Millennials, die Bibel ist nicht was ihr denkt

Artikel von Caleb Wait
11. Februar 2020 — 12 min Lesedauer

Stereotype über uns Millennials gibt es viele (Millennials ist eine Bezeichnung für die Generation, die im Zeitraum der frühen 1980er bis zu den späten 1990er Jahren geboren wurde, Anm. der Redaktion). Ob wir nun als privilegiert, faul, gebildet und revolutionär angesehen werden: Millennials werden auf verschiedene Weise parodiert. Eine Sache, wofür meine Generation weniger steht, ist der begeisterte Umgang mit der Bibel. Wieso sollten wir auch von der Bibel begeistert sein? Als Nutznießer der Moderne und des Säkularismus wissen wir, dass das Christentum uns sozial kaum voran gebracht hat.

Wo auch immer die Defizite liegen, um mit Millennials ins Gespräch zu kommen, stehen wir vor Herausforderungen, die unsere Eltern und Großeltern nicht kannten. Wir müssen neu entdecken, wer wir sind und worin wir unsere Moral begründen sollen. Gleichzeitig müssen wir uns noch mit mehreren Nebenjobs herumschlagen, um dann hoffentlich in den Ruhestand gehen zu können, bevor wir 100 Jahre alt sind.

Das schafft eine Eindringlichkeit, die mit dem romantischen Impuls unserer Zeit spielt. Alle unsere Erfahrungen - von unseren Beziehungen bis zu den Tassen Kaffee, die wir bestellen - müssen als authentischer Ausdruck unserer selbst dienen. Dieser Impuls prägt die Anliegen, die wir unterstützen sowie die Inhalte, die wir konsumieren.

Wieso also brauchen wir eine antike Bibliothek von Büchern, die uns helfen, unser Leben zu gestalten? In Not What You Think: Why the Bible Might Be Nothing We Expected Yet Everything We Need (in Dt. etwa: „Nicht was Sie denken: Warum die Bibel nichts ist, was wir erwartet haben, aber alles, was wir brauchen“, Zondervan, 2019) **zeigen Michael und Lauren McAfee nicht nur, weshalb Millennials an der Bibel interessiert sein sollten, sondern auch warum die Bibel eine notwendige Ressource in unserer Kultur ist. „Dieses Buch enthält ein Appell an junge Erwachsene von jungen Erwachsenen, soll helfen, unseren Platz in der Welt und den der Bibel in unserer Welt neu zu betrachten“ (S. 16).

Für unsere Kultur

Die McAfees sind sich sehr bewusst, dass „[Millennials] die Bibel verworfen haben, bevor sie sie überhaupt gelesen und ihr erlaubt haben, ihren Wert unter Beweis zu stellen“ (S. 24). Um diesen Widerspruch zu erklären, ermutigen und fordern die McAfees, beide Doktoranden am Southern Baptist Theological Seminary und Mitarbeiter in einem Bibelmuseum, uns heraus, neu darüber nachzudenken. Sie fordern jene heraus, die regelmäßig mit der Bibel umgehen, solche, die wenig bis gar kein Interesse an der Bibel haben und schließlich auch diejenigen, für die die Bibel nicht länger eine übernatürliche oder göttliche Gabe ist (S. 28–29).

Da die McAfees selber Millennials sind, schreiben sie vorsichtig und verständnisvoll. Wenn sie das Desinteresse der Millennials an der Bibel besprechen, findet man selten Abwertungen. Im ersten Teil des Buches nehmen sie sich Zeit, um zu erklären, wer Millennials überhaupt sind. Anschließend legen sie eine Grundlage dafür, wie jüngere Generationen an die Bibel herangehen sollten.

Obwohl das Buch etwas unter zu vielen Verweisen auf die Popkultur leidet, hilft es dabei, jüngere Generationen mit den Kategorien zu versorgen, die notwendig sind, um die Bibel zu lesen. Darüber hinaus entwickeln die McAfees Ideen wie das christusbezogene Lesen der Schrift, ohne das sie ihre Leser mit einer zu theologischen Sprache überfordern:

„Aber wenn man den Kontext der Schriften versteht, beginnt man zu sehen, wie [diese gebrochene Geschichte der Menschheit] ein atemberaubendes Mosaik bildet. Es entsteht das Bild eines Erlösers für eine erlösungsbedürftige Menschheit. Für die Unfruchtbaren wird er wie ein Sohn sein; für die Gläubigen wird er wie ein Priester sein; für die Verlorenen wird er wie ein Hirte sein; für die Nationen wird er wie ein König sein“ (S. 79).

Bücher wie dieses können leicht in die Kategorien philosophischen Diskurses fallen oder nur zu einem weiteren Instrument im Kulturkampf werden. Weder das Eine noch das Andere trifft auf Not What You Think zu. Stattdessen zeigen die McAfees die unvergleichlichen Ressourcen aus Gottes Wort auf, die uns helfen, nicht nur ethisch, sondern auch ästhetisch zu leben (vgl. S. 105–117).

Auf der Suche nach Spiritualität

Ein Stärke ist der Vergleich von geistlichen Sichtweisen. Viele junge Erwachsene lieben bekanntlich die Ausbildung und die Weisheit, die mit spirituellen Praktiken einhergehen. Sie schätzen das, wollen sich aber nicht an eine geistliche Tradition binden: „Dies sind Anreize dafür, Yoga, Buddhismus und ähnliches zu praktizieren. Das Versprechen einer unpersönlichen, unbelasteten spirituellen Erfahrung ist berauschend“ (S. 162).

„Er ist nicht irgendein Guru, der darauf hofft, dass du ein Ticket für seine nächste Konferenz kaufst. Er wirft uns nicht eine weitere Philosophie oder ein Paradigma für ein aufgeklärtes Leben zu; er ist selbst das ewige, in Fleisch gekleidete, Wort. Er kommt zu uns als Mittler, Retter und Freund.“

 

Diese intuitiven spirituellen Ansichten scheinen attraktiv zu sein, weil „es weniger darauf ankommt, ob man [auf seiner spirituellen Reise] einen Sinn entdeckt, als darauf, dass man überhaupt erst auf Entdeckungsreise gegangen ist“ (S. 162). Die McAfees stellen diese Auffassung dann der biblischen Spiritualität gegenüber:

„Die Bibel zeichnet das Bild eines geistlichen Lebens, das vermittelt ist. Du bist nicht deinen eigenen Möglichkeiten überlassen. Du bist auf dieser Reise nicht allein. Gott greift in deine Reise ein und bietet dir eine Beziehung zu ihm an. Du wächst geistlich und erlebst echte Geistlichkeit durch diese Beziehung mit Gott. Die Beziehung ist sowohl Reise als auch Ziel.“ (S. 163)

Als wahrer Gott und wahrer Mensch demonstriert Jesus, wie „funktionierendes geistliches Leben aussieht“ (S. 163). Allerdings demonstriert er das nicht nur. Er ist nicht irgendein Guru, der darauf hofft, dass du ein Ticket für seine nächste Konferenz kaufst. Er wirft uns nicht eine weitere Philosophie oder ein Paradigma für ein aufgeklärtes Leben zu; er ist selbst das ewige, in Fleisch gekleidete, Wort. Er kommt zu uns als Mittler, Retter und Freund. Er erzählt uns nicht etwas darüber, wie wir leben können; er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben.

„Die Bibel mag nicht das sein, was sie erwarten, doch sie ist alles, was sie brauchen.“

 

Andere geistliche Sichtweisen legen dir die Last auf, im Einklang mit dem Universum zu sein. Doch das Evangelium ist die gute Botschaft des Werkes Christi an unserer Stelle - sein geistliches Leben, nicht unseres.

Hilfreiche Ressource

Not What You Think ist keine umfassende Verteidigung der Vertrauenswürdigkeit der Schrift. Allerdings haben die McAfees eine hilfreich Ressource geliefert, wie wir in das Gespräch mit unseren neugierigen und skeptischen Freunden und Familienangehörigen einsteigen können.

Die Bibel mag nicht das sein, was sie erwarten, doch sie ist alles, was sie brauchen.

Caleb Wait ist Produzent des Mere Fidelity Podcasts und bloggt auf Core Christianity. Er und seine Frau Kristin haben zwei kleine Kinder und leben in Nordkalifornien.