Überrascht von Freude

C.S. Lewis: Leben und Werk

Artikel von Sinclair B. Ferguson
22. Januar 2020 — 18 min Lesedauer

Am 22. November 1963, an dem Tag an dem John F. Kennedy ermordet wurde, starb auch C.S. Lewis. Sieben Jahre vorher schrieb er über den Tod: „Das Semester ist vorbei; die Ferien haben begonnen. Der Traum ist zu Ende; das ist der Morgen.“ Die Metaphern in diesen Worten sind beeindruckend. Sie kommen aus der Welt der Studenten und Schüler, aber nur ein Lehrer würde auf die Idee kommen, sie als Metapher für den Tod zu gebrauchen. Die Worte (aus Der letzte Kampf) schließen den Vorhang – oder vielleicht besser gesagt die Schranktür – zu Lewis’ Chroniken von Narnia. Aber sie eröffnen auch einen Blick darauf, wer C.S. Lewis wirklich war.

Kindheit und Studium

Clive Staples Lewis (für seine Freunde „Jack“) wurde am 29. November 1898 in Belfast, Nordirland, als zweiter Sohn von Albert Lewis geboren, einem verheißungsvollen Rechtsanwalt, und seiner Frau Florence („Flora“), Tochter eines anglikanischen Klerikers und eine der ersten weiblichen Absolventen (in Mathematik und Logik) an der heutigen Queen’s University in Belfast. Sie war vermutlich die klügere der beiden, aber „Jack“ erbte ihre mathematische Begabung nicht. Hätte er aufgrund seines Einsatzes für das Militär nicht eine Befreiung von der Aufnahmeprüfung für das Fachgebiet Mathematik an der Oxford University erhalten, wäre sein Leben wahrscheinlich gänzlich anders verlaufen.

Flora starb 1908 an Magenkrebs. Lewis war nun mutterlos und wurde auf ein Internat geschickt. Man kann seine Jugendjahre im allgemeinen als unglücklich bezeichnen. Nach der Zeit auf dem Internat bekam er Privatunterricht vom früheren Direktor seines Vaters, dem bemerkenswerten W.T. Kirkpatrick (der von „Jack“ und seinem Bruder Warren „The Great Knock“ genannt wurde). Kirkpatrick hatte seine früheren Ambitionen aufgegeben, presbyterianischer Pfarrer zu werden, und war zu diesem Zeitpunkt bekennender Atheist (wenngleich immer noch mit einer presbyterianischen Arbeitsethik!). Er hatte einen starken Einfluss auf Lewis, sowohl auf religiöser (leider) als auch auf intellektueller Ebene. Lewis hatte das verpflichtende Lesepensum für einen Bachelor in Oxford wahrscheinlich bereits erfüllt, bevor er überhaupt zur Universität kam. Er hatte sehr gute Noten, besonders in den klassischen Fächern, aber auch in Philosophie, Geschichte und Literatur. Nach einiger Zeit wurde er Dozent am Magdalen College in Oxford.

Bekehrung

Lewis erzählt die komplexe Geschichte seines Weges zum christlichen Glauben in seinem eher philosophischen Werk Flucht aus Puritanien (1933) und in seiner Autobiographie Überrascht von Freude (1955). Daneben finden sich einzelne Elemente zweifellos auch in seinen Erzählungen, seinen Kinderbüchern und in Die große Scheidung (1945).

Da er sich intensiv mit antiker, mittelalterlicher und moderner Literatur befasste, wurde Lewis unweigerlich mit dem Christentum konfrontiert. Verschiedene Gelehrte wie Neville Coghill (1899–1980, ein Chaucer-Experte), J.R.R. Tolkien (1892–1973, Professor für angelsächsische Studien in Oxford) und Hugo Dyson (1896–1975) halfen ihm auf diesem Weg. Außerdem wurde er von Schriftstellern wie G.K. Chesterton und George MacDonald (den er als Teenager las) beeinflusst – die sich alle zum Christentum bekannten.

„Er brachte häufig das gemeinsame Motiv zum Ausdruck, dass die Geschichte von Christus die ultimative Geschichte ist, in der all die Sehnsüchte und Erlösungsmuster historisch erfüllt werden, die sich in den großen Geschichten und Mythen befinden.“

 

Lewis wurde zuerst Theist – erst später kam er zum Glauben an Christus. Er brachte anschließend häufig das gemeinsame Motiv zum Ausdruck, dass die Geschichte von Christus die ultimative Geschichte ist, in der all die Sehnsüchte und Erlösungsmuster historisch erfüllt werden, die sich in den großen Geschichten und Mythen befinden. Deshalb spiegelt sich die Notwendigkeit für eine sterbende und wiederauferstehende göttliche Figur sowohl in verschiedenen alten Mythen als auch in den Chroniken von Narnia wider.

In gewisser Hinsicht stellen die Chroniken von Narnia (wahrscheinlich unbewusst) in Erzählform dasselbe dar, was Anselm von Canterbury (1033–1109) in Cur Deus Homo (Warum wurde Gott Mensch?) in Dialogform verfasste. Er versuchte zu zeigen, warum das Evangelium für unsere Erlösung notwendig ist, indem er das „Remoto Christo“-Prinzip anwandte (d.h. dass er ohne spezifischen Bezug auf die Offenbarung Christi in der Heiligen Schrift auskam).

Akademiker und Autor

Lewis war Akademiker. Eine Ausbildung in Oxford war und ist eine der härtesten und privilegiertesten in der Welt. Während der Vorlesungen wird jeder Student von einem Tutor beaufsichtigt, der selbst Gelehrter ist. Deshalb hörte Lewis jahrelang seinen Studenten zu, wie sie ihm wöchentlich oder zweiwöchentlich ihre Aufsätze vortrugen. Viele liebten es – wenngleich nicht alle: John Betjeman (1906–1984), der später als britischer Dichter bekannt wurde, war nicht begeistert von Lewis (Er schloss auch das Studium nicht ab). Für Lewis war es eine Herausforderung. Wäre er zum Professor berufen worden (was in Oxford eine hohe Auszeichnung war), hätte sich sein Gehalt wesentlich verbessert und seine Arbeit als Tutor hätte sich reduziert. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür stand in umgekehrtem Verhältnis zum Wachstum seines Rufs als bekannter christlicher Autor.

Und doch war Lewis ein außerordentlicher Gelehrter. Seine meistbekannten akademischen Werke beinhalten ein Studium der Literatur des Mittelalters, The Allegory of Love (1936) und seinen brillanten Text über John Miltons episches Gedicht A Preface to Paradise Lost (1942). Seine Gelehrsamkeit führte zu der Einladung, einen Band über English Literature in the Sixteenth Century (1954) für die prestigeträchtige Reihe Oxford History of English Literature zu schreiben. Nachdem dieser Band veröffentlicht wurde, konnte der akademische Gegenspieler von Oxford Lewis für sich gewinnen, und er wurde 1954 Professor für Literatur des Mittelalters und der Renaissance in Cambridge. Diese Tätigkeit übte er bis kurz vor seinem Tod aus.

Gefährten auf dem Weg

Jeder Bericht über das Leben von Lewis wäre unvollständig ohne Hinweis auf eine Reihe anderer Einflüsse, einschließlich (und insbesondere) zweier Frauen.

George MacDonald

Einen Haupteinfluss auf die Theologie von Lewis hatte George MacDonald (1824–1905). 1946 veröffentlichte Lewis einen Sammelband der Schriften MacDonalds und gab darin an, dass er niemals über den christlichen Glauben schrieb, ohne von dem Einfluss MacDonalds zu zehren: „Ich kenne fast keinen anderen Schriftsteller, der dem Geist Christi näher ist.“ Jeder, der MacDonalds Fantasyromane wie Phantastes und Lilith liest, wird schnell feststellen, dass MacDonalds die Quelle vieler Ideen ist, die man sich sonst als einzigartig bei Lewis vorstellt. Es sollte erwähnt werden, dass MacDonald stark von der Romantik beeinflusst wurde, was seine Sicht auf das Evangelium prägte. Lewis setzte seine Vorstellungskraft dagegen für ein eher rechtgläubiges, wenngleich nicht durchgehend evangelikales Christentum ein.

Die Inklings

Lewis’ Name steht praktisch als Synonym für eine Gruppe, die sich regelmäßig in Oxford als informelle, literarische Vereinigung unter dem brillanten Namen „The Inklings“ (ink = Tinte) traf. Hier tauschten sie sich über ihre Arbeiten aus. Es ist erstaunlich, dass dieser kleinen Gruppe sowohl der Autor der Chroniken von Narnia als auch der Autor von Der Herr der Ringe angehörte.

Jane Moore und Joy Davidman

Die zwei Frauen, deren Leben mit Lewis verbunden war, waren in der Tat sehr unterschiedlich. Die erste war Jane Moore, die Mutter von „Paddy“ Moore, einem jungen Kadetten, mit dem Lewis zusammen in der Armee diente. Sie hatten wahrscheinlich die Übereinkunft getroffen, dass sie sich jeweils um die Eltern des anderen kümmern, wenn der eine im Dienst umkommt. Moore wurde getötet.

Die Beziehung zwischen Lewis und Frau Moore (die bis zu ihrem Tod im Jahr 1951 andauerte) ist eine der rätselhaftesten Elemente in der Lewis-Saga. Sowohl Kritiker als auch Unterstützer haben versucht, viel daraus zu machen. War Jane Moore eine Ersatzmutter, manchmal Liebhaberin, oder vielleicht beides? Unabhängig davon, was stimmt, fühlte sich Lewis nach seiner Bekehrung dazu verpflichtet, für den Rest ihres Lebens für sie zu sorgen, und er tat dies mit einem außerordentlichen Pflichtgefühl und Unbeirrbarkeit.

Im Januar 1950 fing Joy Davidman Gresham, eine amerikanische Schriftstellerin, eine Korrespondenz mit Lewis an. Sie war von ihrem Ehemann getrennt (und später geschieden), als sie im Jahr 1952 mit ihren zwei Söhnen England besuchte. Lewis freute sich über die Herausforderung ihrer Gemeinschaft und heiratete sie offiziell im Jahr 1956, wodurch die Greshams in England bleiben durften. Im Laufe der Zeit blühte in ihrer Beziehung Liebe auf – die vielleicht schon früher da war, ohne dass Lewis dies erkannt hatte. Joy starb 1960 an Krebs und dies führte dazu, dass Lewis (ursprünglich unter dem Pseudonym N.W. Clark) Über die Trauer 1961 veröffentlichte. Nach drei Jahren mit wechselhafter Gesundheit starb auch Lewis am 22. November 1963.

Lewis‘ Werke

Das Werk von Lewis bildet mittlerweile einen eigenen kleinen Wirtschaftszweig. Seine Bücher wurden mehr als 200 Millionen Mal verkauft. Über den Schmerz (1940), Dienstanweisung an einen Unterteufel (1942), Pardon, ich bin Christ(1952, basierend auf Vorträgen im Radio in den Jahren 1941–1944) und Was man Liebe nennt. Zuneigung, Freundschaft, Eros, Agape. (1960) sind besonders weit verbreitet, genauso wie einige seiner Predigten, insbesondere „The Weight of Glory“. C.S. Lewis hat vielleicht mehr als jeder andere Autor des 20. Jahrhunderts das Verständnis der Menschen vom christlichen Glauben geprägt, so wie es früher Choräle taten. Seine Stärke lag mehr im Gebrauch seiner Vorstellungskraft als in seiner Expertise als Bibelausleger oder Theologe. Interessanterweise fand er es ziemlich ermüdend, als der große Apologet des christlichen Glaubens gefeiert zu werden.

„Seine Stärke lag mehr im Gebrauch seiner Vorstellungskraft als in seiner Expertise als Bibelausleger oder Theologe.“

 

Als meistgelesener christlicher Autor seiner Zeit hinterließ Lewis nicht nur viele akademische und populäre Werke, sondern auch eine umfangreiche Sammlung von Briefen und Schriftstücken, die sicherstellen, dass der Lewis-Wirtschaftszweig bis heute existiert. Es ist ein Anzeichen für seinen Einfluss, dass – obwohl für ihn „die Ferien“ begonnen haben – eine enorme Anzahl von wissenschaftlichen Artikeln, Büchern, Instituten, Zeitschriften, Fanclubs, Dokumentationen, Drehbüchern – ganz zu schweigen von Filmen – sich seit nun fast 60 Jahre mit ihm beschäftigen.

Sinclair B. Ferguson ist Professor für Systematische Theologie am Reformierten Theologischen Seminar (USA). Er diente lange als Hauptpastor der ersten presbyterianischen Kirche in Columbia (South Carolina, USA).