Die Geschichte der Bundestheologie

Artikel von Scott Clark
7. Januar 2020 — 16 min Lesedauer

Bis vor kurzem wurde allgemein vertreten, dass die Bundestheologie in der Mitte des 17. Jahrhunderts von Theologen wie Johannes Coccejus (1603 – 1669) kreiert wurde. Aber die Bundestheologie ist nichts Geringeres als die Theologie der Bibel. Es ist auch die Theologie der reformierten Glaubensbekenntnisse. In der Geschichte der Theologie haben die Elemente, die wir als Bundestheologie kennen – der Bund der Erlösung zwischen den Personen der Dreieinigkeit in der ewigen Vergangenheit, der Bund der Werke mit Adam und der Bund der Gnade nach dem Sündenfall – alle seit der frühen Kirche existiert.

Die Kirchenväter

Ja, es wird reformierte Leser, die sich den frühen Kirchenvätern zuwenden (ca. 100 – 500 n.Chr.), überraschen zu sehen, wie oft sie Sprache und Gedankenmuster vorfinden, die uns sehr bekannt vorkommen. Die Bundestheologie der Väter betonte die Einheit des Gnadenbundes, die Überlegenheit des neuen Bundes über den alten (mosaischen) Bund, und dass alle Christen Abrahams Kinder sind, weil Jesus der wahre Same Abrahams ist, unabhängig davon, ob die einzelnen Personen jüdisch oder nicht-jüdisch sind. Sie betonten auch die moralischen Pflichten als Teil der Mitgliedschaft im Bund der Gnade.

Die zwei Gesetze in der Kirche des Mittelalters

Die Bundestheologie der mittelalterlichen Kirche (ca. 500 – 1500 n.Chr.) wies Kontinuitäten zu der Theologie der frühen Kirchenväter auf, hatte aber einige Besonderheiten. Aufkommende Kritik, das Christentum würde der Unmoral Vorschub leisten, führte in der frühen Kirche dazu, über die Heilsgeschichte als der Geschichte von zwei Gesetzen zu reden: Das alte Gesetz (Mose) und das neue Gesetz (Christus). Von der Gnade wurde als Kraft gesprochen, die den Einzelnen befähigt, das Gesetz zu halten und so gerechtfertigt zu werden.

Diese Tendenz nahm im Mittelalter weiter zu. Die wichtigsten Theologen argumentierten, dass Gott Menschen nur gerecht sprechen kann, wenn diese tatsächlich innerlich gerecht sind. Den Sündern wurde Gnade „eingegossen“; mit dieser Gnade sollten sie „kooperieren“, um so letztlich zu Heiligen zu werden. Bei diesem Ansatz entspricht die Heiligung der Rechtfertigung, der Glaube dem Gehorsam und der Zweifel gehört zum Wesen des Glaubens.

Im Mittelalter wurde das Wort „Bund“ synonym zum Wort „Gesetz“ gebraucht. Sie redeten nicht wie wir von einem Bund der Werke und einem Bund der Gnade. Stattdessen befähigte die Gnade des Bundes einen Menschen dazu, das Gesetz zu halten.

Spät in der mittelalterlichen Zeitepoche fingen einige Theologen an, die Vorstellung zu vertreten, dass Gott eine gewisse Gnade an alle Menschen gegeben und einen Bund geschlossen habe, sodass er „denen seine Gnade nicht versagt, die das tun, was in ihnen ist“. Gott hilft also denen, die sich selbst helfen. Die einsetzende Reformation bezog sich dementsprechend nicht nur auf die Bundestheologie der frühen Kirchenväter, sondern führte zugleich einen großangelegten Krieg gegen die Bundestheologie der mittelalterlichen Kirche.

Die Reformation

Als er die mittelalterliche Lehre der Errettung als Kooperation mit der Gnade verwarf, lehnte Martin Luther (1483 – 1546) damit auch das Verständnis der Heilsgeschichte in den Kategorien eines alten und eines neuen Gesetzes ab. Er kam zu der Erkenntnis, dass die ganze Schrift auf zwei Arten spricht, vom Gesetz und vom Evangelium. Das Gesetz verlangt vollkommenen Gehorsam und das Evangelium verkündigt den Menschen den vollkommenen Gehorsam Christi gegenüber dem Gesetz, seinen Tod und seine Auferstehung.

Nicht lange nachdem Luther zu diesen Ansichten gekommen war, reformierten andere bereits die Bundestheologie nach protestantischem Vorbild. In den frühen 1520er Jahren lehrte der Schweizer und reformierte Theologe Johannes Oekolampad (1482 – 1531) das, was später als der „Bund der Erlösung“ zwischen dem Vater und dem Sohn in der ewigen Vergangenheit bekannt wurde. Er unterschied auch zwischen dem Bund der Werke als einem Gesetzesvertrag und dem Bund der Gnade als einem gnädigen Bund. Ein paar Jahre später veröffentlichte Heinrich Bullinger (1504 – 1575) das erste protestantische Buch, welches der Erklärung des Bundes der Werke gewidmet war. Wie die frühen Kirchenväter betonte dieses Werk die Gnade und die Einheit des Bundes der Gnade.

Johannes Calvin (1509-1564) hatte eine fundierte Bundestheologie und lehrte die wesentlichen Inhalte der weiter entwickelten Bundestheologie, darunter den Bund der Erlösung in der Ewigkeit, den Bund der Werke vor dem Sündenfall und den Gnadenbund nach dem Sündenfall.

Die Theologen nach Calvin bzw. nach der Reformation standen vor großen Herausforderungen, unter anderem einer wiederauflebenden römischen Kirche, dem Arminianismus und dem hypothetischen Universalismus („Amyraldismus“), die sie zwangen, eine detailliertere Bundestheologie zu formulieren. Sie mussten nicht nur die Heilsgeschichte erklären, sondern auch, wie diese mit unserem Verständnis davon zusammenhängt, wie Sünder gerechtfertigt und geheiligt werden.

Das Zeitalter der Konfessionalisierung

Die reformierten Theologen in Heidelberg taten dies, indem sie die Fäden der früheren Protestanten zusammenwoben. Zwei der wichtigsten reformierten Bundestheologen des späten 16. Jahrhunderts waren die Hauptverfasser des Heidelberger Katechismus (1563): Zacharia Ursinus (1534 – 1583) und Caspar Olevian (1536 – 1587). Ursinus begann seine Bundestheologie mit dem Bund der Werke, in dem Adam einen Zustand der ewigen Seligkeit erlangt hätte, wenn er dem Gesetz gehorsam gewesen wäre. Die Übertretung dieses Gesetzesbundes aber bedeutete ewige Bestrafung.

Nach Ursinus erfüllte Christus in seinem Gehorsam für die Erwählten den Bund der Werke und trug ihre Strafe. Auf dieser Grundlage schloss Gott einen Bund der Gnade mit Sündern. Die Botschaft des Bundes der Gnade ist das Evangelium der unverdienten Gnade für Sünder.

Das stand auch im Fokus des einflussreichen Buches von Caspar Olivian mit dem Titel De substantia foederis gratuiti inter Deum et electos (1585). Er lehrte, dass der Bund der Gnade in einem weiteren und in einem engeren Sinn betrachtet werden kann. Im engeren Sinn kann gesagt werden, dass der Bund nur mit den Erwählten geschlossen wird. Es sind die Erwählten, die mit Christus aus Gnade allein verbunden sind, durch Glauben allein, in Christus allein, und die dadurch streng genommen die einzigen sind, die die Wohltaten des Bundes erfahren.

Da jedoch Gott allein weiß, wer die Erwählten sind, kann der Bund der Gnade in seiner Anwendung weiter gefasst werden und auf alle Getauften angewendet werden. Deshalb taufen wir Presbyterianer Kinder auf der Grundlage des göttlichen Gebotes und der göttlichen Verheißung und wir betrachten diese bereits vor dem Glaubensbekenntnis als Bundeskinder und alle, die ein glaubwürdiges Glaubensbekenntnis ablegen, als Christen, bis sie das Gegenteil beweisen. Diejenigen, die nur auf diese weitere Weise in dem Bund sind oder nur äußerlich gesehen, empfangen manche Wohltaten des Bundes (Hebr 6,4–6), aber sie empfangen nicht, was Olivian das „Wesen des Bundes“ nannte oder den „doppelten Nutzen“ des Bundes: Rechtfertigung und Heiligung. Nur die Erwählten erlangen durch Gnade allein und durch Glauben allein den „doppelten Nutzen“ des Bundes der Gnade.

Zwei der am stärksten entwickelten Bundestheologien des 17. Jahrhunderts waren die von Johannes Coccejus (1609 – 1669) und Hermann Witsius (1636 – 1708). Sie lehrten die Bündnisse der Erlösung, der Werke und der Gnade und sie gebrauchten die biblischen Bündnisse als Mittel, um die Heilsgeschichte zu strukturieren. Die meisten anderen reformierten Theologen in Europa und Großbritannien lehrten Theologie unter Verwendung der gleichen Kategorien. Das war auch die Bundestheologie des Westminster-Bekenntnisses und der Katechismen.

In der Moderne

Die konfessionellen reformierten Theologen der Moderne(z.B. die Princeton-Theologen) folgten der Grundstruktur der Bundestheologie aus der Zeit der Reformation und danach. Dennoch gab es seit dem neunzehnten Jahrhundert erhebliche Verwirrung über die Bundestheologie. Manches davon stammt aus der Feder des Schweizer Theologen Karl Barth (1886 – 1968). Er lehnte viel aus der klassischen Bundestheologie als gesetzlich, „scholastisch“ und unbiblisch ab. Historisch gesehen muss viel von der restlichen Bundestheologie des 20. Jahrhunderts auch als eigenwillig angesehen werden. Zur Mitte des 20. Jahrhunderts hatten verschiedene einflussreiche reformierte Theologen in den Niederlanden und in Nordamerika die Bündnisse der Erlösung und der Werke verworfen. Andere argumentierten, dass es keine Unterscheidung zwischen eng und weit im Bund der Gnade gibt. Andere Revisionen oder Verwerfungen der orthodoxen Bundestheologie umfassen die sogenannte „Federal Vision“ Bewegung, die nicht nur den Bund der Erlösung verwirft; sie lehnt auch die Unterscheidung zwischen Gesetz und Evangelium sowie zwischen den Bunden der Werke und der Gnade ab. Für sie ist jede getaufte Person erwählt und durch die Taufe mit Christus verbunden, aber die Erwählung und Verbundenheit kann durch Unglauben verwirkt werden.

Zusammengefasst kann man sagen, dass es in der Kirchengeschichte immer eine Theologie der Bündnisse gegeben hat. Die Wiedergewinnung des Evangeliums und der biblischen Unterscheidung zwischen Gnade und Werke während der Reformationszeit erlaubte es der reformierten Theologie, eine detaillierte und fruchtbringende Bundestheologie zu entwickeln.

Die Experimente der Moderne, die den Bund der Erlösung und der Werke auflösen, haben den Bund der Gnade in einen Gesetzesbund verwandelt. Den Werkebund und den Gnadenbund miteinander zu verschmelzen, verwechselt das Gesetz mit dem Evangelium, was die grundlegende Besonderheit der Reformation und des Evangelium ist. Statt die reformierte Theologie gnadenreicher und christuszentrierter zu machen, wie ursprünglich gedacht, haben diese Veränderungen in Wirklichkeit zu einer egozentrischen Theologie geführt.

Es gibt jedoch ermutigende Zeichen. Neue biblische Forschungen haben die Aufmerksamkeit auf die Existenz antiker nahöstlicher Abkommen gelenkt, die die biblischen Bündnisse der Werke und der Gnade erhellen. Die Historische Theologie hat erneut die ursprünglichen Quellen der reformierten Bundestheologie studiert, was dabei hilft, die klassische und konfessionelle Bundestheologie des 16. und 17. Jahrhunderts in unserer heutigen Zeit wiederzuentdecken.