Das Evangelium von Ray Ortlund

Rezension von Harry Enns
28. Februar 2020 — 13 min Lesedauer

Was macht die Gemeinde Jesu einzigartig? Die Einzigartigkeit der Gemeinde ist nicht in den Leuten begründet, aus denen diese Gemeinde besteht, sondern in Jesus Christus selbst und seiner Botschaft, die ja die Gemeinde überhaupt erst begründet. Dennoch sollte die Botschaft Jesu, das Evangelium, gerade diese gewöhnlichen Leute ganz außergewöhnlich verändern. „Daran wird jedermann erkennen“, erklärt Jesus, „dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt“ (Joh 13,35). Das Kriterium für Glaubwürdigkeit, das Jesus selbst aufstellt, ist die Liebe innerhalb der Gemeinde. Anders gesagt, erkennt die Welt die Einzigartigkeit der Gemeinde nicht primär an ihrer Lehre, sondern an der Kultur der Gemeinde (die natürlich aus der Lehre entspringt).

Von der Lehre zur Kultur

Für die Reihe „9 Merkmale einer gesunden Gemeinde“ hat Ray Ortlund den Band Das Evangelium. Wie die Gemeinde die Schönheit Christi darstellt verfasst. Wie der Untertitel bereits andeutet, geht es Ortlund in diesem Buch nicht primär um die grundsätzliche Frage nach dem Wesen und Inhalt des Evangeliums, sondern darum, was es heißt, das Evangelium in der Gemeinde zu leben und auf diese Weise der Welt zu bezeugen. Es geht, anders gesagt, darum, wie wir in unseren Gemeinden von der Evangeliumslehre zur Evangeliumskultur gelangen. Die Lehre des Evangeliums – die „gute Nachricht“ der Errettung durch Jesus Christus – finden wir in der Bibel. Allerdings, erklärt Ortlund, „muss [jede Generation immer] wieder die Bibel zur Hand nehmen, das Evangelium neu für sich entdecken und die alte Botschaft in eigenen Worten für ihre Zeit formulieren“ (S. 12).

Gerade die vielfach wahrnehmbare Kluft zwischen Evangeliumslehre und Evangeliumspraxis macht das Anliegen so dringend: „Wenn eine so gute Botschaft den Mittelpunkt unserer Gemeinden bildet, warum gibt es dann in eben jenen Gemeinden so viel Schlechtes […]? Wo bleibt die erlösende Kraft des Evangeliums?“ (S. 12) Diese Diskrepanz schreckt ab. Bei einer evangeliumszentrierten Gemeinde muss die „Lehre auf dem Papier plus ihre Kultur in der Praxis“ (S. 14) stimmen. Ortlund beschreibt tatsächlich das Bedürfnis unserer Zeit als „nichts Geringeres als die Re-Christianisierung unserer Gemeinden, eine von Christus selbst bewirkte Neuausrichtung der Lehre und des Lebens nach dem Evangelium allein“ (S. 15). Wesentlich dafür ist die Wiederentdeckung der Schönheit Christi; sie hat das Potenzial, unsere Gemeinden wieder kraftvoll zu machen. Ortlunds Hoffnung für den Leser ist, „dass du beim Lesen deine Begeisterung für die Schönheit Christi entdeckst. Das ist mein eigentliches Ziel“ (S. 15).

Der Wirkungsrahmen des Evangeliums

In den ersten drei Kapiteln zeichnet Ortlund den sich immer weiter ausdehnenden Wirkungsrahmen des Evangeliums nach. Dabei beginnt er beim Einzelnen, kommt dann zur Gemeinde und schließt schließlich mit „allem“, dem gesamten Kosmos, ab. Im ersten Kapitel, „Das Evangelium für dich“, geht Ortlund Johannes 3,16 durch. Dabei wird deutlich, dass der Strafe verdienende Sünder von Gott geliebt ist und dank des Opfers Jesu Vergebung und ewiges Leben erlangen kann. Diese Lehre schafft Kultur: „Wir sehen, wie gewaltig Gottes Liebe wirklich ist, und geben unsere Zurückhaltung auf. Wir kommen zusammen, um aufrichtig füreinander zu sorgen, ebenso, wie Gott wunderbar für uns sorgt“ (S. 33f.).

Das von Einzelnen geglaubte Evangelium schafft eine neue Gemeinschaft: die Gemeinde, um die es im zweiten Kapitel, „Das Evangelium für die Gemeinde“, geht. Hier bespricht Ortlund Epheser 5,25b-27, wobei deutlich wird, dass „die Evangeliumskultur einer Gemeinde [vor allem] von einer wunderbaren Heiligkeit geprägt [ist]. Sie bleibt zwar in diesem Leben immer unvollkommen, doch sie ist sichtbar und schön“ (S. 44).

Im dritten Kapitel, „Das Evangelium für alles“ macht Ortlund anhand von Offenbarung 21 deutlich, „wie umfassend das Evangelium wirklich ist. Es ist so groß wie das Universum. Erlösung ist so groß wie die Schöpfung“ (S. 47). Die Gemeinde fungiert dabei gewissermaßen als Wegweiser: sie ist bereits in der Gegenwart Teil der zukünftigen Neuschöpfung Gottes. Evangeliumskultur ist Hoffnungskultur: „Die Lehre erzeugt eine strahlende, widerstandsfähige, stabile Hoffnung. Sie schafft Gemeinden, die dem Leben so, wie es ist, ins Auge blicken und die sich nicht geschlagen geben“ (S. 58). Ortlund beschreibt das als „heitere Trotzhaltung“ (S. 58).

Der schwierige Weg zur Evangeliumskultur

Im vierten Kapitel, „Etwas Neues“, betont Ortlund, dass das Evangelium etwas in diese Welt einführt, was es vorher so nicht gab: „Es schafft nicht nur eine neue Gemeinschaft, sondern eine neue Art von Gemeinschaft“ (S. 61). Gemeindekultur ist somit immer Gegenkultur zur Welt; sie ist eine Kultur, die „probeweise“ das Evangelium hier schon lebt und auf diese Weise zum Evangelium einlädt, weil „die Schönheit zwischenmenschlicher Beziehungen in der Gemeinde […] in sich selbst ein Argument für das Evangelium [ist], wie eine lebenslange zärtliche Romanze ein Argument für die Ehe ist, wenn die Ehe angezweifelt wird“ (S. 65).

In den letzten drei Kapiteln geht es dann konkreter darum, eine Evangeliumskultur konkret zu entwickeln. Warum ist das oft so schwierig? „Eines der größten Hindernisse für das Wirken des Evangeliums in unseren Gemeinden ist Unglaube unter uns Gemeindemitgliedern“ (S. 75). Das Evangelium stellt Christus ins Zentrum; wir hingegen neigen dazu, uns selbst ins Zentrum zu rücken, auch wenn wir theoretisch bekennen, dass Christus im Zentrum ist – diese Neigung macht es so schwierig, eine Evangeliumskultur zu etablieren. Gelingt es durch Gottes Gnade allerdings doch, können wir mit zwei Dingen rechnen: mehr Frucht (Freude, Bekehrungen, Einfluss), aber auch mehr Widerstand. Anhand von 2. Korinther 2,15 zeigt Ortlund, dass das Evangelium immer etwas bewirkt: Es ist entweder ein „Duft zum Tode“ oder ein „Duft zum Leben“. Im letzten Kapitel zeigt Ortlund dann den „Weg nach vorne“: Wir brauchen die Kraft der Gnade Christi (und wem das „zu einfach“ ist, muss wohl einfach gründlich versagen, um das zu erkennen); wir brauchen Mut (den wir bekommen, wenn wir die Herrlichkeit Christi nicht aus dem Blick verlieren); und schließlich Liebe (wenn diese nicht da ist, kann die Welt mit Recht unser Zeugnis Jesu infrage stellen).

Eine Herausforderung für dich und deine Gemeinde

Mit Das Evangelium. Wie die Gemeinde die Schönheit Christi darstellt hat Ray Ortlund ein wichtiges Buch geschrieben. Wie J. I. Packer in seinem Vorwort zum Buch betont, „denken wir Gläubigen nicht oft und intensiv genug über die Kultur unserer Gemeinden nach. ‚Kultur‘ ist ein aus der Soziologie entlehnter Begriff und bezeichnet den öffentlichen Lebensstil, der eine gemeinsame Denkweise und gemeinsam vertretene Überzeugungen ausdrückt“ (S. 9). Ortlund möchte mit seinem Buch zum Denken anregen: Wie steht es in deiner Gemeinde mit der Evangeliumskultur?

Das Buch ist weder schwierig zu lesen noch enthält es „neue“ Erkenntnisse (was beides nicht als Kritik zu verstehen ist). Aber es fordert heraus, das Evangelium neu zu entdecken. Auch wenn Ortlund an einer Stelle die besondere Herausforderung der Gemeindeleiter betont („Was immer die Leiter sind, das wird im Endeffekt ihre ganze Gemeinde werden“ [S. 107]), richtet sich das Buch doch auch an jedes „ganz normale“ Gemeindemitglied – denn schließlich zeigt sich Evangeliumskultur in Evangeliumsgemeinschaft, für die sich der einzelne Gläubige öffnen muss. Das ist nicht leicht: „Der Preis, den wir dafür zahlen, ist die Begegnung mit uns selbst. Und die ist demütigend und schmerzhaft“ (S. 116). Aber sie lohnt sich. Genauso wie die betende Lektüre von Das Evangelium. Wie die Gemeinde die Schönheit Christi darstellt.

Harry Enns studiert Englisch und Geschichte auf Lehramt an der Universität Bielefeld. Er liest gerne gute Bücher und interessiert sich für Literatur und Theologie. Harry bloggt regelmäßig auf christusallein.com.