Warum beten, wenn Gott alles souverän führt?

Das inständige Gebet des Gerechten

Artikel von Douglas Kelly
16. Januar 2020 — 17 min Lesedauer

Unser herrlicher, souveräner Gott beherrscht und kontrolliert das Universum auf eine Weise, die die Gebete seiner Heiligen einschließt, um seine ewigen Ratschlüsse zu erfüllen. Deshalb gebraucht er souverän ihre Gebete, um seine vorherbestimmten Segnungen eintreffen zu lassen und zeigt dadurch seine Herrlichkeit in, durch und über alle Dinge. Die Bibel lehrt klar und deutlich, dass Gott vollkommen souverän über jeden sichtbaren sowie unsichtbaren Aspekt der Wirklichkeit ist und dass er seinen vorherbestimmten Plan auf besondere Weise durch die Fürbitte der Kirche ausführt.

Während der begrenzte menschliche Verstand niemals völlig in der Lage ist, genau zu verstehen, wie diese zwei biblischen Wahrheiten zusammenpassen (d.h. die göttliche Souveränität und das wirksame Gebet des Glaubens), ist es genau dann, wenn beide Wahrheiten im Glauben zusammengehalten werden, dass das mächtigste Gebet "hervorkommt und die Herrlichkeit Gottes herabsteigt. Das führt uns zu einem wesentlichen Prinzip: Wahre Frömmigkeit macht niemals die Grenzen unseres Verstandes zum Maß für das, was sie glaubt und praktiziert, sondern hält an allem fest, was die Bibel lehrt, selbst wenn die Kombination mancher Wahrheiten geheimnisvoll ist. Zum Beispiel werden die Einheit und Dreifaltigkeit Gottes, die zwei Naturen Christi in einer Person und die Beziehung zwischen der Vorherbestimmung und dem wirksamen Gebet in der Bibel als verknüpfte Realitäten gelehrt, aber die Heilige Schrift geht nicht genauer darauf ein, wie sie zwei Seiten ein und derselben Wahrheit sein können. Vielleicht bräuchte es mentale Kapazitäten so groß wie die von Gott, um alles zu verstehen, aber das ist nicht unsere Aufgabe.

Stattdessen ist es unse Haltung, alles, was die Bibel zusammengefügt hat, fröhlich anzunehmen und in unserem Glauben und unserer Praxis zusammenzuhalten. Aus dieser Art intelligenter Unterordnung unter Gottes Wahrheit fließt ein fruchtbares Leben und die Erweiterung des Reiches Gottes.

Betrachten wir zwei Beispiele für diese wahre Frömmigkeit, die beide Seiten einer in der Bibel gelehrten Wahrheit (nämlich Gottes Souveränität und die Notwendigkeit des Gebets der Gläubigen), zusammenhält und dies zur Grundlage ihres Handelns macht. Ein Beispiel entstammt dem Alten Testament und eines dem Neuen.

Das Gebet Daniels

In Daniel 9,2 hatte der Prophet Jeremia 25 studiert und begriffen, dass Gott verheißen hatte, sein gezüchtigtes Volk nach siebzig Jahren Gefangenschaft in Babylon wieder nach Jerusalem zurückzuführen. Daniel (der als junger Mann von Jerusalem nach Babylon verschleppt worden war) zählte seine Jahre in dieser heidnischen Kultur und realisierte, dass sich Gottes vorherbestimmte Zeit näherte. Es würde bald Zeit sein, nach Hause zu kommen. Das, so könnten wir sagen, war die Seite der Souveränität Gottes, einschließlich seines vorherbestimmten Planes und seiner unveränderlichen Verheißungen.

Weil Daniel so fest glaubte, dass die göttlich inspirierten Vorhersagen Jeremias unbedingt eintreffen mussten, begann der alternde Heilige mit tiefer Leidenschaft dafür zu beten, dass Gott seine Verheißungen erfüllt. Er dachte gar nicht daran, sich zurücklehnen und nichts zu tun, nur weil Gott einen festgesetzten Plan hatte. Im Gegenteil, der Prophet verstand, dass die Verheißungen Gottes an sein Volk gegeben worden waren, damit sie für ihre Erfüllung beten können. Wie C.H. Spurgeon einmal schrieb, ist wirksames Gebet im Grunde das Ausrufen zu Gott: „Herr, tu wie du gesagt hast!“ Und das ist genau das, was Daniel tat (siehe Dan 9,3–19).

Es gibt weder Hinweise darauf, dass Daniel den Herrn fragte, warum er seine Verheißungen nicht direkt ausführte, ohne durch die Gebete der Heiligen zu wirken. Noch argumentierte er, dass Gott die Gebete der Gläubigen gar nicht braucht, um seine göttliche Kraft einzusetzen und Siege zu erlangen. Kapitel 10 des Buches Daniels zeigt, dass Daniel drei Wochen lang fastete und betete, weil er sicher war, dass seine Gebete Teil von Gottes Plan waren, seine Segensverheißungen an Israel zu erfüllen. Der Engel sagte Daniel, dass seine Gebete für die fest bestimmten Segnungen Gottes über Israel gebraucht wurden, um eine Schlacht gegen unsichtbare böse Mächte zu gewinnen, die versuchten, die Ausführung der Verheißungen Gottes für sein weggeführtes Volk zu erfüllen (siehe Dan 10,2–14).

Wenn die Gläubigen beten, dass Gott seine Verheißungen erfüllt, dann passiert Größeres, als sie sich jemals vorstellen können. Ihre Gebete erreichen Gebiete, zu denen sie niemals hingegangen sind, und bringen Veränderungen in Reichen, von denen sie sich kaum bewusst waren, dass sie existieren. Das mag ein Teil von dem sein, was Gott meinte, als er uns durch Jeremia lehrte: „Rufe mich an, so will ich dir antworten und dir große und unbegreifliche Dinge verkünden, die du nicht weißt“ (Jer 33,3).

Das Gebet der Heiligen in der Offenbarung

Das Neue Testament zeigt mit gleicher Klarheit, wie die Souveränität Gottes das Gebet als einen zentralen Aspekt bei ihrer siegreichen Umsetzung umfasst. In Offenbarung 6 sehen wir die Heiligen, die für ihren Glauben gestorben sind, wie sie nun in der Herrlichkeit des Himmels in wunderschöne weiße Roben gekleidet sind, und beim Herrn Fürbitte tun, damit er seine leidende Kirche auf Erden rächt und segnet (Offb 6,10). Der Herr reagiert sanft auf ihre Bitten und sagt ihnen, dass er dies zwar gewisslich tun wird, sie aber eine Weile warten müssen, bis der richtige Moment dafür gekommen ist (Offb 6,11). Nur zwei Kapitel später wird dann die Fürbitte der Heiligen direkt erhört. Anscheinend kam die Fürbitte anderer Heiliger zu dieser Zeit zu denen aus Kapitel 6 hinzu. Jetzt hatte das kombinierte Gebet vieler Heiliger erfüllt, was Gottes souveräner Plan bezweckt hatte und indem die Gebete der Heiligen zu Gott aufstiegen (Offb 8,4), warf der Engel Feuer auf die Erde (Offb 8,5) und bewirkte, dass großes Gericht auf die Feinde des Herrn fiel.

Gott hört and beantwortet jedes Gebet, das seinem ewigen Plan entspricht. Er gebraucht diese Gebete, um sowohl spezifische Segnungen als auch Gerichte zu aktivieren, die in seinem Bundesziel enthalten sind. Aber Gott allein behält die Kontrolle darüber, wann die vorherbestimmte Zeit erreicht ist, um die Einzelheiten seines Plans auf den Flügeln der Gebete seines Volkes zu erfüllen, die darum bitten, dass der Herr seine Verheißungen erfüllt. Daniel musste drei Wochen beten; die Heiligen in der Offenbarung mussten für eine unbestimmte Zeit warten. Aber vielleicht kann man sich ihre Gebete wie den Sand vorstellen, der auf die untere Seite eines Stundenglases rieselt. Ihre Gebete werden von Gott vorbereitend gebraucht, damit seine Kraft zum festgesetzten Zeitpunkt auf der Erde zum Ausdruck gebracht wird.

Bete, auch wenn die Erfüllung auf sich warten lässt!

Der Herr Jesus Christus, der ewige Sohn Gottes im Fleisch, der „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ ist, und dem „alle Gewalt im Himmel und auf Erden“ anvertraut worden ist, lehrte uns genau das. In Lukas 18,1–8 ermutigt Jesus sein Volk, genau dann im Gebet auszuharren, wenn sie anscheinend keine Antwort erhalten, indem er von einer Witwe erzählt, die immer wieder zu einem ungerechten Richter ging, bis dieser letztendlich nachgab. Jesus schließt ab, indem er sagt: „Gott aber, sollte er das Recht seiner Auserwählten nicht ausführen, die Tag und Nacht zu ihm schreien, und sollte er es bei ihnen lange hinziehen? Ich sage euch, dass er ihr Recht ohne Verzug ausführen wird.“ (Lk 18,7–8a)

Mit den Worten von Andrew Murray: „Lasst keinen Aufschub euren Glauben erschüttern. Für den Glauben gilt: zuerst der Halm, danach die Ähre, dann der volle Weizen in der Ähre. Jedes glaubende Gebet bringt einen Schritt weiter zum endgültigen Sieg. Jedes glaubende Gebet hilft, um die Frucht reifen zu lassen und uns ihr näher zu bringen; es füllt das Maß des Gebets und des Glaubens auf, das nur Gott kennt; es überwindet die Hindernisse in der unsichtbaren Welt; es beschleunigt das Ende. Kind Gottes! Gib dem Vater Zeit. Er ist langmütig mit dir. Er möchte, dass der Segen reich und voll und gewiss ist; gib ihm Zeit, während du Tag und Nacht zu ihm rufst. Gedenke nur dem Wort: ‚Ich sage euch: Er wird ihnen schnell Recht schaffen!‘“

Weil Gott souveräne Macht über alle Dinge ausübt, ist er fähig und entschlossen, die Bitten seiner Erwählten zu erfüllen. Das ist der Weg, wie er seinen vor aller Ewigkeit beschlossen Plan in der Zeit ausführt. Er offenbart seinem Volk seine Verheißungen; er schafft Glauben in ihren Herzen, um diesen Verheißungen zu vertrauen; er führt sie in schwierige Umstände, in denen sie beten müssen; und er sendet seinen Geist aus, um sie dazu anzuregen (siehe Röm 8,14–16).

Deshalb stimmt es, dass viel Gebet viel Segen erwarten lässt. Wenn es hingegen wenig Gebet gibt, können wir wenig Segen erwarten. Aber das macht die Zukunft nicht im Geringsten unsicher oder Gott zum Gefangenen gebetsloser Christen. Er weiß genau, wie er sie dazu bringt, damit sie so beten, dass seine Segnungen und Gerichte entsprechend seines Zeitplans erfüllt werden.

Ein Puritaner sagte einmal: „Die Gebete der Heiligen sind der Anfang der Ausführung der vorherbestimmten Ratschlüsse Gottes.“ Unsere Aufgabe als Gläubige ist es nicht, die geheimen Ratschlüsse Gottes zu entschlüsseln, als ob wir die Zukunft vorhersagen könnten. Wir sollten vielmehr beständig am Thron der Gnade sein, um seine Verheißungen einzufordern. Das wird unser vorherbestimmter Teil sein, die Zukunft mitzugestalten, denn „was verborgen ist, das steht bei dem HERRN, unserem Gott; was aber geoffenbart ist, das ist ewiglich für uns und unsere Kinder bestimmt, damit wir alle Worte dieses Gesetzes tun“ (5Mo 29,28).