Das Evangelium ist für Sünder

Artikel von Jerry Bridges
5. Februar 2020 — 11 min Lesedauer

Einen Tag nachdem Jesus den Tempel gereinigt hatte, wurde er von den religiösen Führern deswegen konfrontiert. Sie stellten in Frage, ob er die Geldwechsler und Händel aus dem Tempel vertreiben durfte. Auf ihre Frage zu seiner Autorität antwortete Jesus mit einer Gegenfrage; er wollte von ihnen wissen, ob die Taufe des Johannes aus dem Himmel oder von Menschen war. Dadurch wich er ihrer Frage nicht aus, sondern trieb sie stattdessen in eine theologische Ecke: Wenn sie „vom Himmel“ antworten würden, könnte er sagen: „Warum habt ihr ihm dann nicht geglaubt?“ Aber wenn sie „von den Menschen“ antworten würden, wären sie der Feindseligkeit der Menge ausgesetzt, die glaubten, dass Johannes ein Prophet war. Also erwiderten sie: „Wir wissen es nicht“ (Mt 21,23–27).

Nachdem er so ihre Scheinheiligkeit entlarvt hatte, ging Jesus nicht etwa zu einem anderen Thema über, sondern offenbarte durch das folgende Gleichnis von den zwei Söhnen ihre Selbstgerechtigkeit und folglich ihren Mangel an Buße. Der erste Sohn verweigerte sich zunächst dem Befehl des Vaters, in seinem Weinberg zu arbeiten, tat aber später Buße und ging hin. Der zweite Sohn sagte, dass er es tun würde, tat es aber nicht (Mt 21,28–30). Der erste Sohn repräsentiert einen Sünder, der Buße tut, während der zweite für selbstgerechte Menschen steht, die glauben, dass sie keine Buße benötigen.

Jesu Worte sind ein Skandal

Jesus hätte nicht eindringlicher und direkter sein können, als er das Gleichnis auf die religiösen Führer anwendete, die vor ihm standen. Er wählte bewusst zwei Klassen von Menschen aus, die der Abschaum der Gesellschaft waren; in dem Denken der jüdischen Führer hätte es keinen größeren Kontrast geben können zwischen ihnen selbst und den Zöllnern und Huren: Sie erachteten die Zöllner sowohl als Verräter als auch als Ausbeuter. Und die Huren waren mit der gleichen moralischen Verachtung belegt wie heute. Aber Jesus sagte den religiösen Führern kühn: „Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und die Huren kommen eher in das Reich Gottes als ihr“ (Mt 21,31).

Um das radikale und skandalöse Wesen der Worte Jesu tatsächlich nachvollziehen zu können, sollten wir über ein modernes Gegenstück nachdenken: Geh zuerst zu einer wohlhabenden, prestigeträchtigen Gemeinde in deiner Stadt, wo jeden Sonntag die Säulen der Gesellschaft sitzen, und in den Predigten nur das hören, was sie sich hinsichtlich ihrer eigenen äußerlichen Moral besser fühlen lässt. Sie hören nichts über das Wesen ihrer Sünde oder über die Buße, die Gott von ihnen verlangt. In Wirklichkeit sehen sie sich überhaupt nicht als Sünder. Wenn sie das Wort Sünder hören, denken sie an andere.

Danach geh zum Hochsicherheitstrakt des staatlichen Gefängnissystems und nimm an einer Andacht in der Kapelle teil, wo die klare Botschaft des Evangeliums verkündigt wird. In der ersten Reihe sitzen ein Mörder, ein Vergewaltiger, ein Kinderschänder und ein Mann, der einen bewaffneten Überfall begangen hat. Diese Männer sitzen dort mit Tränen in ihren Augen, während sie die Botschaft des Kreuzes hören und erkennen, dass ihre abscheulichen Sünden vergeben worden sind. Sie glauben die Worte eines alten puritanischen Schriftstellers, der sagte: „In der ganzen Heiligen Schrift gibt es nicht ein hartes Wort gegen einen armen Sünder, der seiner Selbstgerechtigkeit entkleidet ist.“

Der Gegensatz zwischen diesen beiden Gruppen könnte nicht größer sein. Die natürliche, menschliche Perspektive sieht in der ersten Gruppe ehrbare Säulen der Gesellschaft, während die zweite Gruppe als die Ausgestoßenen der menschlichen Gemeinschaft erachtet würde. Aber aus der Sicht Jesu gibt es einen noch größeren Gegensatz: Die zweite Gruppe würde in das Reich Gottes kommen, während die erste Gruppe letztendlich in ewige Finsternis stürzen würde. Das ist die radikale Botschaft des Evangeliums.

Selbstgerecht oder schuldbewusst?

Das wirft ein lebenswichtiges Thema für uns heute auf: In welcher Gruppe sind wir? Die meisten von uns würden wahrscheinlich antworten: „In keiner von beiden.“ Wir wollen nicht mit den selbstgerechten Führern identifiziert werden, fühlen uns aber auch nicht wohl dabei, in der Gemeinschaft von Ausbeutern und Prostituierten zu stehen – selbst wenn sie Buße tun. Aber Jesus gibt uns nicht diese Wahl. Entweder sind wir wie die selbstgerechten jüdischen Führer, die keine Notwendigkeit für Buße verspüren, oder wir sehen uns als Sünder – genauso wie die Mörder und Vergewaltiger – die einen Retter brauchen. Es wurde oft gesagt, dass „der Boden am Fuß des Kreuzes eben ist“. Mit anderen Worten: Jeder Sünder, der die Ernsthaftigkeit seines Zustandes wirklich erkennt, wird die Notwendigkeit des Evangeliums sehen und sich nach ihm ausstrecken.

Die Wahrheit dieses Gleichnisses reicht über das Anfangswerk des Evangeliums der Neugeburt, Buße und Rechtfertigung hinaus. Wir müssen auch erkennen, dass wir niemals von unserem grundsätzlichen Bedürfnis für das Kreuz wegkommen, weil wir jeden Tag in Gedanken, Worten und Taten immer noch praktizierende Sünder sind. Deshalb wird, wenn wir ehrlich mit uns selbst und mit Gott sind, unser Bewusstsein für unsere Sündhaftigkeit niemals aufhören, bis zu unserem letzten Atemzug. Deshalb endet unser ganzes Leben lang auch nie das Bewusstsein, dass wir immer der Buße bedürfen.

Wir müssen des Weiteren über die Buße hinausgehen und täglich die Vergebung auf uns anwenden. Es ist eine Sache, gottesfürchtige Trauer über unsere Sünde zu empfinden; es ist eine andere, Jesus zu sehen, der diese Sünde an seinem Leib am Kreuz getragen hat und aufs Neue die Freude der Vergebung und Annahme aufgrund Jesu Werk zu erfahren. Nur dann werden wir Nutzen aus der Lehre dieses Gleichnisses ziehen.