Die Wirkung von Geschichten

Worauf es im Kindergottesdienst ankommt

Artikel von Sally Lloyd-Jones
9. Januar 2020 — 10 min Lesedauer

Fast über Nacht wurde meine achtjährige Nichte zu einem ängstlichen, schüchtern Kind, das so leise redete, dass man sie kaum hören konnte. Sie war bis dahin immer ein lebendiges kleines Mädchen und man hörte sie ständig Lieder trällern. Nun war es, als ob sie buchstäblich ihre Stimme und ihr Selbst verloren hätte. Der Grund dafür, wie ich herausbekam, lag darin, dass sie an der Schule schikaniert wurde.

Sie sagte mir später, dass sie dachte, dass sie das Probleme lösen könnte, wenn sie versuchen würde, nicht länger sie selbst zu sein. Das brach mir das Herz. Ich wünschte, sie hätte ein Buch gehabt, das sie vor der Schule lesen konnte, um zu hören, was Gott über sie sagt, nicht die Mitschüler. Also schrieb ich eins – es heißt Gott hat dich lieb Andachten und ist zu einem Buch der Hoffnung für Kinder geworden.

Kinder sehen zu uns herauf und erwarten alles von uns. Aber haben wir bei allem, was wir ihnen geben, nicht vergessen, ihnen Hoffnung zu geben? Haben wir sie in Verzweiflung gebracht, indem sie auf das schauen, was sie tun sollen, aber was sie nicht schaffen und indem sie darauf schauen, wer sie sein sollten, es aber nicht sind?

„Wir brauchen keinen Moralkodex – wir brauchen einen Retter.“

 

Wie können wir Kindern Hoffnung geben?

Wir geben ihnen Hoffnung, indem wir ihnen helfen, den Fokus von sich selbst weg zu lenken und wieder auf Gott zu richten. Wir geben ihnen Hoffnung, indem wir ihnen diese Wahrheiten weitergeben:

  • Gott hält die Ozeane in seiner Hand. Wenn er das kann, kann er auch dich halten.
  • Wenn Gott sich um den kleinsten Spatz sorgt – wieviel mehr muss er sich um dich, sein Kind, sorgen.
  • Wenn Jesus den Sturm auf einem See stillen kann, kann er auch den Sturm in deinem Herzen stillen.
  • Gott sieht nicht nur, wer du jetzt bist – sondern auch, zu wem er dich machen wird.

Wir geben Kindern Hoffnung, wenn wir ihnen sagen, was am wichtigsten ist.

Sie brauchen nicht zu hören, dass sie sich mehr anstrengen, mehr glauben oder es besser machen müssen. Das bringt sie nur in Verzweiflung. Für sich selbst betrachtet bringen uns moralische Appelle immer in Verzweiflung. Wir können sie nie erreichen. Wir brauchen keinen Moralkodex – wir brauchen einen Retter.

Wenn ich in Gemeinden gehe und mit Kindern rede, stelle ich ihnen zwei Fragen: Erstens, „wie viele von euch denken manchmal, dass man gut sein muss, damit Gott dich liebt?“ Sie heben zögerlich ihre Hände. Ich hebe mein Hand auch. Zweitens, „wie viele von euch denken manchmal, dass, wenn wir nicht gut sind, Gott aufhört, uns zu lieben?“ Sie schauen sich um und heben wieder ihre Hände.

Das sind Kinder aus dem Kindergottesdienst, die die Bibel kennen, und doch haben sie irgendwie das wichtigste von allem verpasst. Sie haben verpasst, worum es in der Bibel eigentlich geht. Sie sind Kinder, wie ich es einmal war. Ich dachte, dass Gott mich nicht lieben könnte, weil ich es nicht richtig machte.

Teil der Geschichte Gottes werden

Wie können wir ihnen helfen? Was können wir tun? Wir können Kindern beibringen, dass sich die Bibel nicht um sie dreht.

Die Bibel dreht sich nicht nur um sie und was sie tun sollten. Sie dreht sich um Gott und was er getan hat. Sie ist nicht nur ein Regelbuch, das uns sagt, wie wir uns verhalten sollen, damit Gott uns liebt. Es ist nicht nur ein Heldenbuch, das uns Menschen zeigt, die wir nachahmen sollen, damit Gott uns liebt.

Vor allem ist die Bibel eine Geschichte – die Geschichte davon, wie Gott seine Kinder liebt und kommt, um sie zu retten. Und egal was es ihn kostet – Gott wird niemals aufhören, seine Kinder mit einer wunderbaren, nie aufhörenden Liebe zu lieben. Erzählen wir Kindern diese Geschichte – oder bringen wir ihnen nur eine Lektion bei?

Meine Nichte brauchte keine weitere Lektion. Was sie brauchte, war zu wissen, dass sie geliebt ist – mit einer wunderbaren, nie aufhörenden Liebe. Sie brauchte eine Einladung, Teil dieser Geschichte zu werden. Sie brauchte eine Begegnung mit dem Helden, um Teil seiner großartigen Geschichte zu werden. Regeln verändern dich nicht. Aber diese Geschichte – Gottes Geschichte – tut es.

Die Wirkung von Geschichten

Wie vermitteln wir Kindern also eine Liebe zu Gott? Einfach, indem wir ihnen diese Geschichte erzählen – die Geschichte, wie Gott seine Kinder liebt und kommt, um sie zu retten. Indem wir sie gut erzählen. Indem wir sie treu erzählen. Indem wir sie einfach erzählen. Indem wir sie erzählen, ohne sie zu verkürzen. Indem wir sie erzählen, ohne sie zu Tode zu erklären. Indem wir sie erzählen, ohne sie mit einer moralischen Lektion zu verbinden.

„Die Wirkung einer Geschichte steckt nicht in der Lektion. Die Macht einer Geschichte ist die Geschichte selbst.“

 

Geschichten lehren Wahrheit nicht konfrontativ. Sie zwingen dich nicht. Sie argumentieren nicht mit dir, damit du ihnen glaubst. Sie existieren einfach. Die Wirkung einer Geschichte besteht nicht darin, etwas zusammenzufassen, einzutrichtern oder auf abstrakte Vorstellungen zu reduzieren. Die Wirkung einer Geschichte steckt nicht in der Lektion. Die Macht einer Geschichte ist die Geschichte selbst.

Als Gott den Propheten Nathan zum König David sandte (2Sam 12,1-4), konfrontierte Nathan David nicht mit einer Predigt, sondern erzählte ihm eine Geschichte. David war nicht darauf vorbereitet. Die Geschichte überwand seine Abwehrmechanismen.

Das ist es, was eine wahre Geschichte tut – sie kommt nicht auf direktem Wege zu dir und provoziert einen Verteidigungswall. Sie kommt von der Seite und ergreift dein Herz.