Das Opfer der Menschwerdung

Artikel von Kai Soltau
18. Dezember 2019 — 15 min Lesedauer

Als Christen sind wir überzeugt, dass es zu unserem Heil notwendig war, dass Gott Mensch werden musste. Dabei stellen wir uns seine Menschwerdung, insbesondere zur Weihnachtszeit, häufig eher idyllisch vor: die Hirten auf dem Felde, Maria und Joseph im schummrig erleuchteten Stall, das drollige Kindlein mit lockigem Haar in Windeln gewickelt in einer Krippe liegend.

Aber war es wirklich so idyllisch, wie es in Krippenspielen und auf Weihnachtskarten dargestellt wird? Nein, es geschah etwas in dieser Nacht, das allen menschlichen Verstand übersteigt. Denn Gott selbst wurde in dieser Nacht Mensch! Gott in Fleisch und Blut, wie du und ich. Wer kann das begreifen?

Martin Luther soll einmal in seinen Tischgesprächen gesagt haben: „Das Geheimnis der Menschheit Christi, dass er sich selbst in unser Fleisch versenkt hat, übersteigt allen menschlichen Verstand!“ Es übersteigt jegliche Vorstellung, wie das gewesen sein kann und wie das möglich war: Der Schöpfer des Menschen ist selbst Mensch geworden.

Paulus gibt uns im Philipperbrief einen kleinen Einblick in die Erniedrigung, die Entbehrung, das Opfer und den Selbstverzicht, den die Menschwerdung für Jesus Christus bedeutet hat (2,6–8a; LUT84):

Er, der in göttlicher Gestalt war,
hielt es nicht für einen Raub,
Gott gleich zu sein,
sondern entäußerte sich selbst
und nahm Knechtsgestalt an,
ward den Menschen gleich
und der Erscheinung nach
als Mensch erkannt.
Er erniedrigte sich selbst.

Was Paulus hier deutlich macht, ist, dass allein schon die Fleischwerdung Jesu ein unendliches Opfer gewesen ist, selbst wenn der Tod auf Golgatha nie stattgefunden hätte. Solch ein unendliches Opfer, die Entbehrung und Erniedrigung — und das alles für uns sündige Menschen — das übersteigt wirklich allen menschlichen Verstand!

In Vers 6 sagt Paulus: „Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein.“ Die Neues Leben Bibel paraphrasiert hier: „Obwohl er Gott war, bestand er nicht auf seinen göttlichen Rechten.“ Weiter sagt Paulus dann in Vers 7: „sondern er entäußerte sich selbst“, was die Neues Leben Bibel als „er verzichtete auf alles“ übersetzt. Paulus beschreibt also, dass es etwas im Himmel gegeben hatte, woran Jesus bei seiner Fleischwerdung nicht weiter festhielt. Es war etwas, worauf Jesus bereit war zu verzichten, auch wenn es für ihn ein unendliches Opfer bedeutete. Ohne Frage hat Jesus viel aufgegeben, um Mensch zu werden. Aber gab es etwas ganz Spezifisches, worauf Paulus hier anspielt?

Das Johannes-Evangelium gibt uns einen entscheidenden Hinweis. Am Ende seines irdischen Lebens betete Jesus das sogenannte „Hohepriesterliche Gebet“, in dem er zu Gott, dem Vater, für seine Jünger und engsten Nachfolger betete:

„Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue. Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.“ (Joh 17,4–5)

Wonach sehnt Jesus sich hier wohl zurück? Er bittet darum, dass der Vater ihn bei sich verherrlicht „mit der Herrlichkeit, die [er] bei [ihm] hatte, ehe die Welt war“. Diese Herrlichkeit ist nichts Geringeres als die innige, intime, inner-trinitarische Beziehung, die Gott, der Vater, Sohn und Heiliger Geist, seit Ewigkeit her — schon lange vor der Schöpfung — genossen haben. Es war die innige Beziehung der Liebe und gegenseitigen Verherrlichung, die den dreieinigen Gott in seinem tiefsten Wesen ausmacht. Es ist unbeschreiblich, was Jesus bei seiner Menschwerdung aufgegeben (bzw. ausgesetzt) hat!

C. S. Lewis gab einmal in einem Radio-Programm die folgende Veranschaulichung für die Menschwerdung Jesus. Vielleicht hilft uns dieses Bild, wenigstens einen kleinen Einblick davon zu erhalten, wie unendlich das Opfer und die Entbehrung Jesu Christi in seiner Menschwerdung waren.

„Zu deinen Füßen liegt dein Hund. Stell dir für einen Augenblick vor, dass dein Hund und alle Hunde sich in tiefstem Elend befinden. Einige von uns lieben Hunde sehr. Wenn es allen Hunden dieser Welt helfen würde, wie Menschen zu werden, wärest du dann bereit, ein Hund zu werden? Würdest du deine menschliche Beschaffenheit ablegen und all diejenigen, die dir lieb sind, hinter dir zurücklassen? Deine Arbeit, deine Hobbies, deine Kunst und Literatur und Musik aufgeben und dich entscheiden, statt mit denen, die dir lieb sind, enge Beziehungen zu pflegen, ihnen nur ins Gesicht zu schauen und mit dem Schwanz zu wedeln, ohne dabei lächeln oder reden zu können? Christus hat die Sache, die ihm am wichtigsten und wertvollsten in dieser Welt war, eingeschränkt, als er Mensch wurde: nämlich seine ungehinderte und ungestörte Gemeinschaft mit dem Vater. Gott ist in der Person Jesu Christi Fleisch geworden.“1

Dieser Vergleich hilft uns vielleicht, ein wenig nachzuvollziehen, was Jesus aufgegeben haben muss, um Mensch zu werden. Und doch sind wir versucht, selbst dieses Bild von dem Hund, der „uns zu Füßen liegt“, zu romantisieren. Wenn wir die Menschwerdung Jesu damit vergleichen, wie es für uns wäre, plötzlich Hund zu sein, sollten wir nicht das Bild eines Haustieres vor Augen haben — einem Hund, der in der warmen Stube liegt und der wohlgenährt und gepflegt ist. Wir sollten eher das Bild eines ausgesetzten Hundes vor Augen haben, der im Freien leben muss und von Menschen geschasst und verjagt wird.

John Hyde beschreibt in seiner Biographie Jesus als solch einen Hund. Hyde war ein Missionar in Indien, den Gott großartig verwendet hat, um eine unzählige Schar von Menschen zum lebendigen Glauben an Jesus Christus zu führen. John Hyde ist auch als „Praying Hyde“ (dt. „der Betende Hyde“) bekannt, denn er war ein Mann des Gebetes, der teilweise ganze Nächte im Gebet verbrachte. Sein evangelistischer Dienst war durch und durch von Gebet durchdrungen.

Ein gewisser Pengwern Jones hatte John Hyde einmal beobachtet, wie er einen ganzen Tag im Gebet verbracht hatte. Im Nachhinein erzählte ihm Hyde, was ihm an diesem Tag über Jesus Christus im Gebet bewusst geworden war. In der Biographie von John Hyde beschreibt Basil Miller diese Begebenheit wie folgt:

„Im Laufe der Erzählung zeigte Hyde ihm drei Dinge, die er in der geistlichen Erleuchtung seiner Seele in der Gegenwart der Herrlichkeit Christi gesehen hatte. Er sah, wie Christus Mensch wurde, sich selbst entäußerte und die Welt der Herrlichkeit verließ, um in die Welt der Sünde zu kommen. Das kostete Christus viel, sagte Hyde, denn Christus lebte nun umgeben von Sünde. ‚Ist es da ein Wunder‘, sagte er, ‚dass Christus so häufig sich von den Menschenmassen zurückzog – von dem deprimierenden, erstickenden Geruch der Sünde – in die Berge, wo er die frische Luft des Himmels atmen konnte?‘ Während Hyde so erzählte von dem, was er so deutlich gesehen hatte, hörte Jones mit gebeugtem Haupt der Geschichte zu. ‚Ich fühlte, dass sogar die Fleischwerdung ein unendliches Opfer war, selbst wenn der Tod auf Golgatha nie stattgefunden hätte.‘ Hyde hielt inne und sagte: ‚Und er nahm diesen Platz ein – wurde Mensch – für mich!‘ ... ‚Ich sah noch mehr‘, sagte Hyde und nahm die Erzählung wieder auf. ‚Ich sah, wie mein Jesus zu einem Hund wurde, einem Paria-Hund, einem ausgestoßenen Hund, und das für mich. Dies war ein furchtbarer Gedanke, aber als ich so über sein Leben nachdachte, kam ich zu der Schlussfolgerung, dass das Leben Christi mehr Eigenschaften eines Hundelebens hatte als von irgend etwas anderem, und dies habe ich daraufhin getan: ihn angebetet und gepriesen dafür.‘ Stück für Stück wies Hyde auf die Ähnlichkeit zwischen dem Leben Christi und dem eines ausgestoßenen Hundes hin: Keiner von beiden hatte einen Platz, um sich auszuruhen; beide wurden von Menschen geschlagen und getreten. [Jones konnte nie vergessen, wie Hyde mit so viel Einfühlungsvermögen von dem Leid Jesu Christi erzählte. Was ihn am meisten überwältigte war, dass es für ihn, John Hyde, höchstpersönlich war, dass Christus sich so demütigte und litt.]“2

In Philipper 2 schreibt Paulus in Vers 8: „Und in seiner äußeren Erscheinung als ein Mensch erfunden, erniedrigte er sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2,8; SCH2000). Dass Jesus sich für uns in den Tod geben sollte, um für unsere Sünden zu büßen, war ohne Frage ein unbeschreiblich großes Opfer. Aber ist uns bewusst, dass auch schon seine Menschwerdung ein ebenso unendlich großes Opfer war?

Fußnoten

1 Eigene Übersetzung: L. D. Weatherhead, A Plain Man Looks at the Cross.

2 Basil Miller. Praying Hyde: A Man of Prayer. Greenville: Ambassador-Emerald International, 2001.

Kai Soltau ist Dozent für Biblische Studien am Campus Danubia (Wien) und unterrichtet darüber hinaus an verschiedenen theologischen Ausbildungsstätten. Er ist Teil eines Gemeindegründungsteams in Wien, einer der Leiter von Langham Österreich und Vorstandsmitglied von Evangelium21. Kai und seine Frau Missy haben zwei Kinder.