angemessen erklären, wie die Offenbarung auch Ereignisse und Umstände aufzeigt, die den Kampf der Gemeinde in der ganzen Zeit zwischen den zwei Kommen Christi charakterisiert. Der Futurismus löst das Problem des Präterismus teilweise, indem er betont, wie die Visionen der Offenbarung Ereignisse darstellen, die kurz vor dem Ende der Geschichte stattfinden werden. Aber damit betont der Futurismus die Ausrichtung des Buches auf die Zukunft zu stark. Zum Historismus lässt sich feststellen, dass die Ereignisse hinter den Visionen zwar in der Vergangenheit geschehen sein mögen oder sich an verschiedenen Zeitpunkten in der Geschichte wiederholen, aber dass diese Ereignisse doch nicht begrenzt sind auf eine besondere Zeit in der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft.

Der eklektische Ansatz bindet ein, was die anderen Ansätze betonen, ohne ihrer Einseitigkeit zu verfallen. Das ist seine offensichtliche Stärke. Seine Schwäche kann die Tendenz sein, der gleichen Vision unterschiedliche Bedeutungen zuzuschreiben. Dadurch kann der eklektische Ausleger die Vision fast alles bedeuten lassen.

Unsere Aufgabe

Was sollen wir also im Licht der Stärken und Schwächen dieser fünf Ansätze sagen? Eines sollte klar sein. Während all diese Ansätze dabei helfen können, die Bedeutung der Offenbarung zu erkennen, entheben sie den heutigen Leser nicht von der schwierigen Aufgabe, das Buch auf eine exegetisch verantwortungsvolle Weise auszulegen.

Cornelius Venema ist Professor am Mid-America Reformed Seminary und Assistenzpastor der Redeemer URC in Dyer, Indiana (USA). Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter The Promise of the Future.