Woher kam Satan?

Die herausfordernde Frage nach dem Ursprung des Bösen

Artikel von Guy Richard
20. Januar 2020 — 16 min Lesedauer

Der biblische Bericht über den Sündenfall im Garten Eden wirft wichtige Fragen auf. Dabei ist wahrscheinlich die wichtigste Frage: Woher kommt – in einer von einem guten Gott geschaffenen Welt – das Böse?

Die Bibel beantwortet diese Frage nicht ausdrücklich oder abschließend, das müssen wir zugeben. Andererseits sollten wir aber auch sehen, dass die Bibel einiges zu diesem Thema sagt, was uns helfen kann, einer Antwort näher zu kommen.

Woher kam die Schlange?

Die Schlange wird in der Bibel zum ersten Mal in 1. Mose 3,1 erwähnt. Zwar wird in 1. Mose 1–2 nirgends berichtet, dass Gott ein solches Tier erschuf, aber einige Indizien sprechen dafür, dass Schlangen zur selben Zeit wie alle anderen „Tiere des Feldes“ von Gott erschaffen wurden. So heißt es zunächst einmal in 1. Mose 3,1, dass die Schlange „[…] listiger [war] als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte“ (LUT). Hier wird impliziert, dass die Schlange von Gott gemacht wurde – wie jedes andere Tier auch.

Und der Besuch der Schlange überraschte Eva keineswegs. Wenn Eva zum ersten Mal in ihrem Leben eine Schlange gesehen hätte, wäre doch zumindest mit ein wenig Erstaunen über die Existenz eines solchen Tieres zu rechnen gewesen. Abgesehen davon berichtet Jesaja 65,25, dass es im neuen Himmel und auf der neuen Erde neben anderen Tieren auch Schlangen geben wird. Dies alles lässt vermuten, dass sie Teil der ursprünglichen Schöpfung Gottes waren.

Hieraus lässt sich zunächst einmal schlussfolgern, dass Gott die Schlange neben allen anderen Tieren gemacht hatte und sie – wie alles andere auch – als „sehr gut“ bewertete (1. Mose 1,31).

Aber wie lässt sich das nun mit dem Bericht über die Versuchung im Garten Eden in Einklang bringen? Wie kann eine Schlange, die gut von Gott geschaffen wurde, Adam und Eva bewusst in die Rebellion gegen Gott führen? Obwohl die Bibel diese Frage nicht explizit beantwortet, deuten alle Schlüsselverse darauf hin, dass Satan in die Schlange fuhr und diese als Instrument zur Verführung von Adam und Eva benutzte.

Sowohl Menschen als auch Tiere können von Dämonen besessen sein. Das belegen Bibelstellen wie etwa Matthäus 8,28–34 und Markus 5,6–13. Und Lukas 22,3 zeigt, dass sogar Satan selbst – zumindest dieses eine Mal – von einem Menschen „Besitz ergriffen“ hat. Dieser wurde benutzt, um Jesus zu verraten und der Kreuzigung preiszugeben. Schließlich bestätigen Offenbarung 12,9 und Johannes 8,44, dass die Schlange im Garten niemand anderes ist als Satan selbst.

Satan benutzte die Schlange als Sprachrohr, so die Argumentation Johannes Calvins, da er nicht vor Adam und Eva in eigener Person erscheinen und sprechen konnte. Er brauchte ein Sprachrohr, das nicht sofort Misstrauen erwecken würde, sondern Adam und Eva bekannt war. Satan suchte sich das Tier aus, so Calvin weiter, das am besten dafür geeignet war, seinen Plan auszuführen. Daher wählte er das listigste und gewiefteste (1. Mose 3,1), das schlauste und cleverste (Matthäus 10,16) Tier der ganzen Schöpfung Gottes.

Er benutzte die natürlichen Anlagen der Schlange, um sie für seine niederträchtigen Zwecke zu missbrauchen.

Hier liegt ein Grund, weshalb ich der Meinung bin, dass Gott die Schlange genau so geschaffen hat, wie sie jetzt ist. Er schuf sie, damit sie auf ihrem Bauch kriecht und den Staub der Erde frisst. Mir ist bewusst, dass andere mir widersprechen werden. Aus ihrer Perspektive ist die Schlange ein Tier, das aufrecht erschaffen und erst durch Gottes Strafe in 1. Mose 3,14 dazu verdammt wurde, auf dem Bauch zu kriechen. Ich möchte zwei Aspekte nennen, die meine Sichtweise unterstützen.

Zum einen deutet Jesaja 65,25 an, dass die Schlange im neuen Himmel und auf der neuen Erde auf ihrem Bauch kriechen wird. Hier wird der ursprüngliche Zustand vor dem Sündenfall beschrieben, der nunmehr im neuen Himmel und auf der neuen Erde wiederhergestellt worden ist.

Zum anderen wäre es doch merkwürdig, wenn Gott seinen Zorn in 1. Mose 3,14 an der Schlange ausließe, so dass er sie ab diesem Zeitpunkt und für alle Ewigkeit zu einer anderen Bestimmung verbannt, während doch der Tenor der ganzen Textpassage zeigt, dass Gott sein Urteil auf Satan ausrichtet. In der Begegnung mit Adam und Eva trägt nicht die Schlange die Schuld, sondern Satan. Dementsprechend trifft Gottes Gericht in erster Linie Satan – und nicht die Schlange.

Für die Schlange reicht es, dass sie in jenem Zustand zu verharren hat, in dem sie sich vor dem Fall befand. Zudem wird nun auch noch – bis Jesus wiederkehrt – Feindschaft zwischen ihr und der Menschheit herrschen. Zweifellos ist diese Feindschaft Teil von Gottes Plan: Sie soll uns Menschen immer wieder an den Sündenfall und die Gefahren durch Satan, unseren geistlichen Feind, erinnern.

Woher kam Satan?

Wenn es nun aber Satan war, der Besitz von der Schlange ergriffen und diese für seine bösen Absichten benutzt hat, dann stellt sich die Frage: Woher kommt Satan? Die Bibel scheint zu lehren, dass Satan ein erschaffenes Wesen ist, das sich gegen Gott wandte und sich dem Bösen öffnete.

In diesem Zusammenhang sind Offenbarung 12,7–9 und Judas 6 zwei wichtige Bibelstellen. Beide Passagen deuten darauf hin, dass Satan ein Engel ist, der eine Gruppe von Engeln zur Rebellion gegen Gottes Autorität angeführt hatte. Infolgedessen wurde diese Gruppe von Engeln aus dem Himmel verbannt und auf die Erde „heruntergeworfen“, wo sie nun Krieg gegen die Nachkommenschaft der Frau, also das Volk Gottes, führt (Offenbarung 12,17).

„Nur Gott allein ist ewig. Nur Gott allein ist selbst-existent und der Ursprung allen Seins.“

 

Alle Engel sind erschaffene Wesen, die von Gott dazu bestimmt sind, ihm und seinem Volk zu dienen. Das legen Hebräer 1,7 und 1,14 nahe. Und nach 1. Mose 1,1 existierte Gott im Anfang, als er sein Schöpfungswerk begann, aus sich selbst heraus. Nur Gott allein ist ewig. Nur Gott allein ist selbst-existent und der Ursprung allen Seins (2. Mose 3,14; Apostelgeschichte 17,28). Alles andere geht von ihm aus und ist von ihm gemacht. Auch Satan war ursprünglich Teil der guten Schöpfung Gottes.

Woher kam das Böse?

Wenn aber Satan – so wie jedes andere Geschöpf – von Gott geschaffen wurde, um gut zu sein, woher kommt dann das Böse? Auch diese Frage wird in der Bibel nicht explizit beantwortet. Man findet dort aber zwei Ansätze für eine mögliche Antwort.

Zunächst lehren Textstellen wie Habakuk 1,13, Psalm 5,5–7, Jakobus 1,13 und 1. Johannes 1,5, dass Gott nicht der Urheber oder Schöpfer des Bösen ist. Er ist reines Licht und als solches ist in ihm keinerlei Dunkelheit (1. Johannes 1,5) – nicht einmal ein Wechsel von Licht und Finsternis (Jakobus 1,17; LUT). Wenn Gott nun, wie es in Jakobus 1,13 steht, nicht zum Bösen versucht werden kann, dann folgt daraus sicherlich, dass er das Böse auch nicht erschaffen kann. Denn das Böse zu erschaffen, wäre selbst böse.

Zweitens zeigen Textstellen wie beispielsweise 1. Johannes 3,4 und Titus 2,11–12, dass das Böse keine „Sache“ an sich ist, sondern vielmehr die Abwesenheit von oder der Mangel an etwas. Genauso, wie Sünde fehlender Gehorsam dem Gesetz gegenüber ist (1. Johannes 3,4), so scheint das Böse als das Fehlen von etwas Gutem bzw. von Gott selbst sein. Das Böse ist Gottlosigkeit, Un-Gerechtigkeit (Römer 1,18), und alles andere, das nicht Gott entspricht. Es ist keine Substanz, die so wie alle anderen Substanzen erschaffen werden muss, um zu existieren. Es ist eine Anti-Gott-Einstellung, eine Haltung, die sich gegen Gott richtet. Und wenn das wahr ist, dann ist nur eines nötig, damit es das Böse geben kann: nämlich Kreaturen, die Gott wählen oder ihn ablehnen können.

Das Böse ist demnach in die Welt „gekommen“, als Gott die Engel erschuf, von denen sich einer entschied, sich von Gott abzuwenden und so viele wie nur möglich anstiftete, ihm zu folgen.

Großer Gott

Was bedeutet das nun? Bei vielen ruft die Frage nach dem Ursprung des Bösen quälende Zweifel hervor, andere fürchten die Verlegenheit, in die sie diese Frage bringt. Als Christen waren wir nicht jederzeit bereit, Rechenschaft für den Grund der in uns wohnenden Hoffnung zu geben (1. Petrus 3,15) – zumindest nicht in diesem Bereich. Es ist mein Wunsch, Menschen zu zeigen, dass die christliche Weltanschauung diese Frage plausibel erklären kann, weit plausibler als die atheistische Weltanschauung, die absolut keine Grundlage für die Erklärung der Existenz des Bösen hat.

Das Problem mit dem Ursprung des Bösen sollte uns vor allen Dingen daran erinnern, wie groß unser Gott wirklich ist. Er ist, wie Paulus in Römer 11 feststellt, „unerforschlich“ und „unbegreiflich“, und seine Wege sind jenseits unserer Erkenntnisfähigkeit. Auch wenn wir bis an die Grenzen unserer Möglichkeiten gehen, so kratzen wir nur an der Oberfläche seiner Tiefe. Er ist tiefer als der tiefste Ozean und viel größer als die Weite des Universums.

Schließlich können wir mit Paulus ausrufen: „Denn aus ihm und durch ihn und zu ihm hin sind alle Dinge! Ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen“ (Römer 11,36; ELB).