Kinder durch gute Bücher auf das Evangelium hinweisen

Artikel von Kathryn Butler
11. März 2020 — 13 min Lesedauer

Während eines Morgenspaziergangs durch Oxford beschrieb J. R. R. Tolkien seinem Begleiter C. S. Lewis das Christentum als „wahren Mythos“. Christus, erklärte Tolkien, ist Gottes vollkommene Offenbarung; bei allen anderen Geschichten handelt es sich lediglich um ein Echo dieser Wahrheit. Im Nachhinein schrieb Lewis dieser Diskussion mit Tolkien eine für seine Bekehrung wesentliche Bedeutung zu.

Die Weisheit dieses Gesprächs tauchte ein Jahrhundert später, wenn auch unter bescheideneren Umständen, in meinem persönlichen Leben wieder auf. Ich habe nicht mit den Gebildeten die Hallen der Gelehrsamkeit durchschritten. Stattdessen saß ich, ein abgenutztes Exemplar von Die Gefährten in der Hand, laut lesend an unserem Küchentisch, während meine Kinder Marmelade und Erdnussbutter mampften.

Der Ringträger war mit seinen Gefährten gerade über die Brücke von Khazad-dûm geflohen. So wie Gandalf herumwirbelte, um sich dem Balrog zu stellen, hielten mein Sohn und meine Tochter mitten im Biss inne und lehnten sich vor, ganz gebannt. Die Brücke gab nach; meine Kinder lehnten sich weiter vor. Dann umfing die Peitsche des Balrogs Gandalfs Fußgelenk. Der geliebte Zauberer drängte die Gemeinschaft, sich zu retten – und dann versank er in den Abgrund.

Ich hielt inne und beobachtete meine Kinder behutsam. War das zu viel? Ich machte mir Sorgen. Sie waren beide still, die Augen weit geöffnet. Ich zählte die Sekunden und meine Unruhe wuchs. Werde ich sie heute Abend wegen Albträumen trösten müssen?

Schließlich meldete sich mein Sohn zu Wort. Seine Stimme war ruhig. „Ich denke er hat sich für die anderen hingegeben, Mama“, sagte er. „So wie Jesus das für uns getan hat“.

„Wenn wir die Wahrheiten der Bibel auf unsere Gespräche über gute Bücher anwenden, öffnen wir unseren Kindern auf neue Weise die Augen für Gottes Majestät, seine Barmherzigkeit und seine unglaubliche Gnade.“

 

Gesplittertes Licht

Tolkien, ein gläubiger Katholik, gab seinen Lesern reichlich Gelegenheit, christliche Themen zu diskutieren. Doch als er behauptete, dass Mythen Fragmente der göttlichen Wahrheit enthalten, „von einem einzelnen Weiß in viele Schattierungen gesplittert“, sprach er nicht von seinem Werk.

Als leidenschaftlicher Linguist liebte Tolkien walisische und nordische Erzählungen; Lewis war ein Freund der griechischen und römischen Mythologie. Ihre Gespräche drehten sich um alte Geschichten voller Dramatik und Kunstfertigkeit, epische Erzählungen, die unseren gefallenen Zustand offenbaren und Gottes Gnade hervorheben.

An dem Tag, an dem wir beim Mittagessen durch Mittelerde reisten, verbrachten meine Kinder und ich Zeit in einem imaginären Reich mit fiktiven Figuren. Doch dank der regelmäßigen Bibellese in unserer Famile, gepaart mit einer meisterhaft ausgearbeiteten Geschichte, brach das Evangelium hervor.

Wenn wir die Wahrheiten der Bibel auf unsere Gespräche über gute Bücher anwenden, öffnen wir unseren Kindern auf neue Weise die Augen für Gottes Majestät, seine Barmherzigkeit und seine unglaubliche Gnade. Mit anderen Worten, wir weisen sie auf das Evangelium hin.

Kinder an gute Bücher heranführen

Epische Geschichten sind nicht die einfachste Lektüre im Familienbuchregal. Ihre Sprache kann verziert oder archaisch sein und sie behandeln oft reifere Themen. Wenn wir es uns mit unseren Kindern zum Lesen gemütlich machen, scheint ein Bilderbuch mit geringerer Albtraumgefahr die sicherere Wahl zu sein.

Lässt man allerdings Vorsicht walten, sind diese Bedenken überwindbar. Hier sind fünf Punkte, die dir auf deiner Reise in die große Literatur mit deinen Kindern helfen sollen.

1. Mache sie zuerst mit der Bibel vertraut

Das Evangelium wird in den großen Büchern nur dann lebendig werden, wenn die Kinder bereits die Bibel kennen. Sorge also dafür, dass sie zuallererst und regelmäßig mit der Bibel vertraut werden. Dann gebrauche Literatur als Ergänzung. Das Ziel ist es, die Familienandachten zu stärken, nicht sie zu ersetzen. Bringe deinen Kindern bei, dass Gottes Wort eine Leuchte für ihren Fuß und ein Licht auf ihrem Weg ist (Ps 119,105). Dann hilf ihnen dabei, Funken dieser Wahrheit durch Geschichten zu erkennen.

2. Schätze deine Kinder richtig ein

Es braucht ein wachsames Auge, um reifes Material in einer Weise zu präsentieren, die begeistert und bildet, aber nicht erschreckt. Du solltest dir jedes Buch im Voraus anschauen. Suche wenn möglich eine Geschichte aus, die du schon kennst, um Passagen, die deine Kinder überfordern würden, entsprechend zu bearbeiten. Stelle auch sicher, dass die Bilder nicht zu grausam oder verstörend sind. Kinder sind unterschiedlich sensibel. Die besten Geschichten fordern heraus und inspirieren, ohne zu erschüttern.

3. Finde eine passende Ausgabe

Bei einigen Büchern ist der Originaltext so fesselnd, dass selbst die Aufmerksamkeit der zappeligsten Zuhörer anhält. Die Herr der Ringe-Trilogie, die Chroniken von Narnia und Das Dschungelbuch sind gute Beispiele dafür. Für komplexere Geschichten können gute Kurzfassungen anspruchsvolle Themen in einfacher Sprache erzählen, ohne die für die Geschichte entscheidenden Elemente aufzugeben.

4. Mache es zur Gewohnheit

Die Gewohnheit, mit deinen Kindern laut zu lesen, ermöglicht es, gute Bücher mit der Bibel zu verweben. Ein Kind, das nicht an lautes Vorlesen gewöhnt ist, mag anfangs meckern, aber wenn sich die Routine mit deinen regelmäßigen Rhythmen vermischt, wird das Klagen nachlassen.

Suche dir eine Zeit aus, die für deine Famile sinnvoll ist – nach der Schule, während einer Mahlzeit (die den zusätzlichen Vorteil eines gefangenen Publikums bietet), vor dem Schlafengehen –; was immer dein geschäftiges Familienleben verbessert und nicht behindert. Auch Hörbücher im Auto sind in Ordnung, vorausgesetzt, dass du mit deinen Kindern über das Gehörte sprichst.

5. Weise sie auf das Evangelium hin

Achte beim Lesen mit deinen Kindern auf biblische Themen. Tolkiens Romane bieten da viele Zugänge: Seine Beschreibungen des Rings der Macht bieten einige der anschaulichsten Illustrationen der Literatur über Sünde, indem sie betonen, wie so ein kleines Ding, das dem Auge so gut gefällt, seinen Träger beherrschen und schließlich versklaven konnte.

„Sogar Bösewichte helfen uns, zu betonen, wie radikal, erstaunlich und was für eine gute Nachricht die Gnade Gottes ist.“

 

Auch andere Autoren bieten einen ebenso fruchtbaren Boden. Shakespeares Tragödien stellen die zerstörerische Kraft der Sünde anschaulich dar. Dickens regt uns zum Mitleid mit den Armen, den Witwen und den Waisen an (5Mo 10,18; Jak 1,27). Sogar die griechische Mythologie mit ihrem zügellosen Götzendienst kann sich als lehrreich erweisen, betrachtet man sie vor einem biblischen Hintergrund. Der rachsüchtige Zeus und die hinterhältige Hera stehen in scharfem Kontrast zum Gott der Bibel, von dem wir wissen, dass er „barmherzig und gnädig ist, langsam zum Zorn und von großer Gnade und Treue“ (2Mo. 34,6). Sogar Bösewichte helfen uns, zu betonen, wie radikal, erstaunlich und was für eine gute Nachricht die Gnade Gottes ist.

In seiner Tolkien-Biographie berichtet Humphrey Carpenter von Tolkiens These, dass „die von uns gewebten Mythen, obwohl sie Fehler enthalten, unweigerlich auch ein gesplittertes Fragment des wahren Lichts, der ewigen Wahrheit, die bei Gott ist, widerspiegeln werden“.

Wenn man sich ihnen mit einem aufmerksamen Auge und in der Bibel fest gegründet nähert, können licht-gesplitterte Mythen, die die Leser seit Jahrhunderten inspirieren, auch unsere Kinder auf Christus hinweisen. Wage es, mit deinen Kindern in diese Spiegelungen einzutauchen. Lies mit ihnen gute Geschichten, um ihre Sinne auf die größte aller Geschichten auszurichten.

Kathryn Butler ist Chirurgin für Unfallpatienten und arbeitet auch auf der Intensivstation. Sie hat vor kurzem ihre Arbeit in der Klinik aufgegeben, um ihre Kinder zuhause zu unterrichten. Sie hat ein Buch über palliative Fürsorge und Hospizarbeit aus christlicher Sicht veröffentlicht.