Die Kreuzzüge

Artikel von Robert Godfrey
10. Februar 2020 — 19 min Lesedauer

Die Bibel kann ein gefährliches Buch sein, wenn sie falsch angewendet und missbraucht wird. In der Geschichte der Kirche hat ein falsches Verständnis der Bibel zu vielen ernsthaften Problemen geführt, angefangen von falscher Lehre über gesetzliche Bräuche bis hin zu einem fehlgeleiteten Leben. Eines der offensichtlicheren Beispiele dafür sind die Kreuzzüge: eine Reihe von Kriegen, die im Mittelalter von den Europäern im Namen Christi gegen die islamischen Staaten im Nahen Osten geführt wurden.

„In der Geschichte der Kirche hat ein falsches Verständnis der Bibel zu vielen ernsthaften Problemen geführt, eines davon sind die Kreuzzüge.“

 

Die Vorstellung, dass Christen das Schwert gebrauchen können, um ihre Sache voranzubringen, kann durch Bibelstellen wie die folgenden gerechtfertigt erscheinen: „Alle Könige werden sich vor ihm niederwerfen, alle Heidenvölker werden ihm dienen“ (Ps 72,11); „Erbitte von mir, so will ich dir die Heidenvölker zum Erbe geben und die Enden der Erde zu deinem Eigentum. Du sollst sie mit eisernem Zepter zerschmettern, wie Töpfergeschirr sie zerschmeißen“ (Ps 2,8–9) und „Der Herr zu deiner Rechten zerschmettert Könige am Tag seines Zorns. Er wird Gericht halten unter den Heiden, es wird viele Leichen geben; er zerschmettert das Haupt über ein großes Land“ (Ps 110,5–6).

Die gewaltlose Botschaft Christi

Wenn diese Verse gebraucht werden, um Gewalt im Namen des Christentums zu rechtfertigen, verpasst man jedoch die wahre Bedeutung dieser Bibelstellen, denn in Wirklichkeit weisen sie auf eine geistliche Ausbreitung des Reiches Christi in der Geschichte und auf das Jüngste Gericht am Ende der Geschichte hin. Die gewaltlose Botschaft Christi wird aus vielen Bibelstellen deutlich:

Segnet, die euch verfolgen; segnet und flucht nicht! … Vergeltet niemand Böses mit Bösem! … Ist es möglich, soviel an euch liegt, so haltet mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes. (Röm 12,14.17–19)
Zieht die ganze Waffenrüstung Gottes an, damit ihr standhalten könnt gegenüber den listigen Kunstgriffen des Teufels; denn unser Kampf richtet sich nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Herrschaften, gegen die Gewalten, gegen die Weltbeherrscher der Finsternis dieser Weltzeit, gegen die geistlichen Mächte der Bosheit in den himmlischen Regionen. (Eph 6,11–12)
Denn obgleich wir im Fleisch wandeln, so kämpfen wir doch nicht nach Art des Fleisches; denn die Waffen unseres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern mächtig durch Gott zur Zerstörung von Festungen, so dass wir Vernunftschlüsse zerstören und jede Höhe, die sich gegen die Erkenntnis Gottes erhebt, und jeden Gedanken gefangen nehmen zum Gehorsam gegen Christus. (2Kor 10,3–5)

Geschichtlicher Hintergrund

Der Geist der Kreuzzüge kam in Europa im 11. Jahrhundert auf und setzte sich mindestens bis ins 16. Jahrhundert als Ideal fort. Zwischen 1096 und 1229 wurden fünf Hauptkreuzzüge mit dem Ziel unternommen, Jerusalem aus den Händen der Ungläubigen zu befreien. Diejenigen, die zu den Kreuzzügen aufriefen, erinnerten sich daran, dass der Mittlere Osten und Nordafrika Länder gewesen waren, die eine überwiegend christliche Bevölkerung hatten, bevor sie von den Muslimen im 7. und 8. Jahrhundert eingenommen wurden. Mohammed starb im Jahr 632 und die islamischen Mächte nahmen 638 Jerusalem ein. Die islamischen Armeen hatten sich vom Süden her sogar bis nach Italien, Spanien und Frankreich vorgedrängt. Ihr weitester Vorstoß nach Norden wurde 732 bei Poitiers, Frankreich, aufgehalten. Im Jahr 841 nahmen islamische Mächte den Petersdom in Rom ein. Im 15., 16. und 17. Jahrhundert bedrohte ein erneuerter Islam Europa von Osten her, nahm 1453 Konstantinopel ein und rückte bis an die Tore Wiens heran.

Genauso wie es etwas Geheimnisvolles bei der plötzlichen Energie und dem Erfolg der frühen Ausbreitung des Islams gibt, so steckt auch etwas Geheimnisvolles darin, was Westeuropa dazu antrieb, einen Krieg gegen die islamischen Nationen im Mittleren Osten zu unternehmen. Jerusalem war seit mehr als vierhundert Jahren vom Islam besetzt. Im späten elften Jahrhundert wurden Berichte verbreitet, die jedoch nur begrenzt vertrauenswürdig waren, dass christliche Pilger verfolgt wurden, die nach Jerusalem unterwegs waren. Peter der Einsiedler behauptete, dass er eine Vision Christi in der Grabeskirche gesehen habe, der die Christen dazu aufrief, die heilige Stadt von den Ungläubigen zu reinigen. Der byzantinische Kaiser in Konstantinopel rief außerdem den Westen gegen den Islam um Hilfe an.

Der Aufruf von Papst Urban II.

Die Vorstellung eines Kreuzzuges gegen die Muslime, die Jerusalem besetzt halten und Christen unterdrücken, wurde von Papst Urban II. seinem Klerus bei einem Konzil im Jahr 1095 verkündet. Urban erklärte:

Und deshalb ermahne ich, nein, nicht ich, Gott ermahnt euch als Herolde Christi mit inständiger Bitte, Männer jeglichen Standes, Ritter und Fußvolk, reiche und arme, wiederholt aufzufordern, diese böse Rasse in unseren Ländern auszurotten bevor es zu spät ist. Ich richte mich an die Anwesenden, ich sage es jenen, die abwesend sind; außerdem befiehlt es Christus. All jenen, die dorthin gehen, ob auf dem Landweg oder übers Meer, wenn sie im Kampf gegen die Heiden das Ende dieses Lebens in Gefangenschaft finden, werden ihre Sünden vergeben. Dies gewähre ich all denen, die gehen, kraft der Vollmacht, mit der Gott mich ausgestattet hat. O welch eine Schande, wenn ein Volk, das so verächtlich, so verkommen und von Dämonen geknechtet ist, auf solche Art ein Volk überwinden sollte, das mit dem Glauben an den allmächtigen Gott ausgestattet ist und im Namen Christi glänzt. O welche Vorwürfe werden Euch vom Herrn selbst zur Last gelegt, wenn Ihr nicht jenen helft, die sich wie Ihr zum christlichen Glauben bekennen! Jene, die leichtfertig einen persönlichen Krieg gegen die Gläubigen zu führen pflegen, mögen nun gegen die Ungläubigen in einen Krieg ziehen, der jetzt begonnen und siegreich zu Ende gebracht werden sollte. Jene, die noch vor kurzem Räuber waren, sollen nun zu Streitern Christi werden. [...] Jene, die kürzlich noch käuflich gewesen sind für einige Stücke Silber, sollen nun ewigen Lohn empfangen.

Urban forderte Christen auf, als ihre geistliche Pflicht und für ihren geistlichen Lohn, das Schwert aufzunehmen und die Feinde Christi umzubringen. Diese Predigt wird wohl die erste in der Kirchengeschichte gewesen sein, in der Krieg als ein Mittel verkündigt wurde, die Interessen der Kirche Christi voranzutreiben. Obwohl Urban volle Vergebung der Sünden nur denen verheißen zu haben scheint, die in den Kreuzzügen sterben, würden spätere Päpste allen volle Vergebung verheißen, die daran teilnahmen. Das Christentum wurde auf eine völlig neue Weise militarisiert.

Die Durchführung der Kreuzzüge

Der erste Kreuzzug war in gewisser Hinsicht erstaunlich erfolgreich. Die europäischen Armeen setzten sich im Jahr 1096 in Bewegung und hatten schon 1099 Jerusalem eingenommen. Das lateinische Königreich Jerusalem wurde in diesem Jahr begründet und überdauerte bis zum Jahr 1187. Andere lateinische Staaten wurden gegründet. Die Kosten dieses Erfolges waren jedoch enorm. Hunderttausende starben und das schreckliche Massaker in Jerusalem durch die Kreuzfahrer hat den Ruf des Christentums unter Muslimen nachhaltig beschädigt.

Der dritte Kreuzzug (1189–1192) konzentrierte sich nochmals darauf, Jerusalem einzunehmen und wurde von bekannten europäischen Herrschern angeführt: der heilige römische Kaiser Friedrich Barbarossa, König Philip Augustus von Frankreich und König Richard (Löwenherz) von England. Ihnen stellte sich der islamische Führer Saladin entgegen. Viele Geschichten sind diesem Kreuzzug entsprungen (einschließlich der Geschichte von Robin Hood und dem bösen Prinzen John), aber durch den Kreuzzug konnte Jerusalem nicht zurückerobert werden.

Der vierte Kreuzzug (1200–1204) scheiterte vollständig. Die Kreuzfahrer wurden nach Konstantinopel abgelenkt, wo ein Kampf zwischen rivalisierenden Anwärtern auf den byzantinischen Thron tobte. Im Jahr 1204 griffen die Kreuzfahrer Konstantinopel an (eine christliche Stadt) und es folgte erneut große Gewalt und Zerstörung. Große Kunst- und Literaturwerke wurden zerstört und viele andere Artefakte wurden gestohlen und in den Westen verschifft, besonders nach Venedig, wo sie sich bis heute befinden. Der Westen gründete dort das Lateinische Kaiserreich von Konstantinopel (1204–1261) und der Papst schuf ein lateinisches Patriarchat, das Rom unterstand. Beide dieser Handlungen brachten die byzantinisch-orthodoxe Kirche in Rage und obwohl das Byzantinische Reich 1261 wiederhergestellt wurde, erholte es sich doch nie völlig von dem Trauma dieses Kreuzzugs.

Der fünfte Kreuzzug wurde von dem heiligen römischen Kaiser Friedrich II. angeführt. Er erlangte durch Verhandlungen die Kontrolle über Jerusalem und versprach freien Zugang zu der Stadt für Christen, Juden und Muslime. Die Christen hielten die Stadt zum letzten Mal von 1229 bis 1244 in ihrem Besitz. Friedrich wurde von Papst Gregor IX. für diesen Kompromiss exkommuniziert.

König Ludwig IX. von Frankreich versuchte in den Jahren 1248 und 1270 nochmals Kreuzzüge zu führen, aber wenngleich er sehr fromm war, war er doch kein effektiver Militärführer. Er starb 1270 in Ägypten und wurde zum Heiligen erklärt. Der heilige Ludwig ist der einzige Kreuzfahrer, der von der Kirche heiliggesprochen wurde.

Auswirkungen der Kreuzzüge

Die Kreuzzüge versagten darin, die Kontrolle über Jerusalem durch Christen dauerhaft wiederherzustellen, aber sie hatten viele andere Auswirkungen. Die Kreuzzüge stärkten die Macht des Papstes und seinen Einfluss auf die Kirche in Europa. Sie schwächten nachhaltig das Byzantinische Reich, das immer mehr Territorium an die Muslime verlor, bis die Stadt Konstantinopel fiel. Die vielleicht schlimmste und dauerhafteste Auswirkung ist, dass die Kreuzzüge ein gewalttätiges Bild des Christentums und des Westens bei vielen muslimischen Menschen hinterlassen haben.

Eine gewisse Ironie umgibt die Kreuzzüge und ihren Ruf. Der Islam begann die Kriege gegen die christlichen Länder und war zuweilen genauso brutal im Krieg wie die Christen. Und der Islam setzte einen aggressiven Krieg jahrhundertelang gegen den Westen fort, selbst nach dem Ende der christlichen Kreuzzüge. Dennoch sehen heute viele Muslime das Christentum als eine gewalttätige Religion und projizieren ihre islamische Überzeugung, dass Religion und Staat eins sein sollten, auf den Westen, als ob das Christentum und der Staat dort immer noch eins wären.

„Am wichtigsten ist, dass die Geschichte der Kreuzzüge uns als Christen lehren muss, den großen Schaden zu erkennen, der Christus durch diese Kriege zugefügt wurde.“

 

Am wichtigsten ist, dass die Geschichte der Kreuzzüge uns als Christen lehren muss, den großen Schaden zu erkennen, der Christus durch diese Kriege zugefügt wurde. Das englische Wort für Kreuzzug (crusade) kommt von einem französischen Wort, was so viel wie „Weg des Kreuzes“ bedeutet und das zum ersten Mal ein Jahrhundert nach Beginn der Kreuzzüge gebraucht wurde. Was für ein Verrat an Christus, der sein Leben am Kreuz hingab und dabei Ungerechtigkeit erduldete und Frieden schuf, um ihn nun mit der Schlachtung politischer Feinde zu identifizieren. Als Christen müssen wir immer danach streben, die Sache Christi durch Wahrheit in Verbindung mit Liebe und Selbstaufopferung voranzubringen, nicht durch Gewalt.

Robert Godfrey ist ein Lehrer und Vorsitzender bei Ligonier Ministries. Er ist emeritierter Präsident und emeritierter Professor für Kirchengeschichte am Westminster Seminary California (USA).