Dein größtes Problem sind nicht die anderen

Das Evangelium befreit uns zu einem selbstlosen Leben

Buchauszug von Tim Keller
17. Januar 2020 — 7 Min Lesedauer

Galater 6,3 wird häufig als eine eigenständige Aussage betrachtet, aber ich denke, man sollte darin einen größeren Gedankengang sehen. Paulus schreibt: „Denn wenn jemand meint, etwas zu sein, während er doch nichts ist, so betrügt er sich selbst.“ Das stimmt allein schon als unabhängiges Sprichwort. Wenn du denkst, du seist besser, als du wirklich bist, täuscht du dich selbst.

Aber Paulus bindet diese Aussage in einen größeren Kontext ein, indem er sagt, dass du nie so ein Leben in Dienstbereitschaft führen wirst – dass du nie Beziehungen aufbauen wirst, in denen du wirklich dem anderen Menschen dienst statt sie zu nutzen, um dein eigenes Ego aufzupolieren – es sei denn in dir ist eine tiefe Demut verankert.

Mir gefällt, wie kategorisch die Bibel in diesem Punkt ist. Paulus sagt hier praktisch, dass wir uns als Christen erinnern sollen, was das Evangelium sagt: „Du bist ein Nichts!“ Das ist so ähnlich wie die beiläufige Aussage von Jesus in Lukas 11,9–13. Da spricht Jesus mit seinen Jüngern über das Gebet und sagt ihnen im Wesentlichen, „Mein Vater wird euch geben, wenn ihr darum bittet.“ Aber dann schiebt er ein „Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater…“ Moment mal. „Ihr, die ihr böse seid?“ Er spricht doch zu den Aposteln! „Ach übrigens, …. ihr seid böse. Ja, genau ihr, die Apostel, ihr seid böse!“

Genau das ist die eine Seite des Evangeliums: Du bist böse, du bist nichts. Aber du überwindest das nicht, indem du Beziehungen suchst, die dir ein gutes Selbstwertgefühl geben. Es funktioniert nicht dadurch, dass man in jeder Beziehung nur darum bemüht ist herauszufinden, wie die andere Person das eigene zerbrechliche und welke Selbstwertgefühl aufbauen kann. Das ist einfach nur verzweifelt und ziemlich traurig.

„Dein grundlegendes Problem besteht nicht zwischen dir und anderen Menschen.“

 

Und es wird nicht funktionieren, denn dein grundlegendes Problem besteht nicht zwischen dir und anderen Menschen. Dein Selbstwertgefühl ist welk und zerbrechlich, weil du nicht so mit Gott in Beziehung stehst, wie du es solltest. Denn egal von wem, keine Auszeichnung der Welt, kein Applaus oder Lob wird dieses Loch füllen. Nichts wird dein Herz heilen, außer Gott selbst, der dich ansieht und sagt: „Recht so, du guter und treuer Knecht.“

Jeder trägt seine eigene Bürde

Die Verse 4 und 5 wirken fast wie eine Fußnote: „Ein jeder aber prüfe sein eigenes Werk, und dann wird er nur im Blick auf sich selbst Ruhm haben und nicht im Blick auf den anderen; denn jeder wird seine eigene Bürde tragen.“ Jeder Ausleger bzw. Prediger, den ich zu diesem Thema gehört habe, versteht diese zwei Verse etwas anders.

Paulus möchte hier sagen, dass du, wenn du in deinem Herzen wirklich geheilt wärst, dich also nicht ständig mit deinem Nächsten vergleichst, um dein zerbrechliches Ego aufzubauen, ein Bewusstsein für deinen Fortschritt haben kannst. Nicht weil du besser als andere bist, sondern weil du im Tragen deiner Bürde einen Fortschritt gemacht hast.

Das Wort „Bürde“ ist nicht dasselbe wie „Lasten“ in Vers 2. Lasten vermittelt den Gedanken eines erdrückenden Gewichts, während „Bürde“ mehr mit einer Ladung oder einem Gepäck verglichen werden kann; etwas, das man auf eine Reise mitnehmen muss.

Vor vielen Jahren half mir ein älterer Pastor, zu verstehen, was das bedeutet. Es gab da eine Familie in meiner Gemeinde. Sie waren zwar bekennende Christen, aber irgendwie war die Familie ziemlich zerrüttet. Als ich dem Pastor eine gewisse Irritation gegenüber einem Familienmitglied zum Ausdruck brachte, gab er mir folgende Antwort:

Es gibt rettende Gnade (engl. special grace) und allgemeine Gnade (engl. common grace). Einige von uns haben aufgrund der allgemeinen Gnade Gottes großartige Familienverhältnisse. Wir sind sehr behütet und in einem liebevollen Umfeld aufgewachsen. Jetzt haben wir eine gewisse Selbstbeherrschung und sind gut erzogen. Wenn wir nun also Christen werden, starten wir auf einer Skala von 0 bis 10 bei einer „3“. Und nach fünf Jahren des Wachstums im Glauben sind wir dann bei „3,5“.

In einer anderen Familie sind aber vielleicht sowohl der Ehemann als auch die Ehefrau in schrecklichen und schwierigen Familienverhältnissen aufgewachsen. Wenn diese jetzt ihr Leben Christus übergeben, starten sie auf dem allgemeinen Gnadenlevel bei „0“. Sie sind ein Trümmerhaufen. Nach fünf Jahren des Wachstums im Glauben sind sie dann bei „1,5“ angekommen. Bei ihnen sind tiefgreifende Veränderungen geschehen, sogar mehr als bei uns. Wenn du sie aber von der Seite betrachtest und feststellst, „Ich bin doppelt so liebevoll wie sie und habe eine zweifache Selbstbeherrschung“, dann vergisst du, dass sie ihre Bürde tragen – und du deine.

Am Ende des Johannesevangeliums spricht Jesus mit Petrus und deutet an, dass Petrus für seinen Glauben sterben wird. Ich weiß nicht, ob Petrus genau versteht, was Jesus andeutet, aber Jesus sagt im Wesentlichen: „Da kommt etwas Schlimmes.“ Petrus schaut zu Jesus, sieht aber Johannes vorbeigehen und sagt: „Und was ist mit ihm?“ Ich mag, wie Jesus hier sagt: „Was geht es dich an? Folge du mir nach.“

Ich bin mir ziemlich sicher, dass C.S. Lewis genau das im Sinn hatte, wenn Aslan in Narnia immer wieder zu Leuten sagt: „Ich erzähle dir nur deine Geschichte.“ Frag mich nicht nach der Geschichte der anderen. Diese Person hat ihre eigene Bürde. Was Paulus hier sagt ist also: „Schau auf Gott. Hör auf, auf andere zu sehen. Hör auf, andere für deine Zwecke zu missbrauchen.“

Vor einigen Jahren las ich eine Andacht von Tom Howard, einem katholischen Schriftsteller und Bruder der berühmten Missionarin Elisabeth Elliot, die mein Denken wirklich verändert hat. Ich möchte die Andacht so gut ich kann mit meinen eigenen Worten wiedergeben: Howard sagte, man solle auf den Tempel schauen. Gott plante jedes noch so kleine Detail am Tempel (oder der Stiftshütte), und alles ist genau nach seinen Vorgaben gestaltet. Wenn du aber ins Innerste gelangst – was im gewissen Sinne das Zentrum des Universums und der Wirklichkeit ist – was siehst du dann? Kein Bildnis. Es gibt kein Bildnis, vor dem man sich niederknien könnte. Tatsächlich findet man dort laut Howard nicht einmal eine Person; stattdessen wird ein Ereignis dargestellt. Denn im Zentrum der Wirklichkeit ist eine goldene Deckplatte auf der Bundeslade, der Gnadenstuhl, die über dem Gesetz, worauf das Opferblut gesprenkelt wird, liegt. Dadurch sagt uns Gott, dass das Herzstück der Wirklichkeit, das Herzstück der Schöpfung und der Erlösung „Mein Leben für deines“ ist.

Mein Leben für deines

Die Sünde lässt uns nach folgendem Muster denken: „Dein Leben für meines. Ich lasse dich für mich, für meine Interessen, für mein Selbstbild zahlen. Du musst deine Bedürfnisse opfern, um meinen zu dienen.“ Aber Jesus Christus kam in die Welt und sagte: „Mein Leben für deines. Mein Leben, um dir zu dienen. Mein Leben, ausgegossen für dich. Ich opfere mich für dich auf.“ Das sind die beiden Möglichkeiten, wie du dein Leben leben kannst und jeden Tag – jede Stunde – entscheidest du dich nach einem dieser Prinzipien zu leben.

„Echte Liebe ist ein stellvertretendes Opfer– mein Leben für dein Leben.“

 

Eltern kennen das. Du hast deinen Tag wunderbar geplant, doch dann kommt etwas dazwischen. Dein Kind wird krank, benötigt irgendetwas oder bricht in Tränen aus – und du müsstest jetzt wirklich Zeit mit deinem Kind verbringen. Wofür entscheidest du dich? Du kannst sterben und sagen „Mein Leben für deines.“ Du kannst dich gewissermaßen für das Kind aufopfern und deinem Kind dadurch helfen, geliebt aufzuwachsen. Mit anderen Worten: Du stirbst, damit dein Kind leben kann. Oder aber du opferst nichts. Es ist möglich, dass du in deinem Elternleben niemals etwas aufopferst. Du kannst ständig sagen: „Sorry, ich habe meine eigenen Bedürfnisse, ich habe meinen eigenen Zeitplan, ich habe meine eigenen Ziele und du wirst mir nicht im Weg stehen“ – und dein Kind wird nicht heile aufwachsen.

Echte Liebe ist ein stellvertretendes Opfer – mein Leben für deines. Und genau das ist es, was Paulus uns hier mitgeben möchte: „Du kannst dein Leben und deine Beziehungen nach diesem Prinzip führen: mein Leben für deines. Oder du kannst den alten Weg gehen, den eitlen Weg – dein Leben für meines.“

Tim Keller ist Gründer der Redeemer Presbyterian Church (PCA) in Manhattan (USA), Vorsitzender des Redeemer City to City-Netzwerkes und Vizepräsident der Gospel Coalition (TGC). Er hat zahlreiche Bücher geschrieben, darunter Warum Gott? (5. Aufl., 2013) und Glauben wozu? (2019). Er und seine Frau Kathy haben drei Kinder.