Bonhoeffer – Pastor, Agent, Märtyrer und Prophet

Rezension von Ron Kubsch
3. April 2012 — 2 Min Lesedauer

Eric Metaxas, Bonhoeffer: Pastor, Agent, Märtyrer und Prophet, Holzgerlingen: SCM Hänssler, 2011, 742 S., 29,95 €.

Dietrich Bonhoeffer wurde 1906 in Breslau geboren und starb am 9. April 1945 auf Hitlers Befehl mit nur 39 Jahren im Konzentrationslager Flossenbürg. Sein Leben blieb – wie sein schriftstellerisches Werk – Fragment. Trotzdem zählt Bonhoeffer zu den meistgelesenen deutschsprachigen Theologen des 20. Jahrhunderts. Seine Sprache wirkt immer noch frisch und kraftvoll. Die einzigartige Verknüpfung von Leben, Theologie und Widerstandskampf weckt auch im 21. Jahrhundert bei vielen Menschen Neugier und Bewunderung.

Das meiste, was wir über Bonhoeffer wissen, geht auf Eberhard Bethge zurück. Der langjährige Freund Bonhoeffers hat nach dem 2. Weltkrieg hauptverantwortlich die 17-bändige Werkausgabe besorgt und 1967 eine bedeutende 1080 Seiten umfassende Bonhoeffer-Biografie vorgelegt. Ferdinand Schlingensiepen, ein Freund Betghes und Mitbegründer der Dietrich-Bonhoeffer- Gesellschaft, publiziert 2005 eine gestraffte Biografie und konnte dabei auf inzwischen neu herausgegebenes Material zurückgreifen. 2010 ist das Buch Bonhoeffer des New Yorker Journalisten Eric Metaxas erschienen, das nun bei SCM Hänssler in einer deutschen Übersetzung veröffentlicht wurde.

Der ausgewiesene Bonhoeffer-Experte Rainer Mayer stellt im Vorwort der von ihm betreuten deutschen Ausgabe Metaxas als glänzenden Erzähler vor. „Sein Werk ist weder ein Roman noch eine wissenschaftliche Abhandlung; aber es liest sich spannend wie ein Roman und ist, die Fakten betreffend, auf wissenschaftlicher Höhe“ (S. 14). Tatsächlich liegt die Stärke des Buches im fesselnden Erzählstil. Indem der Autor die Lebensumstände Bonhoeffers anschaulich schildert und viele Zeitzeugen zu Wort kommen lässt, wird der Leser an für Bonhoeffer prägendende Phasen und Konfliktsituationen herangeführt. Er lernt den Pfarrer als sympathischen, wissensdurstigen und mutigen Menschen kennen. Das liest sich so mitreißend, dass man gelegentliche Ungenauigkeiten bei der Schilderung historischer Ereignisse verzeiht. Besonders überzeugt das 7. Kapitel, in dem der Biograf Bonhoeffers Zeit in Amerika schildert.

Metaxas ist sehr bemüht, Bonhoeffer als bekenntniskonformen Theologen darzustellen. In einem Interview erklärt er: „Bonhoeffer ist mehr als alles andere ein theologisch konservativer Protestant. Er war genauso orthodox wie Paulus oder Jesaja, den gesamten Lebensweg über, angefangen von seiner Teenagerzeit bis hin zu seinem letzten Tag auf Erden“ (Christianity Today, 54/7, 2010). Dass es gute Gründe dafür gibt, in Bonhoeffer einen unbequem orthodoxen Theologen zu sehen, haben z. B. Rainer Mayer (Christuswirklichkeit, 1980 u. Dietrich Bonhoeffer, 2006) oder Georg Huntemann (Der andere Bonhoeffer, 1989) mit ihren Veröffentlichungen gezeigt. Metaxas selbst erörtert Bonhoeffers Ringen um feste theologische Positionen angesichts der „mündig gewordenen Welt“ jedoch nur oberflächlich. Hier hätte ich mir eine gründlichere Auseinandersetzung mit dem Mann, „der doch noch das Erbe der liberalen Theologie in sich trägt“ (so B. am 3.8.1944 in einem Brief an Bethge), gewünscht. Metaxas ist kein Theologe. Der Name „Rudolf Bultmann“ kommt im Namensregister seines Buches nicht vor, obwohl Bonhoeffer sich an dessen Programm der Entmythologisierung abgearbeitet hat („diese Mythologie (Auferstehung etc.) ist die Sache selbst!“). Auch evangelikale Autoren sollten die Gefahr eines „kreativen Missbrauchs“ Bonhoeffers nicht unterschätzen.

Allerdings will Bonhoeffer: Pastor, Agent, Märtyrer und Prophet keine theologische Abhandlung, sondern spannend geschilderte Lebensgeschichte sein. Diese Aufgabe hat Metaxas gemeistert. Hoffentlich werden viele Leser durch das Buch angeregt, sich gründlich mit Bonhoeffer auseinanderzusetzen.

Ron Kubsch ist Studienleiter am Martin Bucer Seminar in München, Dozent für Apologetik und Neuere Theologiegeschichte sowie 2. Vorsitzender und Generalsekretär bei Evangelium21. Er bloggt seit über 12 Jahren unter TheoBlog.de und hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter Die Postmoderne (2007), und Der neue Paulus (2017). Seit 2009 ist er Schriftleiter der Zeitschrift Glauben und Denken heute. Ron ist mit Dorothea verheiratet. Sie haben drei erwachsene Kinder.