Geboren von einer Jungfrau

Artikel von Ron Kubsch
20. Dezember 2019 — 14 min Lesedauer

Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, dass im Dezember große Zeitschriften und Magazine den christlichen Glauben ins Lächerliche ziehen. In der Regel legen sie dabei viel Wert darauf, herauszukehren, dass der Glaube der Christen nicht mehr zeitgemäß sei. In unserer aufgeklärten und entzauberten Welt – so schreiben sie – seien so kümmerliche Vorstellungen, wie sie im Alten und Neuen Testament zur Menschwerdung von Jesus Christus zu finden sind, nicht mehr vermittelbar.

Doch nicht nur in den profanen Medien hören wir kritische Stimmen zur Geburt Jesu. Sogar im Raum der Kirche ist es längst üblich geworden, die historische Glaubwürdigkeit der Weihnachtsgeschichte infrage zu stellen. „Wenn man auf bestimmten Dogmen wie der jungfräulichen Empfängnis Jesu beharrt als wortgemäßer Glaube, dass ich das wörtlich so nehmen müsste, dann zeugt das ja von einem völlig unhistorischen Bibel- und Dogmenverständnis“, behauptete kürzlich Bischof Markus Dröge.

Und im Dezember 2016 plädierte der Pastor einer Freien evangelischen Gemeinde dafür, den Glauben an eine leibliche Jungfrauengeburt aufzugeben. In der Zeitschrift Christsein heute erklärte er: „So unbestreitbar die ‚Jungfrauengeburt‘ auch heute als Glaubensaussage sinnvoll und bedeutsam ist, so ist es keine Überraschung, dass sie im 21. Jahrhundert als eine biologische Aussage unvernünftig und kaum mehr haltbar geworden ist. Zumindest für alle, die im fortpflanzungstechnischen Sinne ‚aufgeklärt‘ wurden.“ Mit anderen Worten: Die Bedeutung des Wunders sei zwar überdauernd, aber die historische Wahrheit dahinter ohne Belang und außerdem aus der Sicht heutiger Wissenschaft unmöglich.

In Zitaten wie diesen begegnet uns eine Aufspaltung von Glauben und Wissen, wie sie uns aus der Jesusforschung bekannt ist. Der Christus des Glaubens ist göttlicher Erlöser, der historische Jesus ist ein einfacher Mensch. Warum diese Aufspaltung? Die Antwort ist simpel. Der aufgeklärte Mensch kann nicht mehr glauben, dass der historische Jesus und der Christus des Glaubens zusammengehören. Oder er kann nicht mehr akzeptieren, dass Maria durch den Heiligen Geist schwanger geworden ist. Wir sind heute klüger als die Menschen damals und wissen, dass es so nicht geschehen sein kann.

„Die Jungfrauengeburt erklärt daher, wie Christus sowohl Gott als auch Mensch sein konnte, weshalb er ohne Sünde war und das ganze Werk der Erlösung Gottes gnädiger Akt ist.“

 

Muss ein Christ an die Jungfrauengeburt glauben? Nun, es kann sein, dass jemand zu Christus findet und glaubt, dass er sein Erlöser und Herr ist, ohne überhaupt zu wissen, dass Jesus von einer Jungfrau geboren wurde. Ein blutjunger Christ ist in der Regel nicht mit der ganzen Bibel und dem umfangreichen Aufbau der christlichen Lehre vertraut. Er wird vielleicht erst später erfahren, dass die Evangelisten von einer Jungfrauengeburt berichten und dabei Prophezeiungen des Alten Testaments aufgreifen. Ein Christ, der diese Erzählungen kennt, wird allerdings die Jungfrauengeburt nicht mehr leugnen können. Denn wenn er sie abstreitet, ergeben sich Komplikationen von größter Tragweite (vgl. dazu Al Mohler, „Müssen Christen an die Jungfrauengeburt glauben?“).

Matthäus berichtet uns, dass, ehe Maria und Joseph „zusammengekommen waren“, Maria „vom Heiligen Geist schwanger wurde“ (Mt 1,18). Der Evangelist erklärt ebenfalls, dass dadurch in Erfüllung ging, was Jesaja verheißen hatte: „Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären; und man wird ihm den Namen ‚Immanuel‘ geben, das heißt übersetzt: ‚Gott mit uns‘“ (Mt 1,23; Jes 7,14). Lukas überliefert darüber hinaus weitere Details: Maria wurde von einem Engel besucht, der ihr erklärte, dass sie, wenngleich Jungfrau, das göttliche Kind gebären würde: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden“ (Lk 1,35).

Wenn Jesus nicht von einer Jungfrau geboren wurde, wer war dann sein Vater? Es gibt darauf keine Antwort, die das Evangelium unversehrt lässt. Joseph war ja nicht naiv. Er wusste, wie Frauen normalerweise schwanger werden. Wenn das, was die Evangelisten berichten, nicht stimmte, hätte sich Joseph entweder vorehelich mit Maria eingelassen oder aber das Kind wäre von einem anderen Mann gezeugt worden. Dann aber wäre die Geburtsstunde des christlichen Glaubens im Kern eine verlogene Geschichte. Nicht nur das. Wir dürfen nicht übersehen, dass Lukas und Matthäus die Zeugung durch den Heiligen Geist mit der Gottessohnschaft Jesu in Verbindung bringen. Die Jungfrauengeburt erklärt daher, wie Christus sowohl Gott als auch Mensch sein konnte, weshalb er ohne Sünde war und das ganze Werk der Erlösung Gottes gnädiger Akt ist. Wenn Jesus nicht von einer Jungfrau geboren worden wäre, hätte er nur einen menschlichen Vater gehabt. Da er aber vom Heiligen Geist gezeugt war, konnte der Erlöser sowohl Mensch als auch Gott sein und vollkommene Gerechtigkeit und Sühnung erwirken.

Dass Jesus sowohl Mensch als auch Gott war, wird daher in den neutestamentlichen Briefen vorausgesetzt. So spricht der Apostel Paulus davon, dass Jesus von einer Frau geboren wurde (vgl. Gal 4,4) und dem Fleische nach aus dem Geschlecht Davids stammt (vgl. Röm 1,3). Genauso beschreibt der Apostel ihn als Gott, der den Menschen gleich geworden ist und gehorsam bis zum Tod am Kreuz war (vgl. Phil 2,7–8). Besonders wichtig ist die Argumentation des Paulus im Römerbrief. In Römer 5 zeigt er auf, dass Adam, der erste Mensch, in einem bestimmten Sinn das Oberhaupt der Menschheit war, die der Sünde verfallen ist. Jesus ist hingegen der letzte Adam (vgl. 1Kor 15,45) und somit das Oberhaupt der zweiten Menschheit. Während der erste Adam die Verdammnis und den Tod gebracht hat, erreicht uns durch den letzten Adam die göttliche Gnade, Gerechtigkeit und das ewige Leben. „Wie nun durch die Sünde des Einen die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch die Gerechtigkeit des Einen für alle Menschen die Rechtfertigung gekommen, die zum Leben führt. Denn wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die Vielen zu Sündern geworden sind, so werden auch durch den Gehorsam des Einen die Vielen zu Gerechten“ (Röm 5,18–19).

Eine Leugnung der Jungfrauengeburt ist gleichbedeutend mit einer Leugnung von Jesus als dem Christus. Der Retter, der für unsere Sünden starb, war kein anderer als das Kind, welches vom Heiligen Geist gezeugt und von einer Jungfrau geboren wurde. Das ist eine frohe Botschaft. Denn alle, die Erlösung finden, werden durch das Sühnewerk dessen gerettet, der Gott und Mensch zugleich war. IHN, unseren Retter und König Jesus Christus, wollen wir in diesen Tagen ehren, so wie der Engel und die himmlischen Heerscharen, denen die Hirten damals begegnet sind:

„Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ (Lk 2,10–14)


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Ist die Jungfrauengeburt wirklich ein notwendiger Bestandteil der christlichen Lehrüberlieferung? Muss man nach heutigem Kenntnisstand dieses Dogma nicht aufgeben? Der Autor, Professor für Neues Testament am Theologischen Seminar Westminster in Philadelphia (USA), erörtert sieben Einwände gegen die Jungfrauengeburt von Jesus Christus. Er erklärt auch, warum diese Frage so wichtig ist und was über die Jungfrauengeburt tatsächlich in der Bibel steht. Der Autor zeigt alles in allem: Die Menschwerdung Jesu war ein einzigartiger Vorgang von herausragender heilsge- schichtlicher Bedeutung. Die biblische Überlieferung zu Jungfrauengeburt ist trotz vorgebrachter Einwände einleuchtend und vertrauenswürdig.

Brandon D. Crowe. Wurde Jesus von einer Jungfrau geboren? Fragen und Antworten zur Jungfrauengeburt. Dillenburg: CV, 2016. 48 S. 4,90 €. ISBN: 978-3-86353-339-7.

Ron Kubsch ist Studienleiter am Martin Bucer Seminar in München, Dozent für Apologetik und Neuere Theologiegeschichte sowie 2. Vorsitzender und Generalsekretär bei Evangelium21. Er bloggt seit über 12 Jahren unter TheoBlog.de und hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter Die Postmoderne (2007), und Der neue Paulus (2017). Seit 2009 ist er Schriftleiter der Zeitschrift Glauben und Denken heute. Ron ist mit Dorothea verheiratet. Sie haben drei erwachsene Kinder.